Der Predigtpreis im Interview

Von den kleinen Kirchen lernen

Karl-Heinz Wiesemann
18.04.2013
Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann

Karl-Heinz Wiesemann wurde 1960 im ostwestfälischen Herford geboren und wuchs in Enger auf. Nach Theologiestudium und Pfarramt wurde er 2002 Weihbischof in Paderborn. 2007 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Bischof in Speyer. 2011 wurde er Vorsitzender der Jugendkommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Zudem gehört er zur Kommission für Ökumene. Im März wählte ihn die Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), der deutschen Ökumene, für drei Jahre ins Amt des Vorsitzenden (wir berichteten). Dort folgte er auf den braunschweigischen evangelischen Landesbischof Friedrich Weber.

Predigtpreis: Bischof Wiesemann, Sie sind ein guter Klavierspieler. Haben Sie heute schon gespielt?

 

Bischof Karl-Heinz Wiesemann: Heute noch nicht. Da gab es zu viele Sitzungen. Aber ich versuche schon, täglich wenigstens ein bisschen zu spielen.

 

Predigtpreis: Wann haben Sie Zeit für die Familie, wenn, wie bei Ihnen, das Wochenende ausscheidet?

 

Wiesemann: Um Ostern war meine Mutter zu Besuch. An Weihnachten kommen meine drei Geschwister mit Partnern oder Familie. Und wir versuchen, im Sommer ein paar Tage mit der Mutter zusammen Ferien zu machen. Die Familie ist uns wichtig. Meist müssen die anderen zu mir kommen, weil ich ja an den familienüblichen Zeiten, also an den verlängerten Wochenenden, Dienst habe.

 

Predigtpreis: Sie sind Vorsitzender der deutschen Ökumene geworden, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Was braucht die Ökumene heute?

 

Wiesemann: Die ACK steht für die multilaterale Ökumene. Sie sieht Dinge aus anderen Blickwinkeln als etwa die Ökumene der beiden großen Kirchen. Wobei man hinzufügen muss: Die in Deutschland kleinen Kirchen, etwa Baptisten und Methodisten, sind im Weltmaßstab ebenfalls groß. In der multilateralen Ökumene können die christlichen Kirchen vor allem voneinander lernen. Wir Katholiken haben gerade den ersten Papst aus Lateinamerika und lernen aus seiner Sicht von Kirche neue Aspekte auch für uns selber kennen. Ähnlich liegen die Dinge zwischen den Kirchen. Die ACK weitet den Blick weg von den bloß eigenen Fragen zu den gemeinsamen. Gemeinsam brauchen wir eine Besinnung auf Orte, an denen wir den Glauben erfahren und vertiefen. Und eine Stärkung darin, was wir Christen in der Gesellschaft, in der wir leben, gemeinsam bezeugen können.

 

Predigtpreis: Zum Beispiel?

 

Wiesemann: Die ACK hat den ökumenischen Tag der Schöpfung am ersten Freitag im September etabliert – eine Initiative, die durch Papst Franziskus noch einmal einen starken Impuls bekommen hat.

 

Predigtpreis: Und durch das Oberhaupt der östlich-orthodoxen Kirchen, den Ökumenischen Patriarch Bartholomaios auch.

 

Wiesemann: Ja, richtig. Die Anregung für diesen Tag kam aus der Orthodoxie. Die Grundlage ist unser gemeinsames Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer von Himmel und Erde. Wir erkennen unsere gemeinsame Verantwortung, die Schöpfung zu bewahren gegen alles, was sie gefährden kann, wie die Verschwendung und Ausbeutung der Ressourcen. Es wäre schön, wenn der Tag sich noch stärker durchsetzen könnte. Er wirkt als ein christliches Zeugnis in die Gesellschaft und ist eine wertvolle Frucht der multilateralen Ökumene.
 

Predigtpreis: Was macht es mit einem Bischof einer Weltkirche, wenn in der Versammlung, die Sie zum ACK-Vorsitzenden gewählt hat, eine ganz kleine Kirche namens „Gemeinde Gottes“ als Gastmitglied aufgenommen wurde, ein Ableger einer der vielen Gruppen in der evangelischen Konfessionsvielfalt?

 
Wiesemann: Die Entscheidung über die Aufnahme des „Freikirchlichen Bundes der Gemeinde Gottes“ in die ACK liegt bei den Kirchenleitungen. Die Mitgliederversammlung der ACK hat sich für die Aufnahme ausgesprochen, doch die Entscheidung steht noch aus. In diesem Vorgang spiegelt sich etwas, was ich an der ACK-Perspektive sogar lieb gewonnen habe. Auch die kleinen Gemeinschaften haben ja ihren Charme. Die Größe allein spielt keine Rolle. Ich treffe auf engagierte Gruppen, die den Austausch und das gemeinsame christliche Zeugnis als Aufgabe sehen. Vom Engagement, mitunter auch dem Feuer dieser Gruppen können wir großen Kirchen manchmal gern inspiriert werden.

 

Predigtpreis: Sie haben eben den Begriff „Gemeinschaften“ gewählt. Der letzte Papst hat Wert auf das Wort gelegt, weil die Protestanten nicht Kirche im eigentlichen Sinn seien. Wie gehen Sie damit in der Ökumene um?

 

Wiesemann: Es geht darum, um mit Kardinal Walter Kasper zu sprechen, zu respektieren, dass das Verständnis von Kirche sehr unterschiedlich ist. Kardinal Kasper hat es daher vorgezogen, im Hinblick auf die Kirchen der Reformation von Kirchen anderen Typs zu sprechen. Das ist, soweit ich weiß, auch von Papst Benedikt akzeptiert worden. Auf Ebene der ACK kommen hier sehr unterschiedliche Vorstellungen zusammen, und wir kommen über unsere unterschiedliche Weise, Kirche zu sein, ins Gespräch. In dieses Gespräch gehört natürlich für uns Katholiken, wie auch für die Orthodoxie, der innere Zusammenhang zwischen Taufe, Eucharistie und Amt in der Kirche.

 

Predigtpreis: Ist es nicht Zeit für ein Wort aller  Kirchen zur sozialen Lage, so wie es 1997 die beiden großen Kirchen veröffentlicht haben und das auf große Beachtung stieß?

 

Wiesemann: Das gemeinsame Wort war bewusst zwischen den beiden großen Kirchen erarbeitet worden. Die multilaterale Ökumene würde hier wahrscheinlich andere Akzente setzen müssen, allein schon wegen der unterschiedlichen Traditionen: Von den Mennoniten, einer klassischen Friedenskirche, bis hin zu anderen Strömungen, die ganz auf die Verkündigung des Evangeliums ausgerichtet sind und über wenig Mechanismen verfügen, über eine Stellungnahme gegenüber der Politik einen Konsens zu finden. Die Stärke der ACK liegt in der theologischen Arbeit und ihren unmittelbaren Konsequenzen für die gesellschaftliche Verantwortung der Christen. Sie hat den Charme der Vielfalt. Das bedeutet aber, dass sie nicht so gebündelt handlungsfähig ist wie die großen Kirchen. Ein Projekt wie ein Sozialwort kann die ACK nicht so ohne weiteres stemmen.

 

Predigtpreis: Und wie wäre es mit einem gemeinsamen Jahr des Glaubens? Alle Kirchen sind überzeugt, dass es nötig ist, den Glauben neu zu den Leuten zu bringen. Es gibt bei allen Partnern Glaubensgrundkurse, es gibt Grundsatzpapiere zur Mission im eigenen Land, es gibt Kampagnen wie das evangelikale Projekt „ProChrist“.

 

Wiesemann: Wichtig ist, dass wir über die Fragen unseres Missionsverständnisses sprechen, über den Auftrag, den uns die Heilige Schrift gibt, darüber, wie wir einladend vom Glauben reden, aber auch über Grenzen. Die ACK hat sich um die Klärung der Grundlagen bemüht. 2007 haben elf Mitgliedskirchen einander die gegenseitige Anerkennung der Taufe ausgesprochen. Aber auch da haben sich Grenzen gezeigt: Die Kirchen der baptistischen Tradition konnten sich nicht anschließen. International haben sich der Vatikan, der Weltkirchenrat und die Weltweite Evangelische Allianz 2011 auf gemeinsame Empfehlungen für das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt verständigt.

 

Predigtpreis: Im vergangenen Jahr haben Sie angedeutet, in der Frage ökumenischer Sonntagsgottesdienste könne es noch weitere Entwicklungen geben. Bisher besteht Ihre Kirche auf der Eucharistie am Sonntagvormittag. Was meinten sie mit Ihrer Andeutung?

 

Wiesemann: Es ist mir ein Anliegen, dass wir nicht nur auf den Sonntagvormittag fixiert sind. Die Vesperzeit am Nachmittag oder die Vigilien am späten Vorabend von Sonn- und Feiertagen sind gute Gelegenheiten zum ökumenischen Gebet. Die Diözese Speyer und die Evangelische Kirche der Pfalz zum Beispiel feiern seit mittlerweile fünf Jahren zusammen mit weiteren Kirchen der ACK an einem Sonntagnachmittag im Januar einen ökumenischen Gottesdienst im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Auch Stundengebete und Jugendkreuzwege können wir gemeinsam feiern.

 

Predigtpreis: Da gibt es Schnittmengen: Sie sind auch Jugendbischof.

 

Wiesemann: Ja. Die Jugendkreuzwege sind aus den katholischen Pilgerwegen und den evangelischen Passionsandachten hervorgegangen. Ansonsten sollten wir wahrnehmen und respektieren, was für den Partner zu seinem Selbstverständnis gehört. In der katholischen Kirche ist das die Eucharistie am Sonntagvormittag.

Predigtpreis: Predigen Sie gern?

 

Wiesemann: Ja. Auch wenn es mitunter eine Herausforderung ist, sich Zeit zu erkämpfen, um das Wort, über das ich spreche, durchdacht und durchlebt zu haben. Aber das Wort Gottes, vor allem da es in Christus Mensch geworden ist, ist der Kern des Christlichen. Und auch das verbindet uns als Kirchen. Es erfüllt mich mit Glück, auf ökumenischen Treffen, in Andachten und Besprechungen auf Menschen zu treffen, die von Christus ergriffen sind, und zu erleben, dass der Geist Gottes lebendig wird. Die Verbindung durch das Wort Gottes zu erfahren, gemeinsam unter dem Wort Gottes zu stehen, dessen Verkündigung ja auch sakramentale Struktur hat, und gemeinsam darauf zu hören, das ist für mich wesentlich.

 

Predigtpreis: Gibt es Stellen, die Sie besonders faszinieren?

 

Wiesemann: Ja: Die Ostererzählungen. Diese Konkretheit des Auferstandenen und gleichzeitig die Transzendierung alles Irdischen. Jesus zeigt den Jüngern seine Wundmale, er isst mit ihnen. Zugleich geht er durch verschlossene Türen. Er überschreitet alle Horizonte. Das ist großartig.



Das Interview führte
Wolfgang Thielmann
DIE ZEIT/Christ&Welt, stellvertretender Leiter


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Kommentare zu diesem Artikel

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30.10.13 21:20 Uhr

Karl Heinz Voigt aus 28211 Bremen schrieb:

Ich freue mich über das Ökumene-Verständnis des jetzigen ACK-Vorsitzenden. Seine Aussagen machen Hoffnung, dass die bilaterale ´Nebenökumene´ zwischen EKD und Bischofskonferenz angesichts der formulierten Akzeptanz der innerdeutschen Gesamtökumene an Bedeutung verliert und es zu einer wachsenden Partnerschaft unabhängig von statistischen Größen kommt. Im Blick auf die regelmäßigen ökumenischen Kontaktgespräche zwischen den beiden "Großkirchen" rege ich als Maßnahme zur Vertiefung des gewachsenen Vertrauens an, jeweils auch einen Gast aus einer ACK-Minerheitenkirchen mit Beobachterstatus zu den Begegnungen einzuladen.
Ich wünsche Bischof Wiesemann und dem ACK-Vorstand Weisheit und Fingerspitzengefühl, die der Heilige mit seiner ausgegossenen Liebe (Römer 5) schenken will.
Karl Heinz Voigt

 
 

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