Der Predigtpreis im Interview

Wir wollen vom offenen Himmel erzählen

Manfred Rekowski
24.05.2013
Manfred Rekowski - Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland

Foto: Landeskirchenamt/Uwe Schinkel

Die Evangelische Kirche im Rheinland hat 2,7 Millionen Mitglieder. Damit ist sie nach der hannoverschen die zweitgrößte der 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland. Ihr neuer Präses Manfred Rekowski trat im März die Nachfolge von Nikolaus Schneider an (der aber weiter als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland amtiert). Der 55-Jährige wurde in Masuren geboren und siedelte als als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Deutschland über. Er war Vikar, Pfarrer und Superintendent in Wuppertal Zusammen mit anderen Mitgliedern der Kirchenleitung führt er ein Blog.

Interview mit dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski

Predigtpreis: Herr Rekowski, beide großen Kirchen fragen sich, wie die Kirche die Menschen von heute erreicht. Die katholische macht sich Gedanken über eine Neuevangelisierung. Wie missionarisch ist die evangelische Kirche?

 

Präses Manfred Rekowski: Auch wir Protestanten wollen missionarisch Kirche sein. Wir wollen vom offenen Himmel erzählen. Deshalb müssen wir offensiv und einladend vom Grund unseres Glaubens reden, damit Menschen sich auf den Glauben einlassen können.

 

Predigtpreis: Sind Pfarrer darauf vorbereitet, einladend über den Glauben zu reden? Müsste man ihnen missionarische Fortbildung anbieten?

 

Rekowski: In der Ausbildung ist noch Luft nach oben. Sie hat sich aber in den letzten Jahren schon entwickelt. Pfarrerinnen und Pfarrer tragen immer auch selbst Verantwortung für ihre Fortbildung. Als Pfarrer haben Sie mit Menschen aus vielerlei Milieus zu tun. Sie müssen neugierig auf Menschen bleiben, auch wenn diese völlig anders leben als es Ihnen behagt.

 

Predigtpreis: Wenn ein Pfarrer alle Milieus erreicht, wieso sagen dann Umfragen, dass die Kirchen sich nur noch in ganz begrenzten Milieus bewegen?

 

Rekowski: Bei Beerdigungen, Taufen, Trauungen haben Pfarrer durchaus Kontakt zu allen Milieus. Die Frage ist immer: Sehen wir das als Normalität, mit der wir arbeiten, oder ist das eine Ausnahme vom Normalbetrieb? Ich verkenne nicht, dass manchmal einige Gemeinden mit ihrer Nestwärme zufrieden sind.

 

Predigtpreis: Das Engagement der Engagierten vergrößert die Distanz der Distanzierten.

 

Rekowski: Da ist etwas dran. Unsere Aufgabe liegt aber darin, in der Predigt die biblische  Tradition und die Situation zu interpretieren. Unsere Aufgabe ist, zu erfassen: Welches Bibelwort passt in die Situation, was bewegt die Menschen? Kirchliche Trauungen, Taufen und Beerdigung sind überdurchschnittlich gefragt, weil die Menschen sich dabei wahrgenommen fühlen. Im Normalbetrieb des Alltags gelingt uns das wohl nicht immer ganz gut.

 

Predigtpreis: In ihrem Reformprogramm von 2006 hat sich die evangelische Kirche vorgenommen, gegen den Trend wachsen zu wollen, und den Anteil an der Bevölkerung zu verstärken. Gilt das noch?

  

Rekowski: In Wuppertal, wo ich bisher tätig war, haben wir jedes Jahr 2000 Gemeindemitglieder verloren, egal wer gepredigt hat oder welche Feuerwerke wir gezündet haben. „Wachsen gegen den Trend“ ist nicht meine Formulierung. Ich wünsche mir Gemeinden, die über sich hinaus wachsen. Das kann zahlenmäßiges Wachstum sein, aber auch eine Horizonterweiterung oder der Aufbruch aus der Nestwärme raus. Wachstum kann man nicht erzwingen.

 

Predigtpreis: Ist das nicht eine Ausflucht? Warum will die Kirche nicht mehr Mitglieder bekommen, als sie jetzt hat?

 

Rekowski: Klar wollen wir auch zahlenmäßiges Wachstum, aber: Glaube ist ein Geschenk. An dieser Schraube kann man nur beschränkt drehen. In vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten wuchsen die Kirchen auch durch Industrialisierung, Vertriebene und geburtenstarke Jahrgänge und nicht allein durch geistliche Aufbrüche. Und jetzt schrumpfen sie auch durch geburtenschwache Jahrgänge, Wegzüge und wirtschaftliche Umbrüche. Das Phänomen können wir nicht ändern. Wir dürfen aber nicht nachlassen im Bemühen um die Menschen. Denn egal, ob wir eine kleine oder große Kirche sind - die Botschaft, die wir haben, ist gesellschaftlich relevant. Und  2,7 Millionen Mitglieder, die die Evangelische Kirche im Rheinland hat, sind immer noch eine ganze Menge.

 

Predigtpreis: Predigen Sie gern?

 

Rekowski: Ja, sehr gern. Wenn ich sonntags predige, stehe ich sehr früh auf, dann muss ich mich noch einmal komplett mit meinem Text auseinandersetzen, um im richtigen Moment präsent zu sein. Es geht dann nicht bloß um körperliche Anwesenheit, sondern darum, dass ich geistig da bin. Wenn ich wie am Pfingstmontag im Hunsrück eine Gemeinde besuche, dient mir die Autofahrt dorthin als Vorbereitung. Das sind übrigens Besuche, die ich schätze. Man kann damit zeigen, wie wichtig Dorfkirchen sind, auch wenn dort nur 20 oder 30 Gläubige sitzen. Am Ende, wenn ich das Amen spreche, bin ich nach dieser Anspannung erleichtert.


Predigtpreis: Wieviel von seiner eigenen Person darf ein Prediger auf die Kanzel mitnehmen?

 

Rekowski: Der Theologe Eduard Thurneysen sagte: „Das Ich des Predigers muss sterben, damit das Evangelium leben kann“. Das ist nicht mehr unsere Haltung. Als Person lehnt man sich heute aus dem Fenster und steht in der Predigt im Windkanal. Vorher weiß man nie, wie die Reaktionen der Menschen ausfallen. Ich gebe immer auch ein ganzes Stück von meinem eigenen Glauben, von meinen Überzeugungen und meiner Person preis – obwohl ich versuche, rein Privates zu vermeiden. Die Menschen sollen merken, dass das, was ich sage, nicht bloß einem klugen Buch entspringt, sondern meiner Lebenswirklichkeit.

 

Predigtpreis: Als Sie von Ihrer Vorbereitung erzählt haben - habe ich da auch Ehrfurcht gehört vor dem Wort der Heiligen Schrift, aus dem Gott spricht?

 

Rekowski: Natürlich habe ich Ehrfurcht vor dem Bibelwort. Aber ich habe auch hohen Respekt vor den Menschen. Wenn ich am Sonntagmorgen eine Predigt höre, die mich nicht angesprochen, ja, vielleicht sogar gelangweilt hat, kann der Tag für mich ziemlich verdorben sein. Niemand muss sonntagmorgens in die Kirche kommen. Die Menschen müssen spüren, dass ich mich um jeden einzelnen bemühe. Fairerweise muss ich sagen, dass es bei der Vorbereitung der Predigt ist wie beim Kochen: Manchmal gibt es nur Bratkartoffeln, und manchmal gibt es das Drei-Gänge-Menü. Beides muss mit Liebe gekocht werden und kann gut schmecken. Manchmal hat man den Kopf nicht frei fürs Predigen und hält die eigene Leistung gerade noch im grünen Bereich. Ein anderes Mal schöpft man aus dem Vollen. Und manchmal verstehen die Leute das, was man sagt, anders. Man kann Predigten gut vorbereiten, aber bis ins Detail kann man sie nicht steuern.

 

Predigtpreis: Bei welchen Texten sind Sie besonders zu Hause?

Rekowski: Es ist natürlich einfacher, wenn ich bei der Auslegung eines Textes nicht erst ausführlich komplexe historische Zusammenhänge zu erläutern brauche. Aber ganz allgemein gibt es die Situation, dass ich bei der Predigtvorbereitung an einem Text scheitere. Dann merke ich an einem Samstagnachmittag, dass wir diesmal keine Freunde werden.

 

Predigtpreis: Das von Ihnen zu hören wird viele Prediger trösten

 

Rekowski: Manchmal findet man einfach nicht zueinander. Dann muss man sich einen anderen Text vornehmen und ein anderes Mal sein Glück versuchen.


Das Interview führte
Wolfgang Thielmann
DIE ZEIT/Christ&Welt, stellvertretender Leiter


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Kommentare zu diesem Artikel

Anzeige: 1 - 2 von 2.
 

25.05.14 20:47 Uhr

christof jansen aus solingen schrieb:

Sehr geehrter Herr Rekowski,
Ich moechte mich fuer eine engagierte u.
Emotionale Predigt zum 100. Geburtstag der
Dorper Kirche /Festgottesdienst in Solingen bedanken,diese hat
mich sehr beruehrt,hatte Traenen in den Augen,
Gott war da und ist mir sehr nahe!! Weiter so!!
Ihr Christof Jansen Bin etwa 4 jahre als Sie
Gut dass Sie Uns mit Brueder u. Schwestern angeredet haben,
Kenn ich so nur aus der evang. Freikirche!!

 

31.05.13 10:21 Uhr

Dr. Harald Uhl aus Wachtberg schrieb:

Lieber Herr Thielmann,

ein kritischer Schlenker und eine ergänzende Information:
Bei aller protestantischer Zurückhaltuing betr. Titeln: Präses Rekowski ist "Präses" und nicht einfach "Herr Rekowski", wie von Ihnen angesprochen. Sie sprechen Kardinal Meisner ja auch nicht als "Herr Meisner" an, vermute ich. Im übrigen ist das Interview von bewährter Qualität.

Zum Eucharistischen Kongress Köln:
Es hat Eucharistische Weltkongresse mit bedeutenden Wirkungen gegeben. Der bedeutendste war möglichwreise der in Barcelona 1952, der den Durchbruch der liturgischen Erneuerung im 2. Vatikan. Konzil vorbereitete: Messen in der Volkssprache, verpflichtende Predigt in jeder Messe, Laienlektoren usw. Kardinal Augustin Bea und Prof. Pius Parsch (Klosterneuburg-Wien) haben damals die entscheidenden Referate gehalten. Das waren Zeiten - ob man daran erinnern oder anknüpfen kann?

Freundliche Grüße - Ihr Harald Uhl

 
 

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