Predigt über Johannes 12,44-50
Pfarrer und Studienleiter Manfred Holtze
Heute vor einer Woche fand in Köln das Endspiel der Handball-Weltmeisterschaft statt. Die Bilder, die davon über den Fernsehschirm flimmerten, erinnerten mit der Stimmung, den Fähnchen und auch der Spannung an ein noch größeres Ereignis, das uns im vergangenen Jahr in Atem hielt: die Fußball-Weltmeisterschaft. Für ihr Gelingen wurden landauf, landab große Mühen aufgewandt. Auch in den Buchhandlungen wurde eine Fülle von Publikationen zu diesem Thema präsentiert. Darunter ein erfolgreiches Büchlein mit schwarzem Ledereinband, Goldschnitt, Goldprägung und Lesebändchen, aufgemacht wie eine handliche Bibel oder ein Gesangbuch. „Fussball unser“ ist sein Titel. Das Anklingen an das „Vaterunser“ legt den Verdacht nahe, der Fußball sei zu einer neuen Religion geworden. Ein Blick auf den Inhalt – Absurdes und Kurioses, Überraschendes und Skurriles zum Thema Fußball – belehrt uns jedoch: So ernst haben es die Autoren wohl auch wieder nicht mit der „neuen Religion“ gemeint. Der Erfolg ihres Buches scheint allerdings darauf hinzudeuten, dass viele Menschen auch heute von religiöser Sprache angerührt werden.
In einem Land, in dem man eher zögert, öffentlich darüber zu sprechen, was man in seinem tiefsten Inneren wirklich glaubt, ist das eine erfreuliche Entdeckung. Dennoch bleiben wir damit weit hinter dem zurück, was wir uns in der Kirche wünschen, und vor allem, was Jesus sich in unserem Predigttext erhofft. Er ringt darin ja fast verzweifelt um begeisterte Zustimmung zu sich, zu seiner Botschaft, letztlich zu Gott. Und das mit gutem Grund: Wir sollen nicht in der Finsternis bleiben, sondern errettet werden! Was ist damit gemeint? Vielleicht kann uns das Fußball-Buch – sicher jenseits der Absicht seiner Autoren – den Weg weisen.
In seinem Titel ist der Fußball an die Stelle Gottes, des Vaters, getreten. Er ist vergöttlicht worden. Ähnliches widerfährt auch gelegentlich jenen, die es verstehen, mit dem Ball genial zu spielen. Von dem Brasilianer Pelé jedenfalls wird gesagt, er sei ein Fußball-Gott. Nun mag das alles eher spielerisch als ernst gemeint sein. Dennoch deutet sich hierin eine Versuchung an, der die Menschen seit Urzeiten immer wieder gern offensichtlich oder auch im Verborgenen erliegen.
Bereits im ersten Buch der Bibel wird erzählt, dass Adam und Eva der Versuchung nicht widerstehen können, „wie Gott zu sein“ (Gen. 3,5). Und obwohl Gott sie enttarnt, muss er fürchten, dass sie dieser Versuchung erneut erliegen werden und auch von jenem Baum essen wollen, der ihnen ewiges Leben gewährt, d. h. sie endgültig zu Göttern macht. Das ist der eigentliche Grund, weswegen sie aus dem Paradies verwiesen werden. Und Cherubim mit flammendem, blitzendem Schwert müssen ihnen die Rückkehr verwehren und ihnen damit den Weg zum Baum des Lebens verstellen (Gen. 3,24). Offensichtlich genügt es Adam und Eva nicht, einfach Mensch zu sein, ein vielfach begrenztes und dennoch gutes Geschöpf.
Es scheint, als sei das ein menschliches Dauerthema. Nicht selten mit schrecklichen Folgen. Dazu ein Beispiel. Mitte des vergangenen Jahres bot das renommierte englische Auktionshaus Sotheby’s ein frühes Meisterwerk des deutschen Malers Gerhard Richter zum Verkauf an: „Tante Marianne“. Richter hat es 1965 nach einer Schwarz-weiß-Fotografie aus dem Jahre 1932 gemalt. Dieses Bild zeigt ihn im Alter von vier Monaten mit seiner damals vierzehnjährigen Tante Marianne. „Noch im Abstand vieler Jahre erscheint sie dem Neffen Gerhard so rein, so hübsch, so artig, dass er ohne Zögern erklärt, ‚sie sieht aus wie eine Madonna’“ (Schreiber 57). Dass seine Tante am 16. Februar 1945 in einer psychiatrischen Klinik in Großschweidnitz verstorben ist, weiß Richter. Die näheren Umstände ihres Todes bleiben ihm jedoch verborgen. Davon erfährt er nichts. Erst 60 Jahre später enthüllt sich ihm das Schicksal von Marianne. Mit 21 Jahren ist sie wegen einer psychischen Erkrankung zur „Unfruchtbarmachung“ verurteilt und 1945 nach langem Leidensweg durch sächsische Anstalten ermordet worden. Sie ist eine von 250.000 Menschen, deren Leben von den Nationalsozialisten selbstherrlich für unwert erklärt und deshalb ausgelöscht worden sind. „Euthanasie“, „leichter, schöner Tod“, haben sie das genannt. Und Richter muss noch mehr erfahren: Sein früherer Schwiegervater und Förderer, einst Direktor der Dresdner Frauenklinik Friedrichsstadt, hochgeachtet bis zum Tod, war verantwortlich für nahezu 1000 Zwangssterilisierungen. Eine tragische, zugleich krasse Familiengeschichte.
Sie zeigt, wie abgründig der Versuch der Nationalsozialisten war, sich selbst zu den „höchsten Ebenbildern des Herrn“ – so Hitler in „Mein Kampf“ (421) – zu stilisieren. Und sich das Recht herauszunehmen, über Leben und Sterben anderer eigenmächtig und selbstherrlich zu befinden. Das war ein größenwahnsinniger Versuch, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. Ein Versuch mit bitteren Folgen für Millionen, der am Ende aber doch in sich zusammengebrochen ist, ja zusammenbrechen musste. Denn hier hat sich das Wort Jesu bewahrheitet: „Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter.“ Es war die inszenierte „Religion des Blutes“, die da gerichtet worden ist.
Eigentlich müssten die Geschichte vom Sündenfall, das verheerende Wüten des Dritten Reiches und andere Beispiele, die sich schnell hinzufügen ließen, ja ausreichen, uns endgültig vor der Versuchung zu bewahren, sein zu wollen wie Gott. Doch Zweifel sind angebracht. Da ist es gut, auf Jesus zu hören. Mit dem „Vaterunser“ legt er uns die Bitte in den Mund: „Und führe uns nicht in Versuchung ...“ Diese Bitte, zu Herzen genommen, weist uns den Weg, nicht länger das zu versäumen, was wir nun einmal sind, nämlich Menschen.
Als solche hat Gott uns erschaffen, als solche liebt er uns. Davon erzählt schon der Beter des Psalms 8, wenn er staunend fragt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ Und Jesus hat uns das durch seine Worte und Taten immer wieder vor Augen geführt. Er ist nicht gekommen, um uns zu richten. Er ist gekommen, um uns zu retten. Was damit gemeint ist, wird in seinen Abschiedsreden deutlich: „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.“ (Joh. 15,11 f.)
Während der Fußball-Weltmeisterschaft ist davon sehr viel spürbar geworden. Fremde Menschen sind einander freundlich begegnet, haben sich füreinander geöffnet, haben miteinander gefeiert und ihre Freude geteilt. Nicht alle, aber viele. In ihrer Begeisterung leuchtete oft etwas vom Geist Jesu auf, dass wir einander lieben, wie er uns liebt.
Dass das keineswegs selbstverständlich ist, zeigen uns die jüngsten Bilder von den Krawallen in Italien. Ein fröhliches, Freude am Leben versprühendes Miteinander steckt nicht nur an. Es provoziert auch gelegentlich zerstörungswütige Gemüter, mit denen wir im Großen wie im Kleinen immer auch rechnen müssen, vielleicht sogar in uns selbst. Doch sie werden in dieser Welt nicht das letzte Wort haben. Denn mit Gott ist jederzeit zu rechnen. „Sein Gebot“, so sagt Jesus in unserem Predigttext, „ist das ewige Leben.“ Ein Leben, das überall dort aufleuchtet, wo wir einander in Liebe und Achtung begegnen. Beim Spiel. Aber vor allem dann, wenn es wirklich ernst wird.
Amen.
Genannte Literatur:
E. Augustin, Ph. von Keisenberg, Ch. Zaschke: Fussball unser. Was man nicht alles wissen muss, München 2005; A. Hitler: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, 733.-737. Aufl., München o. J. (Bd. I 1925, Bd. 2 1927); J. Schreiber: Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie, München und Zürich 2005

