Foto von aufgeschlagenen Büchern

Abiturpredigt über das Lied „So soll es bleiben“ von „Ich & Ich“

Dirk Alpermann

20.03.2009 im Abiturgottesdienst des Gymnasiums zu St. Katharinen Oppenheim

Anmerkung: Der Titel „So soll es bleiben“ wurde unmittelbar vor der Predigt von der Abi-Band live gespielt. Schriftlesung war Rut 1, 16-18.


Lieber Abiturientinnen,
liebe Abiturienten,
liebe Eltern, Angehörige und Freunde,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

„So soll es sein, so soll es bleiben, alles passt perfekt zusammen“ – an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt klingt dieser Wunsch nach Wehmut und Melancholie. Jetzt, wo alles wirklich perfekt zusammen passt, soll es zu Ende sein. Es ist der alte faustische Gedanke von der Ewigkeit des Augenblicks: Werd' ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn! 

Was bei Faust nur im Pakt mit dem Teufel möglich erscheint, ergibt sich in unserem Lied allein aus der Vollkommenheit des Augenblicks. „So soll es sein, so soll es bleiben, alles passt perfekt zusammen.“ Und es ist ja auch ein verlockender Gedanke: die Zeit anzuhalten, als hätte das Leben eine Pausentaste, um die schönen Momente zu konservieren.

Dieser Wunsch ist verständlich. Menschen wollten schon immer etwas Bleibendes schaffen, Spuren hinterlassen. Als Bauwerk – wie diese Kirche. Als Literatur – wie der „Faust“. Als Musik – wie die Klänge dieser Orgel. Dass etwas Großartiges und Vollkommenes von bleibendem Wert sein soll, ist ein alter Wunsch. Er gilt für die Werke der Kunst genau so wie für die flüchtigen Augenblicke des Lebens. Schöne Momente sind selten und kurz. Ein romantischer Film, ein spannendes Buch, ein gutes Essen – das sind Momente, denen man hinterher rufen möchte: „Verweile doch, du bist so schön!“

Auch die letzten Wochen zwischen dem schriftlichen Abitur und dem Abi-Ball, die so erfüllt waren von Erleichterung, Euphorie und Wehmut, sind morgen vorbei. „Ich kann’s gar nicht fassen, dass das alles schon ein Jahr her ist“, sagte ein Abiturient des letzten Jahrgangs neulich zu mir. In einem Jahr werdet ihr euch erstaunt die Augen reiben, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Der Augenblick kann nicht verweilen. Die Dauer ist ihm verwehrt. Der Vorwärtsdrang ist zu stark: der Drang nach Wissen, der Sog der Veränderung, der Hunger nach Erfahrung.

Und wenn ihr ehrlich seid, waren die Jahre eurer Kindheit und Jugend nie anders. Wenn alles so geblieben wäre, wärt ihr nie so weit gekommen. „So soll es sein so soll es bleiben“ – das ist eben auch eine wohlklingende Umschreibung für Stillstand. Und Stillstand ist das Gegenteil von Leben.

Ihr habt Laufen und Sprechen gelernt, Lesen und Schreiben, Fahrrad- und Autofahren. Ihr habt alle Kleidergrößen von 56 bis XXL durchmessen, Benjamin lümchen im Kapitel „Kindheit“ abgelegt und schließt den Lebensabschnitt „Schule“ heute endgültig ab. Ihr brecht auf zu einer neuen Etappe eures Lebens und lasst eure Kindheit und Jugend endgültig hinter euch. All das ist nur möglich, weil nichts bleibt, wie es ist, weil die Dinge sich ändern und wir uns höchstens wundern, wie schnell die Zeit dabei vergeht.

„So soll es sein, so soll es bleiben“ – nein, nichts wird so sein und so bleiben, wie ihr es kennt. Ab morgen wird Schule nicht mehr Gegenwart oder Zukunft, sondern ausschließlich Vergangenheit sein. Dann seid ihr Ehemalige, und der einzige Grund, dann noch an die Schule zu denken, wird die Pflege von Erinnerung sein.

Nach insgesamt 13 Jahren ist es aber auch Zeit dafür. 13 Jahre im Rhythmus von Schulzeit und Ferien, Hausaufgaben und HÜs sind wirklich genug. 13 Jahre im Mikrokosmos Schule, jener überschaubaren kleinen Welt, die  in der es sich herrlich bequem leben lässt, die einem viele Entscheidungen abnimmt, in der man Verantwortung und Initiative sparsam dosieren kann. Schule ist vor allem ein zyklisches Geschehen, an dessen Ende alles wieder von vorne beginnt. Das ist beruhigend, das ist verlässlich, das ist sicher. Aber irgendwann ist es zu wenig.

Dass nichts bleibt wie es ist, gehört zu den grundlegenden Bedingungen des Lebens.

Einerseits.

Auf der anderen Seite steht die Erfahrung, dass von allem, was ist, etwas bleibt - und sei es nur als Erinnerung.

Was also bleibt von der Schule?

Zunächst bleibt jede Menge Wissen zurück. Wobei ich lieber von „Bildung“ als von Wissen spreche, weil der Begriff „Bildung“ mehr umfasst. Und Bildung zu vermitteln ist ja nun auch die wichtigste Aufgabe der Schule.

Ich unterscheide zwischen Bildung und Wissen, weil Bildung mehr ist als theoretisches Wissen. Bildung zielt auf den ganzen Menschen als Individuum und soziales Wesen, auf Denken und Handeln, auf Verstand und Gefühl. Dazu gehört mehr als Unterricht nach Lehrplan, aber das gehört eben auch dazu: mathematische Gleichungen, chemische Formeln, Dramentheorien, der Unterschied zwischen Im- und Expressionismus – diese ganze Theorie, über dessen Nutzen man stundenlang philosophieren kann. Was hat die Literatur der Romantik mit dem Studium der Betriebswirtschaft zu tun? Wozu müssen zukünftige Ärzte oder Ingenieure wissen, was der Unterschied zwischen Immanenz und Transzendenz ist?

Wenn wir ausschließlich nach dem Nutzen urteilen, kommen wir auch mit weniger aus. In den allermeisten Fällen braucht ihr vieles davon später nicht. Was im Übrigen auch für alles gilt, was ihr in Zukunft noch lernt: im Studium, in der Ausbildung, in der Praxis. Auch davon werdet ihr vieles nicht brauchen und schnell vergessen. Zumal die Verfallszeit von Wissen ohnehin immer kürzer wird.

Letztlich geht es um etwas, das nicht als Fach oder Note in euren Abiturzeugnissen erscheint. Was sich nicht verrechnen lässt und seinen Sinn allein aus sich selbst heraus hat. Es geht um ein Menschenbild jenseits von Nutzen und Profit.

Das klingt ziemlich idealistisch. Aber niemand von uns möchte mit seinen Talenten und Erfahrungen am Ende als bloßer Kostenfaktor in irgendeiner Firmenbilanz auftauchen. Niemand möchte austauschbar, beliebig und am Ende verzichtbar sein. Die Frage, wie wir Bildung verstehen und gestalten, hat unmittelbar mit dem Menschenbild zu tun, an dem wir uns orientieren. Sehen wir den Menschen rein funktional, als Mittel zum Zweck, dann ist Bildung, so wie ihr sie erlebt habt, Zeitverschwendung. Sehen wir den Menschen aber als Wesen mit Würde, als neugieriges und fragendes Geschöpf, dann ist Bildung sinnvoll – weit über das hinaus, was ihr davon beruflich brauchen könnt.

Was sonst noch bleibt: von der „Zweckgemeinschaft Jahrgang“, von Lust und Frust des Schülerlebens, von Pausen und Partys und von einer schulischen Parallelwelt, die den Unterricht schon deshalb braucht, um überhaupt zu existieren – um das zu wissen, ist es heute noch viel zu früh

Wenn ich meine Abi-Predigt vorbereite, sehe ich mir immer gerne an, was ich im Vorjahr gesagt habe. Meistens sind die Veränderungen von einem zum anderen Jahr nicht so bedeutend. Das ist diesmal anders. Vor einem Jahr war Barak Obama noch ein Unbekannter, und die Wirtschaftskrise war noch weit weg. Wer vor einem Jahr behauptet hätte, dass der Staat die Banken vor der Pleite rettet und der Benzinpreis um 40 ct/Liter fallen wird, der hätte genau so gut behaupten können, dass der Rhein demnächst rückwärts fließt.

Das ist ja das Merkmal dieser Zeit: Dass nichts mehr von Dauer ist und dass die Gewissheiten von gestern schon morgen völlig neu definiert werden müssen. Was bleibt und was wird, weiß im Moment keiner.

Die Älteren unter uns kommen damit wesentlich schlechter zurecht, weil sie noch so etwas wie Beständigkeit erlebt haben. Ihr kennt diese Welt nicht anders als dass sie permanent ihr Gesicht verändert. Es ist normal, dass etwas Neues schon veraltet ist, wenn man es kauft. Es ist normal, dass der permanente Wandel das einzig Beständige ist.  Das mag die nächsten Schritte erleichtern.

Trotzdem braucht ihr Ermutigung. Ich möchte uns deshalb abschließend in Erinnerung rufen, was Rut zu Noomi sagt, als sie vor der Entscheidung steht, ob sie alleine weiter geht oder bei ihr bleibt: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Hier wird die Frage „Was bleibt?“ mit der Gegenwart eines anderen verknüpft. "Was bleibt?" hängt untrennbar zusammen mit der Frage: "Wer bleibt?". Ruth bleibt bei Noomi. Und sie verbindet ihre Treue mit der Zusage: „Dein Gott ist mein Gott“.

Damit erinnert sie an ein Ur-Element biblischer Gotteserfahrung: Der biblische Gott ist ein mitgehender Gott. Er verharrt nicht auf der Stelle, sondern begleitet Menschen bei ihren Aufbrüche und Veränderungen. Von Abraham und Mose über Rut bis hin zu Jesus und Paulus machen Menschen diese grundlegende Erfahrung: Gott geht mit. Gott bleibt bei uns, wohin wir auch gehen. Gott bleibt der eine, so sehr wir uns auch verändern.

Ich wünsche euch diese Erfahrung auf eurem Weg, bei euren Entscheidungen, bei euren Neuanfängen. Was bleibt, seid ihr mit euren Geschichten, die ab morgen außerhalb der Schule weitergeschrieben werden. Was bleibt, sind eure Hoffnungen und Träume, die nie aufhören werden, welche zu sein. Was bleibt, ist Gott, der in allen Veränderungen immer der eine Gott für uns, für euch bleibt. Amen