Foto von aufgeschlagenen Büchern

Abiturpredigt

Schulpfarrer Dirk Alpermann

11.05.2005 im Abiturgottesdienst des Gymnasiums zu St.Katharinen in Oppenheim

Das ist die perfekte Welle

Vorbemerkung: Das Lied „Perfekte Welle“ wurde unmittelbar vor der Predigt von einer Band aus Mitgliedern des Abiturjahrgangs live gespielt. Die Geschichte vom sinkenden Petrus, auf die ich mich am Schluß beziehe, war Lesung.

Das ist die perfekte Welle
Das ist der perfekte Tag
Lass dich einfach von ihr tragen
Denk am besten gar nicht nach
Das ist die perfekte Welle
Das ist der perfekte Tag
Es gibt mehr als du weißt
Es gibt mehr als du sagst

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten!

Das ist der Hit aus dem letzten Jahr: „Perfekte Welle“ von der Gruppe „Juli“. Wochenlang unter den Top-Ten, im Radio rauf- und runter gespielt. Bis zur Flutkatastrophe. Monatelang ist der Titel im Radio tabu. Aus Pietät. Inzwischen haben ihn die Sender wieder ins Programm genommen.

Der Titel ist ein Erfolg. Und dafür gibt’s Gründe:

Das Lied trifft den Nerv dieser Zeit, und es trifft den Nerv junger Menschen in dieser Zeit. Die Welle ist ein Bild für Energie und Dynamik. Mitgerissen werden, Kraft spüren, Grenzen erfahren, so soll es sein. Bloß nicht dahinplätschern lassen und keine Zeit für Unwichtiges verlieren. Du lebst jetzt und nicht irgendwann. Leg dich auf die Lauer, damit du den Augenblick erwischst, der so vielleicht nie wieder kommt.

Die perfekte Welle: Unter Surfern ist sie ein Mythos. Die perfekte Welle ist etwas Erhabenes, Göttliches. Jeder hat eine Vorstellung von ihr, aber keiner hat sie jemals erlebt. Und auch die, die von ihr schwärmen, geben zu: Vielleicht gibt es woanders noch größere, bessere Wellen. Die perfekte Welle ist immer nur fast perfekt.

Die perfekte Welle zu finden ist eine Wissenschaft für sich, und die Suche danach ist unter Surfern Kult. Für manche von ihnen wird die Suche nach der perfekten Welle zum Lebensinhalt. Echte Freaks kennen die Orte, wo sie am wahrscheinlichsten sind. Klima, Jahreszeit, Wetter, Meeresboden, Küstenverlauf – die perfekte Welle hat viele Faktoren. Und natürlich musst du den richtigen Zeitpunkt erwischen. Sie wartet nicht, bis du da bist. Du musst da sein, wenn sie kommt. Die größten soll’s an der Nordküste Kaliforniens geben, in einer ganz bestimmten Bucht und nur im Winter. 18 Meter hoch werden sie dort. Und wer sich in sie hinein wagt, braucht außer Erfahrung und Kondition auch Todesmut „In diesem Moment verspürst du einen unheimlichen Adrenalinstoß. Verpasst du den Absprung, wird sie dich vernichten. Aber wenn du es schaffst, dann schreist du vor Glück“, erzählt ein Surfer.

Die perfekte Welle: Ausdruck für die Sehnsucht nach dem vollkommenen Lebensglück. Vielleicht nur kurz verspürt, vorübergehend und einmalig, aber in diesem Moment absolut und nicht mehr steigerungsfähig.

Die Vorstellung vom ultimativen Glück hat viele Facetten: Die perfekte Welle, der perfekte Schnee, der perfekte Urlaub, die perfekte Liebe. Das Traumhaus, wohl erzogene Kinder, die auch noch gut sind in der Schule, eine sinnvolle, sichere und gut bezahlte Arbeit, nette Kollegen und keine Angst vor der Zukunft. Gesundheit bis ins hohe Alter und ein finanziell abgesicherter Ruhestand. Eben alles auf einmal.

Das ist für euch heute noch kein Thema. Wichtig ist erst mal dieser Tag, der sicherlich zu den Höhepunkten in eurem Leben zählt. 13/19 eures Lebens habt ihr im Durchschnitt bis heute in der Schule verbracht, für manche waren’s auch 14/19 – aber was soll’s, danach fragt später keiner mehr. So oder so: das ist eine ziemlich lange Zeit. Und es ist rückblickend eine Zeit, in der so furchtbar viel nicht passiert ist und die so aufregend nun wirklich nicht war. Sehr viel Neues wird im Schulalltag nicht geboten. Die Gesichter bleiben im Wesentlichen die selben, die Rhythmen und Rituale wiederholen sich von Jahr zu Jahr. Dir wird gesagt, was du tun sollst. Deine Verantwortung für dich selbst hält sich in Grenzen. Was kommt, ist vorhersehbar. Das ist beruhigend. Aber irgendwann ist es zu wenig.

Die „perfekte Welle“ ist Schule nun wirklich nicht, eher ein ruhiges Gewässer, das die meiste Zeit harmlos vor sich hinplätschert.

Aber die perfekte Welle will sie auch gar nicht sein. Schule ist schon immer auch so etwas wie ein Bollwerk gegen die Stürme des Lebens, gegen das raue Klima der Wirklichkeit außerhalb gewesen.

Man kann darüber streiten, ob das immer gut ist und ob das in Zukunft so bleiben kann und bleiben soll. Vielleicht bereitet die Schule ja wirklich zu wenig auf das Leben außerhalb vor: auf die Anforderungen des Studiums, auf die Gesetze des Marktes, auf betriebliche Abläufe und Entscheidungsprozesse. Es gibt Stimmen aus Politik und Wirtschaft, die in diesem Sinne mehr Praxisnähe fordern.

Andererseits kann Bildung nur dort gedeihen, wo sie Menschen die Chance gibt, sich frei von fremden Zwecken zu entfalten und eigene Fähigkeiten zu entdecken. Wir bilden nicht aus für bestimmte Interessen. Ihr habt nicht für die Schule gelernt, aber auch nicht für einen Konzern.

Das klingt idealistisch, und vielleicht auch ein wenig elitär. Aber es macht bewusst, dass Bildung, so wie ihr sie erlebt habt, ein Privileg und ein Luxus ist. Man kann auch sagen: ein Geschenk. Auch wenn ihr die Schule manchmal verflucht und sonst wohin gewünscht habt - sie hat euch doch auch unbestreitbar viel gegeben. Vieles davon werdet ihr wieder vergessen oder habt es schon vergessen. Anderes taucht irgendwann im Leben wieder auf.

Lernen braucht Ruhe und Zeit. Und deshalb habe ich meine Zweifel, ob die Verkürzung der Schulzeit die richtige Antwort auf die Krise der Bildung ist. Zweifel, ob es diese Krise der Bildung überhaupt in dem beschriebenen Ausmaß gibt. Zweifel, ob diese Krise, wenn es sie gibt, überhaupt und ausschließlich schulische Ursachen hat.

Das Prinzip „Mehr Qualität in weniger Zeit“ lässt sich bei Fertigungsprozessen realisieren. Man kann Zeit sparen und gleichzeitig die Qualität steigern. Bei einem Auto geht das. Aber die Schule ist kein Industriebetrieb, Bildung ist kein Produkt. Bildung hat Wissen zum Ziel. Aber Wissen ist nicht das einzige Ziel, und manchmal auch nicht das wichtigste. Zur Bildung gehört auch ein soziales Lernen: Erziehung zu Verantwortung, Urteilsvermögen, Toleranz und Mitmenschlichkeit. Das kann die Schule nicht alleine leisten, aber sie kann ihren Teil dazu beitragen, und sie wird es in Zukunft noch viel mehr tun müssen. Auch deshalb glaube ich, dass die Verkürzung der Schulzeit die falsche Antwort ist.

Es ist eine Wertentscheidung, was uns wichtiger ist. Diese Welt ist zu komplex, um ihre Zusammenhänge in immer kürzerer Zeit zu verstehen. Die Informationen, die wir aufnehmen, beurteilen und anwenden sollen, werden ständig mehr. Die Zeit, die wir dafür haben, soll verkürzt werden. Das passt nicht zusammen.

Natürlich kann man den Lernstoff von dreizehn Schuljahren auf zwölf Schuljahre komprimieren. Das bedeutet aber nicht, dass jüngere Schulabgänger am Ende besser vorbereitet sind als ältere. Und was heißt schon „jünger“ und „älter“, wenn es um einen Unterschied von gerade mal einem Jahr geht? Wenn das Alter deutscher Schulabgänger im europäischen Vergleich zum obersten Maßstab für bildungspolitische Entscheidungen wird, dann hat sich ein Denken durchgesetzt, das den Wert des Menschen mit seinem wirtschaftlichen Nutzen gleichsetzt. Es gibt keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Schulabschluss und Lebensglück.

Was jetzt kommt, ist vielfach noch unklar. Die perfekte Welle wird auch in Zukunft ein Wunschtraum bleiben. In den meisten Fällen plätschert das Leben vor sich hin. Gelegentlich spült es euch an neue Ufer, wo ihr kürzer oder länger verweilt, um dann wieder hinauszutreiben auf den Ozean des Lebens. Das eine Mal kommt ihr schnell voran, das andere Mal geht es nur langsam weiter. Vielleicht kommt ihr vom Kurs ab und müsst euch neu orientieren. Klar ist nur: Mit dem heutigen Tag verlasst ihr den Hafen, der euch so lange geschützt hat. Geschützt und manches Mal auch eingeengt.

Was auch passiert: Ihr braucht etwas, das euch auf den Wellen des Lebens trägt. Was euch in seinen Stürmen die Angst nimmt und was euch in ruhigen Zeiten Gewissheit schenkt. Von Jesus wird erzählt, dass er das Element „Wasser“ sehr gut kennt. Viele Geschichten von ihm ereignen sich am oder auf dem Wasser. Er kennt seine Gefahren, und er weiß, wie leicht man sich selbst überschätzt – gelegentlich auch unterschätzt Die Geschichte vom sinkenden Petrus zeigt: Das Leben trägt nur, wenn uns ein Glaube trägt. Ohne Glauben gehen wir baden.

Der auf dem See wandelnde Jesus ist ein Bild für die tragende Kraft des Glaubens: in stürmischen und in ruhigen Zeiten, im Zweifel und in der Gewissheit.

Jesus kann den Sturm nicht verhindern. Aber er kann denen, die ihm vertrauen, die Angst nehmen.

Es werden ruhige Zeiten kommen, und es werden stürmische Zeiten kommen. Dann ist es gut, wenn uns eine rettende Hand umgibt.

Was auch immer vor euch liegt: Geplantes, Überraschendes, Ungewisses – ich wünsche euch diesen Glaube an die tragende Kraft des Lebens.

Amen.