Foto von aufgeschlagenen Büchern

Dialogpredigt an Heiligabend

Dr. Wiebke Altrogge und Pfarrerin Ulrike Bruinings (ev.)

24.12.2008 Ev. Markuskirche Karlsruhe

Christvesper

1

Liebe Gemeinde,

die Zeit ist doch eine ewige Ansammlung von Wiederholungen.

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind – auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind“…

Alle Jahre wieder.

So ist es doch. Alle Jahre wieder ist Weihnachten, und wir kommen in der Kirche zusammen, genießen die feierliche Stimmung, die Lichter an den Weihnachtsbäumen, die Lieder und den Blick auf die Krippe.

Alle Jahre wieder.

Und vorher und hinterher ist auch alles wie immer. Das Leben ist doch wie es immer ist, wenn wir ehrlich sind – oder? Alle Jahre wieder – alle Zeit und immer, immer wieder.

Weihnachten – was ist jetzt eigentlich das Besondere, das Andere daran? Was ist denn wirklich anders geworden damals, vor mehr als 2000 Jahren, als Gott als Kind in die Welt kam? Was war danach, was vorher noch nicht war? Gott hatte schon vorher eine Geschichte mit den Menschen. Er ging sie hinterher weiter, in seinem Sohn auf der Erde, im Heiligen Geist, ansonsten in der Zeit.

Alle Jahre wieder feiern wir Weihnachten. Aber warum? Was ist denn eigentlich das Besondere an diesem einen Moment in der Zeit? Paulus schreibt an die griechische Gemeinde in Galatien (Gal 4, 4+5): „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.

– was heißt Erfüllung?! Was ist denn genau damals mit der Zeit passiert?

 „Als die Zeit erfüllet war“ - oder „Alle Jahre wieder“

 

2

Alle Jahre wieder, klar feiern wir in der Wiederholung, aber Wiederholungen sind nicht sinnlos. Rhythmen tun gut. Weihnachten, eine Zäsur in unserem Alltag. Wir brauchen Zäsuren und Rhythmen in unserem Alltag, sie strukturieren unsere Zeit.

Jedes Jahr aufs Neue – Weihnachten. Mit all den Erwartungen, der Vertrautheit und den wiederkehrenden, liebgewonnenen oder wahlweise auch nervenden Ritualen. Jede Familie hat da wahrscheinlich so ihre eigenen. Das mit dem Essen an Heilig Abend, z.B.

Rituale tragen zum Zusammenhalt bei und durch sie entsteht erst eine sinnvolle Unterteilung unserer Zeit, in Alltag und Fest.

Jede Woche tut das gut, wenn wieder Wochenende ist. Der Sonntag hat einfach eine andere Qualität, die Welt klingt anders, ihr Tempo ist anders, die Menschen sind anders am Sonntag. Genauso auch an Weihnachten. Eine besondere Atmosphäre, die sie vielleicht schon auf der Strasse auf dem Weg hier zur Kirche gespürt haben. Eine Atempause im Jahr, ein sich wiederholender Moment, ein Fest, auf das man hinfiebert, ein Fest der Wärme und des Lichts mitten in der kalten und dunklen Jahreszeit.

An Weihnachten verbindet sich für mich die Zeit mit der Vergangenheit. Der persönlichen Vergangenheit der Weihnachtsfeste meiner Kindheit. Und das Fest der Geburt Jesu vor 2000 Jahren.

Gott hat die Grenzen von Zeit und Ewigkeit durchbrochen, ist Mensch geworden.

Meine Zeit wird dadurch auch heute zu heiliger Zeit. Rituale helfen, diese heilige Zeit zu gestalten.

Mit unseren Weihnachtsritualen holen wir quasi Gott in die Welt und in unser Leben. Haben Anteil an dem, was da vor langer Zeit im Stall in Bethlehem geschah.

 

3

Rituale und Wiederholungen tragen also einen Sinn in sich. Ich vergewissere mich des großen Ganzen, wenn ich im Kleinen jedes Jahr – alle Jahre wieder – an Weihnachten an diesen einschneidenden Moment denke.

Und einschneidend war er. Schließlich ist Jesu Geburt eine deutliche Zäsur in der Zeit. Unsere westliche Zeit ist in, vor und nach Christus eingeteilt. Wir rechnen ganz neu nach Jesu Geburt. Ein neues Zeitalter beginnt, als Gott Mensch wird. Und es ist nicht nur ein Zeitalter, das an das vorige anknüpft. Die Zeitrechnung zeigt vielmehr, wie sehr dieser eine Moment zum Angelpunkt wird. Die Zeit davor und danach wird von ihm aus gezählt. Rückwärts wird auch von Jesu Geburt gerechnet.

Mit diesem Ereignis also kommt ein Wendepunkt und ein Angelpunkt in die Geschichte, an dem sich alles neu ausrichtet.

Das find’ ich spannend mit so einem Moment, der zum Dreh- und Angelpunkt wird.

Kennst du solch einen Moment in deinem Leben?

Kennen Sie solch einen Moment in Ihrem Leben?

Eine Situation, ein Erlebnis, eine Erfahrung, ein Moment, an dem etwas passiert ist, das das ganze Leben neu ausgerichtet hat? Und von dem aus nach vorne und hinten gerechnet wird? „Das war fünf Jahre vorher“ oder „das war 6 Monate hinterher“…

Ich kann mir vorstellen, für manche ist das die Geburt eines Kindes – der Beginn eines ganz neuen Lebensabschnitts – oder der Einschnitt einer Krankheit. Da beginnt für manche sicher auch eine neue Zeitrechnung.

In welcher Zeit lebe ich?

 

4

In welcher Zeit lebe ich?

Irgendwie ist die Zeit doch etwas sehr komisches. Sie ist für jeden und jede etwas ganz individuelles. Und doch ist sie ja eigentlich für uns alle gleich.

Die Zeit – ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis, wie Momo es beschreibt.

Sie ist abstrakt. Wir versuchen sie zu messen mit Uhren, vielleicht auch manchmal festzuhalten, wenn Erlebnisse besonders schön sind. Die Zeit steht still – in Augenblicken, die besonders einschneidend in unserem Leben sind. Unser Empfinden von Zeit ist subjektiv.

Im Hebräischen gibt es kein vergleichbares Wort für Zeit. Die biblische Vorstellung von Zeit ist rhythmisch gedacht an Lebensrhythmen und Zyklen orientiert und keine chronologisch Abfolge.

Wir heute versuchen die Zeit zu begreifen, indem wir sie unterteilen in Vergangenheit Gegenwart und Zukunft.

Die Gegenwart, das ist dieser kurze Moment der Zeit, die unweigerlich zur Vergangenheit wird. Gegenwart geht in Vergangenes über, verschwindet. Entscheidungen, die wir in der Gegenwart treffen, haben aber durchaus einen Einfluss auf die Zukunft. Zukunft will geplant sein, oder? In welcher Zeit leben Sie, eher in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft?

 

5

Die Gegenwart gibt es also eigentlich gar nicht. In dem Moment, in dem ich sie festsetze, betrachte, nehme ich sie aus ihrem Ablauf vom stetigen Fließen hinaus. Die Gegenwart gehört eigentlich gar nicht in die Zeit. Denn entweder ist sie noch Zukunft oder schon wieder Vergangenheit.

Eigentlich ist das Ewige das Gegenwärtige. Alles, was ist, ist in dem einen Moment vereint da, wenn wirklich Gegenwart ist, und wenn ich sie als Gegenwart wahrnehme. Dann gibt es keinen Zeitstrahl mehr, keine Eingrenzung der Zeit. Die Gegenwart ist mit der Ewigkeit verbunden. In ihr ist Gott gegenwärtig. So berührt die Ewigkeit die Zeit im Augenblick.

Und unser ganzer Zeitstrahl von Vergangenheit und Erinnerung, Planung und Zukunft ist eigentlich nebensächlich und fehlgeschaut. Im Leben geht es um den Augenblick. Um das Sein in der Gegenwart.

Und das ist wahrscheinlich die größte Herausforderung unseres Lebens – die Zeit loszulassen. Und ganz im Gegenwärtigen zu sein. Die alten Zeiten werden nie zurückkehren, auch wenn wir sie noch so idealisieren. Und die kommenden haben wir sowieso nicht in der Hand. Erfüllung kann man nicht festhalten. Sie wird uns von Gott geschenkt. Darin erfüllt sich die Zeit. Und darin steckt das Geheimnis von Weihnachten. Die Erfüllung. „Als die Zeit erfüllet war…“

 

6

„Die Zeit ist erfüllt!“, so steht es im Markusevangelium.

Gott durchbricht an Weihnachten die Grenzen. In die Begrenztheit unserer Zeit funkelt ein Augenblick seiner Ewigkeit. Und das ist etwas Heiliges, was sich heute in unserer Gegenwart - unter uns ereignet.

Es ist eben nicht chronologisch zu verstehen, damals vor 2000 Jahren. Weihnachten für uns heute heißt Erfüllung hier und jetzt unabhängig von der Zukunft, die auf uns wartet. Heute schon Anteil an der Verheißung Gottes zu haben. Unserer Sehnsucht keine Grenzen zeigen.

Zeit ist nicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einem langen Zeitstrahl ins Nichts.

Zeit ist Gegenwart, ist Augenblick, ist Leben.

Unser Leben ist damit immer in Berührung mit Gott, mit dem Ewigen, das in allem Leben steckt und funkelt.

Auch wenn wir in den Grenzen unserer Endlichkeit bleiben. In Jesu Geburt hat Gott sich radikal auch darauf eingelassen. Er hat sich selbst Zeit gelassen, kam unfertig als Säugling auf die Erde. Gleichzeitig hat sich in dem Moment aber alles erfüllt. Im Augenblick, im Moment war Gott in allem. Und das erfüllt sich immer wieder neu.

Ein anderes Verständnis von Zeit. Eins von Jetzt und Hier, vom Augenblick, der heil macht, was in der Vergangenheit zerbrochen war.

Wir, heute Abend, sind eingeladen, dem zu folgen. Unsere Zeit zu sehen als heilige Zeit, als Erfüllung des Lebens.

Amen.