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Fastnachtspredigt

Pfarrer Winfried Abel

18.02.2007 in Fulda-Neuenberg

Elisabeth

Sie war ein kleiner Windhauch nur,
der einen großen Sturm entfachte.
Ihr ganzes Wesen
war erlesen
nicht spröde, nicht hart,
mehr fein als zart,
lebendig und spritzig,
nicht selten hitzig,
von Herzen gut,
voller Liebesglut,
barmherzig und gütig,
nie übermütig,
sehr fromm und bescheiden,
geduldig im Leiden,
aus deutschem Holz,
der Ungarn Stolz,
von hohem Adel,
ganz ohne Tadel,
ein reiner Saphir,
der Kirche Zier,
ein wahres Bukett:
Elisabeth.

In der Welt der großen Dinge
gibt es Forscher, die erfinden,
wie man sich dem Leid entwindet,
dass man sich das Glück erzwinge.
Ja, das wissen alle Laffen:
jeder ist zum Glück geschaffen
Jung und alt und groß und klein
wollen froh und glücklich sein,
Geld in großer Fülle haben,
keine Ängste, keine Sorgen,
sich an Lebenslust erlaben
und versichert sein für morgen.
"Die Gesundheit ist das Beste", sagt man, wo man sich begegnet,
wenn es beim Geburtstagsfeste
viele gute Wünsche regnet:

"Leib und Seele brauchen Pflege,
sei getrost und guten Mutes!
Sei dir selber nicht im Wege
Tu dir endlich etwas Gutes!
Wellness heißt das Zauberwort,
du darfst für dich selber sorgen,
und beschwingt von Ort zu Ort
reisen oder Nordic Walken.
Träum du nur von Karriere,
von Verdienst und hohen Ehren!...
Halt! Da ist die Barriere:
Kinder sind's, die dabei stören!
Kinder sind Vergnügungshemmer!
Diese Brut will doch nur erben!
Mag mit mir, dem Ego-Schlemmer
einst die ganze Welt verderben!"
Doch ein Abgrund ruft den andern!
Eigennutz ist schnell veraltet!
Lasst mich daher geistig wandern
dorthin, wo die Liebe waltet. --

Fern von hier im Ungarnlande,
wo sich eine Burg erhebt
an der Bodrog hellem Strande
ward geboren Erzsébet.
Vater war der Ungarnkönig,
Mutter bayrischen Geblüts,
ihnen waren untertänig
Menschen fröhlichen Gemüts.
Erzsébet, noch jung an Jahren,
liebte schon das Abenteuer,
wilde Tänze der Magyaren
und die hellen Puzstafeuer.
Bei dem rauen Ritterleben,
bei Gelagen und Turnieren
war ihr ganzes Tugendstreben
Minne, Maze und Manieren.
Doch vor allem, was die Frauen
in den Kemenaten lehren,
lernte sie Gott zu vertrauen,
IHN nur lieben und verehren.

Gott nur lieben und verehren
mit der Glut der jungen Seele,
war ihr kindliches Begehren. --
Nun passt auf, was ich erzähle!
Damals herrschten Macht und Ränke.
Um die Herrschaft zu erweitern,
nicht mit Rossen oder Reitern,
machte man sich Gastgeschenke.
Kinder hatten sich zu fügen,
Eheschluß war Politik,
nicht ein herrliches Vergnügen
nicht ein selbstgewähltes Glück.
"Lass die andern Kriege führen"
war schon damals eine These,
"während andre Trommeln rühren,
fährt bei uns die Hochzeitschaise."
Erszébet war ausersehen,
klein, von zierlicher Gestalt,
in ein fremdes Land zu gehen,
war doch kaum fünf Jahre alt.
Eines Kindes Frau zu werden,
selber noch ein kleines Kind,
führt bekanntlich zu Beschwerden;
- grausam, wie die Zeiten sind!
Durch ein dünnes Schicksalsfädchen,
das des Lebens Spindel dreht,
wird nun aus dem Ungarnmädchen
Thüringens Elisabeth.
Droben auf der hohen Zinne
in der Wartburg Schlossgemäuer
singt man von der zarten Minne,
von Gefahr und Abenteuer.
Landgraf Hermann, hohen Ranges,
wie die Chronik nicht verschwieg,
lädt die Freunde des Gesanges
zu dem großen Sängerkrieg.
Dort singt seufzend seine Märe
von der Liebe Lust und Leide,
von der Frauen hoher Ehre
Walther von der Vogelweide.
Wolfram, Herr von Eschenbach,
deklamiert den Parzival
von der Ritter Glück und Schmach,
auf der Suche nach dem Gral,
von der schönen Orgeluse,
von des Klingsors Ehebruch…
Voll von dichterischer Muse
ist das große Heldenbuch.
Und so klingt der Dichter Leier,
in der Wartburg Ritter Runde.
Liebeslust und Abenteuer
sind in aller Sänger Munde.
Und es kreist der volle Becher,
und es fließt der süße Wein.
Manchem weinerprobten Zecher
schenkt die Magd gleich fünfmal ein.
Unten in den armen Hütten
ist der Hunger Dauergast.
Droben herrschen raue Sitten,
wird der Armen Gut verprasst.
Drunten unter harten Steuern
leiden Land und Leute sehr.
Droben bleibt bei Fest und Feiern
keines Ritters Becher leer.
Doch die Kinder tanzen Reigen,
spielen auf dem grünen Anger,
Jungenherzen aber zeigen
Lust zu Armbrust, Brünn' und Pranger.
Einst im Spiel - von hohem Söller
wollen sie die Burg ergründen,
sich verstecken, suchen und finden; -
kommen bald zu einem Keller, -
besser: einer Gruft mit Knochen,
mit Gebeinen von den Ahnen,
hingestreut, verblasst, zerbrochen,
stumme Zeugen, die da mahnen.
Klein Elisabeth bleibt stehen,
und nach einer kurzen Stille
sagt sie zu den Spielgefährten
wie die Delphische Sibylle:

"Was die waren, sind wir heute,
was die sind, das werden wir bald sein.
Was uns heute noch erfreute,
ist schon morgen fahler Schein.
Also lasst uns, die wir blieben,
nach dem Willen Gottes leben,
IHN von ganzem Herzen lieben,
IHM das ganze Leben geben!"

Zeiten wechseln ihre Kleider,
Kindertage geh'n dahin.
Schauen wir zehn Jahre weiter
auf die junge Herrscherin.
Fürstin ist sie, Landesmutter,
die es zu den Armen treibt,
von der Burg, wo später Luther
seine deutsche Bibel schreibt.
Wer will heut den Abstieg machen,
wo die Karriere winkt,
wo die Welt in hohlem Lachen
und in Korruption versinkt?

Einmal war Landgraf Ludwig unterwegs auf Reisen,
hoch auf der Wartburg drängen sich die Gäste.
Bei Wein, Musik und auserlesenen Speisen
versammelt sich die Ritterschaft zu einem Feste.
Herr Heinrich Raspe hatte eingeladen,
der Bruder Ludwigs, nicht Elisabeths Vertrauter.
In allen Räumen, Zimmern, Kemenaten
ertönt der Zecher Lärm, - mal leiser oder lauter.
Da! - Ein Pochen an dem schweren Tor,
zunächst noch zaghaft, dann nicht mehr zu überhören.
Schon kommt der Pförtner missgelaunt hervor.
Wer will so spät die Festlichkeiten noch stören?
Er schiebt den schweren Riegel ärgerlich zurück,
es knarrt das Eichentor und ächzt,
da sieht der Pförtner schon auf einen Blick
den alten Bettelmann, der stumm nach Hilfe lechzt.
Der hebt die beiden Arme flehendlich empor,
an ihnen, wie am ganzen Leib, nichts als Geschwüre.
Der Knecht verriegelt schreckensbleich das Tor
und ruft durch eine kleine Gittertüre:

"Bleib mir vom Leib, du Missgeburt!
meinst du, wir wollten an der Pest verrecken?"
…Und was er sonst noch in den Bart geknurrt,
das möchte ich dezent mit Schweigen überdecken.
Das hörte Frau Elisabeth,
die grade aus der Burgkapelle schlüpfte,
und, - weil sie ihren Mann erwarten tät -,
voll Freude leichten Fußes hin zum Burgtor hüpfte.
"Beleidigt nicht den Herrn!" ruft sie mit strengem Ton.
"Den Herrn?" fragt spöttisch der Lakai,
"das ist nicht Euer Herr Gemahl, auch keines Edlen Sohn,
sondern ein Mann mit Aussatz, gesetzlos, vogelfrei!" Elisabeth spricht klar und unbeirrt:
"Dann ist er also doch mein Herr,
der immer noch von Menschen hin und her gestoßen wird.
Richt ihm sofort ein Lager her!"
"Ein Lager? - Hier in unsrem Schloss?
Hochedle Frau, versteht!
Die Burg ist bis ins Dachgeschoß,
- ich schwör's! - bis auf den letzten Platz belegt!"
Elisabeth hält daran fest:
"Und wenn der Kaiser höchstpersönlich käme?
Dann würdest du gewiss - trotz Ruhr und Pest -
ihn in dein Haus aufnehmen."
"Den Kaiser wohl, doch nicht den ekelhaften Siechen!"
erklärt der Pförtner ziemlich hämisch.
"Der mag sich draus im Wald verkriechen,
den Kaiser aber, - ja, den nähm' ich."
"Weißt du denn nicht?", sagt Frau Elisabeth,
"Auch Kaiser haben einen Herren über sich!
Für diesen Herrn bereite Ludwigs Bett!
Ruf mir den Bettler schnell zurück! …und spute dich!"
Kopfschüttelnd lässt der Pförtner diesen ein,
den bresthaft-krätzigen Gesellen.
Elisabeth zeigt ihm den Weg beim Kerzenschein
und lässt sofort ein Bad bestellen.
Mit eigner Hand wäscht sie die Wunden aus,
laust seine Haare und den Kopf voll Grind,
dann führt sie ihn vom warmen Badehaus
in ihr Gemach und pflegt ihn wie ihr Kind.
Sie richtet ihm mit Sorgsamkeit das Lager zu
in ihres Mannes eigenem Bett.
Dort legt sie den Ermatteten zur Ruh.
Sie selbst schläft nebenan auf einem harten Brett.
Die Wartburg ist indes erfüllt von Lärm und Liedern
und von der unerhörten Neuigkeit:
"Die Gräfin hat das Ehebett entweiht!" --
…Da klopft es laut am Burgtor wieder.
Der Pförtner, noch verstört und ganz benommen,
stößt mit Gewalt des Riegels Griff zurück.
Wahrhaft: der Landgraf ist zurückgekommen,
ganz überraschend, welch ein unverhofftes Glück!
Jetzt mag der Hausherr selber nach dem Rechten sehen!
Fanfaren künden seine frühe Ankunft an.
Die Hundemeute heult; die Fahnen wehen.
Im Burghof sammeln sich die Ritter, Mann für Mann.
Elisabeth erhebt sich von der harten Bank,
eilt schnell hinunter, ihren Mann zu grüßen,
deckt seinen Mund mit tausend Küssen,
als wäre sie vor Sehnsucht liebeskrank.
So pflegte sie den Grafen immer zu empfangen
mit vielen lieben Worten der Vertraulichkeit. -
Dazwischen zischen schon die bösen Schlangen
und züngeln um den Herrn voll Hohn und Bitterkeit:
"Haben Herr Landgraf schon gehört?
Ihre Frau Gattin hat das Ehebett geschändet.
Das viele Beten hat sie offenbar verstört. Jetzt hat die Frömmigkeit die Gräfin ganz verblendet!
Ein fremder Mann auf Eurem Lager,
Bedenkt! Das ist der Dreistigkeit zuviel!
Eure Verwandten, Mutter, Bruder, Schwager
verdammen das als übles Possenspiel."
Ludwig zieht seine Brauen hoch und spricht:
"Ich kenne meine Frau Elisabeth!
Wenn ihr dort stündet, wo sie steht,
Dann wagtet ihr solch freche Worte nicht!
Wer noch einmal in meiner Gegenwart
mein treues Weib beleidigt,
dem gegenüber wird nach Ritter Art
die Ehre hart verteidigt!"

Sagt's, dreht sich um und geht.
Steigt mit Elisabeth hinauf, sieht durch der Türe Spalt:
Tatsächlich, dort in seinem Bett
liegt eine ungewöhnliche Gestalt.
Mit seiner Hand schlägt er das Bettzeug ungestüm zurück,
und da - so schreibt der Biograph -
schenkt ihm der Herr des Herzens klaren Blick:
er sieht ganz deutlich Christus in der Schmach!
Der Kreuzesmann mit seinen roten Wunden
hat dort in seinem Bette Ruh und Rast gefunden.
Da dreht sich Ludwig um und sagt zu seiner Frau tief angerührt:
"Solcherart Gäste sind mir stets willkommen!
Du hast den höchsten Herren bei dir aufgenommen und ihm den Platz geschenkt, der ihm wahrhaft gebührt." ---
Das Weitere ist schnell erzählt:
Ludwig verliert sein kurzes Leben.
Da er das Kreuzzugs-Kreuz gewählt,
der Pestilenz zum Opfer fällt,
stirbt er im Welschland gottergeben.
Elisabeth steigt tief hinab
und teilt ihr Schicksal mit den Armen.
In Marburg findet sie ihr Grab.
Ihr ganzes Leben war Erbarmen.

Liebe ist mehr als Heldentat,
die Mutterliebe ist ein Lebenselixier.
Wir sind ein Volk, das keine Mütter hat,
sind Bettler ohne Heimat und Quartier.
Wer wird wohl heute noch von hoher Wartburg steigen?
Wer füllt die leeren Krüge wieder an?
Wer wird sich wieder zu den Armen neigen?
Wer horcht noch sehnsuchtsvoll auf Gottes Ruf und Plan?
Elisabeth!
Dein Name ist so unverbraucht wie Deine Liebe,
800 Jahre frisch wie jeder neue Tag.
Wenn nur Dein Herz in unseren Taten schlüge,
dann brächten sie den edelsten Ertrag.
Still unsern Hunger, heile unsre Wunden!
Du siehst, die Not hat heute tausend Namen.
Lass diese kalte, kranke Welt gesunden!
Gott segne Deine große Güte.

Amen.