Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum 50-jährigen Einweihungsjubiläum der Kirche St. Suitbert

Pfarrer Gereon Alter (kath.)

05.05.2016 kath. Kirche St. Suitbert, Essen-Überruhr

ARD-Fernsehgottesdienst

„Es gibt noch etwas Größeres …“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

liebe Zuschauerinnen und Zuschauer.

 

Es ist fast auf den Tag genau 50 Jahre her,

dass diese Kirche eingeweiht wurde.

1966 – das war für die katholische Kirche

eine Zeit des Aufbruchs und der Erneuerung.

Die Kirche muss zeitgemäßer werden,

sie muss den alten Glauben in neue Formen gießen,

hatte Papst Johannes XXIII gefordert.

Und so hat man sich hier in Essen-Überruhr

an einen modernen Kirchbau gewagt,

der genau das tut: vom alten Glauben neu erzählen.

Und er tut es so gut, dass er uns jetzt die Predigt halten kann.

 

Lassen wir zunächst den Eingang zu uns sprechen.

Er ist einladend gestaltet.

Schauen Sie sich diese beiden Mauerelemente an.

Fast wie zwei Hände, die sich zum Gruß öffnen,

strecken sie sich dem Eintretenden entgegen:

„Komm herein, du bist hier willkommen!“

Kirche nicht als kleine gesellschaftliche Splittergruppe,

die sich selbst genug ist,

sondern als Gemeinschaft,

die offen ist für andere.

Das ist die erste Botschaft dieser Kirche.

 

Gehen wir wieder ins Innere hinein …

Kaum habe ich den Eingang durchschritten,

öffnet sich vor mir ein erstaunlich großer und weiter Raum.

Als wolle das Gebäude mir sagen:

„Es gibt noch etwas Größeres als das,

was du aus deinem Alltag kennst.

Tritt ein in eine Welt,

die noch mal anders ist als das,

was du in deiner Familie, am Arbeitsplatz

oder in der Schule erlebst.“

 

Was genau ist dieses Andere?

Was genau ist das für eine andere Welt,

in die uns diese Kirche hineinführen will?

Das lässt sich gar nicht so leicht sagen,

denn es ist nicht einfach da,

es passiert,

es ereignet sich

 – immer und immer wieder mal.

 

Und auch das haben die Erbauer dieser Kirche

auf faszinierende Weise umgesetzt.

Schauen Sie sich dieses gewaltige Dach an!

Ein „hyperboles Paraboloiddach“, sagen die Fachleute.

Ein „Sattel-“ oder „Zeltdach“, sagt man hier bei uns im Stadteil.

Die Kirche ist wie ein großes Zelt gebaut.

Ein Zelt ist kein Ort, an dem man für immer zuhause ist.

Da steigt man für eine gewisse Zeit ab,

um dann wieder hinauszutreten und aufzubrechen.

 

Und so ist auch das, womit uns dieser Raum beschenken will,

nicht ein für allemal zu haben

Es wird uns immer und immer wieder neu geschenkt.

Um das mitzubekommen,

müssen wir unseren Blick wieder nach unten senken.

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da

und schaut zum Himmel empor?“,

hieß es gerade im Evangelium.

„Die Kraft des Heiligen Geistes werdet ihr empfangen!“

 

Ihr, die Gemeinde Jesu Christi,

seid der Ort, an dem sich das ereignet,

was die Bibel das Wirken des Heiligen Geistes nennt.

Das sind Sie! Das seid Ihr! Das sind wir alle!

 

Deshalb ist dieser Kirchenraum so gestaltet,

dass wir uns als Gemeinschaft möglichst gut im Blick haben.

Da ist keine Säule, keine Wand, keine Seitenkapelle,

die uns voneinander trennt.

Für die Fernsehleute war das eine ziemliche Herausforderung:

keine Säule, an der man Scheinwerfer befestigen kann.

Deshalb heute dieser riesige Aufbau.

Für uns aber, die wir hier regelmäßig Gottesdienst feiern,

ist es ein Segen, dass wir auch einander im Blick haben.

Denn so bekommen wir mit,

was die Kraft des Heiligen Geistes unter uns wirkt.

 

Für mich jedenfalls ist es  immer wieder bewegend,

in Ihre und Eure Gesichter zu schauen

und zu sehen, was sich da regt.

Ok, manchmal sehe ich darin auch Müdigkeit oder Lustlosigkeit.

Aber manchmal tut sich auch regelrecht der Himmel auf.

Da atmet plötzlich jemand auf.

Oder es hat jemand ein Lächeln auf den Lippen,

einfach, weil er sich freut.

Manchmal ist eine Traurigkeit zu sehen,

weil gerade etwas anrührt oder bewegt ...

 

Da wird dann etwas sichtbar von der Lebendigkeit,

die in jedem von uns steckt,

die wir nur nicht immer so zeigen können.

„Eigentlich bin ich ganz anders,

ich komme nur so selten dazu“,

singt Udo Lindenberg.

Hier im Gottesdienst wird dieses „Andere“

manchmal sichtbar und erlebbar.

Da ist dann die Kraft des Heiligen Geistes am Werk.

 

Damit wir das bloß nicht wieder vergessen,

steht uns diese Altarwand vor Augen.

Auf den ersten Blick eine mächtige Betonwand,

die kein einziges Fenster hat.

Hart, verschlossen und abweisend –

so, wie es wir auch manchmal sein können.

 

Aber so tot ist diese Wand gar nicht.

Sie hat eine ganz lebendige Strukur

und vor allem:

es fällt ein ganz lebendiges,

angenehmes Licht durch sie hindurch.

Fast wie aus einer anderen Welt

scheint es zu uns herein.

 

Da sind wir wieder bei der Verheißung,

von der ich eingangs schon gesprochen habe:

Es gibt noch eine andere Welt,

von deren Lichtschein wir schon heute leben

und die in die wir einmal – so wie Jesus –

ganz hinübergehen werden.

Die Alten haben diese Welt den „Himmel“ genannt. – Amen.