Foto von aufgeschlagenen Büchern

Kinopredigt zu „Agora – Die Säulen des Himmels“ von Alejandro Amenábar

Pastor Johannes Ahrens (ev.-luth.)

14.03.2010 im Kinopolis Flensburg

im Rahmen der Reihe „Kirche geht ins Kino“ des Ev.-luth. Kirchenkreises Schleswig-Flensburg

Im Rahmen der Reihe „Kirche geht ins Kino“ des Ev.-luth. Kirchenkreises Schleswig-Flensburg

Die „Agora“, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe KinoKirchenFreunde, jener Marktplatz der antiken Metropole, lässt sich getrost als Brutstätte der abendländischen Philosophie und zumindest auch als Geburtshelfer der Kirchen bezeichnen. Auf diesem zentralen Platz, der Agora, spielt sich das gesamte öffentliche Leben einer antiken Großstadt ab. Wahrheiten und Waren werden dort gleichermaßen nebeneinander feilgeboten; diese herrliche Mischung aus Kultur und Kommerz, Tomatenverkauf und Tempeldienst, Angebot und Nachfrage. Man hält Gericht, opfert den Göttern und pflegt vielfältigen Handel und Wandel. Hier, an diesem Ort, der „Agora“, so schreibt J. Burckhardt in seiner Kulturgeschichte, „angesichts der Schiffe, umgeben von Tempeln, Amtsgebäuden, Denkmälern, Kaufläden und Wechslerbuden, so viele deren noch Platz haben mochten, lag der Grieche dem >agorazein< ob, jenem für Nordländer nie mit einem Wort übersetzbaren Treiben. Die Wörterbücher geben an: Auf dem Markt verkehren, kaufen, reden, ratschlagen usw, können aber das aus Geschäft und Müßiggang gemischte Zusammenstehen und Schlendern nicht wiedergeben.“ Die Agora ist, mit einem Wort, Zentrum und Seele der antiken Metropole.

Die spanische Produktion von Alejandro Amenábar erzählt, wie dieser Markt, die Agora Alexandriens im Jahre 391 buchstäblich überschwemmt wird von einer neuen Weltanschauung und Religion: dem Christentum der Alten Kirche. Wie alte Weltbilder, und nicht nur sie, sondern auch die sie repräsentierenden Bauten, die Tempel, die Statuen, die Bibliotheken, ins Wanken geraten und auf brutale, barbarische Weise zerstört werden.

Die Ähnlichkeiten mit heute lebenden Personen und Gruppen sind wohl kaum zufällig und die Handlungen dieses Films nicht bloß frei erfunden. Ich glaube, man kann den Film lesen und entziffern nicht bloß als einen Blick in die Vergangenheit, sondern vor allem als eine Allegorese der Gegenwart; als Spiegel unserer Zeit. Eine Übergangszeit vermutlich - ähnlich damals der Übergang von der Antike zum Mittelalter.

Mittlerweile ist der Markt global und total geworden und die Systeme haben sich überlebt, der Kapitalismus bankrott und der Sozialismus von vorgestern. Alte Überzeugungen sind brüchig, die jeweiligen Bekenntnissätze gleich welcher Colour: sie schmecken schal. Was zukünftig tragen wird, weiß zur Zeit niemand, scheint unabsehbar.

In welcher Übergangszeit befinden wir uns? Wie wird die Epoche genannt werden, in die wir mit Globalisierung, neuen Medien, dem enormen Machtzuwachse von ehemaligen Schwellenländern wie China und Indien eingetreten sind? Es wird sich in einigen hundert Jahren zeigen.

Es sind die aktuellen und die ewigen, die ganz großen Themen der Menschheit, die in „Agora“ behandelt werden: Der Ort des Menschen im Universum, seine Suche nach Glück und Liebe und Sinn, nach einem Gott oder gleich mehreren davon, die Frage nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Und so sind die Pole spannungsreich, zwischen denen die Figuren unseres Films auf unterschiedliche Weise agieren, und diese Pole, sie dürften uns vertraut vorkommen:

  • Spätrömische Dekadenz und Fundamentalismus
  • Ideologische Verblendung der vielen und aufgeklärte, hellsichtige Toleranz der wenigen
  • die Macht der alten Männer und die Emanzipation der Frau
  • Glaube und Vernunft
  • Wissenschaft und Mythos
  • Leidenschaft und Prinzipientreue
  • Theologie und Philosophie
  • Der Mob und der Einzelne
  • Die Guten und die Bösen (in meiner Kindheit noch erkennbar an den weißen und schwarzen Cowboyhüten; hier sind es einfach die Gewänder)
  • Skepsis und Strong Opinions
  • Die Überläufer und die Standhaften
  • Usw usf

Eingespannt in diese Pole agieren auf unterschiedliche Weise die Protagonisten unseres Films. Allen voran die Heldin Hypatia von Alexandrien. Eine Mathematikerin, Philosophin, Astronomin, Wissenschaftlerin. Eine Art weltliche Jungfrau auf der Suche nach der unbefleckten Erkenntnis und weibliches Gegenstück zum ganz anderen Märtyrer in diesem Film: Ammonius.

Sie werden diese spannungsreichen Pole im Verlauf des Films selbst entdecken, meine sehr geehrten Damen und Herren. Deshalb möchte ich mich vorab auf drei Hinsichten beschränken:

  • Auf die Situation des Zusammenbruchs von Weltbildern
  • Auf das Verhältnis von Religion und Gewalt
  • Und auf das Bild von Kirche und Christentum im Film

 

1. Zunächst zu den Weltbildern

Weltzusammenbrüche geschehen in schöner – oder man könnte auch, je nach Blickwinkel, sagen: in unschöner – Unregelmäßigkeit: In den engsten Zusammenhängen privater Beziehungsgeflechte bis hin zu weltgeschichtlich epochemachenden Umwälzungen, für das in unserer Generation und Region Daten wie etwa der 9. November 1989 oder der 11. September 2001 stehen.

Immer dann, wenn ein veraltetes System, eine marode gewordene Weltsicht, eine unhaltbar gewordene Annahme, ein nicht mehr durch die Wirklichkeit gedeckter Anspruch auf die eine oder andere Weise den Bach heruntergehen, implodiert oder explodiert sind, zeichnen sich, nachdem sich der Staub der Umwälzungen gelegt hat, ganz allmählich die neuen Umrisse ab.: entsteht eine neue Welt.

Und wie bei jeder Weltumwälzung gibt es als Antwort und Reaktion die unterschiedlichsten und gegensätzlichsten Gruppen: die Bejubler und Skeptiker, die Radikalen, die alles noch viel schneller und am liebsten mit Gewalt durchsetzen wollen, die Nostalgiker, die die Veränderung nicht wahrhaben wollen und in der neuen Welt ihren Platz noch immer suchen.

Der Abschied vom geozentrischen Weltbild, den unser Film thematisiert, ist mehr als bloß die Annahme einer neuen astronomischen Theorie; es ist der schmerzhafte Abschied von der Vorstellung, man selbst sei Nabel des Kosmos und der blaue Planet Mittelpunkt des Universums. Unsere Generation ist dabei, dies mühsam im Blick auf Europa und die neue Rolle Indiens und Asiens zu lernen.

Die Kirche hat sich lange gesperrt gegen die uralten und dann wiederentdeckten Erkenntnisse eines Aristarchos (310-230 v Chr), einer Hypatia, eines Kopernikus (1473-1543), eines Galileo Galilei (1564-1642) oder eines Johannes Kepler (1571-1630).

Weshalb? Nicht weil sie gegenüber Neuem unaufgeschlossen wäre (obwohl das häufiger als ihr gut tut, auch der Fall gewesen sein mag und noch immer ist); und auch nicht, weil es alte uneinsichtige Machos waren, die das Sagen hatten (obwohl auch das zutreffen mag), sondern weil die Angst vor dem Orientierungsverlust so immens ist. Wenn alte Zentren, an denen man sich ausgerichtet und orientiert hatte, abhanden kommen, ohne dass neue sichtbar werden, droht alles ins Wanken zu kommen. „Gäbe es kein Zentrum, wäre alles chaotisch“, wird nachher jemand im Film sagen.

Kein Geringerer als Friedrich Nietzsche hat dies vor 100 Jahren in seinem bekannten Aphorismus 125 aus der Fröhlichen Wissenschaft  zum Ausdruck gebracht. Nicht zufällig lässt er seinen tollen Menschen über die Agora, einen Markt laufen und nach Gott suchen wie einst Diogenes über die Agora lief und mit einer Fackel in der Hand nach einem Menschen suchte.

„D e r   t o l l e   M e n s c h. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“ – Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns?  Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! W i r   h a b e n   i h n   g e t ö d t e t, - ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, - wer wischt dieses Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“ – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit, auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese That ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, – u n d   d o c h   h a b e n   s i e   d i e s e l b e   g e t h a n !“ – Man erzählt noch, dass der tolle Mensch   des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“ –

 

Die emotionale Heimatlosigkeit, die seelische Unbehaustheit, die Verzweiflung des Orientierungslosen, die einsame Ahnung, seiner Zeit zu weit voraus zu sein, um verstanden werden zu können - all dies teilt das philosphische enfant terrible Nietzsche noch 1500 Jahre später mit Hypatia von Alexandrien.

 

2. Religion und Gewalt

Weshalb sich Menschen im Namen des einen o der anderen Gottes die Köpfe einschlagen gehört für mich – und ich glaube, für viele andere auch - zu den großen und schmerzhaften Rätseln. Wahrscheinlich braucht es nicht weniger als einen Gott, um angesichts einer ungeheuerlicher Tat wie eines Mordes vor sich selbst bestehen zu können. Atemberaubend ist für mich - nicht nur im Film, sondern auch im echten Leben - die unglaubliche Geschwindigkeit von Zerstörung und Gewalt. Im Film ist die jahrhundertealte Bibliothek Alexandriens binnen von Minuten dem Erdboden gleichgemacht.

Tempo und Unwiderruflichkeit sind bis heute Kennzeichen der Gewalt. Was durch Gewalt zerstört wurde, lässt sich selten mal eben so wieder reparieren; egal ob es sich um die Kulturschätze im Irak, um die historischen Städte im ehemaligen Jugoslawien oder um auch mal einen Blick ins Private zu werfen, um eine jahrzehntelang gewachsene Ehe handelt:

Ob Religion dabei tatsächlich die leitende Rolle spielt, oder ob bei den gewaltsamen Konflikten auf unserem Globus nicht viel eher eine Gemengelage von unterschiedlichen Motiven (die Kontrolle über Rohstoffe, gesellschaftliche und soziale Partizipation, geschichtliche Verletzungen, kulturelle Differenzen usw) handlungsleitend sind, wird von den Gelehrten unterschiedlich bewertet.

So zuletzt bei uns auch im Blick auf die Diskussion um Diskriminierung und Verfolgung christlicher Gruppen im nördlichen Afrika und in Asien.

Was mich verblüfft und ich gebe zu durchaus ratlos zurücklässt ist das Tempo und die Geschwindigkeit, mit der Menschen offenbar in der Lage sind vom einen Tag auf den anderen gegenüber Nachbarn, mit denen man eben noch im besten Frieden zusammenlebte, feindliche Gefühle, ja sogar Haß zu entwickeln.

Wen die schwarz gekleideten „Parabolani“ des Films nicht ganz zu Unrecht an die Taliban heutiger Zeit erinnern, möge im gleichen Atemzug bitte auch an den Kosovo denken oder an die eruptiven Ausschreitungen gegen Ausländer bei uns (ich nenne hier nur die Mölln oder Rostock) sowie an die NS-Zeit.

Jedenfalls gibt es keine einfachen Mittel, solchen Ausbrüchen zu begegnen. Es ist sogar offenbar ziemlich schwer, sich ihnen zu entziehen.

Einen Fingerzeig scheint mir der Film zu geben, wenn er den zum Christentum konvertierten Sklaven Davus seinen radikalen Mitgefährten Ammonius fragen lässt, ob er nicht irgendwann einmal einen Zweifel verspürt hätte. „Hast du nie einen Zweifel?“, fragt er. Und gibt damit zu erkennen, dass er selbst das eben durchaus kennt: den Zweifel.

Liebe Kinogemeinde,

der Zweifel ist nicht das Gegenteil von Glaube, sondern sein Gegenstück, sein Zwilling. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“, sagt der Vater, der für seine kranke Tochter bittet zu Jesus im Markusevangelium.

Um es umgekehrt zu sagen: Wo der Zweifel keinen Raum hat, das Hinterfragen verboten wird, eine einzelne Bibelstelle, wie im Film nachher auch, isoliert herausgenommen und als das Wort Gottes ausgegeben wird, kurz: wo man nicht mehr denken darf: dort herrschen nicht Glaube und Frömmigkeit, sondern Ideologie und Blindheit. Wo der Zweifel unzulässig ist, geht nicht nur der Glaube den Bach runter, da geraten Menschenleben in Gefahr.

Was sich im Alexandrien des 4. Jh abzeichnet: der ganz weltliche Kampf der Kirche um Macht und Herrschaft, der Konflikt zwischen Orestes und Kyrill, ist ja keineswegs überwunden. Vor mittlerweile schon über 500 Jahren hat Martin Luther sich darüber beklagt, dass Rom nach eigenem Selbstverständnis beanspruche, nicht etwa neben, geschweige denn unter dem weltlichen Recht zu stehen, sondern darüber. Und wenn noch vor wenigen Wochen der Vorsitzende der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz Zollitsch meint, der Justizministerin der Bundesrepublik Deutschland ein Ultimatum von 24 h stellen zu dürfen, so erinnert mich das an mittelalterliche Machtkämpfe zwischen Staat und Kirche und ist – verglichen mit der alkoholisierten Fahrt einer Bischöfin - in meinen Augen der weitaus größere Skandal. Im Völkerrecht ist das Ultimatum die letzte Stufe vor der Kriegserklärung. Ich kann nur hoffen, dass Frau Leutheusser-Schnarrenberger nicht nach Canossa gehen wird oder wie Orestes in unserem Film in die Knie gezwungen wird.

 

3. Das bestürzende Bild des Christentums in Funk und Fernsehen

Um es gleich zu sagen: Der Film „Agora“ lässt kein gutes Haar an der Kirche. Ob Hexenverbrennung oder Wissenschaftsfeindlichkeit, Antijudaismus oder Manipulation der Massen, Machtstreben oder Frauenfeindlichkeit. Der Film lässt – soweit ich sehe - nichts aus, was historisch betrachtet gegen Kirche sprechen könnte; und das ist nicht gerade wenig. Sämtliche Vorwürfe, ob berechtigt oder nicht, werden hier visualisiert; darauf, liebe Kinokirchenfreunde, dürfen Sie sich schon mal einstellen. Und mit der spanischen Lesart des röm-kath Glaubens hört und sieht man das alles vermutlich noch einmal anders. Der Film war in Spanien der erfolgreichste des letzten Jahres.

Die große Stärke ist zugleich die eklatante Schwäche dieses Films: Wer plakativ malt, muß auf Differenzierungen weitgehend verzichten. Das stärkt die zwar die Kommunizierbarkeit der Botschaft, macht sie aber auch angreifbarer.

Zu den Fragen, die nach dem Kinobesuch offen geblieben sind, gehört für mich die nach den Ursachen des Erfolgs und des unglaublichen Siegeszugs des Christentums in den ersten 300 Jahren. Was hat die Menschen der Antike – noch vor Konstantin, also noch bevor das Christentum Staatsreligion wurde - in so großer Zahl dazu bewogen, dem Evangelium Glauben zu schenken und Christen zu werden? Das lässt der Film m.E. unbeantwortet. Im Film sind die Verteidiger der Bibliothek einfach nur grenzenlos überrascht von der wie aus dem Nichts auftauchenden Menge. Und die Alte Kirche war, anders als es der Film vielleicht zeigen kann, keineswegs eine in sich geschlossene Größe.

Nichtsdestotrotz: Wollte man seinen Glauben an Gott und an das Evangelium von Jesus Christus auf Leistungen oder Fehlleistungen der Kirche in Vergangenheit oder Gegenwart gründen, wäre dieser Glaube verloren oder auch auf Sand gebaut, um mit einem Bild Jesu zu sprechen. Nicht nur wegen der bestürzenden Verkennung des Evangeliums, der Verbrechen, die mit dem Schwert in der einen und dem Kreuz in der anderen Hand begangen worden sind, und noch immer begangen werden, sondern aus Prinzip.

Aus dem Prinzip nämlich, dass der christliche Glaube, also das Sich Überzeugtseinlassen, dass durch Jesus von Nazareth tatsächlich die Liebe Gottes auf unverwechselbare Weise sichtbar geworden ist, dass dieser Glaube weder gerechtfertigt werden kann durch die größten Leistungen noch desavouiert werden kann durch die schlimmsten Fehlleistungen. Ich glaube nicht wegen, sondern trotz der Kirche als ein Teil der Gemeinschaft anderer Glaubender, die ständigen Versuchungen, Irrtümern und Anfechtungen ausgesetzt sind.

Das aber bedeutet, dass die Aufklärung und Aufarbeitung z.B. des Mißbrauchskandals nicht immer nur insoweit erfolgen darf, wie dies medienstrategisch opportun erscheint, sondern ureigenes, christliches Interesse ist. Jesus Christus ist nicht gekommen, um das Ansehen der Kirche zu vermehren, sondern um die Kinder in die Mitte zu stellen. Als ein Beispiel dafür, wie Christen sein könnten: Lebensfroh und wissensdurstig, wehrlos und voller Vertrauen.

 

Meine Damen und Herren,

ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen nun aufschlussreiche Beobachtungen auf der Agora!