Foto von aufgeschlagenen Büchern

Kinopredigt zum Film „Das Leben der Anderen“ in der Reihe „Kirche geht ins Kino“

Pastor Johannes Ahrens

11.03.2007 im Kinoplex in Flensburg

Kinopredigt zum Film „Das Leben der Anderen“

„Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr´s findet, so sagt mir´s wieder, daß auch ich komme und es anbete.“„Das Leben der anderen“, liebe Kinogemeinde, erscheint umso bedrohlicher, jeunsicherer sich Regierende ihrer Macht und Legitimation sind.In den bekannten Zeilen aus der matthäischen Fassung der Weihnachtsgeschichte, der Geburt eines neuen Königs, die Herodes und mit „ganz Jerusalem“, also den gesamtenStaatsapparat, erschrecken lassen, sind bereits alle Zutaten enthalten, mit denen dieMächtigen ihre Macht zu sichern versuchen:Das heimliche Rufen der Sterndeuter; das genaue Aushorchen, für das es Mittel undMethoden gibt, die sogar unterrichtet werden können, wie wir sehen werden, dasEinspannen fremder abhängiger Menschen für eigene Ziele, die Vorspiegelung falscherTatsachen, die Täuschung derer, die täuschen sollen und weiter: die von solchenAktivitäten ausgehende Lebensgefahr, sowohl für die Sterndeuter, wie für das Jesuskind,die Selbstverständlichkeit, mit der die Rechtmäßigkeit und Irrtumslosigkeit des eigenenTuns angenommen wird und schließlich - last not least - die Inkaufnahme von sog.„Kollateralschäden“ in Form von Menschenleben.All dies wird uns auch im mit 7 Lolas und einem Oskar preisgekrönten Film von FlorianHenckel von Donnersmarck wiederbegegnen. Manchmal aber geht es gar nicht um sohehre Ziele wie dem der Staatssicherheit, der Verteidigung der Freiheit oder des Schutzesvor einer anderen noch böseren Macht, oder wie immer die jeweiligen Parolen lauten,sondern ganz steinzeitmäßig schlicht und - im wahrsten Sinne des Wortes - ergreifendum den Besitz einer Frau.Auch das kommt uns, liebe Kirchenkinogänger, ja irgendwie bekannt vor; als nämlichKönig David sich in Bathseba - „verliebt“ wäre zu viel gesagt, eher: sie begehrt und inseinen Besitz bringen will, als er zufällig sieht, wie sie sich des abends auf dem Dachihres Hauses badet. Da ist selbst dem gesalbten Haupte Israels, immerhin: demRepräsentanten Gottes auf Erden, kein Mittel zu schade und jedes recht. Am Ende istauch hier das „Leben der anderen“ nicht viel wert.Vielleicht ist es kein Zufall, daß es gerade diese biblische Geschichte ist, in die seinerzeitschon Stefan Heym mit seinem „König-David-Bericht“ die ausgeklügelten Repressaliendes Überwachungsstaates literarisch gekleidet hat.Ob bethlehemitischer Kindermord oder Auftragsverbrechen an Bathesebas EhemannUria: die Arbeitsweisen der Machtapparate haben sich seit biblischen Zeiten nichtwesentlich verändert; höchstens hat ihre technologische Perfektion weiter zugenommen:„In dem Überwachungsstaat DDR waren 1989 von den 91.000 MfS-Mitarbeitern ca. 13.000 damit beschäftigt, ein Heer von ca. 170.000 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM’s) zu dirigieren, um den SED-Wahn von der flächendeckenden Überwachung einer ganzen Gesellschaft zu realisieren.“

Auch wir werden in unregelmäßigen Abständen immer wieder aufgeschreckt, wenn es,wie schon vor Jahren, um die Sicherung von Häfen und Flughäfen geht, um Geheimflügeder CIA oder wie zuletzt um das Briefgeheimnis bei e-mails, aber auch wenn, wie geradegestern, der Jubel über den Auftrag, die Transrapidstrecke in Shanghai verlängern zudürfen, nicht etwa auf eine offizielle Vergabe zurückzuführen ist, sondern auf die -offenbar keines weiteren Kommentars würdigen - Beobachtung, dass bereits tausendevon Bewohnerinnen und Bewohnern zwangsumgesiedelt worden sind. „Irgendwannmusst du Position beziehen, sonst bist du kein Mensch!“, für mich einer derSchlüsselsätze des Films.Eine Zwischenbemerkung kann ich mir an dieser Stelle nicht ganz verkneifen: nämlichden Hinweis auf eine ganz andere und doch verwandte Entwicklung der Gegenwart.nämlich des massenhaften Exhibitionismus und oft zugleich Voyeurismus aufInternetseiten wie youtube, wo Leute ihre privaten, ihre banalen oder auch anrührendenGeschichten als Videoclip einer weltweiten Öffentlichkeit - und das ist das Verblüffende:ganz freiwillig - zugänglich machen. Es ist, glaube ich, noch ganz unausgelotet, wasdieses ständige und weltweite „Sehen, um gesehen zu werden“, diese moderneTarnkappe für jeden, die das Internet ja auch ist, bedeutet. Übrigens kommentiert dieSüddeutsche Zeitung unter dem Titel unseres Films „Das Leben der anderen“ jedeWoche ein ausgewähltes Video.Es sind also nicht bloß immer „die Anderen“, die das Leben der anderen als Opfer füreigene Interessen billigend in Kauf nehmen. Wie schnell legt man sich da „mit demSystem ins Bett“, wie die Schauspielerin Christa-Maria Sieland im Film ihrem FreundGeorg Dreymann entgegenhält.In der Tat: In diesem Film - und vermutlich auch im echten, im eigenen Leben - gibt eskeine weißen Westen. Was es hingegen gibt:

- die Zyniker, die schon aufgegeben haben, überhaupt den Eindruck zu erwecken,als hätten sie noch eine weiße Weste,

- es gibt - wie immer - jene, die es irgendwie schaffen in jeder Situation, nach außenhin völlig makellos zu wirken

- es gibt ferner jene, die trotz aller guten Vorsätze im Versuch wahrhaftig undaufrichtig zu bleiben an der Übermacht des Systems zerbrechen

- es gibt schließlich - und das ist vielleicht das eigentliche Wunder dieses Films,manche sagen mit durchaus kritischem Unterton das „Märchenhafte“ an demFilm - jene, die mit großem Erstaunen über sich selbst die noch unbeflecktenStellen auf ihrer von Gewissenlosigkeit rabenschwarzen Weste entdecken.

Offenbar ist der Mensch an irgendeiner verborgenen Stelle ansprechbar auf das Lebender Anderen in seiner Unverfügbarkeit, auf das Leben der Anderen in seinem Eigenrecht,auf das Leben der Anderen abgesehen von eigenen Interessen der Verzweckung. Dieseverborgene Stelle des menschlichen Gewissens, oft überwuchert von der Hornhaut derGewöhnung, der Gier nach Macht und Geld und Anerkennung, diese „Provinz desmenschlichen Gemüthes“, wie Schleiermacher das mal genannt hat, sie lebt und wird -dem Film zufolge - zum Leben erweckt durch: die Kunst.Es sind, da ist dieser Film nicht nur in seinen filmischen Mitteln auf beglückende Weisealtmodisch, die schönen Künste, wohlgemerkt: „Künste“, nicht: „Künstler“, die das Gute,das Wahre und das Schöne in Erinnerung rufen und unter die Hornhaut des Gewissenskriechen lassen. Ein Gedicht von Brecht, übrigens unrechtmäßig entwendet, und eineunwillentlich gehörte Klaviersonate: das beides reicht aus, um den Hauptmann derStaatssicherheit, Gerd Wiesler, zunächst zu verunsichern, dann in seinem gewohnten Tunzu unterbrechen und schließlich zu bekehren, ihm die Augen zu öffnen für die Armutseiner bisherigen Existenz und den Reichtum derer, die er bespitzeln soll. Ihm das Lebender Anderen zum Leben des Nächsten werden zu lassen.Denn um nichts weniger - wie ich meine - handelt es sich hier: um eineBekehrungsgeschichte. Eine Erzählung von einem, dem - gut biblisch übrigens- die Augenübergehen und die Ohren auf für ihn ganz ungewohnte Weise allererst geöffnet werden:„Keiner, der diese Musik gehört hat, wirklich gehört hat, kann ein schlechter Menschsein.“ so hören wir.Und ich meine: Das gilt auch für diesen Film selbst: „Keiner, der diesen Film gesehen hat, wirklich gesehen hat, kann ein schlechter Mensch sein.“

Amen.