Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationpredigt über Psalm 91,11-12

Pfarrerin Susanne Schrader

in der Marienforster Kirche zu Bad Godesberg

Himmelfahrtstag 2004

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

heute geht’s um das größte Geschenk, das ein Mensch kriegen kann. Na, woran denken Sie jetzt?
Was ist wohl das größte Geschenk, das Menschen bekommen können?

Was kommen uns für Phantasien in den Kopf, womit einer dem anderen deutlich machen kann, wie wichtig er ihm ist?

Ein mit einem Flugzeug in den Himmel geschriebenes Herz, ein teures Schmuckstück, ein „ich liebe dich“ aufgesprüht auf einen Brückenpfeiler und was sonst noch alles, was Menschen sich einfallen lassen, um Zuneigung auszudrücken?

Ich könnt‘ ja hier mal ne kleine Umfrage machen, ich bin sicher, ich bekäme so viele Antworten wie Sie und Ihr hier sitzt.

Und was denkt Ihr darüber an einem Tag wie heute, an dem die Geschenkefrage ja keine ganz unerhebliche ist?
Was ist das größte Geschenk, daß man Euch heute machen könnte, um Euch zu zeigen, daß Ihr heute für uns der Mittelpunkt seid?

Ein neuer Computer, ein Fahrrad, ein Musikinstrument, ein Flug mit einem Heißluftballon, eine Reise, ein handy, coole Klamotten, Geld? Da wäre schon einiges dabei, was mein Herz damals als Konfirmandin hätte höher schlagen lassen.

Über die Einzelheiten kann ich nur spekulieren, denn die Frage kann man nur persönlich beantworten.
Aber deshalb kann ich etwas anderes ganz genau. Ich kann Euch und Ihnen nämlich meine Antwort sagen.

Damals wollte ich Geld. Heute sehe ich das anders.

Das größte Geschenk ist heute für mich, wenn einer zu mir sagt: „Ich will dich auf deinem Weg durchs Leben ein Stück begleiten. Ich will dir zur Seite stehen und immer für dich da sein.“ und wenn er das dann auch hält.

Man mag sich über diese Antwort wundern, doch ich schätze gerade Euch so ein, daß Ihr versteht, was ich damit meine.

In Eurem Alter fangen Freundschaften gerade an, richtig wichtig zu werden. Ohne den besten Freund, die beste Freundin ist das Leben kaum vorstellbar. Hat man gerade noch in der Schule zusammen gesessen, wird schon, kaum zu Hause angekommen, die erste sms verschickt, die nächste mail verfaßt, zum Telefonhörer gegriffen.

Man spricht über Jungs und Mädchen, über Schule, Mode und Sport und vieles andere, was in Eurem Leben im Moment wichtig ist.

Verläßliche Menschen an seiner Seite, die können einen schon mal eine schlechte Note oder Pickel im Gesicht vergessen lassen. Sie machen das Leben erträglich.

Und bestimmt kennt Ihr auch die andere Seite. Wie es nämlich ist, wenn das, worauf man sich so sehr verlassen hat im Leben, plötzlich wegbricht.

Menschen an Eurer Seite haben Euch verlassen:
Eltern haben sich getrennt, Freunde einen im Stich gelassen, jemand ist gestorben, der ganz fest zum eigenen Leben dazugehört hat.

Da kann der Boden unter den Füßen ganz schön ins Wanken geraten.
Und weil ich das genauso kenne wie Ihr, und vielleicht auch noch ein bißchen doller, weil ich schon älter bin, genau deswegen sag ich das:

Das größte Geschenk ist heute für mich, wenn einer zu mir sagt: „Ich will dich auf deinem Weg durchs Leben ein Stück begleiten. Ich will dir zur Seite stehen und immer für dich da sein.“ und wenn er das dann auch hält.

Heute ist Euer Konfirmationstag.
Und er ist nun mal auch ein Tag der Geschenke und ich gönne Euch alles, was Ihr auspackt, von Herzen. Es wird Euch heute noch so manches geschenkt werden.

Und das geht jetzt schon los, hier in diesem Gottesdienst. Hier gibt es schon das erste Geschenk.

Allerdings, es ist nicht neu, es ist gebraucht.
Eigentlich macht man das ja nicht, etwas Gebrauchtes wiederzuverschenken, doch in diesem Fall macht das Sinn.

Gott macht Euch dieses Geschenk.
Ihr habt es bei der Taufe schon mal gekriegt.
Heute kramt Gott es erneut hervor, pustet die Staubschicht beiseite und hält es Euch neu hin:

Damals hat Gott zu Euch gesagt: „Ich will dich auf deinem Weg durchs Leben begleiten. Ich will dir zur Seite stehen und immer für dich da sein.“
Er hat Euch bei der Taufe wie bei einem Vertragsabschluß die Hand hingestreckt.

Heute schlagt Ihr ein.

Und damit habt Ihr eine verläßliche Größe an Eurer Seite auf dem Weg durch das Leben. Was auch immer geschieht, Gott habt Ihr sicher. Er bekräftigt heute sein Versprechen von damals.

Das ist von mir jetzt nicht einfach so daher gesagt. Das haben schon viele Menschen vor Euch so erlebt, daß Gott ihnen treu zur Seite gestanden hat. Und ich auch.

Und so lange wie Menschen das schon erlebt haben, haben sie versucht, dieses Geschenk in Worte zu kleiden.
Besonders gut, finde ich, hats im 91. Psalm geklappt:

11) Der Herr hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
12) daß sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Für mich heißt dieser Vers heute so:
Der Herr hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich, Christopher, Julia, Fynn, Jan, Marie, Felix behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich, Kristina, Angélique, Cristina, Franziska, Florian, Marco auf Händen tragen und du, Kristina, Fabian,Tobias, Lea, Charlotte, Nina, deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

die Engel gestatten uns einen Blick in Gottes Werkstatt. Wo immer sie uns begegnen, können wir Gott bei der Arbeit zusehen.

Ich bin sicher, jedem von uns hier sind schon viele begegnet:
Menschen, die zum richtigen Zeitpunkt da waren. Die das richtige gesagt haben. Die uns verstanden haben und nicht nur rumgenölt. Die mit angefaßt haben.

Die hatten alle keine Flügel. Die sahen so aus wie du und ich. Und trotzdem waren es Engel. Gottes Boten, die er hier zu uns gesandt hat.

Gott hat seinen Engeln etwas befohlen und das duldet keine Widerrede.
Er hat sie überall verteilt auf dieser Welt, manchmal sichtbar, manchmal unsichtbar, uns zur Seite zu stehen und uns zu behüten.

Sie sollen uns auf Händen tragen, damit wir nicht stolpern über die Steine, die das Leben uns manchmal in den Weg legt.

Tja, schön wärs, mag man jetzt denken. Aber das Leben ist doch manchmal anders. Menschen stolpern, fallen hin, manche stehen nie wieder auf, manche hinken ihr Leben lang, wenn sie sich mühsam wieder aufgerappelt haben. Von „auf Händen tragen“ kann nicht immer die Rede sein.

Wir sind eben nicht Gottes Marionetten. Sondern wir sind seine freien Menschen, denen er zutraut, daß sie ihren eigenen Weg gehen. Er läßt uns dabei auch unsere Fehler machen, aber er bleibt in Reichweite. Wenn man zu schwanken droht, kann man sich an ihm festhalten.

Vielleicht hilft es sich klar zu machen, wann der Verfasser diese schönen Zeilen aus dem 91. Psalm aufgeschrieben hat. Sicher nicht in Zeiten größter Not, sondern erst danach.

Erst danach wird ihm aufgegangen sein, daß Gott ihn behütet und getragen hat und zwar der Gott, auf den er sich schon ein Leben lang verlassen hatte. Er hatte auch diesmal wieder Wort gehalten.

Ein Netz, das einen auffängt, wenn man zu fallen droht, muß man spannen, wenn man stark ist. Wenn man schwach ist, kann man das manchmal schon nicht mehr.

Das ist mit Gott genauso.
Ihn als verläßliche Größe in sein Leben zu integrieren, übt man in guten Zeiten ein, damit man in schlechten Zeiten fest darauf vertrauen kann, daß man mit Gottes Hilfe viel schaffen wird, was man alleine nicht hinkriegt.

Ihr macht heute einen entscheidenden Schritt in diese Richtung. Ihr schlagt quasi die Haken ein für das Netz, das Euch einmal auffangen soll. Aber Haken alleine reichen nicht. Macht weiter.

Laßt Gott weiter vorkommen in Eurem Leben, nehmt ihn mit auf Euren Wegen, laßt ihn teilhaben, an dem, was Ihr erlebt.
Dann habt Ihr in ihm einen verläßlichen Partner an Eurer Seite, auch dann noch, wenn alle anderen sich längst verabschiedet haben.

Ich weiß, viele von Ihnen und Euch werden die Geschichte von den Spuren im Sand kennen. Aber das ist mir egal, ich erzähl sie trotzdem noch mal, weil sie wie keine andere deutlich macht, wie ernst unser Gott seine Zusage nimmt, die er Euch heute macht.

„Ein Mann blickt am Ende seiner Tage im Traum auf sein Leben zurück.
Er sieht im Sand immer zwei Fußspuren, seine eigenen und Gottes Spuren.

Doch gerade dann, wenn er es am schwersten hatte in seinem Leben, war nur eine Spur zu erkennen. Und enttäuscht wandte sich der Mann an Gott und fragte ihn:
„Warum hast du mich allein gelassen, gerade dann, wenn ich dich am nötigsten brauchte?“

Und Gott antwortete ihm: „Zu den Zeiten, die die schwersten in deinem Leben gewesen sind, siehst du nur eine Spur im Sand, weil ich dich getragen habe.“

„Der Herr hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich auf Händen tragen.“ So, wie eben in der Geschichte gehört, kann man sich das vorstellen.

Daß Gott immer mit uns auf dem Weg ist - ein größeres Geschenk hätte er uns nicht machen können. Das ist sein Geschenk für Euch, die Ihr heute konfirmiert werdet.
Und das vergeßt nicht unter all den tollen Sachen, die es heute gibt.

Und auch Sie als Eltern, vergessen Sie dieses Geschenk nicht, daß Ihre Kinder heute kriegen.
Vielleicht kommen Ihnen Ihre Kinder heute richtig ein wenig erwachsen vor, wie sie jetzt da sitzen, geschniegelt und gebügelt.

Sie werden mit jedem Tag ein bißchen erwachsener werden.
Sie gelangen zu immer mehr Selbständigkeit, der Einfluß der Eltern schwindet mehr und mehr.
Vielleicht bedauern Sie das, weil Loslassen schwer ist und Sie doch das Beste für Ihr Kind wollen.

Aber seien Sie getrost, das will Gott auch.

Was bleibt jetzt noch zu tun? Gleich den Segen und den kleinen Holzengel, den wir euch schenken möchten in Empfang zu nehmen, dann ordentlich Konfirmation zu feiern. Und sich vielleicht gelegentlich an dieses Sprichwort aus China erinnern:

„Ich sagte zum Engel, der an der Pforte zum nächsten Abschnitt meines Lebens stand:
Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewißheit entgegengehen kann.

Und der Engel antwortete:
Gehe nur in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes.
Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg.“

Amen.