Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über 1. Mose 8,6-13

Pfarrer Thomas Ammermann

03.03.2002 in Bad Mergentheim

Liebe Konfirmanden samt euren Familien,
liebe Gemeinde!

Auf unserem Liedblatt ist eine alte Schatzkiste abgebildet und an den "Schatz im Acker", der ja Thema unseres Konfi-Wochenendes war, haben wir uns auch schon erinnert.
In unserem Predigttext zum heutigen Konfirmationssonntag geht es jetzt um eine ganz besondere "alte Schatz-Kiste", um eine Kiste nämlich - besser: einen Kasten - dessen Schatz das Leben selbst darstellt.
In diesem Sinne serviere ich Ihnen und Euch einen Abschnitt aus einer ziemlich alten Geschichte von einem nicht minder alten Herrn und seinem schwimmenden Zoo:

1. Mose 8. 6-13

  1. Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche ein Fenster auf, das er gemacht hatte,
  2. und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden.
  3. Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.
  4. Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche.
  5. Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche.
  6. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug´s in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, daß die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.
  7. Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ eine Taube ausfliegen; die kam nicht wieder zu ihm.
  8. Im sechshundertundersten Lebensjahr Noahs am ersten Tage des ersten Monats waren die Wasser vertrocknet auf Erden. Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, daß der Erdboden trocken war.

Soweit die offizielle Darstellung der Geschehnisse, aus der Chefperspektive, Würdigung der Verdienste eines umsichtigen Kapitäns: Noah, der Patriarch, unbestrittene Autorität in der Kastenwelt, öffnet vorsichtig ein Fenster und läßt eine Taube heraus, um zu testen, ob die Zeit reif ist für den Freigang der Insassen.
Denkbar wäre aber auch eine andere Darstellung, z.B. aus der Perspektive eines Tieres. Die Logbuchaufzeichnungen einer kritischen Taube etwa:

"Seit Monaten unter drangvoller Enge eingesperrt in diesem Stall. Die Stimmung ist gereizt, die Moral auf dem Nullpunkt.
Über gravierende Fehler im Grundkonzept des Evakuierungsprogramms wird offen diskutiert. (Besonders die Entscheidung Noahs, betreffs der Zulassung eines Holzwurmpaares muß als fragwürdig gelten. Unter den Meerkätzchen wird bereits über Meuterei nachgedacht. Ihr Stall befindet sich unmittelbar unter dem Elefantendeck...)
Und die offensichtliche Bevorzugung der Milchkuh Ruth durch den Chef wird auch überwiegend mit Mißbilligung zur Kenntnis genommen. Bin gespannt, wie lange sich der Alte noch halten kann. Sein Gequatsche von Familie und trautem Heim will jedenfalls keiner mehr hören und an die Gefahren da draußen, vor denen er uns schützen will, glauben auch nur noch die kleinen Wüstenmäuse. Immerhin liegt der Kahn schon seit Wochen fest.
Höchste Zeit für einen Führungswechsel. Letzte Woche hat der senile Captain versehentlich ein Fenster offen gelassen. Da ist Rachmaninow, der Sprecher der Rabenfraktion, abgehauen. Oder hat ihn der Alte heimlich rausgeschmissen? Wie dem auch sei, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit bin ich auch weg..." usw.

Ja, liebe Eltern, nichts ist auf Dauer schwerer zu erhalten, als die Autorität derer, die immer nur das Beste wollen. Wem sage ich das?
Denn darüber, was das Beste ist, gehen die Meinungen von Eltern und Kindern naturgemäß auseinander. V.a. dann, wenn aus den kleinen Personen allmählich Persönlichkeiten werden, die nicht nur ihre eigenen Vorstellungen vom Leben entwickeln, sondern auch genug Energie haben, lautstark für sie zu kämpfen. (Und meist auch die besseren Nerven dazu.)
In den Unterdecks einer jeden Familienarche ist Meuterei geradezu an der Tagesordnung. Zu sehr unterscheiden sich die berechtigten Ansichten und Bedürfnisse der Jugendlichen von den nicht minder berechtigten ihrer Eltern, als daß es ohne Streit und nerviges Kompetenzgerangel gehen würde.
Da sind auf der einen Seite die Eltern, die in ihrem Kind v.a. noch das Kind sehen - natürlich völlig zurecht - die es schützen wollen vor den Gefahren und Enttäuschungen der harten Realität. Und auf der anderen Seite - nicht minder im Recht - stehen die Jugendlichen mit ihrem Drang nach eigenen Erfahrungen, nach dem Ausleben ihrer Vorstellungen in Freiheit außerhalb der schützenden Wände elterlicher Bevormundung. Beide haben recht - von ihrer Warte - und beide müssen zu ihrem Recht kommen. Nur ein Recht auf Ruhe hat in dieser Zeit wohl niemand. Harmonie war gestern, heute steht großes Orchester auf dem Programm...
Wenn die Kinder flügge werden wie Tauben, die das Nest verlassen wollen und erste Erkundungsflüge in eigener Sache fordern, dann gibt es Streit. Auch in den besten Familien. Gerade in denen. Denn was eine gute Familie ausmacht, ist ja die Möglichkeit, daß alle halbwegs zu ihrem Recht kommen. Was nicht bedeutet, daß jeder immer seinen Willen kriegt.
Gutgemeinte Strenge auf der einen, trotziges Federbürsten auf der anderen Seite. Und wenn dann mal ein Fenster offen steht - ja, dann kann es passieren ...
Wie dem auch sei, es gibt jede Menge Zündstoff in der alten Arche. Vielleicht haben auch Sie im Zuge der Vorbereitungen zu diesem Fest schon das ein oder andere familiäre Feuerwerk erlebt...
All das ist normal und im Großen und Ganzen auch gut so.
Denn Selbstständigkeit ist Übungssache und wo geübt wird, da gibt es halt schräge Töne.

Doch zurück zu unserer Noah-Geschichte, der offiziellen Fassung. Noah öffnet ein Fenster und läßt eine Taube fliegen. Er läßt sie Erfahrungen sammeln, denn ohne eigene Erfahrungen gibt es kein Leben in Freiheit. Und von dem, was die kleine Taube erlebt, profitiert auch der Patriarch mitsamt dem Rest der Besatzung. Denn wie anders kann er erfahren, ob die gefährlichen Wasser sich verlaufen haben, als durch das Wagnis, den sicheren Raum der Arche zu öffnen und jenes geliebte kleine Wesen aus seinem Schutz zu entlassen?
Noah ... ließ eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.

Natürlich geschieht dies nicht ein für allemal. Das offene Fenster dient ja nicht nur dem Verlassen, sondern auch - und zunächst vor allem - der Rückkehr ins gewohnte Nest. Der Beschützer bleibt im Fenster stehen, bereit, die Hand auszustrecken um das Tierchen wieder hereinzuholen, wenn es draußen keinen Fuß an den Boden bekommt oder wenn seine Kräfte für einen längeren Flug noch nicht ausreichen.
Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm ... Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche.
Das geht solange, bis die Taube nicht mehr wiederkommt. Dann weiß der Alte sicher, daß die Zeit für alle gekommen ist, die Tore zu öffnen für ein neues Leben unter der Sonne.

Liebe Gemeinde, die beschriebene Szene der Noah-Erzählung stellt so etwas wie ein Gleichnis dar für den Prozess des Erwachsenwerdens, in den unsere Konfirmanden eingetreten sind.
Alle, Eltern und Kinder, sind daran beteiligt und trotz all der eben beschriebenen nervigen Konflikte in der Übungsphase zur Selbstständigkeit profitieren auch alle - Eltern und Kinder - davon, wenn das Dach der Arche, die gewohnte Ordnung des familiären Zusammenlebens, aufgebrochen wird.
Denn bei allem Streit um Starterlaubnis und schmerzhafte Bruchlandungen, bei aller Konfrontation zwischen Jung und Alt, Neugier und Erfahrung, freudigem Tatendrang und ängstlicher Sorge - am Ende gibt es ein gemeinsames Ziel von Eltern und Kindern. Denken wir an Noah und seine Taubennummer: Alles ist in Ordnung, wenn sie nicht mehr wiederkommen muß. Erst dann.
Es ist nun einmal unser Job als Eltern, Pastoren, Lehrer und allen, deren Dienst in der Vorbereitung der Kinder auf den Ernst des Erwachsenseins besteht, uns überflüssig zu machen. Klar, daß sich - bei aller Freude über die Fortschritte unserer Kinder - auch ein schmerzliches Gefühl einschleicht, wenn wir an die unaufhaltsamen Veränderungen denken, wenn wir uns klarmachen, daß das Fortkommen der Jungen ein Fortgehen von uns bedeutet.

Liebe Konfirmanden, eure Konfirmation ist ein fröhliches Fest. Mit ihr wird euch ein Fenster zum Erwachsenenleben aufgetan, denn mit dem heutigen Tag werdet ihr im religiösen Sinne volljährig. Sämtliche kirchlichen Ämter - wie etwa das Patenamt und bald auch das des KGR - stehen euch offen.
Auch die Arche eures Elternhauses ist nicht mehr ganz verschlossen. Immer öfter werdet ihr in Zukunft alleine losfliegen können.
Nicht immer schon so umfassend, wie ihr euch das vielleicht wünscht. Eure Eltern stehen noch am Fenster wie Noah in der Arche. Und wenn sie das Gefühl haben, die Wasser des Lebens seien noch zu bedrohlich, lassen sie euch nicht los, selbst, wenn es euch ganz ordentlich in den Flügeln juckt. Noch ist die Rückkehr angesagt nach euren Flügen, manchmal mit grünem Ölzweig, manchmal ohne. Ich könnte auch sagen: manchmal mit guten Erfahrungen in der Welt der neugewonnenen Freiheit, manchmal mit solchen, die wir - und vor allem eure Eltern - euch lieber erspart hätten. Noch ist nicht der Tag, an dem ihr draußen bleibt und euch außerhalb der Arche euer eigenes Nest einrichtet. Aber immerhin: Mutige Erkundungsflüge sollten möglich sein, ebenso wie die Rückkehr ins vertraute Nest.
Bei all dem bitte ich euch bloß: Seid einwenig geduldig mit euren Eltern, wenn sie sich mal wieder da, wo ihr meint, daß Öffnung angesagt wäre, gebärden, als wären sie nicht ganz dicht... Nicht nur eure Selbstständigkeit will gelernt sein, sondern auch das Vertrauen eurer Eltern in diese.

Und das ist, weiß Gott, ein schwieriges, oftmals nervtötendes und reibungsvolles Unterfangen - für beide Seiten.
Noah ließ einen Raben ausfliegen... Danach ließ er eine Taube ausfliegen und nahm sie (wieder) zu sich in die Arche.
Er harrte noch ... und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche. Aber er harrte noch weiter... und ließ
(wiederum) eine Taube ausfliegen ...
(Erst) im sechshundertundersten Lebensjahr Noahs ... tat Noah das Dach von der Arche und sah (ein), daß der Erdboden trocken war.

Und jetzt noch mal zum scannen für alle:
Die Konfirmation steht für das Wagnis ins offene Leben hinaus zu fliegen. Sie steht aber auch für das Vertrauen - von Eltern und Kindern - in den Gott, der das Wagnis des Lebens segnet und begleitet.
Die Taube, die in unserer Erzählung Noah aus der Arche läßt - in der christlichen Symbolik ist sie ein Zeichen für den Heiligen Geist. Für jenen Geist, der uns in der Taufe zugesprochen wurde. Noah ließ eine Taube fliegen. Das war der Anfang vom Leben in der neuen Freiheit. Sich konfirmieren lassen bedeutet: Einen Schritt in die Freiheit des Lebens tun und dies im Geist der Taufe, will heißen im Vertrauen auf die Segenszusage Gottes über allem.
Selbstständigkeit, hatten wir gesagt, ist Übungssache. Gott selbst will euer Training leiten. Im Vertrauen auf Seinen Geist geht also nun eueren Weg. Auch wenn ihr noch manchen Strauß ausfechten und einige Federn lassen müßt, verloren gehen läßt Gott euch nicht.

Amen