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Liedpredigt über "Christ lag in Todesbanden" (EG 101)

Pfarrer Matthias Altevogt (ev.-luth.)

24.04.2011 St.-Marien-Kirche, Lemgo

Prediger: Pfarrer Matthias Altevogt

Orgel: Kantor Volker Jänig

Gesang: Uta Singer (Sopran)

 

 

Sopran / Orgel: Victimae paschalis laudes (Heinrich Scheidemann)

 

Predigt I

 

Liebe Gemeinde,

es könnte genau vor Tausend Jahren gewesen sein, Ostern im Jahre 1011. Der deutsche König heißt Heinrich II. und hält sich zum Fest in einer seiner Pfalzen auf. Vielleicht in Speyer, wo der Dom gerade zur größten Kirche des Abendlandes ausgebaut wird. Vielleicht in Hildesheim oder Paderborn. Heinrich denkt darüber nach, wann er nach Italien reisen kann, den südlichen Teil seines Reiches. Und wie er den Papst dazu bringen kann, ihn zum Kaiser zu krönen, wie seine Vorgänger.

Heinrichs Hofprediger hat ganz andere Gedanken. Er bereitet sich auf Ostern vor. Die Osternacht im Dom und das Hochamt am Vormittag. Der Hofkaplan heißt Wipo und stammt aus Burgund in Frankreich.  Er ist nicht nur Proester, auch Geschichtsschreiber und Dichter. In diesem Jahr will er den König und das Volk überraschen. Er hat ein Osterlied gedichtet auf die Melodie des Halleluja aus der Ostermesse. „Victimae paschalis laudes“. Natürlich lateinisch - , wie alles, was in der Messe gesungen und gesprochen wird.

Der Dom-Chor, die Schola von Priestern und Mönchen und vielleicht Kanben der örtlichen Lateinschule, übt es ein und singt es in der Messe als Erweiterung des Halleluja, es ist ja dieselbe Melodie. Einstimmig und ohne große Sprünge in der Tonhöhe. Schlicht und stark wie die Gesänge der Mönche in den Klöstern. So haben wir es gerade gehört von einer Stimme vom Schwalbennest herunter.

Wir haben zugehört und werden es gleich auch selbst singen.

Damals war das Volk stummer Zuhörer und verstand die lateinischen Worte nicht. Genauso wenig wie die alle anderen Teile. Das Kyrie eleison, das Gloria in excelsis, das Credo, das Sanctus  Dominus, Deus Sabaoth, das Agnus Dei. Schön anzuhören war es trotzdem.  Auch den verständigen Sängern, den Mönchen gefiel es gut. Deshalb wurde es schnell weithin bekannt und schließlich fester Bestandteil der Osterliturgie.

Hundert Jahre später, es war in Passau, dachten sich Mönche und Priester wieder etwas Neues aus: Sie boten der Gemeinde Leuten an, einzustimmen in das Osterlied. In deutscher Sprache mit einer kurzen Strophe auf dieselbe Melodie:

 

Christ ist erstanden, von der Marter alle.

Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

 

Das also ist das älteste deutsche Osterlied, 900 Jahre alt, eines der ersten für die Gemeinde. Die Leute mochten das Lied sehr, weil es einfach war und stark. Weil sie endlich einstimmen durften in den Osterjubel.

Bis heute ist es das Osterlied schlechthin, urtümlich kraftvoll, unverwüstlich. Ein Lied, das Tote aufweckt.

 

400 Jahre später, 1524 lebte in Wittenberg an der Elbe ein Mönch, ein Priester, ein Dichter – Martin Luther. Dem war das zu wenig, im ganzen Ostergottesdienst nur eine deutsche Strophe für die Gemeinde. Er übersetzte einfach alles ins Deutsche. Nun hießen die Teile:  Herr erbarme dich. Allein Gott in der Höh´sei Ehr. Ich glaube an Gott, den Vater. Heilig, heilig heilig ist der Herr Zebaoth, Christe du Lamm Gottes. Die Gemeinde durfte mitsingen im Wechsel mit dem Priester. Das ist die Deutsche Messe, von Martin Luther eingeführt. Das Grundgerüst des Gottesdienstes heute wie vor 1000 Jahren.

 

Luther wollte den Leuten aber noch mehr Lieder geben. Sie mündig machen. Er nahm sich das Lied des Wipo von Burgund vor. Und dichte es nach:

„Christ lag in Todesbanden, für unsre Sünd gegeben.“

Jetzt verstehen wir es endlich auch. Und hören die erste Strophe vom Sopran. Nachher singen wir sie auch noch selbst. Den Text finden sie im Gesangbuch unter der Nummer 101.

 

Sopran / Orgel: (Satz von Johann Herrmann Schein)

 

 1. Christ lag in Todesbanden Für unsre Sünd gegeben,
Der ist wieder erstanden Und hat uns bracht das Leben;
Des wir sollen fröhlich sein, Gott loben und ihm dankbar sein
Und singen Halleluja. Halleluja!

Predigt II

 

Latein konnten die wenigsten vor 1000 Jahren. Lesen ebenso wenig.

Aber es gab die Bilder in den Kirchen. Zum Beispiel an dieser Säule rundum: Szenen aus dem Leben Jesu, von der Geburt bis zur Kreuzigung. Und es gab die Osterspiele. Bibeltheater im Gottesdienst. Priester spielten die Auferstehung Jesu nach, sprachen Dialoge zwischen Engel und Frauen am Grab.

Mit diesen Spielen fing die Reformation schon vor der Reformation an. Das Kirchenvolk hat sie nämlich in eigene Regie genommen. Hat die Osterspiele aus der Kirche auf den Marktplatz geholt, ergänzt und weitergeschrieben. Frauen und Männer übernahmen die Rollen auf der Volksbühne. Theologisch war das nicht mehr sauber, aber volkstümlich. Deftige, komische Szenen wurden eingebaut, der Wettlauf der Jünger zum Grab, mit Stolpern und Fallen.

An manchen Orten werden bis heute aufgeführt, die von Oberammergau sind die bekanntesten.

„Victimae paschalis“ hat Dialoge, so wurde es in manche Osterspiele aufgenommen. Auch Luthers Nachdichtung ist ein Schauspiel. Wir hören die 2. Strophe. 

 

Orgel / Sopran (Satz: Johann Walter)

 

2. Den Tod niemand zwingen konnt Bei allen Menschenkindern,
Das macht' alles unsre Sünd, Kein Unschuld war zu finden.
Davon kam der Tod so bald Und nahm über uns Gewalt,
Hielt uns in seinem Reich gefangen. Halleluja!

Die erste Szene ist ein Vorspiel: Christus liegt im Grab, in Leichentücher gewickelt, eingeschnürt. Christ lag in Todesbanden. Stille.

Dann kommt eine laute Massenszene. Wenn wir das aufführen wollten, dann müsste einer den Tod spielen. Ein böser Sklaventreiber, ein Brutalo, mit Peitsche treibt er die Menschen zusammen. Alle anderen müssen als Satisten mitspielen. Als die Beute und Gefangenen des Todes. Er treibt sie zusammen auf dem Marktplatz, alt und jung, Mann und Frau, Arm Und Reich, keiner kann entwischen. Er führt sie weg in die Verbannung, ins Totenreich. 

Einzelne versuchen den Aufstand, stürzen sich auf ihn, wollen den Tod überwältigen. Doch er ist übermenschlich stark und stößt sie einfach weg. Ein Sprecher am Bühnenrand erklärt:

Den Tod niemand zwingen konnt bei allen Menschenkindern,

Das macht' alles unsre Sünd, Kein Unschuld war zu finden.

Davon kam der Tod so bald Und nahm über uns Gewalt,

Hielt uns in seinem Reich gefangen.

 

Wir könnten uns so ein Stück anschauen als Folklore, zur Unterhaltung. Wenn wir es einüben wollten, müssten wir uns mit dem Ernst dahinter beschäftigen.

Ein Suchtkranker zum Beispiel, ein Alkoholiker ist gefesselt in seiner Sucht. Sie zerstört sein Gesundheit, und seine Familie. Aber es ist unendlich schwer, sich aus den Fesseln der Sucht zu befreien. Viele schaffen es nicht. Oft führt sie zum frühen Tod.

Weniger dramatisch kennt das jeder: Wie schwer ist es, ungesunde Gewohnheiten abzulegen. Auch wenn es das Leben verkürzen wird, das Rauchen, das Übergewicht, der Mangel an Bewegung. Wie schwer ist es, das zu ändern, es hat uns im Griff.

Wer schlechte Verhaltensweisen an sich sebst entdeckt und si eändern woll, wer schlechte Beziehungen dauerhaft verbessern will, muss hart an sich und miteinander arbeiten, über lange Zeit. Und scheitert doch oft.

Das sind die Mächte des Todes, die uns gefangen halten. Arm und Reich, alt und jung, Frau und Mann. Keiner kann sich frei sprechen,  da steht auch keiner drüber. Und wer steht, der stehe zu, dass er nicht falle.

 

Wir hören die dritte Strophe. 

 

Orgel / Sopran (Satz: Lukas Osiander)

 

3. Jesus Christus, Gottes Sohn, An unser Statt ist kommen Und hat die Sünde abgetan, Damit dem Tod genommen
All sein Recht und sein Gewalt, Da bleibet nichts denn Tod´s Gestalt, Den Stachel hat er verloren. Halleluja.

 

Jeder der dem Tod entwischen will, dem sagt der Tod: Halt, mein Freund, ich habe ein Recht auf dich. Du bist mir untertan. Du hast dein Leben verwirkt.

Wer für die Todesstrafe eintritt, der sagt dasselbe. Ein Mörder hat kein Recht mehr zu leben. Die Bibel ist radikaler. Die sagt: Das gilt nicht nur für Mörder, sondern für jeden Menschen. Gott kann uns nur eine Weile auf Erden dulden. Wir müssen sterben, damit wir nicht noch mehr Schaden anrichten. Wir haben kein Recht zu leben, weil wir zuviel kaputt machen. Die Lebenszeit die Gott uns schenkt, ist eine Gnadenfrist. Ein Recht darauf haben wir nicht.

Doch Gott lässt es nicht dabei. Er will, das wir leben. Er schickt den Retter, den Held, den Prinzen der Dornröschen aus dem Todesschlaf wachküsst. Den Ritter, der mit dem Drachen kämpft. Den Supermann, der die Menschheit rettet. Wir hören die vierte Strophe:

 

Orgel / Sopran (Satz: Johann Walter)

 

4.  Es war ein wunderlich Krieg, Da Tod und Leben rungen,
Das Leben behielt den Sieg, Es hat den Tod verschlungen.
Die Schrift hat verkündigt das, Wie ein Tod den andern fraß,
Ein Spott aus dem Tod ist worden. Halleluja!

Jesus Christus ist Sieger. Weil er ohne Sünde ist, hat der Tod keine Macht über ihn. Er gibt sich in die Gewalt des Todes, freiwillig, damit wir Todgeweihten freikommen. Er stirbt als Geisel, als Pfand und Bürge. Da liegt er scheinabr besiegt im Grab. Aber dann streift er die Leichentücher ab, steigt aus dem Grab. Der Tod war naiv. Er glaubte, den Christus fesslen zu können. Jetzt ist der Tod der Dumme, reingelegt. Ätsch! 

 Jetzt möchte ich einen Menschen von heute auftreten lassen in diesem Osterspiel, ein Intermezzo einfügen vor dem Finale. Der Mensch fragt: Was hilft mir dies Schauspiel, dieses Mysterienspiel aus dem Mittelalter, dieser Mythen-Märchen Stoff? Was hilft er mir, wenn ich kaputt gehe in kranken Beziehungen? Wenn ich sterben muss? Dann bin ja doch allein mit dem Tod unter vier Augen.

Nein sagt das Lied, sagt das Schauspiel, das ist eine Täuschung, eine Fata Morgana, ein Bluff: Dem Tod ist nur noch seine äußere Gestalt geblieben. Ja, er sieht noch genau so schrecklich aus. Aber er ist nur noch eine leere Hülle, ein Schatten seiner selbst. Das sollst du wissen und ihn auslachen. Der Mensch zweifelt, hat aber keine Zeit zum Nachdenken. Denn jetzt kommt das Finale, alle auf die Bühne!  

Jetzt singt der große Chor ein Spottlied auf den Tod, diesen Pappkameraden, diesen Ritter von der traurigen Gestalt. Diesen Don Quichote. Christus, der Heldentenor treibt ihn vor sich her, der Chor rückt nach, der schlappe Tod weicht zurück, bis er über den Bühnerand stolpert, stürzt, zur Hölle fährt, aber allein.

Das ist große Oper wie Don Giovanni, oder großes Kino, wenn ihnen das mehr liegt.

Dann beginnt das Osterfest am Abendmahlstisch. Und der Schlusschor ist von Händel aus dem Messias: Halleluja, Halleluja, Hallelluja!  


Liebe Gemeinde, singt mit, klascht Beifall und vergesst nicht, was ihr gehört und gesehen habt! Das war kein Schauspiel, das ist das wahre Leben. Bewegt es in eurem Herzen, dann seid ihr bereit  für die Stunde, wo ihr dem Tod ins Auge seht. Dann lacht über ihn, den Pappkameraden, die leere Hülle und zieht eurem Held entgegen.

Ein Lied auf den Lippen: Christ lag in Todesbanden…

 

Wir singen aus dem Gesangbuch Nr. 101 , die Strophen 1 + 5-7.