Foto von aufgeschlagenen Büchern

„Nein und Halleluja“, statt „Ja und Amen“

Hanns Dieter Hüsch

13.02.2000

Predigtpreis 2000 für sein Lebenswerk

Anlass: „Offene Kirche“

„Nein und Halleluja“, statt „Ja und Amen“

TEIL 1

Liebe Freunde und Freundinnen in Christo!

Freude sei mit Euch und Freundlichkeit und Freundschaft - und die Tugend der Höflichkeit, den Anderen wahrzunehmen und zu grüßen, und zu sehen, dass Gott uns wieder einmal zusammengeführt, um seinem Worte zu begegnen - und auch, um uns einzugestehen, daß wir auch weiterhin nur Stückwerk sind und bleiben, wenn nicht sein Wort ein Licht auf unseren Wegen wäre, die wir für lang und endlos halten, die aber nur ein kleines Stück voll von Schein und Trug sind, und als Ergebnis stellt sich doch oft ein lächerliches Bild heraus - ein falsches Photo, auf dem der Anfang und das Ende fehlen, abgeschnitten, einfach abgeschnitten sind.

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“ - und so auch wir: am Anfang kamen und kommen wir von Gott, und am Ende gingen und gehen wir zu Gott. Wie oft sind wir aber schon nicht mehr in der Lage, meine Freunde und Freundinnen, diesen großen Bogen, diesen wunderbaren Zusammenhang, diesen Zusammenhalt ganz „ohne wenn und aber“ zu erkennen, geschweige denn anzuerkennen und dadurch kreativ zu werden in Gottes Namen, mit seinem Wort!

Eine Predigt soll ja auch immer ein bisschen wie sagt man?! ein „Leviten lesen“ sein. Ich ziehe es aber vor, unsere Schwierigkeiten einzugestehen und von unseren Anstrengungen auszugehen, unsere Schwierigkeiten und Schwächen zu besprechen, warum wir oft den Anfang und das Ende nicht genügend in uns aufnehmen - nicht aufnehmen können, obwohl wir sein Wort haben. Sein Wort fängt weit, ganz weit schon vor dem Anfang an, und geht am Ende noch viel weiter - bis „noch mal so wie“, möchte ich sagen. Aber wir schneiden uns dann immer nur unser Leben als kleinen Abschnitt aus: hie Geburtstag, da Todestag, und tuen unsere Pflicht - jawoll, tun unsere Pflicht - in Ordnung, laufen hin und her, „von hüh nach hott,“ kennen die Welt, laufen in die Apotheken, sitzen in Kneipen, feiern Triumphe, fahren „die Kreuz und die Quer“ und sind „gemachte Leute“, „gemachte Menschen“ – „gemacht“, das wäre doch gelacht ... Dann kommt ein Blutgerinnsel und die ganze Oper platzt - so wie ein Luftballon in einer vollen Straßenbahn.

„Schade“, sagt dann die Mutter zu ihrem kleinen Kind, „hättst halt besser aufpassen müssen.“ Ja, hätten wir halt besser „aufpassen müssen,“ besser zuhören können. Dies soll und kann kein Vorwurf sein - um Gottes willen! In Gottes Worten steckt kein Vorwurf, sondern seine Liebe und Sorge. Gott sagt ja nicht 'müssen', sondern 'können'. Er sagt ja auch nicht: 'Du darfst nicht' er sagt: 'Du sollst nicht', 'Du mögest nicht'.

Er zwingt niemanden - denn: Er hat Zeit, viel Zeit. Wir - haben keine Zeit. Er aber hat sehr viel Zeit - Zeit, die nicht auf unseren Uhren steht, und unsere Termine stehen nicht in seinem Weltkalender. Sein Wort ist grenzenlos, ist zeitlos und 'restlos', vor allen Dingen und nach allen Dingen. Es ist in allen Winkeln der Welt am Tag und in der Nacht zu spüren - muss zu spüren sein, meine Freunde und Freundinnen, weil wir lebendig sind und weil wir sterblich sind. Wir sind ja nicht nur eins von beidem, wir sind ja immer beides: lebendig und sterblich, Anfang und Ende. Es ist zu hören, sein Wort, weil wir kommen und vergehen, wachsen, blühen und verwelken und versanden. Es ist zu tun, sein Wort, weil wir Station auf seiner Erde machen, hier mit vielen Anderen in seiner Hand sind, in seinem Blick, in seinem Ohr. Er weiß, was wir jetzt reden. Wir aber wissen oft nicht, was wir tun, und sind so launisch, so selbstgefällig-aufgeklärt, so aufgeblasen-fortschrittlich, so lässig-psychologisch - und backen doch ganz kleine Brötchen, wenn's dann um's Ganze geht - salopp gesagt.

Nun, dies war wenn Sie so mögen - das Vor-Wort, die Basis, die Rückendeckung wenn Sie so wollen: das 'Große Einmaleins'. Das 'Kleine Einmaleins' ist unser täglich Tun aus seinem Wort heraus. Das fängt am Morgen an und geht bis in den tiefen Abend jetzt, wo es lange, hell ist und bald viele unter seinem Himmel sitzen, reden und trinken und essen und singen und lachen und grüßen und winken, mit einem Worte: fröhlich sind - wie man so sagt: mit einem Worte - 'fröhlich' sind. Darunter sind nicht alle Christen, aber es ist die Freundlichkeit und Heiterkeit, die nur aus Gottes großem Wort entsteht - ob einer glaubt, ob einer zweifelt oder gar von allem sich schon abgewandt: wer heute heiter ist, der ist ein Gotteskind! Wer heute, in dieser Zeit des Mittelmaßes und der Oberflächengrausamkeit, heiter ist und unbestechlich bleibt, der ist ein Gottes-Mensch, der hat das 'A und O' entdeckt und geht mit Gottes Wort durch's Leben - nicht penetrant/fundamentalistisch, nein: leichtfüßig, und hat für jeden einen winzigen Gedankengang und sagt auch jedem, dass er sich nicht fürchten soll und dass das Wort die bess're Droge sei, und dass mit Gottes Wort jeder und jede ganz von vorn beginnen könne - gleichgültig, wo und wie und wann und wer es sei! Gottes Wort ist konfessionslos. Wenn Gott sich in einem Hotel eintragen müsste, er wüsste wahrscheinlich gar nicht, was er unter 'Konfession' schreiben sollte. Gottes Wort ist nicht parteigebunden, es ist nicht organisiert und wird oft lächerlich gemacht - und hat doch alle Zeiten und alle Welten überdauert. Merkwürdig, nicht?

Noch mal zurück zum 'Kleinen Einmaleins': Es gibt natürlich viele Worte, die wir tagtäglich brauchen im Umgang mit unseren Mitmenschen, praktische Worte, Worte der täglichen Gewohnheiten, Worte beim Frühstück, berufliche Worte, Kindererziehungsworte, Worte aus Kultur, Wirtschaft und Sport, Elternworte, Kinderworte, Familien-Worte, Worte aus der Politik, aus der Vergangenheit, Worte für die Zukunft, Worte zum Samstag, zum Sonntag, zum Montag wir sprechen sie alle, wir hören sie alle, wir sind ganz Ohr, sagt man, oder wir hören gar nicht mehr zu, wir sind überfordert oder nicht interessiert - es läuft halt, was soll's aber plötzlich müssen wir uns anstrengen. Warum? Es steht oder sitzt uns ein Mensch gegenüber, der in Not geraten ist, dem großes Leid wiederfuhr, der unseren Rat braucht - egal -, der sich nicht mehr zurechtfindet - was weiß ich! - und wir stehen oder sitzen ihm etwas hilflos gegenüber und auf einmal merken wir, dass wir mit Gottes Wort verbunden sind. „Und er sandte ihnen sein Wort und machte sie gesund und errettete sie, dass sie nicht starben“, heißt es im Psalm, und wir spüren, (wir spüren doch,) wie Gott uns stark macht, um Worte des Trostes zu finden mit seinen Worten, wie er uns führt, dass wir bescheiden dabei bleiben, um den Nachbarn wieder in's Leben zurückzurufen, wie er uns bei der Auswahl der Wörter hilft, wie er uns leitet und anhält, behutsam zu sein, denn „seine Güte währet ewiglich“, heißt es im Psalm, wie er uns ganz offen macht und jedes, selbst das leiseste Vorurteil von uns fernhält. Und da mag jetzt einer sagen: „Ja, das können wir doch auch/ ohne ihn und ohne sein Wort!" Das mag sein, aber nicht für lange und nicht bei allen! Und das ist der Unterschied, meine Freunde und Freundinnen: Gottes Kinder können dies aus Gottes Wort heraus bei allen - und sind ganz plötzlich in der Lage, dem Unglücklichsten, dem Traurigsten Mut zuzusprechen und ihn zuversichtlich zu machen, und selbstbewusst und lebensfroh!

Und die, die daherkommen und ihr Wort in die Welt setzen, um sie zu zerstören, die den Menschen wirklich als Material, als Menschenmaterial verschachern, deren Wörter Befehle sind, wissen nichts vom Kommen und vom Gehen, vom Morgen und vom Abend; sie reden viel und vernichten viel, sie verfolgen viel und töten viel, und Gottes Wort ist ihnen ein Greuel, so wie der Krieg für sie kein Greuel ist. Das Wort von der Feindesliebe verspotten sie, Frauen und Kinder zertreten sie, Waffen verschieben sie, Geschäfte verschleiern sie und ihr Herz verschließen sie, und lassen Gottes Wort hohnlachend den Friedfertigen, den Naiven und denen, die Jesus nachfolgen, der seinen Jüngern gesagt hat: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich Euch befohlen habe. Und siehe: ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Das ist ein Wort, meine Lieben, das mich immer sehr bewegt: „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Und es sagt mir, dass ich mich getrost auf den Weg machen kann und selbst in mir Wörter finde, um andere zu trösten, zu ermutigen, nicht aufzugeben, oder auch um mich zu wehren, wenn andere meinen, mir Wörter voller Hass entgegenschleudern zu müssen, Wörter, die mich unsicher machen sollen, Wörter, die mich bestechen sollen, zerteilen und auseinandernehmen sollen, verletzen und mundtot machen sollen. Da ist dies Wort „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende“ eine große friedliche Waffe. Ich kann mich an einen Baum lehnen und sagen: „Macht ihr nur, redet ihr nur alle. Es gibt ein Wort, das mich alles ertragen lässt, das mich unverwundbar macht und über den Berg führt zu denen, die zärtlich sind und deren Wörter zärtlich sind, weil sie mit Gott sprechen; und Gott spricht mit ihnen und lässt sie nicht allein. Und während sie sprechen und einander zuhören, werden im Tale Lichter entzündet, Türen geöffnet, und es geht ein Leuchten durch die Finsternis und ein Schweigen durch die Menschen, ein Erkennen in den Herzen und ein Verstehen unter den Fremden, bei den Kindern ein Wissen und ein Lächeln bei den Alten. Denn Gottes Worte sind ganz hell und klar, und täuschen nicht, enttäuschen nicht und blenden nicht, irrlichtern nicht und lassen das Herz nicht bluten, sondern blühen!"

Ich sagte, dass ich es vorziehe, unsere Schwierigkeiten zu gestehen und unsere Anstrengungen zu besprechen, warum wir oft das Wort nicht hören und nicht tun, weil wir in unserer kleinen Welt den Anfang und das Ende nicht mehr sehen, vom Anfang und vom Ende nichts mehr hören, obwohl es täglich, stündlich überall geschieht, zwischen Nord- und Südpol augenblicklich sich vollzieht und ganz nah zu sehen, zu hören und zu spüren ist. Wir ertrinken doch in sogenannten Nachrichten, nach denen wir uns richten, werden mit sogenannten Informationen vollgestopft, damit wir 'in Form' sind, und sind nicht klüger als zuvor. Die Verteilungskämpfe haben überall begonnen, wir sind unserer Welt nicht mehr sicher und bei Vielen ist die Liebe schon verfallen zugunsten einer sogenannten gesunden Realitätsbewältigung. Ich sage es noch einmal: dies sind keine Vorwürfe, sondern nur Bilder, Abziehbilder unserer kleinen Existenz, wenn wir Lebendigen und Sterblichen den Dingen Anfang und Ende nehmen, die auch des Menschen Würde bedeuten, eine Würde, die von Gott kommt - denn am Anfang war das Wort, sein Wort, und am Ende, wenn alles uns verlassen hat, ist es immer noch bei uns, bis an‘s Ende aller Tage.

TEIL 2

Meine Freunde und Freundinnen in Christo

Es tut gut euch alle hier zu wissen
Die Kleinsten und die Größten
Die Jüngsten und die Ältesten
Die Dicken und die Dünnen
Die Schwachen und die Stärkeren
Die Gesunden und die Gebrechlichen
Vielleicht auch die Gläubigen und die Ungläubige.
Die Musikanten und die Poeten
Die alles umfassenden Katholiken
Und die weltumtriebenen Protestanten
Die Trauernden und die Fröhlichen
Hier beieinander zu sehen
In der Furcht und in der Freude
Das alles macht es mir leichter
Meine alten Gedanken neu zu beschreiben
Von einem Vorhaben zu erzählen
Das ich immer schon mal praktizieren wollte
Nämlich den Menschen
Sein Werden und Wachsen
Als einziges Thema zu zeigen
Und zu zitieren
Das heißt alles andere ist nicht von Belang
Ist nicht von Bestand
Oder wie man sagt
Saisonal bedingt
Hat keine Dauer und keine Würde
Ist flüchtig und kosmetisch
Wenn auch im Augenblick sicherlich nötig
Macht aber keinen Eindruck und keinen Ausdruck
Ich wollte immer schon mal Menschen porträtieren
Von Anfang an
Von der Geburt
Vom 1. Jahr bis zum 70. bis zum 80. Jahr
Bis zum Ende
Von jedem Jahr ein Foto ein Gesicht ein Bild
Das Leben eines Menschen begleiten und beobachten
Wie seine Seele arbeitet seine Ohren wachsen
Was er auf seinen Schultern trägt
Erträgt und nicht erträgt
Von jedem Jahr ein Bild einen Ausschnitt
Auf dem wir sehen wie wir uns vom Anfang entfernen
Und auf das Ende zu wandern
Wie sich Haut und Haare verändern
Hand und Fuß vergrößern
Augen und Zähne sich vollenden
Wie sich die Unschuld langsam oder auch plötzlich
In Schuld verwandelt
Wie der Kummer wächst
Oder das Glück auf der Nasenspitze sitzt
Und wir sehen von klein auf
Wie das lachende Kind ganz langsam in den
Schüchternen Schüler übergeht
Wie der Schüler unter den Sommersprossen leidet
Wie das lachende Kind in die Welt guckt
Als wolle es sagen lhr könnt mir viel erzählen
Wie in den Schläfen aber schon die Krankheiten
Pulsieren
Und die Adern deutlicher werden
Wie um den Mund sich ein Kräuseln entwickelt
Und wie dieser Mund dann herber und härter wird
Ich wollte dies immer mal machen
Eine Ausstellung
Wie ein Mensch wächst blüht und gedeiht
Älter wird alt und klein
Aber gewachsen ist aufgewachsen ist erwachsen ist Wie er seinen Halt gesucht hat
Und weiter sucht
Wie die junge Frau aufblüht und voller Hoffnung ist Und auf einmal Grübchen Die Spucknäpfe Amors sagte mir mal ein Professor Bekommt
Und die Welt sich in die Gedanken hineinmischt Und die Kleidung plötzlich dunkler
Und die Tage trostloser
Und alles sich dreht
Und die Vernunft sich wehrt
Und hinter der Stirn wird der Mensch ein anderer
Kommt in die Jahre sagen die Nachbarn
Kommt in die Jahre
Sehen selbst nicht viel anders aus
Verwüstet verwahrlost
Dennoch ziehen Schönheit und Güte in
Manches Gesicht
Gemüt kommt auf wie eine Serenade
Wer aufgibt wächst nicht mehr
Erst wenn alles getan alles ertragen alles gesehen Und alles gelebt
Sind wir dem Himmel am nächsten
Und können unsere Rechenschieber vergessen
Denn unsere Maßstäbe taugen dann nichts mehr
Gott misst mit anderen Ellen
Und lässt uns bis in den Himmel wachsen
Wenn wir unsere Stäbe zerbrechen
Und in des Menschen Gesicht in seine Seele
Ziehen Stille und Frieden ein
Uralt und urjung sind wir dann
Und die Kraft des heiligen Geistes wird mit uns sein Bis an das Ende der Welt

Ich habe ein Wort von Tagore entdeckt Ein Wort des großen indischen Dichter-Philosophen Er hat geschrieben: Mein König hat mich gerufen
Am Wege die Flöte zu spielen
Damit alle die sich dahinschleppen
Einen Augenblick stehen bleiben
Um Atem zu holen.
Wobei ich nicht genau weiß
Ob ich noch zu den Flötenspielern gehöre
Oder zu denen die sich dahinschleppen
Gleichviel
Wenn wir nicht werden
Wie die Landstreicher und die Obdachlosen
Und uns nicht auf die Seite der gefolterten Kinder Und der gequälten Tiere schlagen
Dann sehe ich sehr schwarz
Für Jacobs Hochzeit
Und für Marthas Enkel
Jedes Kinderweinen erinnert mich an die
Weltgeschichte
Jedes verlorengegangene Tier erinnert mich
An die Suchexpeditionen des Menschen
In Urwäldern und Eiswüsten
Jeder verletzte Vogel zwingt mich
Erbarmen zu haben mit allen Geschöpfen
Die geblendete Rose trifft sich
Mit dem gefolterten Pferd unter dem
Fenster des Friseurs
Um den Tag der Ohn-Macht-Übernahme
Zu besprechen
Um den Tag des Gesichts und der Seele festzusetzen Um mit der Bitternis fertig zu werden
Täuschungen und Enttäuschungen sind zu bestehen Und zu überwinden
Müssen angenommen nicht hingenommen
Sondern verwandelt werden
In Haltung und Heilung
Das Kleine wird groß
Und das Große wird klein
Und das Gehen wird leichter
Und die Sicht freier
Und der Atem heiter
Und wir schreiten zu einer Sarabande
Zwischen Himmel und Erde
Als wäre es eine Straße und ein Dach
Das sich öffnet
Auf dass alle die sich da hinschleppen
Neue Hoffnung haben und neuen Mut bekommen
Aus dem lachenden Kind ist ein heiterer Greis
Geworden
Aus der fröhlichen Frau eine starke Familienkönigin
Die Lauten haben das Leise entdeckt
Und die Leisen sind große Redner geworden
Die Altersfalten und Fältchen an Haupt
und Händen
Werden wie Schmuck getragen
Und erzählen Geschichten vom Leben und Leiden
Vom Glück von der Liebe vom Streit
Und von den Krankheiten
Und den Verlusten von den Tagen und Nächten
Vieles ist untergegangen aber jetzt plötzlich sichtbar
Der Mensch ist gewachsen aufgewachsen
Und Gott der Herr
Holt ihn jetzt in seine Nähe
Und hat seine Freude an ihm
Seinem Menschen
Den Er gemacht hat
Vor langer Zeit
Mit allem was wir Anfang und Ende
Kommen und Gehen nennen
So groß sind wir geworden
Und sind vor Gott so klein
Aber Er liebt uns
Weil Er allumfassend weiß wie wir leben und sterben
Und Er nimmt uns in seine Arme und schenkt uns
Ein Wiedersehen mit allen
Die wir lieben und geliebt haben
Die wir suchen und finden
Weil Gottes Geschichte länger währt
Als die Weltgeschichte
Weil Jesu Himmelfahrt älter ist
Als die Raumfahrt
Weil wir wachsen blühen und gedeihen
Älter werden und kleiner werden
Zu Erde werden
Aber durch den Tod hindurch
Weiter wachsen zu Jesus
Der sich bis ans Ende der Welt
Unser erinnert
Unser erbarmt
Und uns erlöst
Jetzt und immerdar.

Ich stehe unter Gottes Schutz
Er lässt mich nicht in die Leere laufen
Und macht aus mir keinen Kriegsknecht
Sondern so wie ich bin sein Mensch
Ich suche den Frieden und will mich nicht ausruhen
Ihn mit allen zu finden
Auch mit denen die noch unter den Waffen stehen
Anzuzünden unsere Erde die nicht hohl ist
Sondern Gottes Herz

Ich stehe unter Gottes Schutz
Ich bin sein Fleisch und Blut
Und meine Tage sind von ihm gezählt
Aber Er lehret mich den zu umarmen
Dessen Tage ebenfalls gezählt sind
das heißt alle in den Arm zu nehmen
Weil wir Trauer und Freude teilen wollen
Dass beide wie Leib und Seele zusammen sind

Ich stehe unter Gottes Schutz
Ich weiß das seit geraumer Zeit
Er nahm den Gram und das Bittere aus
Meinem Wesen
Und machte mich fröhlich
Und ich will hingehen
Alle anzustecken mit Freude und mit Freundlichkeit
Auf dass wir alle ein Herz und eine Seele werden
Ein Gemüt und ein Gedanke
Durch seinen Frieden und unseren Glauben
Schalom in Dorf und Stadt!

 

 

Anmerkung zur Predigt

Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hat am Sonntag, 13. Februar 2000, in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel vor 900 Menschen gepredigt. Die Mischung von Predigtelementen und bestehenden kabarettistischen Texten hat sowohl erheitert, als auch zum Nachdenken angeregt. Beeindruckend war, aus welcher Glaubenstiefe heraus der 75-jährige Hüsch heitere Lebenskraft für sich und andere zu schöpfen weiß.

Auf Wunsch von H. D. Hüsch konnte aus der Kollekte Fr. 7658.10 der Organisation „Help! For Families“ überwiesen werden, die sich auf die sozialpädagogische Familienbegleitung spezialisiert hat und dieses Geld verantwortungsbewusst und gezielt einsetzen wird.