Foto von aufgeschlagenen Büchern

Osterpredigt über die Auferstehung

Pfarrer Dr. Ulrich Schmidt (ev.)

12.04.2009 in den beiden Kirchengemeinden Sulzburg und Laufen

Ostersonntag 2009

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

am letzten Mittwoch ziehe ich – wie jeden Tag – etwa fünf nach sechs die Zeitung aus dem Briefkasten. Und was sehen meine noch müden Augen? Ein Bild des Auferstandenen auf der Titelseite der Wochenzeitung ZEIT.

„Schau, schau“, denke ich, „das Christentum wieder mal als Titelstory.“ Meine Blick fällt auf die Überschrift: „Die unglaublichste Geschichte der Welt. Nichts klingt unwahrscheinlicher als die Auferstehung Jesu.“

„Natürlich“, denke ich, „der Glaube wieder mal auf dem Prüfstand!“ Zurück bei meiner Kaffeetasse blättere ich: Obama, nochmal Obama, Abrüstung, Steinmeier; es folgen das Dossier, die Teile zu Wirtschaft und Wissen, bis ich endlich auf den Seiten 41/42 zum Titelthema gelange.

„Schon die Platzierung spricht Bände“, denke ich, „die Auferstehung rangiert hinter Politik, Wirtschaft und Wissen!“ Aber dann staune ich: Robert Leicht, der Chefredakteur, schreibt unter dem Titel „Höher als alle Vernunft ...“ Höheres als die Vernunft? Kann man von so etwas sprechen in einer Zeit, in der – zumindest dem Verstand – Ratio, Messbarkeit, Neuronen, Aminosäuren als Grundlagen aller Theoriebildung gelten? Erstaunlich! Würde ein Pfarrer das sagen, würde man ihn belächeln.

Es ist 6.15 Uhr. Langsam werde ich munter. Der Hauptartikel, unter der Überschrift „Warum ich daran glaube“, stammt von Sabine Rückert, der preisgekrönten Journalistin. Sie berichtet von ihrer Bibellektüre, von den Zumutungen dieses Buches für einen modernen Leser. Und sie schließt die Einleitung mit dem Satz „Von allen Zumutungen ... war für mich ... die Behauptung der Auferstehung das stärkste Stück.“ Klar, das hatte ich erwartet.

Aber halt! Der nächste Satz überrascht: „Und doch.“ schreibt Frau Rückert, „Gerade die Auferstehungsgeschichte ist mir heute ... die liebste von allen. Ich finde sie so großartig, so unverschämt zuversichtlich, dass ich meinem einzigen Kind den Namen Maria Magdalena gegeben habe – den Namen jener Frau also, die dem Auferstandenen zuallererst begegnet ist.“

Dann hebt sie an zu einer Begründung ihres Glaubens an die Auferstehung. Und ich fange an zu schmunzeln: Kann es sein, dass hier jemand begriffen hat, dass man kein dumpfbackiger Naivling sein muss, um Christ zu sein? Dass der Glaube sehr wohl gute Gründe hat, wenn auch keine Beweise?

Frau Rückert schildert, wie der christliche Glaube immer unter Schwindelverdacht stand. Wie oft hatte man vermutet, die Jünger hätten den Leichnam geklaut, und wie „geniale Marketingstrategen“ eine erfundene Story verbreitet. „Aber warum sollten sie sich die Mühe machen? Und warum sollte einer ihre Fantasterei ernst nehmen?“ fragt sie – und räsoniert dann weiter: Warum sollten sie auch noch bereit sein, für eine Lüge zu sterben? Einfachstes Geschichtswissen reicht zu diesem Schluss: „Die Urchristen haben sich massenhaft verfolgen, foltern und einsperren lassen ...“ „und das alles für eine Idee?“ Wer gibt schon sein Leben „für die Geschichte von einem ... hingerichteten Verlierer“, von den man bloß gehört hat?

Nein, so geht das nicht. „Irgendetwas muss passiert sein, damals im Garten des Josef von Arimathia“, in dem man Jesus ins Grab gelegt hat. „Irgendetwas, dessen Kraftstoß ein paar verstörte Fischer zu Gründern einer Weltreligion werden ließ, ein Kraftstoß, der das Christentum bis heute vorwärts drängt.“

Was auch immer es war – die Jünger sind nach dem, was sie als Begegnung mit dem Auferstanden wahrgenommen haben ..., nicht mehr dieselben. ... Wo sind die Feiglinge, die in die Dunkelheit flüchten, wenn ihr Meister von Soldaten abgeholt wird? ... Die Zweifler, die sich verbarrikadieren, während er am Kreuz erstickt?

Mit einem Mal sind sie Apostel. Herolde der Überzeugung. Bereit, sich für ihre Botschaft zu opfern. Ihnen ist etwas Ungeheuerliches widerfahren, und jetzt tragen sie dieses Erlebnis über Land – eindringlich und offenbar glaubwürdig durch das Ausmaß ihrer Erschütterung.“

(kurze Pause)

Jetzt bin ich wirklich erstaunt. Da hat jemand tatsächlich die von der Theologie formulierten Gründe erfasst und ernsthaft bedacht – den Kraftstoß von Ostern sehr schön beschrieben.

Ist das nicht schon ein Ostererlebnis? Wohl nicht ganz. Erst wenn Begreifen und Verstehen im Leben ankommen, in der Art, wie man sein Leben versteht und angeht ... Schließlich ist Christus nicht dazu auferstanden, dass wir ein leeres Grab bewundern, sondern um alles neu zu machen, unser Denken, Hoffen und Handeln.

So blätter ich um, Seite 42, lese weiter in ihrem Artikel. Und hier finde ich Sätze, die einer Osterpredigt wahrlich würdig sind.

„Ich glaube die Geschichte übrigens inzwischen auch. ... Die Auferstehung ist für mich ein Sinnbild für die Befreiung aus den lähmenden Gesetzmäßigkeiten – denen der Welt und meinen eigenen. Das Christentum ist (eben) keine Religion der Gesetzlichkeit ... Der Christ ist frei. Alles ist ihm möglich. ... Die Naturwissenschaft mag die Gesetzmäßigkeiten des Machbaren bestimmen, (aber) das biblische Denken hält sich nicht daran.“ Wir kennen wohl die biologischen und physikalischen Grenzen der Existenz. Aber das Wissen um „die Parameter, denen die Materie gehorcht“ – Stoffwechsel, Gravitation u.a. – helfen mir nicht zu verstehen, „wozu dieses Leben da ist. Was ich bedeuten soll.“

„Das Prinzip (unsres) Lebens ist zunächst das Prinzip Angst. ... Fürchtet euch sehr – lautet die Botschaft in den Zeitungen. Ein kleines bisschen Sicherheit herzustellen ist unser täglich Brot. ... (Und) der Mensch ist mit seiner ängstlichen Absicherung derart beschäftigt, dass er nicht bemerkt, wie er den Mörtel rührt zur Zementierung der bestehenden Verhältnisse ...

Das Evangelium, die Auferstehung, lehren mich das Gegenteil.“ Hier finde ich Bilder, Geschichten, „die mich aus meiner Berechenbarkeit, aus meiner Determination (heraus) reißen“, die „mir helfen, größer zu werden als ich bin. Bilder, in denen ich nicht wiederzuerkennen bin.“

Das „christliche Bild von der Auferstehung“ ist ungeheuer kraftvoll, dynamisch, eine „Auflehnung“ gegen das letzte Gesetz: den Tod! An Ostern hallt die Kirche wider vom befreienden Gelächter der Gläubigen“, gepackt „von dieser zutiefst optimistischen Weltsicht ..., geflutet von einer unverwüstlichen Zuversicht.“

„Christen sind Protestleute gegen den Tod in all seinen Varianten. Sie bieten der Bedeutungslosigkeit, ... der Feindseligkeit, der Feigheit, der Inhumanität ... die Stirn. Gegen alles anzustürmen, was klein, hässlich und verzagt macht, das ist ihre Aufgabe. Das ist meine

Aufgabe.“

(kurze Pause)

Ich lege die Zeitung aus der Hand. Das war eine Überraschung am frühen Morgen. Was hatte ich erwartet? Eine Tirade gegen das Christentum. Und was bekam ich zu lesen? Ein kraftvolles, persönliches Bekenntnis. Die Worte klingen in mir nach: „Kraftstoß“, „geflutet von einer unverwüstlichen Zuversicht“, „Aufstand gegen den Tod“, Bilder, die „mir helfen, größer zu werden als ich bin.“ Sehr schön gesagt.

Meine Gedanken schweifen zurück, zur Erzählung von Maria Magdalena am Ostermorgen: Frühmorgens ist sie unterwegs, mit einer klaren Vorstellung davon, was sie erwartet. Doch es kommt anders: Sie begegnete dem Auferstandenen. Zuerst versteht sie nichts. Nur langsam fasst ihr müder Kopf, was da geschieht. Aber dann rennt sie. Der „Kraftstoß“, „geflutet von einer unverwüstlichen Zuversicht“ lässt sie laufen, ihren Glauben bezeugen, zuerst vor den Jüngern, die genauso ungläubig schauen, wie sie selbst noch vor wenigen Minuten.

Ja, liebe Gemeinde, Ostern wird nicht einfach kapiert. Maria Magdalena, die Jünger, Paulus, Frau Rückert, wir alle brauchen Zeit, um zu fassen, was da geschehen ist. Ostern wird nicht kapiert, sondern gibt zu denken, immer wieder neu. Nur langsam tastet man sich vorwärts, was dieser Aufstand gegen den Tod zu bedeuten hat ...

... im eigenen Leben zum Beispiel. Es geht doch nicht nur um das Lebensende, sondern um alles, was mich klein hält, was mich zu Boden drückt, wie der Stein vor Jesu Grab. Das darf nicht sein. Ostern macht Mut, „größer zu werden als ich bin“, und auch größer als mich andere werden lassen möchten. Das Mögliche, das Vertraute ist zu wenig. Die Parameter, die Grenzen, die mir meine Lebensgeschichte und mein Umfeld stecken, sind nicht letztgültig, dürfen mich nicht binden. Anderes ist möglich – und nötig.

Die Lektüre und diese Morgengedanken haben mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Was für ein schöner Start in den Tag.

Doch während ich zur Tasse greife, fällt mein Blick auf die Nachrichten: Erdbeben in Italien, Berlusconis „Camping“-Entgleisung, Prognosen über weitere Einbrüche in der Wirtschaft, Bad Bank, Boni für Manager. Und schon schwindet das Lächeln aus meinem Gesicht. Das ist eben das reale Leben.

Einen Moment komme ich mir vor, wie der sinkende Petrus: eben noch mutig, mit einem Lächeln im Gesicht, trotzt er den Gesetzmäßigkeiten, setzt einen Fuß auf’s Wasser, und im nächsten Moment wird er unsicher und sinkt. (ironisch:) Willkommen im realen Leben!

Nein! (Hand schlägt auf Kanzel)

Genau das nicht! Darum ist unser Herr auferstanden, dass wir uns nicht irre machen lassen, von den angeblichen Realitäten in unserer Welt, in unserer Gesellschaft, Wirtschaft oder Politik. // Er ist auferstanden, dass wir uns den Mut nicht nehmen lassen, dass wir dem „Reich Gottes“ mehr trauen als dem „realen Leben“, dass wir dem „Reich Gottes“ und seiner Gerechtigkeit leben – allen Realitäten und langen Schatten des Todes zum Trotz.

Der Ostermorgen ist auch ein Sieg über unseren Kleinglauben, über unsere Angst und Verschüchterung.

Ein letztes Mal greife ich zur Zeitung. Wie schloss Frau Rückert ihren Artikel? Mit den wohl bekannten Worten von Marie-Luise Kaschnitz:

Manchmal stehen wir auf

stehen wir zur Auferstehung auf

mitten am Tage.

So soll es sein!

Amen