Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt an Karfreitag 2006

Pastoralreferent Sebastian Schmid

in der Katholische Kirchengemeinde Rudersberg

Karfreitag

Mein Gott!
Mein Gott, warum hast du uns verlassen?  

Ich sehe das Kreuz und frage:Wo bist du liebevoller, zärtlicher, menschenfreundlicher Schöpfer?Warum lässt du uns leiden?Warum Krieg? Wieso lässt du es geschehen, dass Krebs unsere Freunde tötet? Weshalb müssen Mütter tote Babys gebären? Warum werden Menschen erschossen, wenn sie sich für Gerechtigkeit einsetzen? 

Ich muss diese Frage stellen. Heute. Hier.Nicht weil ich Prediger bin - es ist keine rhetorische Frage.Es ist keine theologische Frage, die mich interessiert.Ich muss diese Frage stellen, weil sie zwischen uns steht. 

Welchen Sinn hat das Kreuz? 

Ich glaube an die Auferstehung, ja.Ich glaube an den Himmel - auch das.Aber wozu vorher der Schmerz?Wenn du allmächtig bist, dann brauchen wir keinen Schmerz,dann kannst du das Leid - wozu auch immer es gut sein möge - überflüssig machen.

Aber du tust es nicht.Und deshalb klage ich dich an! 

Ich sehe dich nicht mehr,„lieber“ Gott. 

Mein Gott,warum tust du uns das an? 

Schau uns doch an!Wir ertragen das Kreuz nicht.Und noch schwerer ertragen wir dein Schweigen.Wir geben uns tapfer, wir beten, wir feiern Karfreitag,aber schau uns an!Was ist aus uns geworden?

Wir haben uns in Zyniker verwandelt, und bemerken es gar nicht. 

Wir tragen dieses Folterwerkzeug als Modeschmuck um unseren Hals,als Ohrstecker,als Designerprodukt.

Wir nehmen es einfach leicht mit dem Kreuz- weil wir es nicht ertragen können.

Schau uns an - was ist aus dem Karfreitag geworden?Wir verstecken uns hinter Ostern - schon seit Wochen.Die Regale voller Osterhasen und Schokolade!Karfreitag? Kreuz?Wenn überhaupt, dann brauchen wir das nur, damit wir einen Grund für die Auferstehung haben. Karfreitag hat Alibifunktion.Wir haben das Happy-End doch schon vor Augen.Wer will sich da zu sehr ins Kreuz versenken?Ich frage dich:Werden wir so dem Todeskampf Jesu gerecht?Zyniker sind wir geworden!

Schau uns an - was ist aus uns Theologen geworden?Weil du schweigst,reden wir.Wir erklären das Unerklärbare,wir suchen Ausreden:„Der Schmerz muss sein,wer weiß, wozu er gut ist?“Wir suchen Entschuldigungen:„Wir Menschen sind schuld!Nicht Gott!“Wir meinen dich entschuldigen zu müssen.Wir haben dich zum lieben Kuschelgott gemacht.Wir nehmen dich nicht mehr ernst!Schau uns Zyniker an!

Ich will dich nicht länger entschuldigen!Ich will dich ernst nehmen.Ich klage dich an! 

Ich frage dich: War das Kreuz geplant?Hast du es mit Absicht zugelassen?

Und die Kreuze heute?Sind sie von dir gewollt?

Ich klage dich an wegen Mord an deinem Sohn, unserem Bruder.Ich klage dich an wegen Grausamkeit an der Menschheit. 

Mein liebender, gütiger, zärtlicher Gott,warum hast du uns verlassen?Wo bist du?Ich sehe dich nicht mehr.

Ich frage dich jetzt!Antworte mir!Wo bist du? 

(Pause) 

Wo bist du? 

Am Kreuz! 

Mein Gott!

Mein Gott!

Wenn ich nachher zur Kreuzverehrung gehe,werde ich genau dies sagen:Mein Gott! 

Als Anklage.Als Anbetung. Als Antwort. 

Dass du dort hängst ist deine Antwort.Das erklärt das Leid nicht.Aber es ist eine Antwort.

Übermorgen wirst du auferstehen.Aber das Kreuz wirst du stehen lassen. 

Als FrageUnd als Antwort zugleich. 

Mein Gott! 

Amen.