Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt im Abiturgottesdienst des Gymnasiums zu St. Katharinen

Pfarrer Dirk Alpermann

14.03.2002 in Oppenheim/Rhein

Einleitung

Tausendmal passiert und jedesmal ärgerlich: Du fragst jemanden was total Harmloses, und zurück kommen übelste Beschimpfungen. Da sagst du was und denkst dir nichts Böses dabei, und der andere bekommt's in den falschen Hals. Tausendmal passiert und jedesmal ärgerlich, weil vermeidbar. Es dürfte doch eigentlich kein Problem sein, dass meine Worte so verstanden werden, wie ich sie gemeint habe!

Theoretisch ist das kein Problem. Praktisch aber geht es immer wieder schief. Die Alltagskommunikation und ihre Tücken - hören und sehen sie dazu unsere kleine Szene:

Szenen einer Ehe

Er: Hast du meinen Schlüssel gesehen?
Sie: (gereizt) Was soll ich bitteschön mit deinem Schlüssel?
Er: Hä? Wie bitte?
Sie: Ja! Das ist doch mal wieder typisch von dir! Immer verdächtigst du mich!!
Er: Ich...,ich glaube, du hast mich falsch verstanden. Ich habe dich doch nur gefragt, ob du meinen Schlüssel ...
Sie: ... ob ich deinen Schlüssel absichtlich weggelegt habe! Ich weiß doch, was du von mir denkst! Von wegen falsch verstanden!
Er: (erregt) Jetzt reicht's mir aber! Ich wollte nur wissen, ob du meinen Schlüssel gesehen hast!
Sie: Verdächtigt hast du mich! Immer bin ich an allem schuld!
Er: (verliert langsam die Fassung): Weißt du was? Du bist hysterisch! Jedes Wort drehst du mir im Mund herum!
Sie: Fragt sich, wer hier hysterisch ist! Pass nächstens besser auf deinen Schlüssel auf!
Er: Also, mir ist das zu blöd. Wenn du weißt, wo mein Schlüssel ist, dann sag's mir jetzt oder ...
Sie: ... oder was? Willst du mir etwa drohen?
Er: Allerdings! Entweder du rückst jetzt meinen Schlüssel raus, oder ich ...
Sie: Oder du machst... was?
Er: Oder ich gehe!
Sie: Ha! Dann geh' doch! Du suchst doch nur nach einem Grund! Du hast eh' längst 'ne Freundin!
Er: Weißt du was? Die Nummer, die du hier abziehst, ... also echt - du bist doch total bescheuert!
Sie: Bescheuert - ja, das war ich auch! Dass ich es so lange mit dir ausgehalten habe!
Er: Weißt du was? In diesem Irrenhaus bleibe ich keine Minute länger. Ich geh'! Und morgen hol' ich meine Sachen!

Predigt

Liebe Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gottesdienstgemeinde!

Mein Grundkurs kennt diese Geschichte. Und die anderen haben unschwer bemerkt: Da reden zwei Leute total aneinander vorbei. Da missverstehen sich zwei Leute so gründlich - und offenbar wollen sie sich missverstehen - da missverstehen sich also zwei Leute so gründlich, dass jedes weitere Wort nur noch tiefer in das Dickicht von Beschuldigungen und Vorwürfen führt.

Natürlich ist der vermisste Schlüssel nicht der wahre Grund für den Streit. Jede andere Frage hätte an dieser Stelle den gleichen Krach provoziert. Wenn zwei Leute sich wegen so einer Banalität so in die Haare kriegen, ist an der Beziehung schon lange etwas faul. Und am Ende bringt der sprichwörtliche Tropfen das Fass zum Überlaufen.

Wir waren beim Thema "Hermeneutik", es ging um die Grundlagen und Hindernisse des Verstehens. Es ging um die Tatsache, dass gegenseitiges Verstehen schon im Alltag schwierig ist. Dass Einzelne oder Gruppen, Geschlechter oder Generationen, Kulturen oder Religionen sich gegenseitig verstehen, ist nicht selbstverständlich.

Verstehen setzt Verschiedenheit voraus. Verstehen setzt voraus, dass wir uns unterscheiden: in unseren Erfahrungen, in unseren Lebenszielen, in unseren Wertvorstellungen, in unserem Glauben.

Und wo wir hinsehen, begegnet uns diese Verschiedenheit: zwischen Kindern und Eltern, zwischen Schülern und Lehrern, zwischen Geschwistern, zwischen Freunden, zwischen Kollegen, zwischen den Mitgliedern eines Abiturjahrgangs. Und die Erfahrung sagt uns: Selbst da, wo zwischen Einzelnen ein hohes Maß an Übereinstimmung besteht, gibt es immer noch genug Differenzen.

Gegenseitiges Verstehen ist schon im Alltag störanfällig - siehe die Anekdote vom vermissten Schlüssel. Wenn aber schon im Alltag das Verstehen so schwierig sein kann - was ist dann erst, wenn die Zusammenhänge größer und komplizierter werden?

13 Jahre lang habt ihr euch nun im Verstehen geübt: von den Grundrechenarten bis zur höheren Mathematik, vom Lesen- und Schreibenlernen bis zu den Klassikern der Literatur.

Vieles davon werdet ihr wieder vergessen - oder habt es schon vergessen. Anderes wird bleiben - unabhängig davon, ob ihr einen beruflichen Nutzen daraus ziehen könnt.

Aber das ist nicht der Sinn der Schule, wenigstens nicht ihr einziger und hauptsächlicher. Wir neigen ja dazu, immer gleich nach der Zweckhaftigkeit zu fragen: Gut ist demnach alles, was einen unmittelbaren Zweck erfüllt. Gut ist alles, was nützt.

Das ist ein Maßstab. Aber er kann nicht die einzige Legitimation für eine 13jährige Schulzeit sein. Welchen Sinn hat es dann, solange in der Schule gewesen zu sein?

Mein erster Antwortversuch: Wozu etwas gut ist, weiß ich nie sofort. Wozu es also gut war, Schiller und Goethe gelesen und sich mit dem Expressionismus befasst zu haben, wozu es gut war, die Gesetze der Mechanik und den Vorgang der Photosynthese gelernt zu haben, kann euch so richtig wahrscheinlich keiner sagen. Wenn wir ausschließlich nach der Nützlichkeit urteilen, kommen wir auch mit weniger aus. In den allermeisten Fällen braucht ihr vieles davon später nicht.

Aber es gibt noch einen anderen Maßstab als den der reinen Nützlichkeit: Bildung in dieser Fülle und Vielfalt ist eben auch ein Privileg und eine Form von Luxus. So viel Zeit zum Lernen zu haben ist ein Geschenk. Ihr könntet leben und glücklich werden, ohne all das zu wissen. Aber ihr hattet die Möglichkeit dazu. Andere haben diese Möglichkeit nicht. Ihr habt Eltern, die euch darin begleitet haben, ihr hattet Lehrerinnen und Lehrer, die sich um euch bemüht haben. Ihr lebt in einem Land, in dem das Menschenrecht auf Bildung einen Verfassungsrang hat. Und ihr müsst euch keine Sorgen machen um den nächsten Tag.

Und wenn ich mir vorstelle, das alles wäre nicht so: unser Leben wäre also ungesichert und geprägt von der Sorge um den nächsten Tag - dann stellt sich die Frage "Wozu ist es gut, all das gelernt zu haben?" - in dieser Form gar nicht. Es steckt eben eine Riesenchance darin egal, welchen Weg ihr ab jetzt geht.

Zweiter Antwortversuch: Das alles wäre natürlich auch viel schneller zu haben. Ihr seid der erste Jahrgang, der in der verkürzten 13.Jahrgangsstufe das Abitur gemacht hat. Irgendwann werden 12 Jahre daraus, und selbst das ist vielen ja noch zu lang. Die Wirtschaft fordert, dass die schulische Bildung sich stärker am Bedarf der Wirtschaft orientieren soll. Und im internationalen Vergleich stehen wir ohnehin ganz schlecht da.

Nun, es mag ja sein, dass die Finnen Weltspitze sind im Erfassen von Texten. Aber die Lebensverhältnisse in Finnland sind anders als bei uns.

Es mag sein, dass japanische Schüler weltweit am besten rechnen. Aber der Druck, mit dem das erzwungen wird, ist ebenfalls weltweit beispiellos.

Und ob spanische und finnische Schüler deshalb das Leben besser meistern und glücklichere Menschen werden - das sagt uns die Statistik nicht.

Ich persönlich habe da meine Zweifel. Unser Bildungswesen ist sicherlich verbesserungsfähig. Aber welches Bildungswesen ist das nicht? Bestimmt lässt sich noch mehr in noch kürzerer Zeit vermitteln. Wenn ich aber sehe, welche Interessen dahinter stehen und dass es um euer Wohl dabei zu allerletzt geht, fällt es mir leicht, den Sinn einer langen Schulzeit ohne Zögern zu bejahen. Ein Jahr weniger Schule - was macht das schon aus? Was macht das schon aus angesichts einer steigenden Lebenserwartung? Was macht das schon aus, wenn das gewonnene Jahr später dann doch auf die eine oder andere Weise vertrödelt wird?

Ich glaube, dass Lernen mehr ist als das Speichern von Fakten im Großhirn nach dem Motto: möglichst viel und möglichst schnell. Ich glaube auch, dass die Qualität des Gelernten nicht nur davon abhängt, ob ihr es später brauchen könnt.

Lernen heißt: Verstehen lernen, heißt nicht nur fragen: Was ist? Sondern auch: Warum ist das so? Ist das gut so? Und: Könnte es auch anders sein?

Anders gesagt: Lernen zielt nicht nur auf Fakten. Lernen zielt auf Zusammenhänge und auf Urteilsvermögen.

Das macht die Sache nicht gerade einfach. Aber Erziehung heißt nun mal: Erziehung zur Mündigkeit. Wer mündig sein will, muss urteilen können. Und wer sich ein Urteil machen will, muss bereit sein, zu verstehen.

Wie man das lernen kann? Dazu abschließend noch zwei Bemerkungen:

Wissen und Verstehen sind nicht das Gleiche. Der Wissenschaftshistoriker Ernst-Peter Fischer sagte neulich in einem SPIEGEL-Interview: "Man muss nicht genau wissen, wie ein Halbleiter funktioniert, um mit dem Handy zu telefonieren. Aber dass es eine allem zu Grunde liegende Physik gibt, eine Vorstellung vom Materiellen, der ich verhaftet bin, das ist schon wichtig." Und er sagt auch: "Die meisten Leute interessieren sich nicht für Fragen, die mit Fakten zu beantworten sind."

Man kann's auch anders formulieren: Auf die meisten Fragen des Lebens gibt's keine wissenschaftlichen Antworten. Ja, es ist sogar so, dass ihr die meisten und wichtigsten Entscheidungen in eurem Lebens nicht mit dem Verstand treffen werdet. Welchen Beruf ihr wählt, an welchen Menschen ihr euch bindet, ob ihr Kinder bekommt und wie viele, wann es Zeit ist, sich zu verändern - das alles werdet ihr einmal entscheiden in der Hoffnung, das Richtige zu tun. Ob es vernünftig war, wisst ihr erst später. Hoffen und Vertrauen aber sind eine Sache des Herzens.

Damit bin ich bei meiner zweiten Bemerkung: Verstehen ist eine Sache des Herzens. Ob ich jemanden verstehe, hängt nicht nur vom Intellekt ab. Es ist immer auch eine Frage der persönlichen Beziehung. Nur wenn die Beziehung stimmt, ist Verstehen möglich. Siehe unsere Geschichte vom Schlüssel. Fazit: Ohne die Beteiligung des Herzens kann es zwischen uns Menschen kein echtes Verstehen geben.

Das ist im übrigen gut biblisch. Das hebräische Wort für "verstehen" kann man nämlich ganz verschieden übersetzen: als "wissen", "erkennen" "wahrnehmen" oder "merken". Und dann gibt es noch eine Übersetzungsmöglichkeit. Die heißt: "jemandem beiwohnen". Und "jemandem beiwohnen" heißt im heutigen Deutsch nichts anderes als "miteinander schlafen". Ihr habt richtig gehört! Erkennen und Verstehen haben im Hebräischen auch eine erotische Seite. Die wohl berühmteste Stelle dafür steht im 1. Buch Mose bei Adam und Eva: Da heißt es: "Und Adam erkannte sein Weib, und sie ward schwanger". Das war also keine geistige Liebe zwischen den beiden, denn vom Geist alleine wird keine Frau schwanger. Die beiden haben sich gekannt und geliebt, in jeder Hinsicht. Ihre Kinder, Kain und Abel, haben sich dann nicht mehr geliebt und: deshalb auch nicht mehr verstanden. Die Folgen sind bekannt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Verstehen gehört also immer ein liebender Blick. Auf alles, was fremd und anders ist, und genau so auf alles, was bekannt und vertraut erscheint.

Die Schule hört auf. Das Lernen geht weiter. Und damit auch das Verstehen-Lernen. Das Leben ist unglaublich vielfältig und steckt voller Überraschungen. Was auch immer geschieht: Bewahrt euch den liebenden Blick! Und es ist gut biblisch, wenn ich diese Aufforderung mit einer Zusage verbinde. Diese Zusage heißt: Es gibt einen, der seinen liebenden Blick immer und überall auf euch hat.

Amen