Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 4,7 u. Matthäus 11,25-30

Bischof Stephan Ackermann, Trier

21.04.2016

Requiem für Pater Johannes Günter Gerhartz SJ

Texte vom Herz Jesu Fest

 

Liebe Geschwister und Familienangehörige von Pater Gerhartz,

lieber Pater Rabe zusammen mit den Mitgliedern der Gesellschaft Jesu,

liebe Freunde, Freundinnen und Weggefährten von Pater Gerhartz!

 

Als ich Pater Gerhartz Ende Februar auf der Pflegestation im Altenheim in Köln-Mülheim besucht habe, war er von seinem Aufenthalt im Krankenhaus noch sehr gezeichnet. Das Atmen fiel ihm schwer, aber für ein kurzes Gespräch, in dem er von seiner Familie berichtete, und für ein gemeinsames Gebet reichte es. Als wir uns voneinander verabschiedeten, tat er es mit seinem unverwechselbaren „Ciao“! Ich ahnte schon, dass es unsere letzte Begegnung sein würde. Nun hat sich sein irdischer Lebensweg vollendet, auf den wir im Schmerz des Abschieds zugleich dankbar zurückschauen dürfen.

 

Ich persönlich bin vor allem dankbar für die sieben Jahre, die Pater Gerhartz in unserem Team im Seminar St. Lambert in Lantershofen gewirkt hat. Nach seiner Zeit als Rektor im Germanium hatte Pater Gerhartz sich ja – damals schon 71 Jahre alt – bereit erklärt, die Aufgabe des Spirituals im Spätberufenenseminar in Lantershofen zu übernehmen. Nach 16 Jahren verantwortlicher Tätigkeit in Rom ging es in ein Dorf oberhalb der Ahr. Pater Gerhartz hat diese Aufgabe voll angenommen und mit Herzblut ausgefüllt. Kennengelernt hatte ich selbst ihn bereits zu meiner Studienzeit in Rom. Damals erschien er mir als ehrfurchteinflößender Regionalassistent und Generalsekretär der Gesellschaft Jesu ... In Lantershofen nun durfte ich Günter Gerhartz nicht nur kennenlernen als passionierten Kirchenrechtler und als führungsstarke Persönlichkeit, sondern als Ordensmann mit einer großen menschlichen wie geistlichen Sensibilität und Unterscheidungsgabe. Fortiter in re – suaviter in modo:  Diese Ermahnung des Jesuitengenerals Claudio Acquaviva war nicht nur seine eigene Maxime, sondern auch ein Rat, dem er mir das ein und andere Mal ans Herz legte.

Vor allem aber habe ich Pater Gerhartz kennengelernt als jemanden, dessen Spiritualität in der Tiefe ganz biblisch geprägt war. Das mag zunächst überraschen. Doch viele von uns werden dies bestätigen können: Ich erinnere mich noch daran, dass er selbst anlässlich seines goldenen Priesterjubiläums, das er am Ignatiustag 2008 mit den Feriengästen in San Pastore begangen hat (er war damals auf den Tag genau vor 50 Jahren im Frankfurter Dom geweiht worden), seinen priesterlichen Lebensweg anhand von drei biblischen Grundworten beschrieben hat:

Während seiner Studienzeit, so sagte er, habe ihm vor allen Dingen das Wort aus Psalm 57 begleitet: Paratum cor meum – Mein Herz ist bereit, o Gott. Dieses Wort war das Wort des jungen Jesuiten Gerhartz. Die Bereitschaftserklärung des Psalmisten, so sagte er mit einem Augenzwinkern, habe ihm geholfen, den Weg der Ausbildung und des Studiums zu gehen, auch wenn er nicht immer den Sinn dessen verstanden habe, was da alles gesagt und gelehrt wurde. Umso wichtiger sei es für ihn gewesen, in der Grundhaltung der Bereitschaft zu bleiben.

In den römischen Jahren sei für ihn dann besonders der Satz aus dem 1. Johannesbrief, den wir eben in der Lesung gehört haben, wichtig geworden: Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen (1. Joh 4,16). Immer wieder hat er davon gesprochen, wie fundamental für ihn die Erkenntnis war, dass der Ausgangspunkt unserer Beziehung zu Gott nicht darin besteht, dass wir Gott lieben oder uns bemühen, ihn zu lieben, sondern dass wir daran glauben, d. h. davon überzeugt sind, dass Gott uns, ja noch konkreter: dass er mich liebt. Nicht unsere Liebe zu Gott ist das Fundament des Glaubens, sondern es ist umgekehrt: Gott tut den ersten Schritt. Er ist längst auf uns zugekommen in Jesus Christus. Diese Überzeugung ist eine Absage an jegliches Leistungsdenken im geistlichen Leben Pater Gerhartz war sich sehr bewusst, dass diese beglückende Erkenntnis zugleich sehr anspruchsvoll ist, weil es uns oft nicht leicht fällt, die Liebe Gottes für unser Leben anzunehmen, erst recht dann, wenn sie sich ganz anders zeigt, als wir uns das vorgestellt haben (vgl. den schönen Artikel „Erwägung über ,die Liebe, die Gott zu uns hat“, in : GuL 75 (2002), 61-63; wieder abgedruckt in P. J. G. Gerhartz: Wege zum Leben. Beiträge zum Christ-Sein im ignatianischen Geist, Aachen 2014, 77-81).

Das dritte biblische Grundwort, das vor allem in der Zeit nach seiner Rückkehr aus Rom, mit ihm gegangen ist, war das wunderbare Wort aus Psalm 23: Ich fürchte kein Unheil, denn Du bist bei mir. Ein Wort des Vertrauens und ein Bekenntnis zugleich; ein Wort, das sicher auch schon im Psalm selbst die Furcht eines reifen Lebens ist; zugleich ein Wort, das Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Für Pater Gerhartz war das Du in diesem Gebet nichts Abstraktes und erst recht nicht nur Poesie. Für ihn war klar, dass hinter diesem Du Jesus steht. Der Glaube ist ein Beziehungsgeschehen. Sehr aufmerksam hat Pater Gerhartz Texte und Predigten immer darauf hin gelesen bzw. gehört, ob sie von Jesus sprechen, d.h. ob die Verkündung auf Jesus zielt. Darin konnte Pater Gerhartz fast unerbittlich sein. Denn für ihn war klar: Jesus, muss im Zentrum stehen. Nichts und niemand sonst.

Als ich im Frühjahr 2006 zum Weihbischof ernannt wurde und sich die Frage nach einem bischöflichen Wahlspruch stellte, haben P. Gerhartz und ich intensiv darüber gesprochen. Für ihn war klar; Wenn er sich einen Spruch zu wählen hätte, so würde er lauten Jesum praedicamus Christum – wir verkündigen Jesus als den Christus. In dieser Aussage wird die ganze Christozentrik seiner Frömmigkeit deutlich. Freimütig hat er immer bekannt, dass er diese Nähe zu Christus von Ignatius und in der Gesellschaft Jesu gelernt habe. Und manchmal klang es fast so, als ob er sich für diesen Einblick in die Intimität seiner Christusbeziehung entschuldigen wolle. Dann sagte er, dass man eine solche Nähe zu Jesus Christus ja wohl von einem socius Christi erwarten könne ...

Das Jahr 2011 war für Pater Gerhartz ein schweres Jahr. Er war von langen Krankenhausaufenthalten geprägt. In seinem Dankbrief an die Gratulanten zum 85. Geburtstag schrieb er; „Im Grunde ... feierte ich in diesen Tagen einen doppelten Geburtstag: Die Vollendung meines 85. Lebensjahres und meinen ersten Geburtstag eines wiedergeschenkten Lebens nach schwerer und langer Krankheit. Beides feiere ich in großer Dankbarkeit.“ Und er fügte seinem Dankbrief ein selbstformuliertes Gebet hinzu. Es beginnt mit den Worten:

„Mein Herr und mein Gott (Joh. 20,28), jetzt weiß ich aus Erfahrung, dass mein Leben ein Ende haben wird. Das, was ich in diesem Jahr erlebt habe, erinnert mich immer wieder daran, dass das Sterben begonnen hat. Doch was heißt das: Sterben? Besser sage ich doch: Was ich in diesem Jahr erlebt habe, erinnert mich immer wieder daran, dass das in meinem Leben an Wirklichkeit und Bedeutung gewinnt, was der „Verlorene Sohn“ in Jesu Gleichnis aussagt: Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen (LK 15,18). Sterben – ein Heimkehren zum Vater,“ – Und das Gebet endet mit den Worten: „Mein Herr und mein Gott, so lange ich mein Leben in Deine Hände, in Deine Liebe, die größer ist als alles menschliche Begreifen.“

Was für ein schönes Gebet und welche Innigkeit von einem Mann, dem jede Form von übertriebener Frömmigkeit und Geschwülsten geradezu ein Graus war! Beten wir in dieser Stunde darum, dass Pater Gerhartz heimgekehrt ist in die offenen Arme des himmlischen Vaters und bitten wir darum, das all das, was Pater Gerhartz in seinem Dienst als Ordensmann in die Herzen von Menschen hineingesät hat, in der Kraft der Liebe Christi reiche Frucht, die bleibt. Amen.