Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 9,24-27

Pfarrer Dirk Alpermann

19.03.2004 im Abiturgottesdienst des Gymnasiums zu St.Katharinen Oppenheim/Rh.

Liebe Abiturientinnen,
liebe Abiturienten!

War das ein Fußball-Krimi neulich im DFB-Halbfinale zwischen Bremen und Lübeck! Der VFL besiegt Werder: das wär’s gewesen! David gegen Goliath. Am Ende haben dann doch die Bremer gewonnen, obwohl der VFL den Sieg verdient hätte. Was nützt es, als Helden vom Platz zu gehen, wenn man verloren hat?
Im Sport zählt der Sieg, und gewinnen kann immer nur einer. Das ist hart, aber so sind die Regeln.

Dabeisein ist eben nicht alles. Schon gar nicht im Zeitalter von Werbeverträgen und Einschaltquoten. Keiner kämpft für den fünften oder fünfundzwanzigsten Platz. Wenn Jan Ullrich im Sommer wieder die Tour de France fährt, will er gewinnen und nicht schon wieder der Zweite hinter Lance Armstrong werden.
Der zweite Platz ist ein undankbarer Platz, ganz zu schweigen vom dritten, vierten oder den anderen Plätzen. Wisst ihr, wer Vize-Weltmeister in der Formel 1 geworden ist? Und erinnert ihr euch, wer bei der Tour de France den dritten Platz belegt hat? Seht ihr, mir geht’s genau so: Ich weiß es auch nicht. Die Leute wollen immer nur die Sieger sehen. Dabeisein ist schön. Aber der Sieg ist schöner. Undenkbar, dass Michael Schumacher in diesem Jahr nicht die Formel 1 gewinnt.

Überall im Sport geht es nur um das eine: um den Sieg. Im Schulsport genau so wie in der Bundesliga. Am Ende zählt nur das Ergebnis, egal ob es gerecht ist. Die unterlegene Mannschaft kann noch so gut spielen, am Ende verliert sie doch. Und Verlieren ist immer schlecht: psychologisch, finanziell, moralisch. Die Leute wollen Sieger sehen. Verlierer werden bedauert oder ausgepfiffen.

Die Sache ist allerdings zwiespältig. Erfolg ist schön. Aber jeder Sieg erzeugt einen Wiederholungszwang. Wer einmal siegt, muss immer wieder siegen. Helden werden schnell geboren. Aber sie werden auch schnell wieder vergessen.
Ruhm ist vergänglich! Martin Schmitt und Sven Hannawald können ein Lied davon singen.

Laufen und Kämpfen, Zielstrebigkeit und Ehrgeiz, Verzicht und Disziplin – das sind gültige Tugenden bis heute, ohne die nichts geht im Sport; und nicht nur da. Sport ist sozusagen die konzentrierte Form des Lebens: Erfolg und Scheitern, Ausdauer und Zielstrebigkeit, Begeisterung und Enttäuschung – die Dramen des Alltags wiederholen sich bei Sport in gesteigerter Form.

Das gilt auch für die Schule. Sportliche Tugenden sind in der Schule unerlässlich. Ohne eine sportliche Einstellung ist die Schule nicht zu schaffen. Deshalb habe ich für den heutigen Anlass einen Bibeltext ausgesucht, der vom Sport handelt! Es ist übrigens die einzige Bibelstelle überhaupt, die sich mit dem Sport befasst. Paulus schreibt im 1. Korintherbrief:

Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde. (1.Korinther 9, 24-27)

Um es mit Paulus zu sagen: Ihr seid am Ziel, liebe Abiturienten! Ihr habt es geschafft. 13 Jahre – einige von euch auch mit Ehrenrunde! – 13 Jahre Mühe und Arbeit, 13 Jahre symbolisch und tatsächlich vergossener Schweiß haben sich gelohnt. Der heutige Tag hat deshalb auch etwas von einer Siegesfeier:
Nachher der feierliche Einzug als Jahrgangsmannschaft in die Turnhalle, der Applaus eurer Familien und Freunde und als Höhepunkt – anstelle von Medaillen – die Abiturzeugnisse. Ihr dürft euch heute als Sieger fühlen, dürft euch freuen und feiern lassen. Ihr seid am Ziel.

Training und Kampf, Aufopferung und Verzicht, Sieg und Niederlage – diese sportliche Sicht der Schule und des Lebens leuchtet ein. Und die Erfahrung sagt: So ist es nun mal – ob uns das gefällt oder nicht.

Aus christlicher Sicht gibt es dazu allerdings noch etwas anzumerken, denn außerhalb der Arena ist das Leben doch ein wenig komplexer. Und in der Schule ist manches anders als im Sport. Ich möchte das an drei Punkten deutlich machen:
1. Dabeisein.
2. Verlieren.
3. Konkurrenz

1. Dabeisein.
„Dabeisein ist alles!“ – in der Schule gilt das noch. Da ist es manchmal schon ein Erfolg, wenn du mit dem Hauptfeld ins Ziel kommst. 15 Punkte sind eine tolle Leistung. Aber mancher ist auch schon mit 5 Punkten zufrieden. Das kann natürlich schief gehen. Manchmal ist „sowenig tun wie möglich“ eben doch zu wenig. Aber grundsätzlich gibt es für die Schule verschiedene Motivationen: Die einen wollen die Besten sein, die anderen wollen es nur irgendwie schaffen. Beides ist möglich und beiden gibt die Schule die Chance, das Ziel zu erreichen. Am Ende sind die einen stolz, als Erste durchs Ziel zu laufen, und die anderen sind froh, überhaupt so weit gekommen zu sein. Deshalb dürft ihr euch heute alle als Gewinner fühlen: die Jahrgangsbesten genau so wie die, die es gerade so geschafft haben. Und denen, die diesmal hinter ihren eigenen Zielen zurückgeblieben sind, sei zum Trost gesagt: Wir gehen im Leben immer wieder neu an den Start. Beim nächsten Lauf sehen die Platzierungen vielleicht schon ganz anders aus.

2. Verlieren.
Die Regeln im Sport sind klar und sie sind hart. Solange du erfolgreich bist, feiern sie dich. Wenn der Erfolg ausbleibt, jagen sie dich davon. Und das kann ziemlich schnell passieren, wie jüngst bei Ralf Rangnick von Hannover 96. Nach einer Serie von Niederlagen hat der Verein ihn gefeuert – was im Fußball ziemlich häufig vorkommt. Das ist hart, aber so sind die Sitten im Fußball. Ein Trainer wird für den Erfolg bezahlt und wer einen Vertrag unterschreibt, weiß das. Gerecht ist das trotzdem nicht. Denn nicht der Trainer spielt schlecht, sondern die Mannschaft. Das ist ungefähr so, als würde man wegen PISA alle Lehrer auswechseln, nur weil ihre Schüler schlechte Ergebnisse bringen. Als ob die Bildung nur von den Lehrern abhängt. Ich bezweifle, dass es überhaupt möglich ist, die Qualität von Bildung statistisch zu erfassen, ohne ihren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontext zu berücksichtigen! Es liegt nicht nur am Unterricht.
Ob die Familie intakt ist oder nicht, ob genug Geld da ist oder nicht, ob die Eltern Zeit haben oder nicht – all das beeinflusst unmittelbar, ob und wie gut Kinder lernen. Natürlich ist Bildung – wie alles menschliche Tun – immer verbesserungsfähig. Aber bei den vielen Reformvorschlägen der letzten Zeit habe ich manchmal das Gefühl, es wird vergessen, dass in der Schule keine Lernprogramme ablaufen, sondern Menschen miteinander arbeiten. Produktionsprozesse lassen sich vereinheitlichen. Aber die Schule ist kein Industriebetrieb, Schüler sind keine Kunden, Bildung ist kein Produkt. Bildung hat Wissen zum Ziel. Aber Wissen ist nicht das einzige Ziel, und manchmal auch nicht das wichtigste. Zur Bildung gehört auch ein soziales Lernen: Erziehung zu Verantwortung, Urteilsvermögen, Toleranz und Mitmenschlichkeit. Das kann die Schule nicht alleine leisten, aber sie kann ihren Teil dazu beitragen, und sie wird es in Zukunft noch viel mehr tun müssen. Und diese Werte sind wichtig in einer Zeit, in der Geiz als Tugend gilt und das Durchboxen zur beliebtesten Sportart gehört. Das Leistungsprinzip gehört zur Schule.
Leistung zeigen und erfolgreich sein ist etwas Befriedigendes. Aber ein menschliches Maß gehört dazu. Von daher ist mir der SC Freiburg schon immer der sympathischste Verein gewesen. Die behalten ihren Trainer, egal ob sie absteigen oder aufsteigen.

3. Konkurrenz.
Zum Sport gehört die Konkurrenz. Konkurrenz macht die Sache spannend, und nur wo Mitstreiter sind, hat Kräftemessen einen Sinn. Die Konkurrenz gehört zum Sport, aber sie beschränkt sich nicht auf den Sport.
Auch die Schule fordert und fördert die Konkurrenz. Schule ist eine permanente Konkurrenzsituation, vom ersten bis zum letzten Tag. 13 Jahre, von der ersten Klasse bis heute, seid ihr in wechselnder Zusammensetzung als Mitschüler, Klassenkameraden, Stammkursmitglieder und als kompletter Jahrgang immer auch Konkurrenten gewesen. Konkurrenten um die Aufmerksamkeit eurer Lehrerinnen und Lehrer, Konkurrenten um die besten Noten, Konkurrenten um Sympathien in der Klasse, Konkurrenten um die coolsten Klamotten und die neusten Handys.
Das Verhältnis von Schule und Konkurrenz ist geradezu symbiotisch: In der Schule gibt's keine Konkurrenz, die Schule ist Konkurrenz.

Was nicht heißt, dass es gut so ist und dass alle gleich gut damit zurecht kommen. Natürlich ist die Schule auch Miteinander und als solches habt ihr sie hoffentlich auch erlebt. Im Idealfall können in der Schule Konkurrenten gleichzeitig Freunde sein, solange die Freundschaft am Ende wichtiger ist als das bessere Ergebnis.

Konkurrenz hat es schon immer gegeben, und Menschen sind schon immer Konkurrenten gewesen: Konkurrenten um Beute, Konkurrenten um Fortpflanzung, Konkurrenten um Land, Konkurrenten um Reichtum, um das schönste Gesicht und die beste Figur. Konkurrenz gibt es überall: in der Schule, in der Kirche, im Showgeschäft.
Vielleicht gibt es sogar ein „Konkurrenz-Gen“, und die ganze Sache ist erblich. Dann wären wir von Natur aus Konkurrenten, und wir können gar nicht anders, weil uns die Konkurrenz das Überleben sichert. Dann erübrigt sich auch die moralische Bewertung, ob das gut ist oder nicht, und die Frage ist nicht, ob wir konkurrieren, sondern wie wir es tun. Theologisch ist die Sache klar: Gott erschafft den Menschen, nicht die Konkurrenz. Aber mit dem Menschen kommt die Konkurrenz in die Welt, sie ist Teil seiner Kultur. Eine der ersten Geschichten der Bibel erzählt vom Konkurrenzkampf zweier Brüder, Kain und Abel – Konkurrenz unter Geschwistern ist bekanntlich die übelste Form der Konkurrenz. Der eine Bruder ist neidisch auf den anderen und bringt ihn um. Damit ist von Anfang an klar, dass in der Konkurrenz etwas Zerstörendes liegt. Nicht die Konkurrenz ist das Problem, sondern das, was sie aus uns macht. Solange die Leistung alleine zählt, ist der Wettstreit ja noch einigermaßen fair. Aber heute zählt nicht mehr alleine das, was du kannst, sondern immer mehr das, wie du dich präsentierst; nicht deine Fähigkeiten, sondern dein Image. In manchen Berufen ist das, was du darstellst, fast schon wichtiger als das, was du gelernt hast. Auf diese Diskrepanz hat die Bildungsdiskussion nach PISA übrigens noch keine überzeugende Antwort gefunden.

Die Schulzeit ist zu Ende, die Konkurrenz geht weiter. Vielleicht geht es jetzt sogar erst richtig los und die Schule war harmlos verglichen mit dem, was noch folgt in Ausbildung und Beruf. Die Geborgenheit der Schule, die Verlässlichkeit ihrer Rhythmen und die Vertrautheit ihrer Gesichter sind mit dem heutigen Tag Vergangenheit. Die Schule hat euch viele Entscheidungen abgenommen, die ihr in Zukunft selber treffen werdet, treffen dürft, treffen müsst.

Das hat auch sein Gutes. Möglicherweise entdeckt ihr in Zukunft an euch selbst Talente und Fähigkeiten, die in der Schule nicht gefragt oder noch nicht entwickelt waren.

Das Abitur ist ein Ziel. Ihr habt es erreicht, und das soll euch, eure Eltern und eure Lehrer glücklich und stolz machen. Aber das Abitur ist nur eine Etappe im Leben. Dahinter warten neue Ziele auf euch, und zu manchem Ziel führt mehr als nur ein möglicher Weg.

In der Wochenendbeilage der Frankfurter Rundschau erschien kürzlich ein sehr nachdenklicher Text, geschrieben von einer Abiturientin. Unter dem Titel „Du musst was werden“ stand da:

„Ob Sonne oder Regen, auf jeden Fall stehe ich in einem Hafen mit Blick über das weite Meer. Die Linie des Horizonts verwischt, ich weiß nicht, wo das nächste Ufer liegt. Welches Schiff ist wohl das richtige? Es gibt so viele. Sie befahren unendlich viele Routen in dieser großen, bunten Welt, bieten unendlich viele Möglichkeiten, wie man seine Reise gestaltet. Und wenn wir dann entscheiden, was beeinflusst uns da?“

Welches Schiff ist wohl das richtige? Wo liegt das nächste Ufer? Wohin geht die Lebensreise?

Einige von euch haben diese Fragen für sich bereits beantwortet. Die anderen sind noch auf der Suche: nach dem geeigneten Schiff, nach dem richtigen Kurs. Für die richtige Entscheidung gibt es keine Garantie.

Um so wichtiger ist, dass ihr euch und eure Wege unter einem Segen wisst, der nicht von euch selbst kommt. Ein Segen, der unabhängig von Leistung und Erfolg ist, der nicht nach Gewinnern und Verlierern fragt. Ein Segen, der in stürmischen Zeiten genauso bei euch bleibt wie in der Flaute. Und vielleicht wird ja der eine oder andere Gedanke, mit dem ihr in der Schule überhaupt nichts anfangen konntet, an einer späteren Stelle im Leben wichtig für euch.

Mit dem heutigen Tag verlasst ihr den sicheren Hafen der Schule und brecht auf in das Abenteuer „Leben“. Wo auch immer ihr ankommt, seid versichert: Auf euch ruht der Segen Gottes.

Amen.