Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korintherbrief 15,19.20

Pfarrer Jürgen Muthmann (ev)

20.04.2014 in der Ev. Gemeinde Duisburg - Wanheimerort im Gemeindehaus Vogelsangplatz

Ostersonntag

© privat

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt, dem Vater, dem Sohne und den Heiligen Geist!

Liebe Gemeinde! Ich lese den für den heutigen Ostersonntag vorgeschlagenen Predigttext aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 15, des Apostel Paulus: 19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten ..  (Ein paar Sekunden Pause einhalten…)

Sie lächelte mich an. Ich war ein wenig verblüfft, auch erstaunt. Dieses Lächeln hätte ich nicht erwartet. Nicht hier und heute.

Überhaupt, dass sie schon wieder lächeln konnte. Das habe ich fast für unmöglich gehalten. Nicht bei dem, was sie mitgemacht hat. Nicht bei dem, was da passiert ist.

Aber sie lächelte mich an. Ein freudiges Lächeln. Eins, was mir sagte: Schön dich sehen. Eins, was sogar mir gut tat, weil ich spürte, es geht ihr heute gut.

Dabei war es noch gar nicht so lange her. Das schreckliche Ereignis, was ihr Leben veränderte. Ja, sogar fast sie selbst zerstörte, obwohl sie es selbst nicht erlebt hat. Ein paar Monate und ein paar Tage waren vergangen. Seit diesem Tag, an dem sie dachte, sie verliert ihr eigenes Leben, es gäbe keine Hoffnung mehr, keine Zukunft mehr und schon gar nicht mehr einen Grund zu lächeln.

Doch sie lächelte mich an. Ich winkte ihr zu. Kurz. Und lächelte zurück. Ich konnte nicht zu ihr rübergehen. Nicht jetzt. Ich war nicht allein. Viele andere waren bei mir. Sie blickte verständnisvoll herüber und nickte nur – lächelnd.

Wir gingen weiter. Ich dachte an die Frau, die lächelte. Ein paar Monate und ein paar Tage zuvor wurden ihr Leben und das ihrer Familie zerstört. Die Normalität wich dem Chaos. Das Leben dem Tod.

Eine brutale Tat raubte das Leben ihrer Tochter. Als sie die Nachricht bekam, flippte sie aus und drohte zusammenzubrechen. Gut, dass liebe Menschen da waren. Die sie festhielten. Die sie davor bewahrten, im Kopf einen Kurzschluss zu bekommen und sich vielleicht selbst was anzutun.

Damals: Ihr Gesicht war von einem Moment zum anderen leer und dann voller Wut, dann entstellt vor Verzweiflung. So habe ich sie kennengelernt. Und wenn sich ihr Mund zu so etwas wie einem Lachen verzog, lag Irrsinn darin…..

Doch heute lächelte sie mich an.

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Lange hatten wir darüber gesprochen, warum diese Tat geschehen war. Warum ihre Tochter mit gerade Anfang 20 aus dem Leben gestoßen wurde. Warum hat keiner geholfen, konnte keiner eingreifen, ist dem Täter in die Hand gefallen? Und sie fragte auch voller Verzweiflung – wo war der da oben? Warum hat er mir meine Tochter geschenkt und auf diese Weise wieder von mir genommen? Ihr Glaube war zerrissen.

Mir fehlten die Worte. Nicht nur einmal. Fast immer. Ich konnte keine schlüssige Erklärung geben. Der ich doch sonst gewohnt zu reden, mir fehlten die Worte….

Nichts konnte ich tun. Fast nichts. Nur da sein. Sie anschauen. Ihre Tränen sehen.  Und auch mal in den Arm nehmen.

Zusammen beerdigten wir ihre Tochter. Mit ihrem Mann. Bruder und Schwester. Familie und Freunde. Mir selbst kamen ein paar kleine Tränen. Die Beerdigung  war am Geburtstag meiner eigenen Tochter. Genauso alt wir die Tote.

Wir hörten Silbermond auf der Trauerfeier. Das Lied: Ja - ich atme dich. Da heißt es: Du flutest alle meine Decks mit Hoffnung auf ein echtes Leben vor dem Tod.

Doch das echte Leben dieser jungen Frau war kurz, zu kurz. Hatte gerade erst begonnen und war schon wieder zu Ende.

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Die Tochter der Frau, die lächelte, hatte selber eine Tochter. Noch ganz klein. Gerade mal 2 Jahre. Ein kleines Kind ohne Mutter, ohne die, die ihr das Leben schenkte. Wo soll das hinführen? Was soll aus diesem Kind werden? Woher soll es lernen, was Hoffnung heißt? Wie kann es spüren, wie sich Leben anfühlt? Wer zeigt ihr, was lieben heißt?

Die Frau, die lächelte, spürte plötzlich: Wer sonst als ich kann diesem Kind zeigen, was Hoffnung heißt, wie sich Leben anfühlt, was lieben heißt… auch wenn sie andere Worte dafür brauchte. Ich muss mich um die Kleine kümmern. Das bin ich mir und meiner Tochter schuldig.

Und dieser Satz aus dem Lied: Du flutest alle meine Decks mit Hoffnung auf ein echtes Leben vor dem Tod. Er gewann Gestalt in diesem kleinen Mädchen für die Frau, die lächelte. Er gewann Gestalt für das kleine Mädchen in der Frau, die lächelte.

Daran dachte ich. Und spürte wie ein Lächeln meinen Mund umspielte.

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Ich hatte ihren verständnisvollen Blick gesehen. Ich ging weiter mit den anderen. Hinter diesem Sarg her, in dem eine Frau lag, die nach erfüllten Leben und kurzer Krankheit lebenssatt gestorben war. Neben mir ihre Kinder, so alt wie ich, traurig zwar, aber auch froh, dass diese Frau gehen konnte. Wir legten sie in Gottes Erde. Am Grab wurde geweint. Aber auch für die Mutter gedankt. Und später bei der Raue wurde gelacht, weil es genug fröhliche Geschichten über die lebenssatte Frau gab.

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Die Frau, die lächelte, besuchte das Grab ihrer Tochter an diesem Tag auf dem Friedhof. So wie sie es oft macht. Später hat sie mir mal gesagt, dass sie am Anfang, als sie nach der Beerdigung, das Grab ihrer Tochter besuchte, noch geweint hat. Jedes Mal. Doch die Tränen wurden mit der Zeit weniger. Sie geht gerne zum Grab. Manchmal auch mit ihrer Enkelin. Und am Grab, da hat sie wieder gelernt zu lächeln. Sie fühlt sich da ihrer Tochter ganz nah. Manchmal spricht sie mit mir. Ob ich sie deshalb für verrückt halte, hat sie gefragt. Verrückt war der Tod ihrer Tochter, sagte ich ihr, gut und normal ist es, dass sie mit ihrer Tochter sprechen kann. Sie kümmert sich um das Grab, pflegt, setzt Blumen darauf. Damit ihre Tochter es schön hat. In diesem kleinen Grab. Sie freut sich darüber. Und lächelt. Und weiß, dass es ihrer Tochter gut geht, bei dem, der ihr das Leben schenkte.

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Am frühen Morgen gingen die Frauen zum Grab. Einen letzten Dienst wollten sie ihrem geliebten Freund und Sohn erweisen. Ihn salben. Ihm ein Stück der Würde zurückgeben, die ihm die Menschen genommen hatten, die ihn ans Kreuz brachten. Weil er ihnen im Weg war. Weil er den Menschen eine neue Sicht der Welt zeigte. Weil er den Menschen Freude und Leben gab, wie sie diese nicht kannten.

Sie hatten eine Flasche mit Salböl dabei, wollten ins Grab gehen, und dem Toten ein bisschen Leben wiedergeben. Mit dem Geruch des Öls den Gestank des Todes verscheuchen, zumindest für eine kurze Zeit.

Die Frauen gingen zum Grab, weil sie nicht wussten wohin mit ihrer Trauer, ihren Tränen, ihrer Verzweiflung. Sie trugen eine schwache Hoffnung mit sich. Als ob der Tote sie noch trösten könnte, ihnen ihre Verzweiflung nehmen und ihre Tränen trocknen.

Sie wollten noch mal dem begegnen, der ihnen gezeigt hatte, was echtes Leben ist. Der ihre Köpfe mit Hoffnung geflutet hat. Der ihnen Freude am Leben schenkte. Die Frauen gingen mit dieser schwachen Hoffnung zum Grab. Eine schwache Hoffnung für ihr Leben etwas Trost zu finden, weniger Tränen zu weinen und nicht ständig die Verzweiflung zu spüren, wenn sie dem Toten den letzten Liebesdienst erwiesen.

Doch die Welt, die Menschen wollten, diese schwache Hoffnung auch noch  rauben. Wachen vor dem Grab, ein schwerer Stein, zu groß für die Frauen.

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Leben ist endlich. Leben ist gefährdet. Leben ist zerbrechlich. Es kann durch eine Krankheit ausgelöscht werden, durch eine grausame Tat, wie bei der Tochter der Frau, die lächelte. Es kann durch ein Unglück zerstört werden, wie dieses grausame Ereignis in der Fähre vor der Küste Süd-Koreas. Es kann durch Hass und Nationalismus geschehen, wie heute in Slawiansk in der Ukraine geschehen. Es kann durch Krieg und Attentate wie in Syrien und in Nigeria vernichtet werden. Es  kann spurlos verschwinden, wie das Flugzeug im Indischen Ozean. Oder Menschen, die von einem zum anderen Tag nicht mehr da sind.

Leben ist endlich. Leben ist gefährdet. Leben ist zerbrechlich. Wir alle wissen das. Wir alle wollen leben. Solange und so gut wie möglich. Das hoffen wir alle. Doch wir alle wissen auch: Auf Dauer geht das nicht gut. Was für ein Elend! Auf Dauer siegt der Tod. Das Vergessen. Das Nichts. Jede Hoffnung zerbricht. Irgendwann.

Wenn wir alleine darauf hoffen, dass sich in diesem Leben was ändert.

Wir sehnen uns nach Hoffnung, die nicht zerbricht, die nicht vor dem Tod in die Knie geht, die nicht zerbombt, zerstört, verunglücken, verschwinden kann. Hoffnung, die nicht von dieser Welt ist, die unser Begreifen und Verstehen übersteigt.

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Die Frauen fanden nichts und niemand im Grab. Es war leer. Doch ganz so leer war es doch nicht. Es war gefüllt, randvoll mit Hoffnung. Hoffnung, die der zurückgelassen hat, der dort drei Tage lang lag. Hoffnung, die stärker ist als der Tod. Lebendige Hoffnung, nicht von - aber für diese Welt. Und der, den die Frauen salben wollten, salbte plötzlich die Frauen: Mit Hoffnung auf neues Leben, Hoffnung, die nicht zerstört werden kann. Hoffnung, die der Auferstandene den Frauen in Herz und Hirn salbte. Die die Frauen in die Welt hinaustrugen. Hoffnung, die durch die Zeiten bis zu uns heute weht.

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Letztens sah ich wieder die Frau, die lächelte. Auf dem Friedhof. Sie war nicht allein. Es war jemand bei ihr. Sie stand auch nicht am Grab ihrer Tochter. Sie redete mit jemand, den ich nicht kannte. Aber es schien diesem Menschen nicht gut zu gehen. Doch ich konnte sehen, wie sich dieser Mensch ein wenig aufrichtete in der Nähe der Frau, die lächelte. Als ob ein wenig neues Leben in ihm hinfloss.

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten ..

Er ist wahrhaftig auferstanden! Gesegnete Ostern!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne im auferstandenen Christus. Amen

Es gilt das gesprochene Wort, Pfarrer Jürgen Muthmann