Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 12,1-9

Pfarrer Dirk Alpermann (ev)

21.03.2014 in der Katharinenkirche in Oppenheim

Abiturgottesdienst des Gymnasiums zu St.Katharinen Oppenheim

Generation Lebenslauf

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

liebe Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde,

liebes Kollegium!

„Da kommt was auf uns zu. Sie verlassen Gymnasien und Unis mit Einser-Noten, strotzen dank liebevoller Förderung durchs Elternhaus vor Selbstbewusstsein und sind nach Schüleraustausch oder Auslandssemester international bereits erstaunlich geländegängig. Aber das ist nicht alles. Sie scheinen selbstverliebt, risikoscheu und anspruchsvoll, meiden Führungsverantwortung, lassen es an Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft fehlen, zeigen sich wenig eigeninitiativ, dafür aber ausgeprägt freizeitorientiert. Tolle Truppe. Das kann ja was werden.“ http://www.berliner-zeitung.de/zukunftsdialog/zukunftsdialog-die-jungen-milden,20494682,24821252.html (31.10.2013)

So weit das Fazit einer aktuellen Umfrage in den Personalabteilungen der 500 größten Unternehmen Deutschlands. Das Bild, das von euch künftigen Führungskräften und Rentenzahlern hier gezeichnet wird, ist wenig schmeichelhaft, und mir kommen Bilder in den Sinn von Kinderwagen mit Flaschenhaltern, von Spielplätzen, auf denen sich in der warmen Frühlingsluft mehr Eltern tummeln als Kinder, von Mamas und Papas, die mit Eimern und Schippen ausgerüstet im Sandkasten Schwerstarbeit verrichten anstatt ihre Kleinen einfach mal in Ruhe spielen zu lassen.

Nun sollte man nicht immer alles glauben, was in Umfragen steht. Spätestens seit den Tricksereien beim ADAC wissen wir: Da ist Vorsicht geboten! Ganz abgesehen von der Frage, warum im Zeitalter der Totalüberwachung durch NSA, Facebook und Google überhaupt noch Umfragen gemacht werden, wenn doch eh schon alles über uns bekannt ist.

Trotzdem will ich das nicht so stehen lassen: selbstverliebt, risikoscheu, anspruchsvoll, spaßorientiert und wenig eigeninitiativ – ihr könnt damit jedenfalls nicht gemeint sein. Schließlich habt ihr euer Abitur geschafft, und das habt ihr ja nun wirklich nicht von den Bäumen gepflückt, sondern viel dafür geleistet.

Wenn es das also nicht ist, was ist dann typisch für eure Generation? Was unterscheidet euch von denen, die vor 10, 15 und mehr Jahren Abitur gemacht haben? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Das liegt schon am Begriff der Generation selbst. Eine Generation umfasst mehrere Geburtsjahrgänge zur gleichen Zeit im gleichen Raum. Sie entsteht vor allem aus gemeinsamen Erfahrungen, die in einem bestimmten Zeitabschnitt als prägend erlebt werden.

Welche Erfahrungen also sind typisch und prägend für eure Generation?

Die 60er Jahre hatten John F.Kennedy, die Beatles und Vietnam. Die 70er hatten immer noch Vietnam, die Ölkrise und die RAF. Die 80er hatten den NATO-Doppelbeschluss, Tschernobyl und den Mauerfall, die 90er den 2.Golfkrieg und das Ende der Ära Helmut Kohl. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hatte den 11.September und die Pleite von Lehman Brothers. Das zweite Jahrzehnt ist nicht mal zur Hälfte vorbei und also noch zu jung für eine kollektive Prägung – die ja immer erst rückblickend als solche erkennbar wird.

Dann sind da noch die Versuche, eine Generation über bestimmte Trends zu definieren: also die „Generation Smartphone“, die „Generation Casting-Show“, die „Generation Facebook“.

Mediale Trends als Erfahrungen mit integrierender Kraft sind aber schwierig, weil sie sich so schnell verändern. Gestern noch bei Facebook, morgen schon bei WhatsApp und übermorgen woanders – da fehlt das Verbindende und damit auch die Symbolkraft.

Bei meiner Suche nach einer treffenden Charakterisierung eurer Generation bin ich bin dann auf den Begriff „Lebenslauf“ gestoßen.

Wenn es etwas gibt, das typisch ist für eure Generation, dann ist das die Pflege und Optimierung des eigenen Lebenslaufs.

Wie wichtig der Lebenslauf ist, lernt heute jedes Kind in der Schule. Der Lebenslauf zeigt euer Profil, wer ihr seid, was ihr könnt und was euch unterscheidet. Er macht euch interessant und soll euch in der Konkurrenz mit anderen einen Vorteil verschaffen.

Dazu ist es wichtig, dass er in formaler Hinsicht korrekt angefertigt ist, alle notwendigen Angaben enthält und keine Lücken hat.

Die „Generation Lebenslauf“ weiß heute aber auch, dass das alleine nicht genügt. Wer im globalen Wettbewerb den Vorsprung vor den anderen halten will, muss mehr vorweisen.

Der Lebenslauf ist deshalb längst zum Mittel der persönlichen Selbstinszenierung geworden: Teilnahme bei „Jugend forscht“, Trainerjob im Sportverein, Leitung einer Kindergruppe, Musiker in einer Band, Babysitting, Nachhilfe, Praktikum beim Fernsehen und natürlich ein Auslandsjahr in USA oder Australien – je mehr Pluspunkte in der Biographie, desto besser. Wer sich als sozialkompetent, vielseitig und belastbar verkaufen will, muss frühzeitig anfangen mit der Imagepflege und spätestens in der 9.Klasse eine Strategie für die eigene Selbstvermarktung entwickeln. Der Lebenslauf wird zum Verkaufsargument in eigener Sache, seine Optimierung wird zur Daueraufgabe.

Dass daraus ein regelrechter Lebenslaufdruck entsteht und die Perfektionierung der eigenen Biographie zum Stressfaktor wird, liegt auf der Hand. Gerade, wenn ich den Weg meiner eigenen Kinder durch Schule und Studium verfolge, sehe ich, dass ein enormer Leistungsdruck auf dieser Generation lastet. Als junger Mensch kann man sich dem kaum entziehen. Die Anforderungen von außen lassen keine andere Wahl. Irgendwie hat man immer schon das nächste Assessment-Center im Hinterkopf, und je geschickter der eigene Lebenslauf angelegt ist, umso größer ist die Chance, überhaupt erst dazu eingeladen zu werden.

Das hat dann gelegentlich auch amüsante Seiten. Ein Abiturient aus dem letzten Jahr erzählte mir nach seiner Rückkehr aus Neuseeland, dass er dort eigentlich nur Deutsch gesprochen habe, weil es in Neuseeland eine regelrechte Invasion deutscher Auswanderer auf Zeit gibt. Die neuseeländischen Kiwi-Züchter freut´s, Deutsche auf Sinnsuche sind dort vor allem billige Arbeitskräfte. Ob das Jahr in Neuseeland später noch als etwas Besonderes aus dem Lebenslauf herausragt, wenn jeder dort war, ist eine andere Frage. Zumal Entfernungen im Zeitalter von WhatsApp und Skype relativ geworden sind und man ja nie wirklich weg ist.

„18.März 2014 Abitur“ steht seit heute in euren Lebensläufen, und das sieht nicht einfach nur gut aus. Das fühlt sich vor allem gut an.

Das Abitur markiert das Ende eurer Schulzeit, von der ihr neun Jahre auf dem Gymnasium verbracht habt. Neun Jahre überwiegend als Einzelkämpfer in einem System, das, abgesehen von gelegentlichen Härten, unbestreitbar große Vorteile hat.

Ihr werdet nie wieder eine Zeit erleben, die von einer solchen Konstanz und Regelmäßigkeit geprägt ist wie die Schule.

Neun Jahre im Rhythmus von Unterricht und Ferien, Hausaufgaben und HÜs.

Neun Jahre zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, die euch, eure Eltern und eure Lehrer abwechselnd in den Wahnsinn getrieben haben.

Neun Jahre im 45-Minuten Takt, in denen das Zeitgefühl zwischen „Wann klingelt`s endlich?“ und „Was, schon vorbei?“ gelegentlich verrückt gespielt hat.

Neun Jahre, in denen die einen Freunde wurden und die anderen nie miteinander gesprochen haben.

Neun Jahre, deren Ende die einen als Befreiung empfinden und die anderen mit Wehmut erfüllt.

Neun Jahre, die in euren Lebensläufen als dürres Faktum auftauchen, in ihrer Bedeutung aber weit über sich hinausweisen.

Für jede und jeden von euch steht nun der große Aufbruch bevor – für viele noch mit unbekanntem Ziel.

Das erinnert an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Abitur. Es kommt vom lateinischen Verb abire und bedeutet weggehen, davongehen. Als Abiturienten seid ihr also Weggehende, Davongehende.

Bisher war die Schule als Konstante in Eurem Leben immer Zukunft: die nächste Stunde, der nächste Schultag, die nächsten Kursarbeiten, die nächsten Ferien – immer lag noch etwas vor euch. Irgendwann waren es dann die letzten Kursarbeiten, die letzten Ferien, die letzten Schulstunden. Ab morgen ist die Schule definitiv Vergangenheit, und der einzige Grund, dann noch an sie zu denken, wird die Pflege von Erinnerungen sein.

Morgen ist Abi-Ball. Danach werden sich viele von euch für Jahre aus den Augen verlieren, manche auch für immer. Ab sofort geht ihr eigene Wege, eure Lebensläufe setzen sich getrennt voneinander fort.

Deshalb möchte ich zum Schluss noch einmal an die Geschichte von Abraham erinnern. An seinen Aufbruch aus der Heimat und seinen Weg in ein fremdes Land. Es ist eine Reise ins Ungewisse. „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause …“ Es ist eine der ältesten Erfahrungen der Menschheit, dass Aufbrüche zum Leben gehören.

Abraham hat diesen Aufbruch gewagt. Oft begleitet von Zweifeln und Angst. Ohne zu wissen, wohin er ihn führt und ohne zu wissen, ob das Ziel seines Weges auch das Ziel seiner Wünsche ist. Immer aber getragen von der Hoffnung, dass am Ende neue Lebensmöglichkeiten stehen.

„Ich will dich segnen und du sollst selbst ein Segen sein“, sagt Gott ihm zu. Dieser Zuspruch soll auch über eurem Abschied stehen. Dieses Leben bietet so viel mehr: so viel mehr als Lernen, so viel mehr Erfolg oder Scheitern, so viel mehr als materielle Glücksverheißungen, mehr als diese vielen Fragmente des Lebens, die wir für das Ganze halten.

Für die Gewissheit der Begleitung auf unseren Wegen gibt es altes Wort: Christen sprechen vom Segen. Ein Segen, der unabhängig von Leistung und Erfolg ist, der nicht nach Gewinnern und Verlierern fragt. Ein Segen, der immer bei euch bleibt: auf den schwierigen und auf den einfachen Wegen.

Was auch immer vor euch liegt: Geplantes, Überraschendes, Ungewisses – ich wünsche euch diesen Glaube an die tragende Kraft des Lebens, die euch mit ihrem Segen umgibt. Amen.