Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 8,20-22

Pfarrer i.E. Dr. Matthias Ahrens

11.04.2008 in der Evangelischen Akademie Bad Boll

Im Rahmen der Tagung „Marktwirtschaft in der Legitimationskrise?“

Im Rahmen der Tagung „Marktwirtschaft in der Legitimationskrise?“

Liebe Tagungsgemeinde,

als Frage ist der Tagungstitel formuliert: Marktwirtschaft in der Legitimationskrise? Wer die öffentliche Meinung, wer gesellschaftliche Diskussionen verfolgt, wird die Frage mit einem Ja beantworten müssen. Ja, die Marktwirtschaft ist in der Legitimationskrise – und das nicht erst seit Neuestem. Auch im Raum der evangelischen Kirche gibt es viele skeptische Stimmen.

Worin besteht die Krise? Zusammengefasst kann man wohl sagen: Viele finden die Marktwirtschaft ungerecht, weil die Protagonisten die Freiheit zur persönlichen Bereicherung missbrauchen. Deshalb soll eine am Gemeinwohl orientierte Instanz, soll der Staat für Ausgleich sorgen. – Es geht also um das Verhalten der Einzelnen und um die Rolle des Staates.

In der Bibel finden sich grundlegende Aussagen dazu am Ende der Sintflutgeschichte: Das Wasser sinkt, die Arche landet, die Erde ist wieder bewohnbar. Noah, seine Familie und alle Tiere gehen aus der Arche heraus (Gen 8,20-22):
20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.
22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Das Ganze könnte so schön sein: Noah – „ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten, er wandelte mit Gott“ (Gen 6,9) – dieser Mann also tritt nach der Sintflut, die alle Bosheit wegwaschen sollte, auf die gereinigte Erde, opfert Gott. Gott „roch den lieblichen Geruch“ und verheißt den dauerhaften Bestand des Lebens auf der Erde. Das könnte so schön sein – doch dazwischen steht dieser garstige Satz: „denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“.

Diese Feststellung ärgert viele, auch viele Christenmenschen. Durch diese Betonung des Bösen, durch die Benennung als Sünder, so sagen sie, sollen die Menschen klein gehalten werden. Und überhaupt: von wem ist hier die Rede, etwa von dem frommen Noah? Der hat doch gerade so gottgefällig geopfert, mit dem wird Gott doch kurz darauf einen Bund schließen. Und außer ihm und seiner Familie gibt es gar keine Menschen auf der weiten Erde ...

Ja, mit dem frommen Noah geht die Unheilsgeschichte gleich wieder los. Noah pflanzt einen Weinberg, keltert Wein und trinkt sich davon einen heftigen Rausch an. Sein Sohn Ham findet ihn entblößt im Zelt liegen und zeigt den nackten Alten seinen Brüdern. Als Noah aufwacht und hört, was geschehen ist, verflucht er seinen Sohn Ham. Ja, auch der fromme Noah ist nicht ausgenommen; „denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“

Wir sind allzumal Sünder – so fasst es die christliche Tradition. Das heißt nicht, dass nur Schlechtes von den Menschen kommt, dass sie alle andauernd Bösewichter sind. Aber auch unser bestes Wollen führt nicht dauerhaft zum guten Ziel, wenn es überhaupt dahin führt. „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ – das gilt für alle Menschen, auch für Noah und andere Fromme; das gilt für alle, bis auf einen: Jesus Christus. Diese Verstrickung ins Böse hat Paulus treffend zusammen gefasst: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Rö 8,18f)

Selbst das gute Wollen trägt nicht weit. Dieses Ungenügen ist nicht einfach eine persönliche Fehlleistung; so ist vielmehr das menschliche Leben unter der Sünde.

... und auch wieder nicht, jedenfalls nach christlichem Verständnis. Denn Jesus Christus, so glauben wir, ist für unsere Erlösung, ist zur Sühne unserer Sündenexistenz gestorben. Seine Auferstehung bezeugt die Wirksamkeit der Erlösung. Das gesamte menschliche Leben als unter der Sünde zu verstehen, macht die Menschen nicht klein. Dieses Verständnis erklärt vielmehr die Diskrepanz zwischen Wollen und Vollbringen. Es entlastet damit von einem Drang zu Vollendung, zur Perfektion und es stellt damit alle Menschen als im Grunde gleich imperfekt dar, auch Noah und andere Fromme.

Die Erlösung durch Jesus Christus anzunehmen, das eröffnet einen neuen Horizont. Wer in die Nachfolge Jesu gerufen ist, lebt mit dem Blick auf das Reich Gottes. Simul iustus, simul peccator – Gerechter und Sünder zugleich. Das ist das Beste, was ein Mensch erreichen kann, nämlich als Sünder um die menschlichen Grenzen wissen – gerade um die eigenen –, und als Gerechter eine Perspektive haben. Wer so lebt, hebt nicht ab, denn er weiß ja um die eigenen Grenzen; wer so lebt, wird aber auch nicht in die Tiefe gezogen, denn sie weiß um die Erlösung.


Viele finden die Marktwirtschaft ungerecht, habe ich am Anfang gesagt, weil die Protagonisten die Freiheit zur persönlichen Bereicherung missbrauchen.

Mit dieser Einstellung geht oft ein Verständnis der Gesellschaft in dem Sinne „die da oben und wir hier unten“ einher. „Die da oben“ sind raffgierig, können den Hals nicht voll genug kriegen. Und „wir hier unten“ müssen sehen, wo wir bleiben. „Wir hier unten“, so erscheint es dann, sind die besseren Menschen. Wenn „wir hier unten“ nur etwas zu sagen hätten, dann sähe vieles anders, natürlich besser, gerechter aus.

Die ganz alltägliche Erfahrung zeigt, dass die Aufteilung nach oben und unten als moralische Kategorie nicht funktioniert. „Die da oben“ sind nicht grundsätzlich schlechtere Menschen als „wir hier unten“ – und umgekehrt. Das zeigt sich besonders dort, wo Menschen von unten nach oben aufsteigen. (Auch Ihnen fallen sicher Beispiele ein, etwa Betriebsräte großer Unternehmen oder zu Präsidenten aufgestiegene Führer von Befreiungsbewegungen.) Und man muss ja überhaupt nicht nach oben blicken, um Gier und illegale Bereicherung wahrzunehmen.

Denn die Marktwirtschaft ist nicht die Ursache für Gier und Bereicherung. Beides ist vielmehr Ausdruck für das Leben unter der Sünde. Es kommt deshalb auch in der Marktwirtschaft vor – wie in anderen menschlichen Ordnungen.

Diese Gleichheit unter der Sünde nicht wahrhaben zu wollen, ist offenbar ein mächtiger Impuls und damit ein Ausdruck dieser Lebens-, die Bibel würde wohl eher sagen: Todesstruktur.

Ein frisches Beispiel: Vor einigen Wochen hat die Partei „Die Grauen“ – hervorgegangen aus den „Grauen Panthern“ sich aufgelöst. Sie war einfach pleite. Die Geschäftsführung hatte gegenüber der Bundestagsverwaltung Spenden angegeben, die es gar nicht gab, und dafür Bundesmittel kassiert. Rückzahlung und Strafzahlung summierten sich zu ca. € 8 Mio. Und da die Partei so viel Geld nicht hatte, blieb nur die Auflösung. Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung verwies eine Mandatsträgerin auf die Wahlwerbung mit dem Schlagwort „Ehrlichkeit“. Als „Lügner und Betrüger“ prangerten „Die Grauen“ die politischen Eliten an und beklagten deren „Machtversessenheit“. Ein regionaler Funktionär fasste zusammen: „Wir haben immer gedacht, wir sind bei solchen Themen die Unfehlbaren - und dann passiert so was." Aber es blieb nicht bei diesem „wir“, bei der Einsicht, in illegale Strukturen verwickelt zu sein. Die Mandatsträgerin machte eine neue Unterscheidung von „wir“ und „die“ auf: „Ich bin wahnsinnig enttäuscht von meiner Partei“, sagt sie. Lügen, Betrug, Machtversessenheit – „das haben die in der Zentrale jetzt alles selber gemacht.“ Flugs gehören auch „die in der Zentrale“ zu den anderen, denen alles zuzutrauen ist, die aber nicht „wir“ sind. Wir bleiben die Guten.

Vielleicht ist es ein Zeichen von Erlösung, wenn Menschen sich in das „wir“ der Sünder mit einschließen können.

Die Menschen in der Regel als Sünder, im besten Fall als erlöste Sünder zu verstehen, das konstituiert grundsätzliche Gleichheit und deshalb Freiheit, allerdings in einem sehr nüchternen Sinn. Wer sich selbst als Sünder oder erlösten Sünder versteht, kann sich den anderen nicht kategorisch überlegen fühlen. Wer um die Grenzen des eigenen Vollbringens weiß, wird den anderen ihre Art des Wollens zugestehen und auf guten Erfolg hoffen.

Wahrscheinlich entspricht die Marktwirtschaft dem hier skizzierten Menschenbild sehr weitgehend. Denn die Marktwirtschaft lebt davon, dass de iure gleich Akteure frei sind, ihre Fähigkeiten und Produkte anzubieten. Die Marktwirtschaft dürfte um so besser funktionieren, je klarer Freiheit und Gleichheit im Wissen nicht nur um die eigenen Stärken, sondern auch um die eigenen Grenzen wahrgenommen werden.


So viel zum menschlichen Wesen, zum Verhalten der Einzelnen, wie es das Ende der Sintflutgeschichte beschreibt. So weit, so gut, denken Sie hoffentlich. Aber was sagt diese Geschichte über die Rolle des Staates?

Viele derer, die die Marktwirtschaft als ungerecht empfinden – so habe ich gesagt –, erwarten einen Ausgleich durch den Staat als neutrale, am Gemeinwohl orientierte Instanz. Der Staat soll dafür sorgen, dass der Aufschwung bei allen ankommt. Der Staat soll etwas gegen zu hohe Managergehälter tun und zugleich sicherstellen, dass man vom Arbeitseinkommen leben kann. Der Staat soll allen den Zugang zur besten medizinischen Versorgung ermöglichen. Und so weiter ...

Der Staat soll für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen, soll sich gegen die Ungleichheit stellen, die vermeintlich aus der Marktwirtschaft resultiert. Das sind hohe Erwartungen, geradezu Heilserwartungen, zu hohe Erwartungen, wie ich finde.

Dem nüchternen Menschenbild vom Ende der Sintflutgeschichte entspricht ein ebenso nüchternes Bild von den Ordnungen auf der Erde. Sie erinnern sich: Gott verpflichtet sich „in seinem Herzen“ – also keinem Menschen gegenüber –
- „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen“, d.h. negativ gesprochen: keine allgemeine Vernichtung der Erde (wie die Sintflut) mehr zu planen und - positiv: grundlegende Zyklen des menschlichen Lebens („Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“) dauerhaft in Kraft zu lassen.

Das alles geschieht aber nicht im Paradiese, sondern weiter unter der Prämisse „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“. Gott verpflichtet sich seine Schöpfung zu erhalten. Dieser Erhaltungswille Gottes findet – und nun gehe ich mit der theologischen Tradition über die Sintflutgeschichte hinaus – seine Entsprechung im Verständnis vom Staat als gnädiger Erhaltungsordnung Gottes. Dem nüchternen Menschenbild entspricht ein nüchternes Bild vom Staat. Dessen Aufgaben beschreibt die Barmer Theologische Erklärung von 1934 ebenso knapp wie umfassend (siehe EG 836):
„Fürchtet Gott, ehrt den König. (1.Petrus 2,17) Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen.“ (5. These)

Der Staat, verstanden als gnädige Erhaltungsordnung Gottes, hat also recht begrenzte Aufgaben:
- Dieser Staat steht „in der noch nicht erlösten Welt“ und handelt „nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens“. Von ihm ist keine höhere als die menschliche Weisheit, keine bessere als die menschliche Gerechtigkeit zu erwarten.
- Dieser Staat handelt „unter Androhung und Ausübung von Gewalt“, er nimmt nicht das messianische Friedensreich vorweg, wo der Löwe und das Lamm friedlich beieinander wohnen. Die Ausübung von Gewalt ist kein Ausnahmefall, sie ist vielmehr Grundlage des Staates. Die staatliche Gewalt hat die Aufgabe, die rohe Gewalt im Zaum zu halten, die rohe Gewalt, die im Leben unter der Sünde alltäglich ist.
- „Für Recht und Frieden zu sorgen“ sind die Aufgaben dieses Staates – und nicht mehr, heißt das. Der Staat kann und muss nicht Gerechtigkeit herstellen. Indem er für Recht und Frieden sorgt, ermöglicht er Freiheit; denn die Freiheit der einzelnen setzt voraus, dass staatliches Recht herrscht und kein Faustrecht, dass äußerer Friede herrscht und nicht der Kampf aller gegen alle, bei dem immer der Starke sich durchsetzt.

Dieser Staat besteht aus Menschen, die Sünder, im besten Fall erlöste Sünder sind, die deshalb um ihre eigenen Grenzen wissen und die die begrenzten Möglichkeiten der anderen Sünder, im besten Fall erlösten Sünder anerkennen.

Ist das nicht der altliberale Nachtwächterstaat, mit einem frommen Mäntelchen bekleidet? Wo bleibt die Sorge für die Armen und Schwachen? Kommen sie da nicht unter die Räder?

In der biblischen Überlieferung spielt die Sorge für die Armen und Schwachen, für die Witwen und Waisen eine wichtige Rolle – aber als allgemeines Gebot. Es wendet sich an alle, nicht in besonderer Weise an die staatliche Ordnung.

Und dann spreche ich hier betont von einer Erhaltungsordnung. Das gilt nicht nur für die Welt, für Gottes Schöpfung im großen, sondern auch für die Welt im kleinen, für die Einzelnen. Wo die Armen und Schwachen nicht erhalten werden, da ist es auch keine Erhaltungsordnung. Noch einmal: gerade für die Armen und Schwachen ist es nötig, dass der Staat Gewalt androht und ausübt. Denn wo das Faustrecht herrscht, kommen sie als erste unter die Räder.

In dem nüchternen Verständnis vom Menschen und vom Staat, wie ich es hier schildere, basieren Gleichheit und Freiheit auf dem allen gemeinsamen Dasein als Sünder, im besten Fall als erlöste Sünder. Ein Staat, der mehr als die Sorge für Recht und Frieden verspricht, muss von Menschen mit einer höheren Einsicht geführt werden, von Menschen, die anderen kategorial etwas voraus haben. Ein solcher Staat mag mehr Gerechtigkeit versprechen – aber das ist nur auf Kosten von Gleichheit und Freiheit möglich, wenn es nicht ohnehin beim Versprechen bleibt.

Diese Freiheit, die dieses Bild vom Menschen und vom Staat ermöglicht, ist keine glorreiche Ungebundenheit, wie sie auf Parties zelebriert wird: „Born to be wild“ grölen die einen und träumen von einer Motorradtour durch die USA, „Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei“ bedauern die anderen. Diese Freiheit ist aber auch nicht allein die „Freiheit zu etwas“, wie sie gelegentlich in christlichen Kreisen im Unterschied zur „Freiheit von etwas“ ängstlich beschrieben wird, um nur die christliche Freiheit nicht in die Nähe der Libertinage zu rücken.

Diese Freiheit ist auf jeden Fall die Freiheit zur persönlichen Entscheidung – und das ist nicht wenig. Zwei Trends stehen hierzulande gegen diese Art der Freiheit.
- Vor allem Menschen, die aus anderen Ländern eingewandert sind, werden schnell ihrer (vermeintlichen) Kultur zugeordnet. Nicht die freie Entscheidung erwarten wir von ihnen, sondern ein Verhalten in den kulturellen Mustern.
- Und wir erklären Menschen schnell zu Opfern und nehmen damit gerade nicht ihre persönliche Entscheidung ernst.

Ein absurdes Beispiel: Anfang März berichtete die StZ unter der Überschrift „Auch ein Bayer in Hamburg ist ein Flüchtling“ über „die deutsch-kurdische Regisseurin Gülsel Özkan. „Eigentlich sind wir doch alle Flüchtlinge, wenn wir unseren Geburtsort verlassen, sagt Özkan, „auch der Bayer, der in Hamburg neu anfangen muss.“ Das treibt diese Einstellung auf die Spitze: das Leben wird nicht durch persönliche Entscheidungen geprägt, sondern erlitten. Nicht persönliche Entscheidungen, sondern diffuse Verhältnisse zwingen Menschen anscheinend zu ihrem Tun. Hier ist der Unsinn offenbar: Warum sollen alle, die ihren Geburtsort verlassen, Flüchtlinge und damit Opfer sein? Dummerweise werden auch die großen weltweiten Wanderungsbewegungen überwiegend in der Opferperspektive wahrgenommen: So gelten die Afrikaner, die ihre arme Herkunft verlassen und auf oft abenteuerliche Weise nach Europa zu kommen versuchen, als Flüchtlinge. Handelt es sich dabei nicht um die freie Entscheidung der jungen Männer (die es überwiegend sind), anderswo ein besseres Leben zu suchen? Bis zur Mitte des 20. Jh. haben viele Deutsche aus freien Stücken das Land verlassen und sind nach Amerika oder nach Australien ausgewandert. Waren auch sie Opfer, oder haben sie eine Entscheidung getroffen?
(Übrigens wird die Freiheit der Afrikaner und anderer hierher zu kommen nicht zuletzt deshalb begrenzt, weil das Absinken der Löhne, das die liberalisierte Einwanderung wohl mit sich brächte, unter dem Stichwort Gerechtigkeit verhindert werden soll.)

Der elementarste Ausdruck der Freiheit im geschilderten nüchternen Sinne ist die Entscheidung, anderswo ein besseres Leben zu suchen. Die Entscheidung kann sich als unzutreffend herausstellen. Der Weg ins bessere Leben kann in einem Seelenverkäufer auf dem offenen Atlantik enden. Doch wird darin deutlich, was Freiheit „in der noch nicht erlösten Welt“ bedeutet.

In der noch nicht erlösten Welt steht auch die Marktwirtschaft genau so wie ihre Schwester freiheitliche Demokratie. Auch hier sind Menschen aktiv, deren Dichten und Trachten böse ist von Jugend auf. Gleichwohl scheinen mir die Marktwirtschaft und ihre Schwester freiheitliche Demokratie auch auf struktureller Ebene dem nahe zu kommen, was als Gottes gnädige Erhaltungsordnung bezeichnet wird. Betrieben von Menschen, die als Sünder, bestenfalls als erlöste Sünder als Freie und Gleiche miteinander umgehen, tragen beide dazu bei, dass grundlegende Bedürfnisse des menschlichen Lebens befriedigt werden können – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein nüchternes Menschenbild und die Vorstellung von der Erhaltungsordnung laden geradezu zu Anfragen und Kritik an den bestehenden Verhältnissen ein. Kein Mensch – außer dem einem – und keine Ordnung entsprechen mehr als alle anderen dem Schöpferwillen Gottes. Die fruchtbare Kritik an den bestehenden Verhältnissen, auch an der Marktwirtschaft, setzt aber eins voraus: das Wissen um die eigene Begrenztheit, um die Existenz als Sünder, bestenfalls als erlöster Sünder.

Amen.