Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 1,3-9

Pfarrerin Dr. Gerda Altpeter

06.07.2003 in St. Michaelis, Hamburg

Liebe Gemeinde,

Rachel sieht ihrem Vater zu in der Werkstatt. Er arbeitet als Goldschmied. In seiner Hand hält er schimmerndes Metall, Katzengold oder echtes Gold? Er wiegt die Stücke in der Hand.

"Ich muss das Metall schmelzen," erklärt er seiner Tochter, "dann kann ich sehen, was es ist. Ich kann dann auch die Stücke in kleinen Sandformen neu giessen und besser bearbeiten zu Schmuckstücken."

Er formt aus Sand kleine Behälter, daneben entsteht ein weiteres Gefäss. Dann zündet er in einer Mulde ein starkes Feuer an, stellt einen Tontopf darüber und gibt die Metallstücke hinein. Langsam schmilzt das Metall. Obenauf schwimmt es seltsam trübe. Der Vater stösst mit einem Stock in ein Loch. Die obere Schicht fliesst in das erste Gefäss. Dann zeigt sich ein starker Glanz - Gold! Die blitzende Flüssigkeit strömt in die kleinen Sandformen. "Es ist gut," schmunzelt der Vater, "nun kann ich Schmuck herstellen. Wenn ich ihn verkaufe kommt wieder Geld ins Haus."

Rachel hat begeistert zugesehen. Sie ist stolz auf die Kunst ihres Vaters, Gold und Silber zu feinen Schmuckstücken zu verarbeiten. Ihn kann niemand betrügen. Er untersucht alles Metall im Feuer. Was er formt und bearbeitet bereitet überall Freude, denn es ist nichts Falsches dabei.

Da klopfen Nachbarn an die Tür. "Wir müssen aufpassen," rufen sie, "die Nichtgläubigen wollen uns alles nehmen, was wir besitzen, ja sie drohen, uns zu schlagen und zu töten. Wir sind Christen. Sie sind es nicht. Sie wünschen, dass wir ihrem Gott dienen, nicht Jesus Christus."

"Kommt, wir schieben den Rollstein vor, da können sie nicht zu uns vordringen", befiehlt der Goldschmied. So geschieht es. Sie hören den Lärm der anderen Nachbarn, aber durch den Rollstein können sie nicht kommen, der geht nur von innen auf. Nach einiger Zeit wird es ruhig. "Wenn wir freundlich zu ihnen sind," meint der Goldschmied, "werden sie schon merken, dass sie keine Angst vor uns haben müssen."

Rachel schaut aus der Öffnung, die als Fenster dient in der Felsenstadt. Sie sieht, wie ein Haufen Männer zu den armseligen Hütten zieht, in denen die fremden Nachbarn wohnen. Sie beten zu einem Gott, der sie zum Krieg auffordert, oder sie beten zu mehreren Göttern, dem Geld, dem Wasser oder dem Wind. Wie gut ist es doch, dass sie in dieser starken Felsenstadt wohnen, wo sie sicher sind vor Verfolgungen. Sie steigen gemeinsam in die untere Kirche und danken Gott für die Rettung aus der Not.

Vor langer Zeit kamen Männer nach Kappadokien, Paulus, Barnabas und andere. Die erzählten ihnen von der Auferstehung Jesu Christi. Sie hörten erstaunt zu, die Leute in den Felsenstädten. Dann begriffen sie, was es mit Jesus Christus auf sich hat. Er war gekreuzigt worden von den Römern auf Verlangen der Juden, aber drei Tage später war er wieder lebendig und zeigte sich den Frauen und den Jüngern. Er versprach ihnen, dass alle wie er auferstehen werden zum Gericht. Er bereite ihnen im Himmel den Platz, denn alle, die zu ihm gehören, sollen bei ihm bleiben.

Welche Hoffnung!

Ein neues Leben erwartet sie!

So werden die Leute in Kappadokien Christen. Sie leben nach wie vor in Felsenstädten, die schon vor Jahrtausenden aus dem Stein gehauen worden waren. Sie richten unten Kirchen ein, in denen sie zusammenkommen, um in den heiligen Schriften zu lesen, und sich gegenseitig zum festen Vertrauen auf Jesus zu ermahnen. Der Goldschmid ist einer ihrer Vorsteher. Er kann so gut reden und singen. Jetzt stimmt er einen Lobgesang an:

"Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! In seinem grossen Erbarmen hat er uns ein zweites Mal geboren!"

Ja, sie waren wiedergeboren - wie es Jesus einmal einem Schriftgelehrten erklärt hat. Sie waren neu geworden, anders als vorher.

Vorher hatten sie an Götter geglaubt, die doch nur Geschöpfe waren, das Feuer, das Wasser, die Erde. Sie hatten Angst gehabt, weil sie sich von diesen Naturgewalten abhängig fühlten. Sie hatten ihnen Opfer gebracht, ihnen Tiere geschlachtet. Sie hatten Früchte und Getreide auf ihren Altar gelegt. Sie hatten nie gewusst, ob es genug sei. Sie hatten immer Angst gehabt.

Nun aber vertrauen sie auf Gott, den Vater Jesu Christi. Nun ist alles gut, ihre Sünde vergeben, versöhnt mit dem Himmel.

Der Goldschmied erklärt weiter: "Wir haben jetzt manchmal Schwierigkeiten. Wir leiden unter unseren Nachbarn, weil wir nicht mehr wie sie an die Götter glauben. Durch dies Leiden werden wir auf die Probe gestellt, ob unser Vertrauen auf Gott sich bewährt. Es ist wie mit dem Gold. Das muss auch durch das Feuer auf seine Echtheit hin geprüft werden. Erst nach der Schmelze kann ich Schmuckstücke daraus formen. Wenn wir uns als echt erweisen, wird Gott uns mit Ehre und Herrlichkeit belohnen. Er wird uns die endgültige Rettung, das unvergängliche Leben geben."

Sie erinnern sich an Paulus und Barnabas. Ja, das haben sie gesagt. Es kommt nur auf den Glauben an.

Später waren andere gekommen. Einer hiess Petrus, auch ein Apostel. Er hatte ihnen einen Brief geschrieben, und der Goldschmid hatte daraus zitiert. Nun singen sie wieder, denn er hat den Lobgesang angestimmt.

Sie haben nicht wie die Jünger den Herrn gesehen. Sie haben seine Worte nicht gehört, aber sie haben durch seine Apostel von ihm gehört, das genügt. Sie lieben ihn. Sie glauben an ihn. Sie vertrauen ihm. Das erfüllt sie mit Jubel und Freude.

Jahrhunderte hindurch blieb das so. In Kappadokien konnten die Christen sich in den Felsenstädten sichern, wenn andere Gläubige sie verfolgten. Da waren die Türken. Sie kamen vor vielen hundert Jahren, aber sie vermochten die Christen nicht zum Islam zu bekehren. Es gab Zeiten, in denen lebten sie friedlich miteinander. Es gab Zeiten der Verfolgung. Im ersten Weltkrieg wurde es ganz schlimm. Alle, die nicht zum Islam übertraten, wurden in die Wüste geführt und starben, Hunderttausende, Milionen. Die Welt schwieg. Sie schweigt bis heute.

Erst jetzt möchten Schweizer Parlamentarier, dass die Türken den Völkermord an den Christen im ersten Weltkrieg anerkennen - aber sie empfinden das als Schande, und tun es nicht.

Im lezten November habe ich die Felsenstädte in Kappadokien gesehen. Ich habe die herrlichen Fresken in den Kirchen bewundert. Ich habe den Rollstein berührt, mit dem man die Wohnungen verschliessen kann.

Die Städte sind leer. Es gibt keine Menschen dort. In elenden Hütten leben am Rande einige Muslime, Türken, die die Fremden durch die Städte führen, Frauen, die stricken und Strümpfe und Handschuhe an die Touristen verkaufen.

Sie sagen, dass alle Türken Muslime seien. Wer nicht Muslim sei, sei ein Verräter. Verräter aber darf es in der Türkei nicht geben.

In den grossen Städten leben noch einige Christen. Sie haben keine Pfarrer, denn seit 30 Jahren sind alle theologischen Ausbildungsstätten vom Staat geschlossen worden. Wenn die Gemeinden ausländische Pfarrer holen wollen, bekommen sie nur für drei Monate Erlaubnis zum Aufenthalt, dann müssen sie wieder fort. In Istambul gibt es einen deutschen, evangelischen Pfarrer, der sich auch um andere Christen kümmert. Eigentlich ist er nur für das Botschaftspersonal da. In Atthalja gibt es einen amerikanischen Pfarrer. Es ist für die Christen verboten, in den Häusern zusammenzukommen. In den Kirchen finden keine Gottesdienste statt. Theoretisch gilt in der Türkei Religionsfreiheit, aber die Gesetze sind anders. Die Gesellschaft denkt auch anders. Bei der kürzlichen Zypernkonferenz ist es deutlich geworden, wie wenig die Türken an ein friedliches Zusammenleben mit Christen denken. Der Koran bestimmt ja auch, dass Muslime in der Minderheit tolerant sein sollen, aber in der Mehrheit verpflichtet sind, dem Islam Durchbruch zu verschaffen. An Indonesien kann man es sehen. Vor 50 Jahren, als es selbstständig wurde, gab es 51 % Muslime, und 35 % Christen. Mit 51 % konnten die Muslime Gesetze durschbringen, die den Christen das Leben so erschweren, dass sie zum Islam übertreten, um leben zu können. Der Koran bestimmt es so.

Nun hat es keinen Zweck, zur Intoleranz aufzurufen. Im Petrusbrief heisst es, dass wir einander mit Freundlichkeit begegnen sollen, auch den Feinden. Wir können nur im Vertrauen auf Jesus Christus mit Freundlichkeit darauf hinweisen, wie wichtig dieser Glaube ist, der keinen zwingt gegen seinen Willen, der jedem das Leben lässt und jedem zurechthilft.

Wir dürfen froh und glücklich sein, dass wir die Hoffnung auf die Auferstehung durch unseren Herrn haben, eine Hoffnung, die schon jetzt unser Leben so gestaltet, dass wir jubeln und singen können:

"Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! In seinem grossen Erbarmen hat er uns ein zweites Mal geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt. Diese Hoffnung hat ihren festen Grund darin, dass Jesus Christus vom Tod auferstanden ist. Sie richtet sich auf das neue Leben, das er schon jetzt für uns bereithält."

Amen.