Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 4,16-18

Joachim Schmidt

07.05.2006 in der Klosterkirche Herbrechtingen

Sonntag Jubilate 2006

Lied vor der Predigt: 110, 1-6 (Die ganze Welt, Herr Jesu Christ)

Liebe Gemeinde,

jetzt haben wir in einem Lied 24-mal das ‚Halleluja’ gesungen, den Lobpreis Gottes. Ziemlich viel Lob - für Schwaben allemal, die doch mit dem Lob ebenso sparsam umzugehen pflegen wie mit dem Geld.
24-mal ‚Halleluja’. Wenn das Lob und die Freude in so überreichem Maß zur Sprache kommen, dann muss es dafür schon einen sehr besonderen Anlass geben.
Und den gibt es in der Tat.

‚Jubilate’ heißt der heutige Sonntag: Jauchzet!
Ein Imperativ - nicht des Befehls, sondern der ermunternden Aufforderung.
Ein Imperativ, der uns herausreißen will aus dem Normalmaß des Alltags,
in dem das Stöhnen und Wehklagen überhand genommen haben.
Und dieser Sonntag bildet erst den Auftakt!
Kantate, singet, heißt es am nächsten Sonntag, Rogate, betet, am übernächsten.

Jeder dieser Imperative ist zugleich auch eine Erinnerung daran, dass es vom Jauchzen, Singen und Beten in unseren Kirchen nicht genug geben kann, dass das Normalmaß des Alltags nicht ausreicht, um an das heranzureichen, was Ostern für diese Welt und damit für jede und jeden von uns bedeutet.
Denn weil es Ostern wurde, darum werden wir heute aufgefordert:
Jubilate, Jauchzet! Lobt Gott!

Jubilate. Das ist leicht gesagt, doch schwer nur kommt uns zuweilen ein Lobgesang über die Lippen. Zuviel ‚Wenn und Aber’ gibt es, zuviel ‚Warum?’, zuviel Zweifel und Mutlosigkeit, zuviel Depression und Trauer.
Das Loben scheint reserviert zu sein für die glücklichen Menschen, für die, denen das Leben gelingt, für die Fröhlichen und Hochgestimmten. Und das sind nicht eben viele.
Bei den meisten will sich die Trauer nicht in einen Reigen verwandeln, und Tränen ersticken den Lobgesang, noch ehe er sich hat entwickeln können.
An solche Menschen wendet sich der Predigttext des heutigen Sonntags in besonderer Weise. Über den Grund des Lobgesangs will er uns unterweisen und damit falschen Lobgesängen wehren, solchen, die mit geschlossenen Augen und verklärtem Gesicht zelebriert werden und die das Leid und die Trauer überspringen wollen. Nein, solche Gesänge brauchen wir nicht.

Paulus verkündigt anderes. Hören wir, was er schreibt im 2. Brief an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 4, die Verse 16-18:
16. „ Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert.
17. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosen Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit,
18. uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken, denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.

Wer voreilig mit dem Jauchzen beginnt, wird von Paulus eines anderen belehrt. Vor allem Jauchzen steht eine schonungslose Bestandsaufnahme, ein realistischer Blick auf die Wirklichkeit der Welt und ihrer Menschen. Und was sich diesem Blick zeigt, ist ernüchternd.
Wir sind Menschen, sagt der Apostel, die Tag für Tag aufgerieben werden von Sorgen und Lasten, von Angst und Leid, von Trauer und Zwängen. Menschen in Not.
Und unsere Not hat viele Namen. Arbeitslosigkeit, Krankheit, familiäre Probleme oder Verlusterfahrungen, Krieg, Verfolgung, Armut und Hunger, Einsamkeit oder Streit.
Was auch immer uns zu schaffen macht, es ist weit entfernt von ‚Halleluja’ und ‚Jubilate’.
Da will kein Lied sich einstellen, schon gar nicht jauchzender Lobgesang. Selbst der Schrei bleibt, wie oft, stumm. Und obwohl es zum Weinen ist, schämen sich viele ihrer Tränen.
Wäre es da nicht besser, die Augen zu schließen? Wie heißt es? ‚Augen zu und durch’.
Durch, aber wohin? Dahin, wo es verspricht, besser zu sein oder besser zu werden.
Und wenn das hier auf Erden nicht ist, dann bleibt der Himmel unsere Zuflucht.

Ist es das, was Paulus predigt? Predigt er Durchhalteparolen, verspricht er seinen Brieflesern in Korinth und heute morgen uns hier nicht mehr als das Blaue vom Himmel? Sollte das gar die Botschaft von Ostern sein? Ist unser Glaube eine Vertröstung aufs Jenseits?
Dann müssten wir den Predigttext als zeitliches Nacheinander verstehen.

Jetzt und hier: der von Sorgen aufgeriebene Mensch,
aber einst: der innere Mensch, der Tag für Tag erneuert wird.
Jetzt und hier: die Last meiner gegenwärtigen Not,
aber einst: das ewige Gewicht der Herrlichkeit.
Jetzt und hier: das vergängliche Sichtbare,
aber einst, das Unsichtbare, das ewig ist.

Wäre das wirklich die Botschaft von Ostern, so hätte der kluge Spötter Heinrich Heine wohl Recht, als er beim Gesang des Harfenmädchens dichtete:

Sie sang vom irdischen Jammertal,
von Freude, die bald zerronnen,
vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied
das Eiapopeia vom Himmel,
womit man einlullt, wenn es greint,
das Volk, den großen Lümmel.

Ein neues Lied, ein besseres Lied
o Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
das Himmelreich errichten…

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
den Engeln und den Spatzen.

Der Himmel als Vertröstung. Das Paradies als Entschädigung.
Gott sei’s geklagt: Die Kirche ist nicht frei zu sprechen von solcherlei ‚Verkündigung’.

Aber die Botschaft von Ostern war das zu keiner Zeit.
Das ist kein Halleluja wert und schon gar nicht 24 in sechs Strophen.
Da mag die Alternative verlockender klingen: „wir wollen hier auf Erden schon /das Himmelreich errichten.“ Aber auch sie ist nur das alte Lied einer müde gewordenen Welt, schnell zu entlarven als leere Versprechung. Ach, wer wollte nicht schon alles das Himmelreich auf Erden errichten?!
Aber herausgekommen sind Tyrannei und Gewalttat, Egoismus und Unterdrückung, Unfreiheit und Rechtlosigkeit. Da pfeifen heute selbst Heines Spatzen drauf.
Nein, auch ‚das Himmelreich auf Erden’ ist kein österliches Lied, sondern nur die profane Kehrseite der Vertröstung, ein politisches Eiapopeia.

Was also predigt Paulus? Paulus predigt den gekreuzigten und auferstandenen Christus,
denn Kreuz und Auferstehung haben unseren Blick erweitert und geschärft.
Menschen, die von Ostern herkommen, sehen nicht nur die Wirklichkeit der Welt, sie starren nicht nur auf das, was vor Augen liegt, sie wissen, dass diese Welt im Berechenbaren nicht aufgeht, deshalb richten sie ihren Blick auf die Möglichkeiten Gottes.
Und die enden nicht da, wo wir am Ende sind. Sie reichen weiter.
Sie rollen den Stein vom Grab, damit das Leben sich durchsetzt - dem Tod zum Trotz.
Sie richten die Gebeugten auf und erhöhen die Niedrigen. Sie haben die Kraft zur Verwandlung - siehe, Neues ist geworden. Darum will es hier und jetzt schon,
in uns und an uns Ostern werden.
Der Text des Paulus darf daher nicht als zeitliches Nacheinander verstanden werden, vielmehr beschreibt er die Gleichzeitigkeit des scheinbar Ungleichzeitigen.

Ja, wir werden aufgerieben vom Alltag mit seinen Mühen,
aber Gott erneuert uns, er weckt in uns die Kräfte des Lebens Tag für Tag.
Ja, wir tragen Lasten,
aber größer noch ist das Gewicht der Herrlichkeit Gottes.
An der Herrlichkeit Gottes Anteil nehmen zu dürfen, heißt, die Gegenwart seines Heils erfahren - jetzt schon und hier, mitten im Leben mit all seinen Lasten und Mühen, ja zuweilen auch unter Tränen.

Ungleichzeitig ist das für die, die nur auf das Sichtbare starren, wie Paulus schreibt. Wer aber Augen hat für Gottes Zeit, der richtet seinen Blick auf das, was ewig bleibt. Das „maßlose Übermaß’ der Herrlichkeit Gottes, seine überströmende Liebe, sein Leiden und sein Sieg über den Tod haben Gewicht, Soviel, das sie imstande sind, uns zu tragen. „Darum werden wir nicht müde.“

Menschen, die von Ostern herkommen, sind von Gott gestärkte, zum Leben befreite und aufgerichtete Menschen. Darum geben sie sich nicht mit der Welt ab, so wie sie ist, vielmehr wollen sie mitten in einer dem Tod verfallenen Welt der Botschaft vom Leben Gestalt geben. Weil unser Gott seine Welt nicht aufgibt, darum haben auch wir sie nicht aufzugeben. Nur mit einem Glauben mit dem wir leben können, können wir einst auch sterben. Und solch ein Glaube, solch eine Kraft hat uns Gott geschenkt, für sie stand er mit seinem Leben ein.
Darin also hat unser Jauchzen seinen Grund und seine Ursache.
Darum lasst uns nie so unrealistisch werden, nicht mit Gottes Möglichkeiten zu rechnen.

Also: Jubilate. Jauchzet. „Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben.“ Vierstimmig und ganz der Freude angemessen im 6/4- Takt.

Amen.