Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 9,6-11

Pastor Bernd Abesser (ev.-luth.)

03.10.2010 in Over / Niedersachsen

Gottesdienst zum Erntedankfest mit Wiederindienstnahme der Kapelle

Vorbemerkung: Das Dorf Over liegt vor den Toren Hamburgs an der Elbe. Im Gottesdienst am Erntedanktag 2010 wurde nach einjähriger Bauzeit die aufgrund von Brandstiftung niedergebrannte Kapelle unter großer Anteilnahme der Gemeinde und der kommunalen Öffentlichkeit (inklusive Bürgermeister, Landrat) festlich wieder in Dienst genommen. Unter anderem führten Kinder ein kleines Spiel zum Thema „Dank“ auf. In der politischen und medialen Öffentlichkeit trafen in dieser Zeit die Nachwirkungen der globalen Finanzkrise einschließlich milliardenschwerer Rettungsversuche sowie ungebrochen hoher Managergehälter und die besonders in Boulevardblättern mit Sozialneid garnierte Debatte um eine Erhöhung der Regelsätze für Hartz IV zusammen.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn und Bruder Jesus Christus.

 

Der Predigttext für diesen Gottesdienst steht im 2. Kapitel des Korintherbriefes.

 

Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er's sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, daß alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht: »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.« (Psalm 112,9) Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.

 

 

[Günter]

Ich nenne ihn Günter. Er ist Mitte 50. Er hat im Stra­ßenbau gearbeitet. Aber schon lange kann er das nicht mehr. Nach einem Unfall ist sein Rücken kaputt. Er arbeitet gern draußen. Mit den Händen, wie man so sagt. Er ist nicht blöd. Aber arbeiten am Schreibtisch ist nun ganz und gar nicht seine Sache. Und Bewerbungen schreiben auch nicht. Eher geht er hin und fragt direkt, ob einer Arbeit hat.

 

Mit der Arbeitsagentur, der ARGE, steht er auf Kriegsfuß. Er sieht nicht ein, warum er sich in Betrie­ben vorstellen soll, von denen er weiß, dass sie ihn mit seinen kaputten Knochen nicht brauchen können. Inzwischen sieht Günter auch nicht mehr ganz gut aus. Er müsste dringend zum Zahnarzt. Aber nach­dem ihm die ARGE kürzlich für drei Monate sein Hartz IV gestrichen hat –  das gibt es als Sanktion, es soll ihn zur Arbeit motivieren – seitdem ist er aus der Krankenversicherung rausgeflogen. Er käme nur wie­der rein, wenn er die drei Monate nachzahlt. Aber wo­von? Zur Zeit hat Günter einen 1-Euro Job. Das heißt, er bekommt zusätzlich zu seinen 359 Euro im Monat pro Arbeitsstunde 1,50 Euro. 80 Stunden im Monat darf er arbeiten. Wohngeld bekommt er nicht, er wohnt zur Untermiete. Und sein Vermieter will die Miete bar auf die Hand – wegen der Steuer. Pech für Günter, aber allein wohnen will er auch nicht. Außer­dem findet er keinen, der ihm eine Wohnung vermie­tet.

 

[Wut im Bauch]

Erntedank und Zorn passen schlecht zusammen. Hier und heute in Over besonders. Aber mir fällt es in diesen Tagen schwer, beides von einander zu trennen. Ja, ich bin dankbar für die Fülle, den Überfluss. Wie schön sieht es hier aus!

 

Danke! Danke an alle, deren Arbeit das hervorge­bracht hat. Danke den Handwerkern. Danke der Feuerwehr. Danke allen Hel­fern, die dafür gesorgt haben, dass wir jetzt hier sind. Und danke für Gottes Segen, ohne den hier gar nichts gelingt und und ohne den hier nicht eine einzige Gabe liegen würde. Ihr Kinder habt das eben ja wunderbar deutlich gemacht: Alles, wofür wir zu danken haben, kommt schließlich von Gott.

 

Danke für die Fülle! Ja, unter uns müsste eigentlich niemand hungern. Im Ernstfall nicht einmal Günter. Aber ich werde einen schalen Beigeschmack nicht los. Unser Dank scheint mir vergiftet. Vergiftet von Neid und Ungerechtigkeit. Und das macht mich zornig. Ich kann nicht so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Ich kann nicht so tun, als gäbe es die Debatte um Hartz IV nicht. Ich kann nicht so tun, als ginge mich das alles nichts an. Auf der einen Seite werden aber­witzige Summen in die Rettung von Banken gepumpt und auf der anderen Seite wird Menschen unterstellt, sie würden auf meine Kosten leben.

 

Ich finde nicht, dass Günter mich ausnutzt. Auch wenn er mich manchmal nervt. Auch wenn ich mir und ihm wün­sche, dass er einmal eine richtige und ordentlich be­zahlte Arbeit bekommt. Und die anderen, die Hartz IV brauchen? Auch von denen fühle ich mich nicht aus­genutzt. Darum bin ich wütend auf eine Presse, die dem Neid Vorschub leistet. Ich bin wütend auf eine Regierung, die viel dafür tut, unsere Gesellschaft zu zersetzen und so die Entsolidarisierung voran treibt. Ja, es macht mich zornig, dass eine der Regierungsparteien dabei auch noch das „C“ in ihrem Namen führt. Poli­tik, die diesen Namen verdient – wenn es denn solche Politik überhaupt gibt –, Poli­tik, die diesen Namen verdient, sieht in meinen Augen anders aus.

 

[Gottes Wort ist eindeutig]

Erntedank und Zorn passen schlecht zusammen. Und eine Kirche ist kein Plenarsaal. Schwestern und Brü­der. Ihr seid hierher gekommen, um euch zu freuen und zu feiern. Ihr seid gekommen, weil endlich in dieser Ka­pelle wieder Gottesdienst gefeiert werden kann. Ihr seid hierhergekommen, um Gottes Wort zu hören.

 

Ich kann aber nichts dazu, wenn Gottes Wort in punkto Gerechtigkeit ziemlich eindeutig ist. Wie ein roter Faden zieht es sich durch die Bibel. Von Mose über die Propheten – Jesaja, Jeremia, Amos – bis hin zu Jesus. Immer wieder begegnet uns die Warnung: ein Volk, das nicht für Gerechtigkeit sorgt, ein Volk, das nicht das Wohl aller (!!) im Sinn hat – dieses Volk geht zugrunde. Israel hat das in seiner Geschichte bitter erfahren müssen. Und auch wir werden nicht ungeschoren davonkommen, wenn wir nicht umkehren. Wenn wir zulassen, dass die Schere zwischen arm und reich weiter auseinander geht. Wir zahlen alle die Zeche dafür. Die Armen wie die Rei­chen. Davor bewahren uns auch unsere Erntedank­gaben nicht.

 

Gerechtigkeit ist nicht eine Frage des guten Willens. Gerechtigkeit ist Gottes Gebot. Gerechtigkeit ist keine Frage von Benefizveranstaltungen und Spendenbe­reitschaft. Gerechtigkeit ist eine Frage menschenwür­diger Gesetze. Diese Gesetze kann man, wenn man will, aus dem Alten Testament, der Hebräischen Bi­bel, abschreiben: Brich dem Hungrigen dein Brot. Be­herberge den Fremden. Gib dem Wohnung, der ohne Obdach ist. Und alle sieben Jahre verteil das Land neu, damit jeder die Chance hat neu anzufangen. Zweites und Fünftes Buch Mose, da steht das alles drin. Wie gesagt, das braucht man eigentlich nur abzu­schreiben – wenn man will.

 

[Nehmen und geben]

Günter hat Glück, er kennt Menschen, die ihm was abgeben und die manchmal eine kleine Schwarzar­beit für ihn haben. So schlägt er sich durch. Auch dafür kann ich dankbar sein, dass es das gibt: Näch­stenliebe und Solidarität. Danke für jeden Cent, der in die Kollektenbüchsen oder die Messingschale für die Armen fällt. Unter uns Christen hat das eine lange Tradition. Wir messen arm und reich mit einem besonderen Maßstab. Unser Reichtum heißt Großzü­gigkeit. Wer nur sparsam sät, wird spärlich ernten. Und wer mit vollen Händen sät, wird selbst mit vollen Händen Segen ernten. Jeder kann geben, was er vermag und was er sich vornimmt. Nicht mit verknif­fenem Gesicht, sondern fröhlich. Ihr habt von Gott viel bekommen und er wird es wachsen lassen, wenn Ihr es teilt.

 

Frei und fröhlich geben können ist ein Gottesge­schenk. Es entspringt der Freiheit und der Sorglosig­keit, die wir als Kinder Gottes haben dürfen. Macht euch keine Sorge, sagt Jesus. Vertraut darauf, dass Gott schon für euch sorgen wird. Ihr habt euer Leben sowieso nicht selbst in der Hand.

 

Du bist längst von Gott gesegnet und begnadet. Das ist das eigentliche Geheimnis von Erntedank. Du musst Gott nicht besänftigen oder gnädig stimmen mit deinen Gaben. Du musst und kannst ihn auch nicht bestechen. Aber du kannst ihm dienen mit allem, was du hast. Dazu noch einmal die Bibel: Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen has­sen und den andern lieben, oder er wird an dem ei­nen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

 

Jesus redet Klartext. Gott und dem Geld dienen geht nicht. Ent­weder – oder. Lassen wir uns das sagen? Willst du das hören? Dann geben wir uns mit der schön ge­schmückten Kirche und den herzerfrischenden Lie­dern, dann geben wir uns mit Nostalgie und Romantik nicht zufrieden. Dann gehen fröhliche Feier und zorniger Protest Hand in Hand. Dann verschließen wir die Augen nicht vor der Welt, in der wir leben. Diese Welt, in der es Günter gibt und und Josef Ackermann und dich und mich irgendwie dazwischen.

 

Von dieser Welt und von allem, was sie für uns bereit hält, sagen wir: es ist deine Welt, Gott. Lass sie bloß nicht fallen; halte sie und uns in deiner Hand. Und schenk uns deinen Geist, die Dinge zum Guten zu bringen. Amen.