Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 3

Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit

02.07.2005

Festgottesdienst zur Einweihung Haus der Hoffnung in Greifswald

Ein Haus der Hoffnung in Vorpommern – ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Natürlich gehört Hoffen zum Menschsein dazu. Wo nicht gehofft wird, stirbt das Leben. Emil Brunner, ein Theologe des letzten Jahrhunderts, hat einmal treffend gesagt: „Was der Sauerstoff für die Lunge, das bedeutet die Hoffnung für die menschliche Existenz. Nimm den Sauerstoff weg, so tritt der Tod durch Ersticken ein. Nimm die Hoffnung weg, so kommt die Atemnot über den Menschen, die Verzweiflung heißt: die Lähmung der seelischgeistigen Spannkraft durch ein Gefühl der Nichtigkeit, der Sinnlosigkeit des Lebens.“

Andererseits stirbt gerade diese Hoffnung unter uns. Vorpommern, so sagen manche, sei eine Region fast ohne Hoffnung: knapp 30% Arbeitslose. Der Rest der Republik scheint das nicht wahrzunehmen. Dabei geht es nicht um die kleine Demütigung, dass das Arbeitslosengeld II hier 14 Euro weniger beträgt, sondern um die große Demütigung, dass die Jungen weggehen, weil sie hier keine Zukunft mehr sehen. In neuesten Hochrechnungen des Innenministeriums heißt es, dass im Jahre 2020 die Bevölkerung im Süden unserer Landeskirche, im Uecker-Randow-Kreis, um ein Drittel zurückgegangen sein wird. Man tritt in erste Überlegungen ein, wie Dörfer vielleicht geräumt werden sollten, weil man für nur vier oder sechs Alte einfach nicht mehr elektrischen Strom oder fließendes Wasser bereitstellen kann. Wenn ich in den Gemeinden Besuche mache, ist die Stimmung gerade bei den Älteren richtig depressiv. Hier gibt es auch mehr als doppelt so viele Alkoholkranke wie sonst im bundesdeutschen Durchschnitt.

Nicht etwas, sondern einer

Da wird jeder sagen: Natürlich brauchen wir ein „Haus der Hoffnung“. Aber - Hoffnung kann man nicht aus sich selbst heraus herstellen. Wir können uns nicht einfach einen Ruck geben und sagen: Jetzt sind wir mal optimistisch. Nein, Hoffnung muss wachsen, muss sich entzünden - aber woran? Die ganze Bibel ist voll von der Aussage, dass Gott die Hoffnung der Menschen ist. Die Psalmbeter zum Beispiel sagen es immer wieder in allen möglichen Variationen: Ich hoffe auch dich. Nicht etwas, sondern einer ist Gegenstand christlicher Hoffnung. Deshalb habe ich zur Predigt einen Text aus 2. Mose, Kapitel 3 ausgewählt, in dem sich dieser eine, Gott selbst, vorstellt.

Im Februar habe ich mit meiner Familie Urlaub in Sinai gemacht. Natürlich sind wir auch zum Katharinenkloster, einem der ältesten Klöster der Christenheit, gefahren. Dort sieht man die Stelle, wo der Dornbusch gestanden hat und noch heute grünt. Auf einmal sah unser Sohn neben dem Dornbusch einen Feuerlöscher stehen. Und er sagt: „Papa, die Mönche haben wohl Angst, der Busch könnte noch einmal Feuer fangen.“

Brennender Dornbusch mit Feuerlöscher – kann es sein, dass das unsere Situation ist? Wir sind fromme Leute und richten unser Leben nach Gott aus, aber – ist da nicht doch die Furcht, die lebendige Wirklichkeit Gottes könnte in unserem Leben auflodern und noch einmal alles durcheinanderbringen? Lassen Sie uns mit dieser Geschichte darüber nachdenken, was Gott dem Mose und damit seinem Volk mitteilt. Ich denke, es geht hier um drei Dinge:

1. Wo Gott zu finden ist

Mose war auf der Flucht, weil er einen ägyptischen Sklavenaufseher erschlagen hatte. Nun hütete er hier in der Steinwüste die Schafe seines Schwiegervaters, auch wenn dieser Gelegenheitsjob eigentlich nicht für jemanden war, der am ägyptischen Hof aufgewachsen und seiner Herkunft und Ausbildung nach für höhere Dinge bestimmt war.
Mose wußte auch nicht so richtig, wie es weitergehen sollte, und tat deshalb seine ganz alltägliche Arbeit, nichts Besonderes. Auf einmal hört er die Stimme Gottes: Mose, Mose. Mitten bei der alltäglichen Arbeit ein scheinbar alltäglicher Ruf.

Nicht Mose hatte Gott gesucht, sondern Gott hat Mose gefunden. Nicht Mose war ein Gottsucher, sondern Gott war ein Mosefinder. Gott findet uns Menschen im Alltag, auch wenn wir es nicht vermuten.
Wenn Mose allerdings, wie es heute üblich ist, mit Kopfhörern und lauter Musik seine Schafe gehütet hätte, hätte er die Stimme vielleicht gar nicht gehört. Um Gott zu hören, brauche ich kein besonderes, religiöses Organ, das ganz normale Ohr und das ganz normale Herz reichen. Gott begegnet mir im Alltag, aber ich brauche die Bereitschaft, mich von ihm stören zu lassen. Ich brauche Zeiten, um innezuhalten und manchmal auch besondere Räume. Es gibt kein heiliges Land per se – erst durch den Ruf Gottes wird der Boden, auf dem Mose steht, zum heiligen Land. Ein Ort wird dadurch heilig, dass Gott dort spricht.

Liebe Geschwister, auch euer „Haus der Hoffnung“ kann ein heiliger Ort sein, wenn die Stimme Gottes hier hörbar wird und Menschen in ihrem Innern berührt werden und dadurch gewiss auch Veränderung in ihrem alltäglichen Leben erfahren.

Allerdings brauchen wir wieder neu ein Gespür dafür, dass Gott möchte, dass wir an bestimmten Orten still werden, damit er reden kann. Nur wenn wir nicht ununterbrochen reden und uns mit uns selbst beschäftigen, kann Gott zu Wort kommen. Mose wusste, wie man sich an solchen Orten verhält: er zog seine Schuhe aus und verhüllte sein Haupt, wie es dem Brauch entsprach. Auch wir brauchen Ehrfurcht vor Orten, an denen wir Gott begegnen. Das kann in einer Kirche geschehen oder an einem Ort wie diesem hier, dem angeblich „größten Dom Greifswalds“. Gott findet uns an bestimmten Orten besonders gut – möge dieses „Haus der Hoffnung“ ein Ort sein, an dem Gott Menschen findet und ihre Hoffnung sich an Ihm entzündet!

2. Was Gott für uns tut

Gott will angebetet und gefeiert werden - aber nicht nur. In unserem Predigttext steht: Er hört, er sieht, er erkennt, er fährt nieder, er errettet, er führt heraus. Gott ist ein aktiver, sich seinen Leuten zuwendender Gott. Ihn lässt das Leid seiner Leute nicht kalt. Er ist zu uns heruntergekommen: er schickt Mose, er ist in Jesus Christus in unsere Welt hineingekommen und er begegnet uns täglich in seinen Boten und Botinnen. Man mag sich fragen: Wer rettet denn eigentlich - Gott oder Mose, Gott oder die Boten Gottes? Antwort: Gott rettet durch Menschen. Es ist der Wille und das Geheimnis Gottes, dass er uns Menschen an seinem Rettungswerk teilhaben lässt. Bei dem Geheimnis seiner Menschwerdung - als er auf die Erde herabkam - hat er eine Frau beteiligt. Gott hat auch bei der „Todesflut", die Ende letzten Jahres so viele Menschenleben gefordert und unendlich große Not in Südostasien hervorgerufen hat, Menschen gebraucht, um einzugreifen. Gott hilft nicht, indem er einfach jede Not, jedes Leid und jeden Tod verhindert, sondern indem er die Kraft schenkt, „auch aus Not und Leid heraus etwas Neues und Gutes zu schaffen.“ (Michael Welker) Gott beteiligt auch uns, um Not und Leid zu überwinden. Wenn hier im „Haus der Hoffnung“ Pläne geschmiedet werden, wie das im Leben von Einzelnen und in Gemeinschaften geschehen kann, dann wird es wirklich ein Haus der Hoffnung.
Unsere typische Reaktion allerdings ist die des Mose: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe? Wer bin ich, dass ich etwas tun kann gegen Hoffnungslosigkeit und gegen das Ausgebranntsein? Wir halten uns - zu Recht - für nicht fähig, aus uns heraus etwas zu wenden, aber Gott gibt uns die Verheißung seines Namens, der Inbegriff der Hoffnung ist.

3. Wie Gott heißt

Es ist die Stimme aus dem Feuer, das sich nicht verzehrt. Ich bin der Gott deiner Väter, ich will mit dir sein. Jahwe, der offenbarte Gottesname - Ich werde für dich sein. Ich werde für dich da sein. Das ist Ausdruck lebendiger Hoffnung. Gott wird für uns da sein, wenn alles andere fällt, wenn die Depression um sich greift und der Mehltau der Resignation sich auf unser Land legt. Gottes Name ist Hoffnung. Er lässt keinen, der von ihm und dieser Hoffnung bewegt wird, unverändert.

Für mich ist es etwas Besonderes, dass hier das Bild des Feuers gebraucht wird. Ich habe einmal einen Steppenbrand erlebt, das war sehr eindrücklich: Während meines Vikariats in Jerusalem wollte ich gern die „Jesusbrüder“ in Latrun besuchen. Es war Hochsommer und eine sehr trockene Zeit. Auf dem Weg dorthin konnte man von der Autobahn aus sehen, dass es brannte und dicker Rauch aufstieg. Wir kamen bei den Brüdern an und waren miteinander in der Kapelle. Auf einmal kam jemand hereingelaufen und rief: Es brennt! In der Tat - auf breiter Front näherte sich eine Feuerwalze dem kleinen Anwesen der „Jesusbrüder“. Wir haben versucht, mit dem lächerlichen Gartenschlauch ein bisschen zu löschen - hoffnungslos!
Auf einmal merkten wir, dass einer der Brüder in die Kapelle zurückgegangen war - er hatte stattdessen gebetet. Wir wussten nicht warum, aber auf einmal drehte der Wind. Das war die Tat, die das Feuer zum Erlöschen brachte, denn nun lief die Feuerwalze wieder dorthin zurück, wo sie vorher schon gebrannt hatte. Da fand sie keine Nahrung mehr und ging von allein aus - ein Wunder Gottes vor unseren Augen.

Für mich zeigt dieses Erlebnis den Kern dessen, was den christlichen Glauben ausmacht: Gott, der sich als Feuer vorstellt, hat sich selbst in das Feuer auf Golgatha, in den Riss zwischen Menschheit und Gottheit hineingestellt und darum die Chance eines neuen Lebens eröffnet. Es ist ganz egal, was in unserem Leben bisher geschehen ist, es gibt immer wieder die Chance eines Neuanfangs. So, wie für den Totschläger Mose, den Gott noch einmal ganz neu in seinen Dienst nahm, so gibt es auch für jeden von uns die Chance des Neuanfangs, weil Gott, das verzehrende Feuer, Platz schafft. Der große Philosoph Blaise Pascal schrieb deshalb in seinem berühmten „Memorial“ am Ende seines Lebens „Feuer. Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs - nicht der Philosophen und Gelehrten!“2 An diesem Gott, der so lebendig ist wie die Kraft des Feuers, kann sich die Hoffnung in unserem Leben entzünden.

Ich frage Sie als verbindliche Gemeinschaft, die Sie im „Haus der Hoffnung“ zusammenleben wollen: Kann man in Ihrer Mitte Gott als so etwas Lebenumstürzendes erfahren? Sie können unendlich viel organisieren und tun - aber hilft es zur Begegnung mit Jesus Christus, die Menschen grundlegend verändert und auf einen neuen Weg führt? Prüfen Sie sich selbst immer wieder an der Leitfrage: Hilft unsere Arbeit zur Begegnung mit dem Gott, der Feuer ist, der das Leben von Frauen und Männern auf eine ganz neue Basis stellt? Durch Wort und Sakrament kommt eine Kraft von Gott in unser Leben hinein, die uns nicht unverändert lässt. Wenn Gott uns mit dieser Wucht trifft, die einen Mose oder ein Blaise Pascal getroffen hat, dann sind wir andere geworden. Ich rate Ihnen und uns: Weg mit den Feuerlöschern, mit deren Hilfe wir die auflodernde Kraft Gottes gleich wieder zu tilgen suchen! Ein „Haus der Hoffnung“ ist ein Haus, in dem wir genügend Sauerstoff zum Atmen geschenkt bekommen. Möge Gott Ihr Haus zu einem Ort werden lassen, an dem man geistlich durchatmen kann.

Zeichen wider die Hoffnungslosigkeit

Ich möchte an dieser Stelle einen Dank und eine Aufforderung aus der Sicht der Pommerschen Evangelischen Kirche anschließen. Ich danke Ihnen herzlich, liebe Offensive, dass Sie hier nach Greifswald, nach Vorpommern gekommen sind und seit acht Jahren Ihren Dienst tun, den Sie mit dem „Haus der Hoffnung“ ja noch einmal bestätigen und auf eine neue Stufe stellen. Herzlichen Dank, dass Sie Vorpommern auch in Zukunft nicht allein lassen und weggehen, sondern hier bleiben und sich in das Geschehen vor Ort hineinstellen. Ich treffe immer wieder auf Menschen, die sagen, sie seien in seelsorgerlicher Begleitung durch die Christen aus der Offensive. Dafür meinen herzlichen Dank!

Gleichzeitig auf die Aufforderung: Vielleicht gewinnen Sie auch die Kraft, diesen aufopferungsvollen Dienst, den Sie bisher in der Stille taten und durch den Sie in das Leben von Einzelnen von Gottes verändernder Kraft hineingesprochen haben, in Zukunft mehr in die Öffentlichkeit hineinzustellen, so wie mit diesem Gottesdienst. Wir brauchen öffentliche Zeichen der Hoffnung, sonst übernehmen die Menschen, die die Resignation ausstrahlen, die Interpretationshoheit in Vorpommern. Ich weiß, die Kräfte sind beschränkt, aber vielleicht kann man sich zusammentun, vielleicht mit der Gemeinde in Weitenhagen und dem „Haus der Stille“, vielleicht mit dem Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Greifswalder Universität, vielleicht auch mit dem Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche.

Möge das „Haus der Hoffnung“ die Kraft gewinnen, öffentliche Zeichen gegen den Mehltau der Resignation und der Hoffnungslosigkeit zu setzen, weil wir wissen: Gott setzt tief innen an, aber das Feuer, das Er anzündet, hört nie wieder auf zu brennen.
Der Friede Gottes, der all unser Denken übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

1 E. Brunner: Das Ewige als Zukunft und Gegenwart, München u.a. 1965, S. 7
2 B. Pascale: Aus seinen Schriften, Ausgew. u. übers. Von W. Warnach, Düsseldorf/Köln 1962, S. 280

aus Salzkorn, Nr. 217, Juli/ August 4/2005, S. 199-203 hrsg. von Christen in der Offensive (www.ojc.de)