Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Samuel 6 und das Lied "Tage wie diese"

Pfarrer Dirk Alpermann (ev)

15.03.2013 in der Katharinenkirche Oppenheim

im Abiturgottesdienst des Gymnasiums zu St.Katharinen

„Tage wie diese“

Vorbemerkung: „Tage wie diese“ (Die Toten Hosen) wurde unmittelbar vor der Predigt in einer Chorbearbeitung vom Oberstufenchor gesungen. Text der Lesung war 2.Sam.6 (i.A.).

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

liebe Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

„Durch das Gedränge der Menschenmenge
bahnen wir uns den altbekannten Weg
entlang der Gassen, zu den Rheinterrassen
über die Brücken, bis hin zu der Musik
wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudreh'n
wo die Anderen warten, um mit uns zu starten, und abzugeh'n.“

Durchdrehen, abgehen, laut sein, sich treiben lassen, hin und weg sein und dabei der Zeit entfliehen – die Religion nennt diesen Zustand „Ekstase“. Das ist der Moment, in dem ein Mensch alles um sich herum vergisst, heraustritt aus sich selbst und einen Augenblick lang „nicht von dieser Welt“ ist. Ekstatische Momente sind wie ein Rausch: ihr Glück ist kurz und intensiv. Sie gehen schnell vorbei, und man landet schneller auf dem Boden der Tatsachen, als einem das lieb sein kann. Da ist es verständlich, wenn man sich wünscht, das Schöne und Heitere möge ewig dauern. Es sind diese kostbaren Momente, denen man Ewigkeit wünscht, weil darin erfülltes Leben aufblitzt. Man müsste man die Zeit anhalten können, wenn sie am schönsten ist.

„An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit, an Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit“. Auf der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt klingt dieser Wunsch wehmütig und melancholisch. Jetzt, wo der ganze Druck endlich weg ist, wo die letzten Schulwochen ziemlich locker waren, soll endgültig Schluss sein. Schade, denn so könnt`s ruhig noch weiter gehen.

Bekanntlich taucht die Erinnerung ja so manches Unangenehme in ein mildes Licht. Die Strapazen sind dann schnell vergessen, und im Rückblick ist alles halb so schlimm. Bleiben wir deshalb realistisch! Die Schulzeit ist nichts, von dem man sich wünscht, es möge ewig dauern. Manchmal sind schon 45 Minuten eine gefühlte Ewigkeit! Die Vorstellung, ewig in die Schule zu gehen, hat da schon fast etwas Apokalyptisches. Vergesst also nicht, an wie vielen „Tagen wie diesen“ ihr morgens lieber im Bett geblieben wärt, geschwänzt hättet oder euch mitten im Sommer einen heftigen Wintereinbruch gewünscht habt, nur um nicht in die Schule gehen zu müssen. Vergesst nicht, welchen Erfindungsreichtum ihr manchmal in die Formulierung von Entschuldigungszetteln investiert habt, um von manchen „Tagen wie diesen“ verschont zu bleiben. Schule ist für die meisten das, von dem sie froh sind, wenn es vorbei ist. Definitiv nichts für den Wunsch nach Ewigkeit.

Das Konservieren der Zeit klingt nur auf den ersten Blick verlockend. Man kann das Zeitgefühl verlieren. Die Zeit geht trotzdem weiter. Die ewige Dauer des Augenblicks ist Poesie. Seit Einstein wissen wir zwar, dass die Zeit unterschiedlich schnell vergeht. Dass sie stehen bleibt, ist physikalisch nicht möglich und biographisch auch nicht wünschenswert. Der Vorwärtsdrang ist zu stark: der Drang nach Wissen, der Sog der Veränderung, der Hunger nach Erfahrung.

Und wenn ihr ehrlich seid, waren die Jahre eurer Kindheit und Jugend nie anders. Wenn die Zeit stehen geblieben wäre, hättet auch ihr euch nicht verändert. Der Wunsch nach der Ewigkeit des Augenblicks ist eben auch eine wohlklingende Umschreibung für Stillstand. Und Stillstand ist das Gegenteil von Leben.

Als junger Mensch erlebt man das Vergehen der Zeit anders als die Erwachsenen. Veränderungen können nicht schnell genug gehen. Vom Sprechen- und Laufenlernen über die Einschulung, den Wechsel auf die weiterführende Schule, die erste Liebe, den Führerschein bis zum Schulabschluss. Das Erleben von Zeit spiegelt sich im Erleben von Veränderungen, und davon gibt`s bis zum Abitur mehr als in jeder anderen Lebensphase.

Als Eltern hat man da einen anderen Blick. Was für Kinder einen Zuwachs an Freiraum und Selbstständigkeit bringt, bedeutet für Eltern jedes Mal Abschied und Loslassen. Der erste selbst gelaufene Schritt, die erste geöffnete Tür sind für Kinder ein Schritt in eine größer werdende Welt. Für Eltern sind sie ein Verlust an Schutz und Einfluss, der immer weiter schrumpft. Das ist auch heute wieder so, wenn ihr mit dem Abitur die Schulzeit endgültig hinter euch lasst. Damit müssen auch viele Eltern eine neue Rolle übernehmen.

Da wird der Wunsch nach der Unendlichkeit im Hier und Jetzt verständlich. Weil dann alles so bleibt wie es ist, weil sich dann vorübergehend mal nichts verändert und man nicht permanent Schritt halten muss.

Angesichts der Schnelligkeit, mit der wir leben, klingt das so sympathisch wie altmodisch. Die Langsamkeit haben wir längst verlernt. Wir könnten den Stillstand gar nicht mehr aushalten. So sehr haben wir uns in den letzten Jahrzehnten zu Meistern der Zeitoptimierung entwickelt. Wo Zeit Geld ist, wird Effizienz zur Pflicht – im Beruf, in der Schule, im Privaten. Wo aber ist die ganze Zeit, die wir permanent sparen? Theoretisch könnte wir uns alle Zeit der Welt lassen, weil wir ja riesige Mengen davon angespart haben.

Stattdessen hetzen wir durchs Leben. Kochen, Essen, Mobilität, Kommunikation – alles steht unter dem Diktat von Schnelligkeit und Zeitgewinn. Es ist schon eine verrückte Gegenwart, in der Worte wie „Zeitmanagement“ und „Burnout“ zu Symptomen allgemeiner Befindlichkeit geworden sind. Eine ganze Gesellschaft leidet unter chronischem Zeitmangel.

Wir leben in ständiger Erreichbarkeit und klagen über Stress. Wir regen uns auf über Pferdefleisch in der Lasagne und vergessen, dass solche Nahrungsmittelskandale auch die Folge einer Lebensweise sind, die auf Zeitgewinn fixiert ist. Die Kombination von billig, schnell und gut gibt es nicht. Schnell und billig passt zusammen, aber Qualität hat ihren Preis. Gutes braucht seine Zeit. In einer Weingegend muss man das niemandem erklären.

Das gilt auch für die schulische Bildung. Zeitdruck ist hier allgegenwärtig. In der Schule ist die Zeit immer knapp. Lernen ist immer Lernen gegen die Uhr. Für viele Themen und Inhalte sind 45 Minuten viel zu kurz. Das ist aus organisatorischen Gründen praktisch, aus pädagogischer Sicht aber oft unbefriedigend – auch wenn das Klingeln aus Schülersicht meistens etwas Erlösendes hat.

Das Zeitproblem zeigt sich in der Schule noch von einer anderen Seite. Das klassische Bildungsideal versteht Wissen umfassend und unabhängig von seinem unmittelbaren Nutzen. Das heißt: Wir verwenden in der Schule viel Zeit, um Dinge zu lernen, die wir im späteren Leben niemals brauchen werden. Lineare Funktionen und Neurophysiologie werden den meisten von euch nie wieder im Leben begegnen, und wahrscheinlich werdet ihr auch kein Gedicht mehr interpretieren.

Aber der unmittelbare Nutzen kann keine Rechtfertigung für eine 13jährige Schulzeit sein.

Bildung zielt auf den ganzen Menschen als Individuum und soziales Wesen, auf Denken und Handeln, auf Verstand und Gefühl. Dazu gehört mehr als Unterricht nach Lehrplan, aber der gehört eben auch dazu: mathematische Gleichungen, chemische Formeln, Dramentheorien, der Unterschied zwischen Im- und Expressionismus – der ganze Überbau, über dessen Nutzen man stundenlang philosophieren kann. Was hat die Literatur der Romantik mit dem Studium der Betriebswirtschaft zu tun? Wozu müssen zukünftige Ärzte oder Ingenieure wissen, was der Unterschied zwischen Immanenz und Transzendenz ist?

Wenn wir ausschließlich nach dem Nutzen urteilen, kommen wir auch mit weniger aus. In den allermeisten Fällen braucht ihr vieles davon später nicht. Was im Übrigen auch für alles gilt, was ihr in Zukunft noch lernt: im Studium, in der Ausbildung, in der Praxis. Auch davon werdet ihr vieles nicht brauchen und schnell vergessen.

Die Frage nach dem Sinn schulischer Bildung ist so alt wie die Schule selbst. Neu ist die Konkurrenz von Wissen und Information im Zeitalter des Internet.

Wissen und Information sind nicht identisch. Wer informiert ist, weiß nicht unbedingt auch Bescheid. Informationen sind flüchtig, Wissen ist nachhaltig. Informationen kann man anklicken und wegzappen, Wissen muss man sich erarbeiten. Aus Information kann Wissen entstehen, aber das erfordert mehr als „Kopieren“ und „Einfügen“. Es erfordert die Mühe der Unterscheidung und Beurteilung. Mit anderen Worten: Wissen braucht Zeit.

Ihr hattet diese Zeit, sie wurde euch gegönnt und manchmal auch zugemutet. 9 Jahre Gymnasium – da lagen Last und Lust, Freude und Frust oft dicht nebeneinander. Vielleicht muss man diese Zeit wirklich erst ein paar Jahre hinter sich lassen, um ihren Wert wirklich zu schätzen.

Ihr werdet nie wieder eine Zeit erleben, die so von der Konstanz und Verlässlichkeit geprägt ist wie die Schule. 9 Jahre im Rhythmus von Unterricht und Ferien, Hausaufgaben und HÜs. 9 Jahre im Mikrokosmos Schule, jener überschaubaren kleinen Welt, die in der es sich herrlich bequem leben lässt, die einem viele Entscheidungen abnimmt, in der man Verantwortung und Initiative sparsam dosieren kann. Das ist beruhigend, das ist verlässlich, das ist sicher. Aber irgendwann ist es zu wenig.

Deshalb gibt es für alles eine Zeit und auch ein Ende, das zugleich der Anfang von etwas Neuem ist. Abitur kommt vom lateinischen Verb abire und bedeutet weggehen, davongehen. Als Abiturienten seid ihr also Weggehende, Davongehende. Wer weggeht, der lässt nicht nur etwas hinter sich, sondern orientiert sich neu und bricht auf. Wer davongeht, nimmt Abschied und wendet sich der Zukunft zu.

Von solchen Tagen gibt es nicht viele im Leben, jedenfalls keine, die so gefeiert werden, an denen ihr so gefeiert werdet und euch feiern lassen dürft. „Tage wie diese“, die besonders sind, weil sie so selten vorkommen.

Ich möchte abschließend deshalb an den tanzenden David erinnern, dessen Geschichte Herr Rosenkranz vorhin vorgelesen hat. David bringt die Bundeslade, das zentrale Heiligtum der Israeliten, nach Jerusalem. Darüber ist er so glücklich, dass er vor Freude tanzt. Der König. Tanzt. Im Priestergewand. Vor allen Leuten. Mehrfach erzählt die Geschichte, dass David total ausflippt und in Ekstase gerät. Das Gewand wirft er irgendwann von sich. Ein Skandal! Die Leute schütteln den Kopf. Sie finden, ein tanzender König, und dann auch noch nackt - das geht gar nicht. So was passt nicht zu Amt und Würden. Ein „No-Go“.

David kennt in diesem Moment nur seine Freude. Er vergisst alles andere und genießt den Augenblick. „An Tagen wie diesen“, denkt er sich, muss man feiern.

Es kommt vor, dass Könige tanzen. Aber David tanzt nicht einfach. David „geht voll ab“, er „rockt“ Jerusalem. Er ist ja ohnehin ein musikalischer König. Kein Wunder also, dass die Musik ihn mitreißt.

Seinem Image hat das nicht geschadet. Leute, die meckern, gibt es überall. Die muss man nicht immer ernst nehmen. David jedenfalls bleibt sich treu. Tagen wie diese sind halt die Ausnahme im Leben.

Mit der Abi-Feier und dem Abi-Ball sind es für euch gleich zwei „Tage wie diese“, an denen die Freude und das Feiern im Mittelpunkt stehen. Ob daraus Momente für die Ewigkeit werden, wird sich zeigen.

Heute jedenfalls seid ihr, liebe Abiturienten, die Könige und Königinnen, und ich bin mir sicher, ihr werdet das Abi „rocken“. Sportlich ist euer Motto ja schon.

Danach werdet ihr getrennte Wege gehen.

Bei David endet mit dem Tanz auch sein Weg. Sein Ziel heißt Jerusalem. Eure Ziele tragen viele Namen und liegen in verschiedenen Richtungen. Egal, wohin ihr euch orientiert, welche Ziele ihr ansteuert, welche Hindernisse ihr dabei überwindet – es soll alles unter dem Segen Gottes geschehen.

„Tage wie diese“ sind halt immer auch ein Geschenk. Amen