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Predigt über 5. Mose 6,4-9

Florian Amberg

25.05.2008 in der Christuskirche München

Liebe Gemeinde, der Predigttext des heutigen Sonntags steht im fünften Buch Mose im sechsten Kapitel. Darin lesen wir:
„Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“

„Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben.“ Du – sollst – lieb haben. Ist das nicht ein offensichtlicher Widerspruch, ja ein Ding der Unmöglichkeit? Kann man Gefühle befehlen, jemanden auf seine individuellen, ureigenen Gefühle und Emotionen verpflichten?

Begleiten wir im Geiste einmal einen kleinen Jungen zu einer großen Familienfeier. Seine Eltern sind dabei, die Großeltern, vertraute Menschen also, aber auch viele, viele andere Verwandte. Um manche macht er einen Bogen, ganz natürlich, weil diese Menschen ihm fast gänzlich fremd sind. Er weiß wenig über sie. Die äußere Distanz, die er zu all den unbekannten Menschen zu halten versucht, ist kein Mutwille: Sie drückt einfach seine Unsicherheit aus, die ihn bei den seltenen Familientreffen befällt und die er einfach nicht beherrschen kann.
Plötzlich steuert eine Tante, die er zwei Mal im Jahr sieht, mit erfreuten, weit aufgerissenen Augen auf ihn zu. „Wie schön dich zu sehen“, ruft sie begeistert. Der kleine Junge weiß, was nun passieren wird. Ihm ist es sehr unangenehm und doch scheint er nichts dagegen machen zu können. Gleich steht seine Tante vor ihm, ihre Arme sind schon ausgebreitet. Jetzt umschlingt sie ihn und drückt ihn ganz fest an sich. „So lange ist es her, wie groß du geworden bist! Mein Lieblingsneffe!“ Sie drückt ihm einen Kuss auf die Backe. Lächelnd blickt sie den Jungen an, in gespannter Erwartung. Der fühlt sich furchtbar unwohl: Diese körperliche Nähe zu einem Menschen, den er weder sehr mag noch überhaupt nicht mag, über den er einfach wenig weiß und der ihm eigentlich fremd ist, das ist ihm sehr unangenehm. Und wie unterschiedlich doch das Empfinden ist: Die Tante nämlich ist hellauf begeistert, sie freut sich so sehr, dass sie ihren Neffen wieder sieht. Ganz spontan und aufrichtig hat sie ihn begrüßt mit all den Zeichen, die verdeutlichen: Ich freue mich dich zu sehen, weil ich dich mag, weil ich dich lieb habe. Und nun? Wahrscheinlich erwartet sie einen kleinen Kinderschmatzer auf ihre eigene Wange, zumindest würde sie das sehr freuen. Ihr erwartungsvoller Blick scheint zu fragen: Und du? Hast du mich auch lieb?

Fremdheit kann auch in den intensivsten Beziehungen zwischen Menschen entstehen. Auch in einer tiefen, vertrauensvollen Freundschaft und auch in einer intimen Partnerschaft kann man erleben, wie Fremdheit entsteht, wie quälende Fragen aufsteigen, die alles in Frage stellen, und die nicht mehr weichen wollen. Manchmal wird das der andere Mensch, der mir eigentlich so nahe steht, spüren oder wahrnehmen. Für keinen der Beteiligten ist die Situation leicht zu ertragen. Schmerzhaft wird es vor allem dann, wenn die Zweifel desjenigen, der innerlich um eine Perspektive für die Beziehung ringt, auf die Empfindungen des anderen treffen. Häufig zerreist es den zweifelnden Menschen fast sprichwörtlich gerade dann, wenn seine Partnerin oder sein Partner signalisiert: Ich hab dich lieb, oder: Ich liebe dich. Auch hier kann bewusst oder unbewusst die Botschaft mitschwingen: Und du? Mach es mir, dir, uns doch nicht so schwer. Freilich würden es die wenigsten in dieser Klarheit formulieren, aber am Ende wäre die klare Aufforderung doch am aller einfachsten: Du sollst lieb haben.

 Bei dem Jungen, den wir auf die Familienfeier begleitet haben, und auch bei dem Beispiel der Beziehung zwischen zwei Menschen ist wohl den meisten von uns schon beim Zuhören klar geworden: So einfach diese Lösung wäre – sie funktioniert nicht. Der Junge könnte sich freilich zusammenreißen und der Tante den Kuss auf die Backe geben, der Partner könnte sich natürlich aufmerksam gegenüber dem Anderen verhalten – an das Eigentliche, das Liebhaben, reichen diese Handlungen trotzdem nicht heran. Liebhaben lässt sich nicht befehlen, egal von wem. Moment: Von niemandem? Auch nicht von Gott?

Doch, doch, Gott ist anders, könnten nun einige sagen. Als die Worte geschrieben wurden, die wir heute im fünften Buch Mose lesen können, da hatte Gott schon Großes an seinem Volk getan: Er hatte es aus Ägypten herausgeführt, es beschützt und umsorgt. Wir Christen denken auch an das, was im Neuen Testament geschrieben steht: Dass Gott uns so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingegeben hat für uns. Er hat uns zuerst geliebt – und er liebt uns immer noch. Ist es da nicht selbstverständlich, dass er auch von uns Liebe zu ihm erwarten kann?
Denken wir an den Jungen auf der Familienfeier zurück: Dessen Tante liebt ihren kleinen Neffen auch, ganz ohne Zweifel. Wahrscheinlich hat sie schon einiges getan für ihn und seine Eltern, hat Ratschläge gegeben, hat materiell geholfen, war für den Jungen da. Freilich, so ohne weiteres lässt sich der Zuschuss der Tante zu den Babykleidern mit der Befreiung aus Ägypten durch Gott nicht vergleichen. Und trotzdem: Ist es mit der Liebe zu Gott wirklich anders als mit der Liebe zur Tante, die beim Menschen keine bewusste Entscheidung ist? Kann es tatsächlich sein, dass der Mensch seine Liebe zu Gott bewusst herbeiführen kann nach dem Motto: Gott hat dir durch wichtige Zeichen seine Liebe erwiesen – jetzt bist du dran? Ich denke nicht. Auch vor Gott kann der Mensch nicht Liebe auf Knopfdruck empfinden. Wie aber sollen wir dann mit diesem eigenartigen Du-sollst-Gott-lieben umgehen?

Lassen Sie uns noch einmal auf den Text schauen. Der Satz geht noch weiter, das Liebhaben wird präzisiert: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Herz, Seele, Kraft: Die Liebe ist absolut und bezieht sich auf alle Dimensionen des Menschen. Und dann? Es wird noch konkreter: „Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“

Erneut ein „Du sollst“. Dem Menschen wird hier gezeigt, wie zentral diese Botschaft ist – und wie er sie konkret zum Bestandteil seines Lebens werden lassen kann. Denn letzten Endes scheint es darum zu gehen: Alle Sinne sollen diese Botschaft hören, sehen, ertasten. Der Mensch soll davon reden, egal ob zu Hause oder auf Reisen, am Morgen oder am Abend, immer und überall sollen die Worte Gottes und damit er selbst präsent sein.

„Du sollst diesen Text summen!“ – so haben es die beiden Theologen Georg Fischer und Norbert Lohfink einmal übersetzt. Sie verstanden diese Forderungen als ganz konkrete Meditationsanleitung. Ich glaube, sie haben Recht. Summe diese Worte! Höre hin, lass sie Teil deines Lebens werden. So könnten wir den Text fortführen.

Gott fordert mich zu diesem Meditieren, zum Verinnerlichen seiner Worte auf. Und er nimmt mich dabei mit konkreten Anweisungen an die Hand. Ganz konkret umgesetzt werden die einzelnen Schritte bis heute im Judentum: Viele Juden tragen bei ihrem Gebet die Gebetsriemen am Arm und um die Stirn geschnallt, auf dem das „Sch’ma Jisrael“, der Text, den wir gerade gelesen haben, gedruckt ist.
Dieses Sich-Einlassen auf Gottes Wort und die Bereitschaft, diese Botschaft auf das ganze Leben zu beziehen, kann sich so, aber auch völlig anders ausdrücken. Das Summen eines jeden Menschen kann die unterschiedlichsten Tonlagen, Lautstärken, Melodien haben.
Aber Gott verlangt dieses Summen von mir, ganz gleich ob hoch oder tief, gemächlich oder rasch, laut oder leise. Er möchte, dass ich mich mit seinem Wort auseinandersetze und ihm damit die zentrale Stelle in meinem Leben einräume.
Ich soll das tun – ich glaube nicht in erster Linie aus schlechtem Gewissen Gott gegenüber oder einem Gefühl der Verpflichtung. Sondern weil es mir gut tut. Weil ich auf Gott vertrauen darf als den, der meine Nöte, Sorgen, Bedürfnisse, der mich selbst ganz kennt. Der mich am Ende sogar besser kennt als ich mich selbst. Und der es gut mit mir meint. Er möchte nicht aus eigener Selbstverliebtheit, dass ich ihm Raum gebe in meinem Leben, sondern er will es um meinetwillen. Er tut mir gut. Das ist es, warum ich mich ganz auf Gott einlassen sollte.
Vielleicht lag das Summen, dieses Gott Raum Geben, und die Liebe zu ihm für den Schreiber damals gar nicht so weit auseinander. Vielleicht spricht aus dem Befehl „Du sollst lieben“ seine Überzeugung, dass wir, wenn wir uns auf Gott einlassen, gar nicht drum herum kommen, ein so tiefes Gefühl zu empfinden. Dass aus dem Raum Geben die Liebe ganz natürlich folgt. Vielleicht hat er deswegen diesen klaren Befehl zur Gottesliebe vorangestellt: Weil er ihm gar nicht so paradox erschien.
Seine Erfahrungen, die er in der Beziehung zu Gott gemacht hat, müssen dann sehr prägend gewesen sein. Aus den Zeilen des Textes könnte die gewaltige Bedeutsamkeit des Selbst Erlebten sprechen, könnten die Erfahrungen zum Ausdruck kommen, die der Schreiber am eigenen Leib erfahren hat. Ich hoffe und ich glaube, dass so etwas tatsächlich möglich ist.

Aber ist damit nun die Spannung aufgelöst, die in der Aufforderung zur Gottesliebe steckt? Ich denke nicht. Aus dem Gott Raum Geben folgt einfach nicht automatisch jederzeit und allerorts die Liebe zu ihm. Liebe, auch die zu Gott, ist genauso unverfügbar wie Gott selbst. Wahrscheinlich haben die meisten von uns schon einmal damit gehadert, Gottes Nähe nicht zu spüren, keine Beziehung zu ihm zu haben, trotz aller Sehnsucht und vielleicht auch Anstrengungen.

„Höre Israel!“ – so eindrücklich beginnt unser heutiger Predigttext. Höre hin – er kann uns Mut machen, in eben dieser unserer Sehnsucht zu hören und zu horchen auch auf die Stille und auf das Schweigen Gottes. Trotz und gerade in der Gottesstille, in der es keine Beziehung, schon gar keine Beziehung der Liebe, zu geben scheint, sollen wir nicht auf alles mögliche und unmögliche Andere zu hören: Wir sollen diesem verborgenen Gott, der uns gut tut, treu bleiben und auf sein hörbares Wort warten.

Hinhören und Summen. Es braucht scheinbar mehr als den Wunsch und eigenes aktives Handeln – es braucht auch die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Ich kann nichts erzwingen, aber ich kann geschehen lassen. Auch das Summen wäre nicht hörbar, ja praktisch gar nicht existent, wenn nicht im Zusammenspiel mit der Luft die Laute an unser Ohr dringen würden. Ich muss das Schwingen der Töne, die Vibration der Luft geschehen lassen. Lassen Sie uns versuchen, wozu uns der Text auffordert: Hören, Summen, Gott Raum geben, auch und gerade in der Zeit der Stille – und offen sein und abwarten, was geschieht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.