Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 2, 43-47

Vikarin Runa Noreen Ahl (ev)

25.03.2012 in der Johanniskirche Witten

anlässlich eines Vorstellungsgottesdienstes der Konfirmanden kurz vor deren Konfirmation

Liebe KonfirmandInnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Im Januar 2012 wurden 845 Mio Nutzer bei facebook registriert. Ein soziales Netzwerk, das Menschen aus allen Ländern der Welt miteinander in Verbindung bringt.

facebook – wörtlich: Das „Gesichtsbuch“ zeigt die Gesichter der Welt.

  • Man sucht dort Freunde
  • Man teilt der Welt mit, wie es einem gerade geht
  • Ob es eine Bratwurst zum Mittagessen gab
  • Oder man gerade seine Wäsche bügelt
  • Man schreibt was man gerade gelesen, geredet oder gedacht hat
  • Man stellt Fotos auf seine Seite vom letzten Sommerurlaub oder dem privaten Fotoshooting
  • Man sucht jemanden, der Schlittschuhe in Größe 39 hat und in Berlin Mitte lebt – oder in Witten
  • oder jemanden, der zum nächsten Fußballspiel nach Dortmund fährt

Man bewertet die Mitteilungen anderer, pflegt Bekanntschaften von durchschnittlich 100-200 Personen, die man aber seine Freunde nennt, denn auf facebook existiert man entweder als Freund oder gar nicht.

Man spricht miteinander ohne auf die Klärung von Terminen oder verlässliche Tagesplanungen Rücksicht nehmen zu müssen. Ob die anderen überhaupt noch wach sind, spielt bei facebook keine Rolle.

Man teilt Entdeckungen, die man gemacht hat mit anderen,

beteiligt andere am eigenen Geschmack und wer will kann etwas dazu sagen lautet die Regel und das wird häufig genutzt.

Man sucht Unterstützer für die eigene Sache, Fans oder macht Werbung für sinnvolle und sinnlose Dinge und wer sich beteiligen will, drückt den Gefällt mir Knopf.

Das und noch viel mehr ist facebook.

Facebook gehört für viele Menschen - für euch Konfirmandinnen und Konfirmanden auch – längst zum Leben dazu und ist nicht mehr wegzudenken.

Manch einer von Ihnen mag aber mit facebook auch gar nichts am Hut haben.

Und sich fragen, was das Ganze überhaupt soll.

Es gibt schließlich auch viel z.T. berechtigte Kritik daran und in den Medien tauchte facebook schon oft im Zusammenhang mit Datenmissbrauch zu Werbezwecken und undurchschaubaren Machenschaften der amerikanischen Betreiber auf.

Aber dennoch ist die Faszination facebook bei vielen, v.a. jungen Menschen heutzutage ungebrochen. Woran liegt das?

Ich habe diese Woche mal eine kleine Umfrage gemacht – wohlgemerkt bei facebook -  zu dem Thema, was Menschen an facebook besonders schätzen – oder: was facebook für sie ist.

Heraus kamen ganz unterschiedliche Antworten, von denen ich ein paar nennen will:

  • „facebook ist ein Tagebuch.“
  • „facebook ersetzt das Klatschmagazin im Wartezimmer.“
  • „facebook ist meine private Bunte.“
  • „facebook eröffnet mir die Möglichkeit mit vielen Freunden aus verschiedenen Städten Kontakt zu halten. Auch wenn man weniger Kontakt hat kann man an ihrem Leben teilnehmen und anders herum, sie an meinem.“
  • „facebook ist auch ein Statussymbol. Wer viele Freunde hat ist cool, oder coole Bilder aus dem Urlaub postet. Wer bei facebook ist, gehört dazu, hier wird sich verabredet und genörgelt.“

·         „Keine Ahnung, an wie viele Geburtstage ich schon gedacht habe, weil facebook an die erinnert.“

  • „facebook ist eigentlich überflüssig- aber da jeder da ist, bin ich es auch.“

Die Sehnsucht nach Freundschaft und Anerkennung ist groß.

Bei facebook werden diese Sehnsüchte scheinbar gestillt.

Man ist Teil einer riesengroßen Gemeinschaft.

Man gehört dazu.

Man ist jemand.

Seit neuestem gibt es die sog. facebook-Chronik.

D.h. man kann sein Profil so einrichten, dass man sein ganzes Leben chronologisch mit Erlebnissen und Fotos darstellen kann.

Wörtlich heißt es in der Werbung dafür: „Die facebook Chronik ist eine Sammlung von Fotos Beiträgen und Erfahrungen, mit der du deine Geschichte erzählen kannst.“

Das erinnert mich sehr stark an noch ein anderes Buch, in dem Menschen ihre persönlichen Geschichten erzählen. Es sind nicht irgendwelche Geschichten.

Es sind Geschichten, die Menschen mit Gott erlebt haben. Es sind spannende und herausfordernde Geschichten. Aber zugleich Geschichten von Menschen wie dir und mir.

Als wir am  letzten Wochenende im Christcamp waren, da haben wir einige von diesen Geschichten kennengelernt. Es waren Geschichten von Menschen, die diesem Jesus gefolgt sind und mit ihm spannende Dinge erlebt haben. Und diese Geschichten sind aufgeschrieben in dem meistgelesenen Buch der Welt: Der Bibel.

Streng genommen hat Jesus auch so ein facebook - ein soziales Netwerk gegründet.

Ein riesiges Netzwerk, das sich über die ganze Erde ausgebreitet hat und bis heute besteht, sonst säßen wir jetzt nicht hier.

Wie fing das eigentlich an damals? Und wie sah diese Gemeinschaft aus?

Ich lese aus Apg 2, 43-47: (Neue Genfer Übersetzung)

43 Jedermann in Jerusalem war von einer tiefen Ehrfurcht vor Gott ergriffen, und durch die Apostel geschahen zahlreiche Wunder und viele außergewöhnliche Dinge. 44 Alle, die ´an Jesus` glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. 45 Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren. 46 Einmütig und mit großer Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen. Außerdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen und das Mahl des Herrn zu feiern, und ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt. 47 Sie priesen Gott bei allem, was sie taten, und standen beim ganzen Volk in hohem Ansehen. Und jeden Tag rettete der Herr weitere Menschen, sodass die Gemeinde immer größer wurde.

 

Ein nahezu romantisches Bild von einer harmonischen Gemeinschaft malt uns Lukas da vor Augen:

  • Die Menschen, die dort zusammenkamen, waren ergriffen von Gott. Der Glaube hatte sie zutiefst bewegt und ihr Leben verändert. Und diesen Glauben wollten sie nicht für sich behalten.
  • Alle, die an Jesus glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. Sie teilten nicht nur ihre Erlebnisse und Interessen, nein, sie teilten sogar ihren Besitz.
  • Mit sozialen Aktionen sorgten sie dafür,  dass keiner am Hungertuch nagen musste. Reiche Menschen verkauften ihre Grundstücke um mit dem Erlös Menschen zu helfen, die arm dran waren.
  • Tag für Tag, einmütig und in großer Freude kamen sie zusammen in Tempel und Häusern.
  • Ihre Gemeinschaft war geprägt von einer überschwänglichen Freude und Herzlichkeit.
  • Sie priesen Gott und aßen zusammen.
  • Und diese Gemeinschaft wirkte so ansteckend, dass täglich neue Menschen hinzukamen.

 

Könnt ihr euch vorstellen, dass es so was wirklich gibt? So einen Friede-Freude-Eierkuchen-Club? Klingt doch irgendwie zu schön um wahr zu sein.

Bestimmt lief auch damals nicht alles ganz so glatt, wie es hier beschrieben wird.

Auch damals gab es schon Konflikte und Probleme. Das erfahren wir spätestens ein paar Kapitel weiter in der Apostelgeschichte.

Aber das entscheidende an dieser Gemeinschaft ist: Dass Menschen sich versammeln, weil sie begeistert sind von dem, was sie mit Gott erlebt haben.

Dass sie ihre Erlebnisse, ihr Leben teilen, und versuchen, einander zu helfen.

Und das gibt es auch heute noch.

Menschen schreiben Geschichte mit Gott.

Und wir können diese Geschichten nicht nur in der Bibel nachlesen.

Sondern wir können selbst ein Teil dieser Geschichten sein.

Wir können selbst Geschichte schreiben!

Die Gemeinde als Gemeinschaft unter Christen ist ein lebendiges facebook.

Aber sie ist mehr als das. Sie ist nicht nur ein facebook, sie ist ein faithbook.

Ein Glaubensbuch.

Sie ist ein buntes Buch des Glaubens.

Menschen teilen ihre Sehnsüchte und Ängste, ihre Hoffnung und ihre Zweifel, ihren Glauben und ihren Nichtglauben.

Im faithbook kann ich Freunde treffen und mich austauschen.

Aber ich treffe dort nicht nur meine Freunde sondern auch den lebendigen Gott, den Schöpfer, der uns gemacht hat und seinen Sohn Jesus Christus, der uns als Mensch  ganz nahe gekommen ist und durch den Hl. Geist heute noch spürbar unter uns ist.

Wenn wir Gottesdienst feiern, dann tun wir das, weil wir glauben, dass Gott real ist und uns nahe ist.

Und wir kommen zusammen, um mit diesem Gott und über diesen Gott ins Gespräch zu kommen.

Mein Glaube an Gott hilft mir, weil ich weiß dass ich auch in schweren Zeiten nicht alleine bin. In der Gemeinschaft mit anderen Christen kann ich Probleme teilen und wir können uns gegenseitig stärken. Und es macht viel mehr Spaß, Gott zu loben und zu feiern, gemeinsam mit anderen anstatt allein.

Wer Erfahrungen mit dem lebendigen Gott gemacht hat, kann diese nicht für sich behalten.

Sie sind es wert erzählt und von anderen geteilt zu werden.

Für all das ist Platz in dem faithbook, das sich Gemeinde nennt.

In dem faithbook gibt es noch viele leere Seiten, die darauf warten, beschrieben zu werden.

Und ich möchte Sie und euch heute dazu ermutigen, ein Teil des faithbooks zu sein!

Mit der Konfirmation, die nun vor euch Konfis liegt, wird noch mal ein besonderer Startpunkt gelegt, der euch Zutritt verschafft zu dieser Gemeinschaft.

Ihr seid dann ganz offiziell ein Teil des faithbooks.

Und das heißt, dass ihr auch alle Rechte habt, die einem faithbook-User zukommen: Das heißt, ihr dürft euch ein eigenes Profil anlegen.

Eine faithbook-Chronik, mit der ihr eure Geschichte erzählt.

Eure Geschichte mit Gott.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott jeder und jedem von uns begegnen möchte.

Und dass wir ganz spannende Erfahrungen machen, wenn wir uns auf diesen Gott einlassen.

Teilt eure Erlebnisse mit dem Glauben, eure Fragen, das was ihr nicht versteht oder das woran ihr zweifelt!

Als faithbook-Mitglied dürft ihr eure Interessen und Ideen einbringen.

Ihr dürft den „Gefällt mir-button“ drücken aber auch den „Gefällt mir nicht“- button.

Ihr dürft eure Wünsche einbringen!

Das, wie ihr euch wünscht, wie Gottesdienst aussieht, wie Gemeinschaft gestaltet wird – da habt ihr volles Mitbestimmungsrecht! Bitte macht doch davon Gebrauch!

Und natürlich gilt das nicht nur für euch Konfis, sondern für jeden, der hier sitzt gleichermaßen!

Wir sind alle dazu eingeladen, Mitglieder des faithbooks zu sein.

faithbook lebt davon, dass wir uns einbringen!

Ich erlebe häufig Kritik an der Kirche, an dem, wie sie sich darstellt und wie sie herüberkommt. Mit Sicherheit ist vieles daran auch berechtigt.

Aber warum gehen wir nicht los und versuchen, das was uns nicht gefällt, einfach mal loszuwerden an einer Stelle, wo es auch gehört wird?

Uns einzubringen? Öfters mal den Gefällt mir/gefällt mir nicht Knopf zu drücken.

Man wird nicht Teil des faithbooks, wenn man draußen außen vor bleibt.

Bei facebook kann man auch nicht den gefällt mir Knopf drücken, wenn man nicht angemeldet ist.

Mitbestimmungsrecht und Einfluss hat man erst dann, wenn man Teil der Gemeinschaft wird und sich ein Profil anlegt.

Und zum Schluss noch eine gute Nachricht:

Man muss keine besonderen Voraussetzungen mitbringen, um Teil der Gemeinschaft zu sein. Die Gemeinschaft lebt ja auch von der Unterschiedlichkeit der Teilhaber.

Man muss keinen besonders starken Glauben haben, um sich ein Profil anlegen zu können. Man kann auch mit seinen Fragen und Zweifeln kommen. Vielleicht beginnt Ihre Geschichte ja mit einer Frage: Wer bist du Gott? Gibt es dich eigentlich wirklich?

Man muss auch keine besonderen Leistungen vorweisen können.

Anders als bei facebook muss ich nicht besonders hübsche Fotos mitbringen, die richtigen Interessen vorweisen können oder besonders coole Kommentare abgeben bevor ich dazu gehöre.

Gott nimmt uns an, so wie wir sind.

Egal wie viele Freunde wir haben.

Egal, wie viele tolle Erlebnisse wir vorzuweisen haben.

Egal, wie einfallsreich unsere Kommentare sind und wie häufig andere den gefällt mir-Knopf auf unserer Seite drücken.

Komm einfach, wie du bist! Denn so wie du bist, bist du gerade richtig für diese Gemeinde.

Und mit Ihren Fragen und Zweifeln und Ängsten, Nöten und Hoffnungen schreiben Sie das faithbook weiter.

Amen.