Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Daniel 12, 1-13

Pfarrerin Dorothee Löhr, Jurymitglied des Predigtpreises seit 2006


©predigtpreis.de

Unser Predigttext ist die Verheißung der allgemeinen Auferstehung am Ende des Danielbuches. Daniel heißt „Gott ist Richter“. Die meisten von Ihnen kennen und lieben die Rettungs-Geschichte von Daniel in der Löwengrube. Aber die endzeitliche Vorstellung dieses Propheten ist uns heute fremd und merkwürdig. Dass alle zum Gericht auferstehen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach, ist den meisten von uns nur aus Museen und mittelalterlichen Altarbildern bekannt. Sie wissen schon welche Bilder ich meine, die mit dem Höllenschlund auf der einen Seite und dem himmlischen Jerusalem auf der anderen, wo die Höllenseite immer viel interessanter anzuschauen ist und in der Mitte die nackten Menschen aus den Gräbern klettern. Manchmal wird behauptet, diese Vorstellung von der allgemeinen Auferstehung sei nur im NT zu finden. Aber in Wahrheit knüpft Jesus bei Daniel an. Die Bilder von der Auferstehung erzählen ein Geheimnis, das wir nicht verstehen.

Auch Daniel versteht nicht, was er sieht und hört und was er verbergen und versiegeln soll, aber er wird getröstet mit Ruhe bis zu seiner Auferstehung am Ende der Tage.

Die Vision des Daniel ist für uns zunächst so fremdartig, dass ich Ihnen vorher etwas aus der Entstehungszeit erzählen will. Unser Text entstand im Jahr 165 vor Christus. Nach den Assyrern, Babyloniern, Medern und Persern hatten die Griechen unter Alexander dem Großen die damalige Welt erobert und unter sich aufgeteilt. Damit begann ein Zeitalter, in dem der Mensch wie bis dahin nie zuvor die Größe und die Grenzen seiner Möglichkeiten offenbarte. Aufgrund der überlegenen, alles durchdringenden Kultur der Griechen war eine Art Welteinheitsdenken heraufgezogen. Die e i n e globalisierte Welt und Menschheit, das Ziel und die Vollendung aller geschichtlichen Entwicklungen schien zum Greifen nahe. „Apokalyptik“ nennt man diese religiöse Strömung - wegen der besonderen göttlichen Offenbarung, der sich diese Sichtweise verdankt. Die Johannes-Offenbarung im NT und das Danielbuch im AT sind Beispiele für solches apokalyptische visionäre Denken.

Daniel – so wird nun in Vorbereitung auf das Ende erzählt - bereitet sich vor für seine Vision, er fastet und betet drei Wochen lang, bis endlich ein Engel und damit Gott selbst zu ihm spricht. Gottes Wort kommt verspätet, aber der Bote hat eine interessante Entschuldigung, er ist aufgehalten worden durch einen himmlischen Krieg, der genau den irdischen Auseinandersetzungen parallel geht. Kriege und Konflikte auf Erden – so sollen wir es wohl verstehen, - sind dem Himmel nicht egal, sie stören gewaltig und verzögern die Ankunft des Boten. Sie können die Ankunft allerdings nicht verhindern.

Der Bote Gottes erzählt dem Daniel also vom himmlischen Kampf, in den alle Völkerengel verwickelt sind, und der die irdischen Kämpfe widerspiegelt.

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht wie Sie es mit Schutzengeln halten.

Hier geht es nicht um individuelle Schutzengel sondern um den Schutzengel für Israel. Michael heißt er, der kämpferische Schutzengel Israels – sein Name bedeutet: wer ist wie Gott? Michael hält mit seinem Namen die Gottesfrage wach, viele Friedhofskapellen heißen nach ihm, er ist der Engel der Übergänge, er ist der streitbare Schutzengel des Gottesvolkes, der schon damals viel zu tun hatte, der sein Volk durch die Zeit der Trübsal führt, der Bote Gottes, des Richters und Retters. Wenn ich mir einen Engel für unsere Gemeinde aussuchen dürfte, würde ich Michael wählen, den streitbaren Beschützer für Übergänge. Und so wird sein letztes Kommen zum letzten rettenden Gericht angekündigt:

V.1-4 „Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst, der für dein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk gerettet werden, alle die im Buch geschrieben stehen.

Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande.

Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Und du Daniel versiegele dieses Buch bis auf die letzte Zeit. Viele werden es dann durchforschen und große Erkenntnis finden.“

Doch damit ist das Buch Daniel und die Vision noch nicht zu Ende:

Außer dem Berichterstatter-Engel, der den Michael und mit ihm das Ende der Zeiten ankündigt, sieht und hört Daniel in seiner Vision noch zwei weitere Boten links und rechts des großen Stromes.

V. 5-13 „Und ich, Daniel sah, und siehe, es standen zwei andere da, einer an diesem Ufer des Stromes, der andere an jenem Ufer. Und er sprach zu dem Mann in leinenen Gewändern, der über den Wassern des Stroms stand: Wann sollen denn diese großen Wunder geschehen? Und ich hörte den Mann in leinenen Kleidern, der über den Wassern des Stromes stand. Er hob seine rechte und linke Hand auf gen Himmel und schwor bei dem, der ewiglich lebt, dass es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit währen soll, und wenn die Zerstreuung des heiligen Volks ein Ende hat, soll dies alles geschehen. Und ich hörte es, aber ich verstand´s nicht und sprach: Mein Herr, was wird das Letzte davon sein? Er aber sprach: Geh hin Daniel, denn es ist verborgen und versiegelt bis auf die letzte Zeit. Viele werden gereinigt, geläutert und geprüft werden, aber die Gottlosen werden gottlos handeln, alle Gottlosen werden´s nicht verstehen, aber die Verständigen werden´s verstehen.

Du aber Daniel geh hin bis das Ende kommt, und ruhe, bis du aufstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage.“

Liebe Gemeinde,

Sterben ist für Daniel also wie schlafen gehen, sich ausruhen, Lasten ablegen.

Er braucht nicht alles zu verstehen, was die Engel sich über den Strom hinweg zurufen, er braucht auch nicht nachzurechnen, obwohl das die Menschen aller Zeiten immer gerne taten, und daraus ihre spekulativen Schlüsse zogen.

Er darf durch die Zeit der Trübsal hindurch auf das vertrauen, was ihm versprochen ist, sein Los, sein Erbteil, das worauf er hofft. Er erwartet also nicht eigentlich ein Gericht nach seinen Werken, sondern er erwartet, was Gott ihm als Geschenk vorbereitet hat.

Sein Erbteil am Ende der Tage ist im Hebräischen etwas sehr Erdiges, es ist der aufgeteilte Garten Eden, eine Parzelle im dann endlich friedlich aufgeteilten heiligen Land Gottes. Im Griechischen steht an der Stelle dieses Paradiesgärtleins, dieses erdigen Himmelserbes ein anderes Wort: es ist die Doxa, die Herrlichkeit, der Glanz, die Ehre. Es ist ein Abglanz des Himmels, der spurenweise schon zu finden ist in den Sternen oben und in hellen Gesichtern unten und in der Würde eines jeden Menschenkindes, das zu Gottes Ebenbild geschaffen wurde.

Für diese Himmelserbschaft braucht Daniel nicht zu kämpfen, sie ist ihm geschenkt und zugesprochen über den Tod hinaus. Sie ist auf Erden verdunkelt, weil wir sündige und begrenzte Wesen sind, aber sie leuchtet in Spuren auf, im Himmel wie auf Erden. Daniel darf ausruhen und in Frieden warten, bis zum Anbruch des neuen Lebens. Er darf ruhen bis die Nacht vorgedrungen ist.

Diese sanfte Vorstellung des Todes hat eine lange Wirkungsgeschichte.

Die Coematerien der Urchristen, die „cemeteries“ sind Schlafplätze, im deutschen Friedhöfe, wo die Toten ruhen. Sich alt und lebenssatt niederlegen zu den Vätern und dann aufgeweckt werden zur neuen Herrlichkeit Gottes. So könnte man die biblische Vorstellung vom Sterben fassen.

Eins wünsche ich mir, sagt Karl Spitzweg: dass ich tot bin, wenn ich aufwach!

Dass ich und meine Kämpfe, ich und mein Kriegsbeil begraben sind, wenn ich aufwach ohne Schmerzen und ohne Zeitdruck, wenn ich alles abgelegt habe, was Angst macht. Tod ist ein langer Schlaf, Schlaf ist ein kurzer Tod, der eine lindert mir, der andre tilgt des Lebens Not, vertonte Schubert.

Aber dieses sanfte Bild des Sterbens ist nur ein Aspekt der Vision des Daniel.

Außerdem hat Sterben bei Daniel etwas damit zu tun, dass ein Strom überquert werden muss. Das Bild vom Strom hat archaische und antike Wurzeln, bei den Griechen gibt es in der Unterwelt den Fährmann Charon, der alle Toten mit seinem Floß über den Strom des Vergessens rudert. Auf der einen Seite liegt für alle das Reich des Lebens auf der anderen Seite das Schattenreich des Todes. In der Vision Daniels sieht es weniger düster aus. Auf beiden Seiten des Stromes stehen Gottes Engel in weißen leinenen Gewändern und halten Wache. Sie unterhalten sich über das Wasser hinweg mit dem Verkündigungsengel, der zu Daniel geschickt wurde, die drei Boten, die drei Abgesandten Gottes unterhalten sich, und Daniel kann sie auch hören und sehen und wird gehört und gesehen. Aber er versteht nicht, was sie sagen, nicht jede Frage wird ihm beantwortet, er bekommt auch keine weiteren Erklärungen über den Zeitpunkt des Endes. Der tiefere Sinn des Buches der Wahrheit ist ihm verschlossen. Die ganze Wahrheit wird später ausgegraben, aufgedeckt und offenbart werden.

Liebe Gemeinde,

Jesus hat die Visionen Daniels immer wieder aufgenommen, Teile der Offenbarung des Johannes und auch des Johannesevangeliums lesen sich wie ein Kommentar oder eine Weiterführung zu Daniel. Das Buch des Lebens, in das alle Namen eingeschrieben sind, die Wachsamkeit in der Zeit der Bedrängnis, die Beschreibung des Menschensohnes in seiner Erdigkeit und mit seinem Himmelsglanz.

Auch Jesus hat wie die alttestamentlichen Boten Gottes, die Frage nach dem Zeitpunkt des Endes zurückgewiesen. So bleibt das Geheimnis bewahrt und das Buch des Lebens scheint für uns immer noch versiegelt und verborgen zu sein. Nur zarte und zerbrechliche Spuren, die immer gefährdet bleiben, können wir suchen, finden und schützen. Leben bis zu letzt, kostbares Leben gerade in seiner schützenswerten Zerbrechlichkeit.

Aber wir wollen nicht beim Tod als Schlaf und bei den Engeln am Strom stehen bleiben. Das menschliche Sterben hat sich mit dem Sterben Jesu doch grundlegender verändert. Als ob eine Tür sich aufgetan hätte, scheint ein Weg für uns gebahnt zu sein aus ewiger Schmach, Krieg und Streit, selbst aus grausamem und frühzeitigem Tod.

Das Leben und Sterben Jesu lässt uns im Licht der Ewigkeit nicht verstummen. Es ist so, als hätte Jesus das Gespräch der Boten diesseits und jenseits des Stromes erweitert und geöffnet für alle Menschenkinder.

Michael, der Engel der die Gottesfrage wach hält, der Streiter des Gottesvolkes und Begleiter der Übergänge hält dem Menschensohn die Türe auf, die Tür zur Ewigkeit.

Ja, Jesus Christus selbst ist die Tür, die uns geöffnet ist. Und so schallt sein tröstendes und rettendes Wort ungehindert herüber und hinüber auch in die Schatten des Todes diesseits und jenseits des Stromes. „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“

Dieses ewige Wort sammelt die Gemeinde der Lebenden und der Toten und weckt uns schon jetzt diesseits des Stromes aus dem Schlaf, Amen.

Fürbitten:

Du Gott der Lebenden und der Toten, wecke uns auf,

mache unseren Streit klein und deinen Frieden groß.

Tröste die Trauernden und führe sie zu deiner Lebendigkeit und Tiefe.

Du Gott der Versöhnung, sei mit unseren Geschwistern in Israel und in Palästina, nimm überall die gelangweilte Schläfrigkeit, die lähmende Angst oder die gewaltsame Wut, gib Verständnis und offene Ohren füreinander, öffne Türen, wo Menschen Mauern bauen.

Du Himmelsglanz, lass uns die Spuren der Ewigkeit finden, die du uns auf Erden bewahrt hast, die Kinder, die Musik, gutes Essen, gute Freunde, lass uns einstimmen in Sternengesang und Erdenklang, in Wasserrauschen und Windesbrausen. Mach uns sorgfältig und behutsam mit deinen Kostbarkeiten.

Du Schützer des Zerbrechlichen, halte deine Hand über Alte und Junge, mache stark, die darniederliegen, belebe die Matten, gib den Ratlosen Weisung, den Ziellosen Heimat, den Trauernden Trost, hüte deine Kranken, segne deine Sterbenden, erbarme dich deiner Betrübten und sei mit deinen Fröhlichen.

Das bitten wir durch Jesus Christus, den Erstling der neuen Schöpfung, mit dem wir gemeinsam beten:...

Predigttext: Daniel 12,1-13

Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst,

der für dein Volk eintritt, sich aufmachen.

Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein,

wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit.

Aber zu jener Zeit wird dein Volk gerettet werden,

alle die im Buch geschrieben stehen.

Und alle, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen,

die einen zum ewigen Leben,

die anderen zu ewiger Schmach und Schande.

Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz,

und die viele zur Gerechtigkeit weisen,

wie die Sterne immer und ewiglich.

Und du Daniel versiegele dieses Buch bis auf die letzte Zeit.

Viele werden es dann durchforschen und große Erkenntnis finden.

Und ich, Daniel sah, und siehe, es standen zwei andere da,

einer an diesem Ufer des Stromes, der andere an jenem Ufer.

Und er sprach zu dem Mann in leinenen Gewändern,

der über den Wassern des Stroms stand:

Wann sollen denn diese großen Wunder geschehen?“

Und ich hörte den Mann in leinenen Kleidern,

der über den Wassern des Stromes stand.

Er hob seine rechte und linke Hand auf gen Himmel

und schwor bei dem, der ewiglich lebt,

dass es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit währen soll,

und wenn die Zerstreuung des heiligen Volks ein Ende hat,

soll dies alles geschehen.

Und ich hörte es, aber ich verstand´s nicht, und sprach:

Mein Herr, was wird das Letzte davon sein?“

Er aber sprach: „Geh hin, Daniel, denn es ist verborgen

und versiegelt bis auf die letzte Zeit.

Viele werden gereinigt, geläutert und geprüft werden,

aber die Gottlosen werden gottlos handeln,

alle Gottlosen werden´s nicht verstehen,

aber die Verständigen werden´s verstehen.

Du aber Daniel geh hin bis das Ende kommt,

und ruhe, bis du aufstehst zu deinem Erbteil

am Ende der Tage“