Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über das Buch Ruth

Matthias Srednik

28.12.2003 in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Heiligenhaus

Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen !

Liebe Gemeinde,

0   Prolog
"Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, Jesus Christus !" (Off. 1,4)

Das alte Testament ist voll von Geschichten von Menschen, die einen Weg mit Gott gegangen sind. Eine solche Geschichte möchte ich euch heute erzählen.
Es gibt zwei Vorurteile über das alte Testament, die immer wieder genannt werden. Sogar Theologen verbreiten diese Vorurteile manchmal.
Das erste Vorurteil ist, dass die Bibel und dort vor allem das alte Testament sehr von Männern geprägt ist, also patriachal orientiert sei. Deshalb wäre es jetzt kein Wunder, wenn ich heute die Geschichte eines Mannes erzählen würde, etwa eine Geschichte der "Patriarchen", der Stammväter Israels, wie Abraham, Isaak und Jakob. Aber dieser Vorwurf, in der Bibel würde nur auf die Männer Wert gelegt, ist unbegründet. Wie man jetzt leicht erraten kann, geht es in meiner Geschichte heute um eine Frau.
Das zweite Vorurteil über das alte Testament ist, dass man durch den wichtigen Zusammenhang, dass Israel das Volk Gottes ist, aus anderen Völkern nicht zum lebendigen Gott kommen konnte. Es passierte auch im alten Testament immer wieder, dass Menschen aus anderen Völkern auch den richtigen Glauben hatten oder zu ihm kamen und so dann zu dem Volk Gottes dazukommen konnten.
Damit wir bereits im alten Testament deutlich, dass Gottes Erlösungsplan sich von den Juden auf die Heiden erstreckte.
Unsere Hauptperson heute ist also eine Frau und eine Ausländerin. Sie hat zunächst den Götzenglauben ihres Volkes und kommt im Laufe dieser Geschichte zum Volk Gottes dazu. Es wurde sogar ein Buch der Bibel nach ihr benannt. Sie wurde eine Stammmutter eines bedeutenden Geschlechtes in Israel. Einige werden es jetzt erraten haben, es geht um die Moabiterin Rut.

1   Elimelech verlässt sein Land
Ruth 1,1: Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen.
"Zur Zeit als die Richter richteten:" Unsere Geschichte findet etwa in der Mitte des 12. Jahrhunderts vor Chr. statt. Im späteren Verlauf werden historische Personen benannt, die auf diese Geschichte zurückgehen. Es sind von hier aus noch 3 Generationen bis zum König David. Man muss also dieses Buch als einen echten historischen Bericht betrachten, nicht nur als eine prosaische Geschichte. Die Geschichte beginnt mit einer Hungersnot. Solch einen Bericht hört man öfters. Mehrere Personen in der Bibel mussten ihr Land verlassen, weil in Israel eine Hungersnot herrschte. So auch ein Mann namens Elimelech (das heißt "mein Gott ist König") mit seiner Frau Noomi und seinen Söhnen Machlon und Kiljon. Sie ziehen aus Bethlehem fort in das Land Moab. Dieses Land liegt heute in Jordanien an der Ostküste den toten Meeres. Dieser Ort, an den sich Elimelech flüchtet, ist von Bethlehem ca. 100 km entfernt. Das Land Moab geht auf eine der zwei Töchter von Lot zurück, die als Lot aus Sodom wegging und Sodom vernichtet wurde, keine Möglichkeit sahen Männer zu bekommen, und so machten sie ihren Vater betrunken und bekamen von ihm Söhne. Der Sohn der älteren Tochter wurde Moab genannt. Der Name "Moab" bedeutet "vom Vater". Von diesem Inzest stammten also die Moabiter ab, die mit dem Volk Israel in Feindschaft lebten. Allerdings sollten die IsraeIiten die Moabiter bei der Landnahme nicht angreifen. In dieses feindliche Land flüchtet also Elimelech mit seiner Familie vor der Hungersnot.

Elimelech stirbt sehr bald in Moab und seine Söhne nehmen sich in dem fremden Land Frauen aus der dortigen Bevölkerung. Diese beiden Frauen hießen Orpa und Rut. Sie leben ungefähr zehn Jahre im Land Moab und dann sterben auch Machlon und Kiljon. Übrigens, der Name Machlon könnte "der Kränkling" und Kiljon "der Schwächling" heißen. Sie haben keine Nachkommen hinterlassen. Diese Situation ist für diese drei Frauen in der damaligen Zeit das Schlimmste, was passieren konnte. Sie haben keinen, der sie versorgt, die Witwenrente ist noch nicht erfunden. In vielen Kulturen können sie kein Land besitzen. Sie sind vielfach auf Almosen angewiesen. Ich weiß nicht wie diese Situation im Land Moab war, jedenfalls entscheidet sich die Witwe Noomi dazu, in ihre Heimatstadt Bethlehem in Israel zurückzukehren. Sie hat gehört, dass die Hungersnot in Israel vorbei ist. Außerdem gibt es im alten Testament Gesetze, die in Israel einen besseren Schutz für Witwen vorsehen, als es in den Nachbarländern üblich ist. Über diesen Schutz werde ich später noch reden. Interessant ist hier auch wieder, wie Namen von Personen und Orten in der Bibel oft die Bedeutung der Geschichten mit erklären - Beth-Lechem bedeutet auf hebräisch "Haus des Brotes".

2   Der Weg zurück - die Entscheidung
Noomi macht sich also auf den Weg, um in ihr Heimatland zurückzukehren. Zunächst gehen beide Schwiegertöchter mit. Wenn ich mir die Geschichte so anschaue, habe ich den Eindruck, Noomi glaubt, ihr Unglück sei eine Art Strafe Gottes. Das wird später in dem Vers 20 deutlich, als sie in Bethlehem ankommt:
20 Sie aber sprach zu ihnen: Nennt mich nicht Noomi, sondern Mara ; denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan. 21 Voll zog ich aus, aber leer hat mich der HERR wieder heimgebracht. Warum nennt ihr mich denn Noomi, da doch der HERR gegen mich gesprochen und der Allmächtige mich betrübt hat? Noomi bedeutet: "die Liebliche", Mara bedeutet "die Bittere".

Auch in Vers 13 klingt diese Bitterkeit bereits an:
13 ... Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand ist gegen mich gewesen.
Auf so einem Weg durch die Wüste, hat man Zeit nachzudenken. Was sollte das ? Warum tut mir Gott das an ? War es vielleicht nicht richtig, aus Israel fortzugehen ? Straft uns Gott, weil wir von seinem Volk weggegangen sind ? War die Hungersnot vielleicht von Gott geschickt, und wir hätten aushalten sollen ?

So hat Noomi vielleicht nachgedacht. Jetzt denkt sie: Warum kommen meine Schwiegertöchter mit ? In Israel werden sie als Fremdlinge bestimmt keine neue Ehe eingehen können. Wenn sie überhaupt noch eine Chance haben, dann in ihrer Heimat mit moabitischen Männern. Also fordert sie jetzt, wo sie einen Teil des Weges gegangen sind, Orpa und Rut auf, nach Moab zurückzukehren. Wahrscheinlich ist man jetzt an der Grenze zwischen Moab und Israel angelangt, jetzt muss man sich entscheiden. Noomi sagt zu ihren Schwiegertöchtern:
9 Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie.

Damit ist gemeint: "Geht zurück, sucht euch einen neuen Mann und werdet dort glücklich!" Diese neuen Männer würden die Noomi nicht unterstützen. Sie gehören dann ja überhaupt nicht zu Noomis Familie. Noomi will für ihre Schwiegertöchter das Beste, dass sie eine neue Chance erhalten und glücklich werden. Sie will diesem Glück nicht im Wege stehen, deshalb will sie allein weitergehen.
Die Diskussion geht jetzt ein wenig hin und her, erst lehnt auch Orpa dieses Ansinnen ab, aber Orpa sieht die menschlichen Argumente der Noomi ein. Sie kehrt um und geht zurück nach Moab. Für ihren Glauben bedeutet dies, zurück zu den Götzen des Landes Moab. Im Lande Moab wurde der Götze Kemosch verehrt, dem auch Menschenopfer dargebracht wurden.

Noomi sagt zu Rut:
15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.
Hatten die moabitischen Frauen den Glauben ihrer Männer übernommen ? Das wissen wir nicht. Vielleicht haben sie die jüdischen Traditionen ihrer Männer auch nur zehn Jahre lang mitgemacht. Vor allem bei Orpa habe ich den Eindruck, dass das wohl so gewesen ist.
Bei Rut gewinne ich eine andere Sicht. Sie antwortet Noomi den Satz, der das Zentrum dieser Geschichte wird:

Das Buch Rut, Kapitel 1, Vers 16 und 17:
16 Rut antwortete: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Dies ist nicht nur die Zusage für Noomi, dies ist das Bekenntnis zum lebendigen Gott. Rut legt alles ab, was zu ihrem vorherigen Leben in Moab gehört. Sie bekennt sich zu einem anderen Volk, und zu dem Gott Jahwe, den sie bei ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter kennengelernt hat.
Damit beginnt Ruts neues Leben mit dem lebendigen Gott. Mit diesem Bekenntnis gehört sie zum Volk Israel. Sie ist jetzt nicht mehr Moabiterin und Heidin, sie ist jetzt zum Volk Gottes dazugekommen.
Das ist ein Bekenntnis, wie das des Petrus im Johannesevangelium:
68 Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; 69 und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.
Interessant ist auch Vers 14: Rut aber blieb bei ihr. In der Lutherübersetzung fällt dieser Satz nicht so sehr auf. In der Elberfelder Übersetzung finden wir den Ausdruck "Rut aber hängte sich an Sie". Dieses "Anhängen" ist das gleiche Wort, wie es in 1. Mose 2, 24 für die Beschreibung der Ehe benutzt wird:
24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.
Dieses Wort meint eine Liebe die sich binden will. Das hebräische Wort "dabaq" hat die Bedeutung "kleben", "an etwas haften". Das ist nicht nur ein "anhängen", welches man auch wieder "abhängen" kann - wie den Anhänger an einem Auto, nein es ist eine feste Verbindung, die nicht mehr gelöst werden kann. Die Entscheidung von Rut für das Zusammenbleiben mit der Noomi ist endgültig - "nur der Tod wird mich und dich scheiden" (Vers 17).
Kennt ihr "Uhu-plus-endfest-Epoxidharzkleber" ? Den nehme ich, wenn alles andere nicht hält. Wenn man Teile hiermit zusammenklebt, kann man sie nur mit höchster Gewalt auseinanderbringen und dann werden beide Teile beschädigt. Ein solches "kleben" meint das Wort "anhängen" hier.
So stark ist auch Ruts Entscheidung zu dem Gott Noomis, Jahwe, dem lebendigen Gott. Und es ist kein Zufall, wenn die Beziehung zu Gott in der Bibel häufig mit der Eheschließung verglichen wird. Die Beziehung zu Gott beginnt wie die Ehe mit dem Bekenntnis: "ja, ich will".
Noomi sieht, dass Rut sich endgültig entschieden hat und so lässt sie es sein, ihr weiter zuzureden.

18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden.
So gelangen die beiden Frauen nach Bethlehem und die Bibel drückt bei der Rückkehr bereits aus, dass Rut jetzt zum Gottesvolk dazugehört, in dem in Vers 22 von der "Rückkehr" die Rede ist, ich benutze hier wieder die Elberfelder Übersetzung, die das sehr gut ausdrückt:
22 So kehrte Noomi zurück, und mit ihr die Moabiterin Rut, ihre Schwiegertochter, die aus dem Gebiet von Moab heimgekehrt war.

Also verwendet die Bibel auch für die Rut den Begriff der "Heimkehr", obwohl sie ja noch nie in Bethlehem war. Es ist die Heimkehr in das "Haus Gottes". Der Begriff erinnert mich an das "heimgehen", wenn wir einmal zu unserem Vater im Himmel "heimgehen". Auch dort waren wir noch nicht und doch ist es unsere Heimat.

Vers 22 geht weiter und berichtet uns über die Zeit, in der Rut und Noomi nach Bethlehem kamen:
22 ... Sie kamen nach Bethlehem zum Beginn der Gerstenernte.
Dies wird jetzt wichtig in der Frage, wie Noomi und Rut, die jetzt völlig mittellos sind, versorgt werden. Und so kommen wir zum zweiten Kapitel der Geschichte.

3   Sozialhilfe im alten Israel

In Israel gab es interessante Regelungen für die Versorgung von in Not geratenen Menschen.
2. Mose 19, 9+10:
9 Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten.
10 Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der HERR, euer Gott.
Die damalige Sozialhilfe bestand also darin, etwas ungenau bei der Ernte zu sein, und damit Reste für die Armen übrig zu lassen, die sich diese Reste aufsammeln durften. Hierbei sind ausdrücklich die "Fremdlinge", die aus anderen Völkern in Israel Zuflucht suchten, mit eingeschlossen. Die Bibel erinnert die Israeliten dabei immer, dass auch sie Fremdlinge in Ägypten gewesen sind.
In unserer Geschichte ist es jetzt ein sehr glücklicher Umstand für Noomi und Rut, dass die Gerstenernte gerade beginnt. Man sollte hier allerdings nicht von Glück, sondern eher von Gottes Führung reden. Rut kennt dieses Gebot auch bereits und sagt zu Noomi (Kapitel 2, Vers 2):
2 Und Rut, die Moabiterin, sprach zu Noomi: Lass mich aufs Feld gehen und Ähren auflesen bei einem, vor dessen Augen ich Gnade finde. Sie aber sprach zu ihr: Geh hin, meine Tochter!

Es gab zwar dieses Gebot, aber es war nicht selbstverständlich, dass es auch befolgt wurde. Ein Armer konnte einen Feldbesitzer nicht verklagen oder mit der Polizei kommen, wenn er gehindert wurde oder die Schnitter doch sehr genau alles auflasen. So hängt es doch von der "Gnade" des Besitzers ab, ob die Armen dieses Recht in Anspruch nehmen dürfen. Diese Gebot bezieht sich daher auch auf die Gottesbeziehung des Feldbesitzers. Ist er ein frommer Mann, wird er dieses Gebot Gottes achten. Die Begründung des Gebotes lautet ja (2. Mose 19,10): ... ich bin der HERR, euer Gott.
Hier geht die Fügung Gottes weiter: Rut sammelt auf dem Feld des Boas, eines "angesehenen Mannes" (Vers 1). Wie der Gruß in Vers 4 zeigt, war er auch ein frommer Mann. Und Vers 3 berichtet uns, er war vom "Geschlecht Elimelechs". Unspektakulär wird berichtet:

3 Und es traf sich, dass dies Feld dem Boas gehörte, der von dem Geschlecht Elimelechs war.
Was für ein Understatement! "Es traf sich" ist hier wohl eine große Untertreibung. "So ein Glück gehabt, ausgerechnet das Feld des Boas erwischt sie hier." Nein, das ist nicht bloß Glück, Noomi erkennt das, als Rut vollbepackt nach Hause kommt:
20 Gesegnet sei er vom HERRN, der seine Barmherzigkeit nicht abgewendet hat von den Lebendigen und von den Toten.

Noomi "gewinnt ihren Glauben zurück". Der HERR tut ihr nicht mehr Bitteres an, nein "er hat seine Barmherzigkeit nicht abgewendet". So ist das kein Glück, es ist Gottes großartige Führung.
Nun schauen wir mal noch erst auf das Ährensammeln der Rut. Boas fragt, wer diese Frau ist. Die Geschichte ist bereits in Bethlehem herum. Die Menschen reden voll Achtung von der fremden Frau, die ihre Freundschaft - das bedeutet der Name Rut nämlich - durch Treue bewiesen hat.

5 Und Boas sprach zu seinem Knecht, der über die Schnitter gestellt war: Zu wem gehört das Mädchen? 6 Der Knecht, der über die Schnitter gestellt war, antwortete und sprach: Es ist eine Moabiterin, die mit Noomi gekommen ist aus dem Land der Moabiter.
7 Sie hat gesagt: Lasst mich doch auflesen und sammeln hinter den Garben den Schnittern nach, und ist gekommen und dageblieben vom Morgen an bis jetzt und hat nur wenig ausgeruht.
8 Da sprach Boas zu Rut: Hörst du wohl, meine Tochter? Du sollst nicht auf einen andern Acker gehen, um aufzulesen; geh auch nicht von hier weg, sondern halt dich zu meinen Mägden.
9 Und sieh, wo sie schneiden im Felde, da geh ihnen nach. Ich habe meinen Knechten geboten, dass dich niemand antaste. Und wenn dich dürstet, so geh hin zu den Gefäßen und trinke von dem, was meine Knechte schöpfen.
10 Da fiel sie auf ihr Angesicht und beugte sich nieder zur Erde und sprach zu ihm: Womit hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, dass du mir freundlich bist, die ich doch eine Fremde bin?
11 Boas antwortete und sprach zu ihr: Man hat mir alles angesagt, was du getan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod; dass du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und zu einem Volk gezogen bist, das du vorher nicht kanntest.
12 Der HERR vergelte dir deine Tat, und dein Lohn möge vollkommen sein bei dem HERRN, dem Gott Israels, zu dem du gekommen bist, dass du unter seinen Flügeln Zuflucht hättest.

Boas tut mehr als er muss. Er erlaubt Rut nicht nur, die Ähren aufzulesen, sie darf auch direkt hinter den Schnittern als Erste gehen. Sie darf sich außerdem am Wasser für die Arbeiter des Boas bedienen. Zur Essenszeit darf sie sogar an der gemeinsamen Mahlzeit teilnehmen. In Vers 16 weist Boas seine Schnitter insgeheim an, absichtlich Ähren fallen zu lassen. So hat Rut die Chance ein sehr gutes Ergebnis beim Ähreneinsammeln zu erreichen.
In Vers 17 wird uns berichtet, dass Rut einen Scheffel Gerste an diesem Tag gesammelt hat. Diese Mengeneinheit, ein Efa, sind ungefähr 36,4 Liter, damit hat Rut ungefähr 21,8 kg Gerste gesammelt.
Dieses Ergebnis ist enorm. Damit konnte sich Rut und Noomi etliche Wochen ernähren. Und nach Vers 21 bis 23 darf Rut das auch in der folgenden Zeit weiterführen, während der ganzen Gersten- und Weizenernte, das sind ca. zwei Monate, von April bis Juni. Für ihr leibliches Wohl ist demnach erst einmal gesorgt.

Noomi erkennt diese große Gnade und lobt Gott dafür:
19 Da sprach ihre Schwiegermutter zu ihr: Wo hast du heute gelesen und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dir freundlich gewesen ist! Sie aber sagte ihrer Schwiegermutter, bei wem sie gearbeitet hatte, und sprach: Der Mann, bei dem ich heute gearbeitet habe, heißt Boas.
20 Noomi aber sprach zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er vom HERRN, der seine Barmherzigkeit nicht abgewendet hat von den Lebendigen und von den Toten. Und Noomi sprach zu ihr: Der Mann steht uns nahe; er gehört zu unsern Lösern.

Elberfelder Übersetzung:
20 Der Mann ist uns nahe verwandt, er ist einer von unseren Lösern.

4   Der Löser
Vers 2,20: Noomi gebraucht hier zwei Ausdrücke, die das weitere Geschehen nachhaltig bestimmen. In Bezug auf Boas sprich sie vom qarob, das ist ein Verwandter, der ein goel (Löser) ist.

Zum Begriff des Lösers:
Gott hat den Israeliten das Land Israel geschenkt. Bei der Landnahme wurde das Land an die 12 Stämme und in den 12 Stämmen auch an die Familienclans verteil. Es ist der Wille Gottes, dass diese Verteilung aufrecht erhalten bleibt.
Verarmt ein Israelit und muss er daher Landbesitz verkaufen, so soll ein Verwandter dieses Land (zurück)kaufen, damit die Aufteilung auf die Stämme aufrecht erhalten bleibt.
Muss sich ein Israelit aus Gründen der Armut in die Sklaverei verkaufen, muss ein Verwandter, wenn es ihm finanziell möglich ist, diesen zurückkaufen. In diesem Fall ist der Verwandte der "Löser".
Im Buch Rut wird diese Regel verknüpft mit der Schwagerehe, der sogenannten Leviratsehe:
Stirbt ein verheirateter Mann und hinterlässt keine Kinder, so hat der nächste Verwandte die Pflicht, die Witwe zur Frau zu nehmen. Der erste Sohn, den sie zur Welt bringt, gilt dann als Nachkomme des verstorbenen Bruders, damit dessen Name in Israel erhalten bleibt.
/WuStu/: "Auf der einen Seite schützt dieses Familienrecht verarmte, geschädigte, verwitwete Familienmitglieder, auf der anderen Seite sorgt es dafür, dass der Anteil am heiligen von Gott geschenkten Land der Familie nicht verloren gehen kann." (3. Mose 25, 25-30).
25 Wenn dein Bruder verarmt und etwas von seiner Habe verkauft, so soll sein nächster Verwandter kommen und einlösen, was sein Bruder verkauft hat.
26 Wenn aber jemand keinen Löser hat und selbst so viel aufbringen kann, um es einzulösen,
27 so soll er die Jahre abrechnen, seitdem er's verkauft hat, und was noch übrig ist, dem Käufer zurückzahlen und so wieder zu seiner Habe kommen.
28 Kann er aber nicht so viel aufbringen, um es ihm zurückzuzahlen, so soll, was er verkauft hat, in der Hand des Käufers bleiben bis zum Erlassjahr. Dann soll es frei werden und er wieder zu seiner Habe kommen.

Dieser Begriff "Löser" hat nicht aus Zufall diese große Ähnlichkeit mit dem Wort "Erlöser". Gott stellt sich Mose vor, als der, der Israel aus der Hand der Ägypter erlösen wird. Hier ist Gott der Löser. Vergleicht das mal mit dem eben gesagten zum Herauskaufen aus der Sklaverei.
Gott ist der "Löser" bzw. der "Erlöser". Jesaja 41,14: Dein Erlöser ist der Heilige Israels. Auch hier steht im Hebräischen dieses Wort goel.
Letztendlich erlöst uns Gott alle durch Jesus Christus und hat damit die Lösung von der Sklaverei der Sünde vollbracht. Diese kleine Wort goel - Löser, welches hier im Buch Rut vorkommt, gewinnt damit eine überragende und prophetische Bedeutung.
/WuStu/ und /Dürst/: "So geht das in diesem Büchlein Rut. So geht es überhaupt im Buche, das man die Bibel nennt: ein Stichwort fällt beinahe beiläufig - und plötzlich sind wir mitten drin in allergrößten und tiefsten Zusammenhängen. Plötzlich enthält dieses Stichwort viel mehr als den ursprünglichen Wortsinn. Plötzlich weitet es sich aus ins Grenzenlose: plötzlich sind wir mittendrin in der gewaltigen Geschichte zwischen Himmel und Erde, in der Heilsgeschichte von Gott her zu den Menschen hin; mitten drin in den tiefsten Menschheitsnöten und in den höchsten Gottesverheißungen."

5   Die Nacht auf der Tenne

Die Geschichte mit dem Ährensammeln geht nach Vers 23 weiter, bis das die Gerstenernte und die Weizenernte vorbei war. Dann scheint es mir so, dass Noomi der Rut den Begriff des Lösers erklärt und dies auch mit der sog. Leviratsehe verknüpft, der Verpflichtung, die Witwe eines nahen Verwandten zu heiraten, wenn die Ehe kinderlos blieb. Rut soll sich nachts zu Boas begeben.

Rut wird wie eine Braut gesalbt und schön gemacht. Gesalbt wurde mit wohlriechenden Ölen, das ist das gleiche, wie wenn ihr Schwestern heute Parfüm benutzt. Rut zieht ihr bestes Kleid an. So geht sie - wie eine Braut - zu Boas. Damit wird deutlich, dass sie die Leviratsehe will.
Auch Boas geht auf diese Pflicht ein. Er hat eine hohe Achtung vor Rut. Rut bezeichnet sich selbst als Magd. Vers 9:
9 Sie antwortete: Ich bin Rut, deine Magd.
Boas hingegen bezeichnet Rut als "eine tugendsame Frau". Nicht nur er ist der Meinung, die ganze Stadt Bethlehem weiß das und achtet Rut für die Taten, die sie der Noomi getan hat.
Rut bittet Boas in Vers 9:
Breite den Zipfel deines Gewandes über deine Magd, denn du bist der Löser.
Das Zudecken mit dem Gewand ist ein Zeichen für den Schutz, den sich Rut von Boas erhofft. Das ist sozusagen der "Heiratsantrag".
Boas geht auf seine Pflicht als Löser ein. Er will Rut diesen Schutz gewähren und sie zur Frau nehmen und damit auch Noomi mitversorgen. Es gibt jedoch einen näheren Verwandten, der zunächst einspringen müsste. Über diesen muss erst noch verhandelt werden. Das passiert, wie damals üblich, im Stadttor von Bethlehem.

6   Die Verhandlung im Tor

Sofort am nächsten morgen begibt sich Boas zum Stadttor und spricht den anderen Löser an. Bezeichnend ist, dass sein Name nicht genannt wird, er wird nur als "Soundso" bezeichnet. Zunächst spricht Boas auf ein Stück Landbesitz an, von dem noch nicht die Rede war.
Es gab also Land, dass noch der Familie Elimelechs gehörte. Noomi konnte darüber verfügen. Wegen ihrer Not musste sie es jetzt verkaufen. Nach dem Gebot des Lösens musste ein Verwandter von Elimelech dieses Land jetzt kaufen.
Boas will seine Pflicht erfüllen und sieht auch die Leviratsehe mit Rut innerhalb dieser Pflicht.
Der andere Löser, dessen Name nicht genannt wird, will zwar das Land des Elimelech kaufen und es seinem Besitz einverleiben, damit es "in der Familie bleibt", als er jedoch von Rut als Witwe erfährt, will er die Lösung nicht durchführen. Warum würde sein Erbteil dadurch geschädigt ? Der andere Löser hatte wahrscheinlich bereits Familie. Er müsste das Land Elimelechs mit seinem Geld kaufen und mit Rut einen Sohn zeugen, der dann in die Erblinie Elimelechs gehört. Dieser Nachkomme würde dieses Land von Elimelech erben und nicht die anderen Nachkommen des Soundso. Damit würde er das Vermögen seiner direkten Familie schädigen. Das will er nicht. Trotz Gottes Gebot ist er nicht dazu bereit. Deshalb wird sein Name auch nicht genannt. Soundso verschwindet namenlos im Dunkel der Geschichte.
Im Gegensatz dazu will Boas das Gebot erfüllen. In geschickter Weise argumentiert er so, dass der andere Löser auch auf sein Recht (seine Pflicht) zum Kauf des Landes verzichtet. So wird das ganze in der Verhandlung im Tor von Bethlehem beschlossen. Vor Zeugen bekennt Boas sich zu seiner Pflicht als Löser und nimmt so auch Rut zur Frau.
Aus dieser Geschichte wird ein Stammbaum mit einer Segenslinie. Boas, ein Nachkomme von Salmon und Rahab (der Hure Rahab aus Jericho!), zeugt mit Rut den Obed, der der Vater von Isai wurde und der war ja der Vater von König David. Damit wurde Rut Urgroßmutter von David und auch Stammmutter von Jesus, dessen menschlicher Stammbaum über Maria auf David und damit auch auf Rut zurückgeht.
So wird diese "kleine Familiengeschichte" zu einem Bestandteil von Gottes großem Plan für diese Welt und damit gehört sie auch zur Heilsgeschichte.

7   Ist es der Glaube oder sind es die Werke ?

Man könnte sich jetzt auch wieder die Frage stellen, wie Paulus sie in seinem Römerbrief bei verschiedenen Personen aus dem alten Testament stellt und wie doch der Jakobusbrief scheinbar im Gegensatz zu diesen Aussagen steht: Warum ist es denn jetzt zu diesem Segen gekommen? Liegt es daran, dass Rut geglaubt hat, oder weil sie gute Werke getan hat, ihre Schwiegermutter nämlich nicht im Stich gelassen und versogt hat? Nun schauen wir mal auf die Szene, als Noomi aus Moab wegging zurück nach Bethlehem und ihre Schwiegertöchter an der Grenze zwischen Moab und Israel zurückschicken wollte. Rut entschied sich: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Das ist ein Bekenntnis des Glaubens, damit beginnt der Weg zu dieser segensreichen Geschichte. Der wichtigste Teil in dem obigen Satz ist für mich der: Dein Gott ist mein Gott. So kann ich, wie Paulus das von Abraham sagt, behaupten: frei nach Römer 4,3: "Rut hat Gott geglaubt und das ist ihr zur Gerechtigkeit gerechnet worden."
So würde Paulus im Römerbrief über Rut schreiben, wenn er sie als Beispiel genommen hätte. Der Jakobus hingegen würde uns vor Augen führen, was Rut aus ihrem Glauben alles getan hat. Er würde herausstellen, dass sie der Noomi gegenüber immer freundlich gegenüber gewesen ist, und letztendlich zur Versorgung der armen Witwe die entscheidenden Taten dazu getan hat. Jakobus würde uns fragen, was würde es der Noomi denn nützen, wenn Rut zwar bekennen würde: "Dein Gott ist auch mein Gott", aber nicht mit ihr gehen würde. Ist das nun ein Widerspruch ?
Nein, man muss nur die Reihefolgen beachten: Erst kommt der Glaube und das Bekenntnis, daraus ist der Mensch gerechtfertigt. Aus seinem Glauben heraus kann er dann gar nicht anders und tut die Werke des Glaubens. Das ist auch die Reihenfolge, die ich bei Rut sehe.
Das erste wichtige in unserer Geschichte ist die Entscheidung Ruts an der moabitisch-israelischen Grenze. Sie entscheidet sich für den Glauben an den lebendigen Gott. Ihre Werke, die Hilfe die sie Noomi leistet, entstammt aus diesem Glauben zu dem sie sich an dieser Stelle entschieden hat. Diese Glaubensentscheidung führt zur Versorgung der Noomi und zu ihrem persönlichen Glück mit Boas und zur segensreichen Linie zum König David und letztlich zu Jesus selbst.

8   Dein persönlicher Weg von Moab nach Israel
Vielleicht bist du heute ja auch an der Grenze zwischen Moab und Israel - geistlich gesehen. Vielleicht ist es so, dass dich dein Partner hier in die Gemeinde gebracht hat, es kann auch sein, dass das schon Jahre passiert, wie Rut und Orpa 10 Jahre mit ihren Männern gelebt haben und ja immer wieder vom lebendigen Gott gehört hatten. Du fühlst dich hier wohl und akzeptierst das Christentum als kulturelle Institution und außerdem trifft man nette Leute und Freunde. Du feierst die christlichen Feste - schließlich ist so ein Weihnachtsfest mit Gottesdienstbesuch ja viel feierlicher. Aber darum geht es nicht: Irgendwann musst du dich persönlich entscheiden und stehst somit an dieser Grenze zwischen Moab und Israel.
Entscheidest du dich für das "weiter wie bisher" und bleibst "in Moab" - also "in der normalen Welt" oder ist das auch dein Bekenntnis wie Rut es sagt:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
oder wie Petrus es bekennt in Joh. 6:
68 Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; 69 und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.
Es kann sein das heute für dich dran ist. Dann entscheide dich heute. Sag: "ja, ich will" zu unserem lebendigen Gott und zu seinem Sohn Jesus Christus, unserem Löser.

2. Korinther 13,13:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Amen.