Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über das Lied ''Es ist nicht immer leicht, ich zu sein''

Pfarrer Dirk Alpermann (ev)

16.03.2012 in der Katharinenkirche Oppenheim

anlässlich eines Abiturgottesdienstes des Gymnasium zu St.Katharinen Oppenheim,

Es ist nicht immer leicht, ich zu sein

Anmerkung: Der Titel „Es ist nicht immer leicht, ich zu sein“ (Wise Guys) wurde unmittelbar vor der Predigt vom Abichor gesungen.

Das Lied und das offizielle Video finden Sie hier.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

liebe Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde,

liebes Kollegium!


„Es ist nicht immer leicht, ich zu sein. Manchmal ist es sogar sauschwer.“ Die anderen sind immer schöner, reicher und klüger. Haben mehr Anerkennung, mehr Freunde, mehr Glück. Die anderen machen alles besser und sind schneller am Ziel. Im Vergleich mit den anderen ist es wirklich nicht immer leicht ich zu sein. Die wenigsten Menschen sind tatsächlich zufrieden mit sich selbst.


Und ich sag` Ihnen was: Ichsein ist von Anfang an nicht leicht. Es ist uns nicht in die Wiege gelegt. In unserer Entwicklung kommt das Ich relativ spät an die Reihe. Als Kinder lauten unsere ersten Worte „Mama“, „Papa“ oder „Auto“. Das Wort „Ich“ kommt später, das ist noch zu abstrakt. Wenn die Mama sagt: „Ich gehe jetzt“, verstehen Kinder nicht, wer gemeint ist. Wenn sie sagt: „Mama geht jetzt“, fangen sie an zu weinen. Erst im dritten Lebensjahr lernen Kinder, „Ich“ zu sagen.


Aber zwischen Ich sagen und wissen, wer ich bin, liegt ein langer Weg. Das fängt schon damit an, dass wir nicht einmal wissen, wo unser Ich überhaupt herkommt. Sind es die Gene oder ist es die Gesellschaft? Was ist angeboren, was ist erworben? Was ist festgelegt und was ist formbar? Da streiten die Gelehrten. Für Idealisten kommen wir als unbeschriebene Blätter auf die Welt. Pragmatiker halten uns für weitgehend vorbestimmt und sehen den Spielraum für pädagogische Einflüsse in Wahrheit kleiner als uns Eltern und Lehrer das lieb sein kann.


Es ist wirklich nicht immer leicht, ich zu sein. Und die Erwachsenenwelt macht es ihrem Nachwuchs auch nicht gerade einfach. Da werden die Kleinsten schon als Fötus im Mutterleib mit klassischer Musik beschallt, sollen ihre ersten Worte am besten gleich in Englisch brabbeln, werden nach ihren ersten Kritzeleien schon als künftige Picassos gefeiert, müssen jede Menge musikalischer, künstlerischer und sonstiger Früherziehung über sich ergehen lassen, weil ja heute jedes Kind mindestens nobelpreisverdächtig ist. Kein Bilderbuch, kein Spielzeug ohne pädagogische Hintergedanken, Computer vollgestopft mit Lernprogrammen, im frühesten Alter schon mit rappelvollen Terminkalendern – kein Wunder, dass unsere Jüngsten unter diesem Erwartungsdruck reihenweise hysterisch werden. Mir tun Kinder leid, deren Persönlichkeitsentwicklung von Eltern geradezu professionell gemanagt wird. „Helikopter-Eltern“ nennt man dieses diese neuen Typ von Müttern und Vätern, die ihren Nachwuchs permanent umkreisen, denen keine Schule gut genug ist.

 

Vielleicht ist Ichsein ja auch deshalb so schwer, weil einem letztlich keiner dabei helfen kann; weil einem niemand sagen kann, wie Ichsein geht. Früher war das einfacher: Da waren die Rollen festgelegt durch Geschlecht, soziale Zugehörigkeit und kulturelle Normen. Der Spielraum für individuelle Entscheidungen war viel kleiner. Die heutige Gesellschaft ist pluralistisch, die persönlichen Freiheiten sind unendlich groß. Und das macht es so schwierig, weil das Leben zur Baustelle wird. Da wird Orientierung zur echten Herausforderung. Ich sein, echt, authentisch, einmalig, unverwechselbar, nicht die x-te Kopie von dem, was es schon gibt. Im persönlichen Stil mehr als die Schnittmenge aus H&M, Ikea und Aldi.


Und so sind wir alle wahnsinnig individuell, zumindest halten wir uns dafür. In Wahrheit ist der Mensch ein Herdentier. Das können Sie mit einem ganz einfachen Experiment selbst überprüfen: Stellen Sie einfach an einem beliebigen Wochentag einen gelben Sack vor die Tür – natürlich dann, wenn keine Müllabfuhr ist. Was passiert? Genau: Nach einer halben Stunde steht die ganze Straße voll mit gelben Säcken, weil jeder denkt: “Ach, ist es schon wieder so weit?“ Man will sich ja keine Blöße geben und am Ende der einzige sein, der die Müllabfuhr verpennt.


Es ist wirklich alles andere als leicht, ich zu sein. Oft ist es auch nicht erwünscht, oder nur in einem gewissen Rahmen. Manchmal ist es besser, auf das Ich-Sein zu verzichten, das vermeidet Missverständnisse und Konflikte. Mitunter stört es geradezu. Es gibt viele Situationen in Beruf, Familie und Freizeit, wo Unterordnung und Anpassung keine Zeichen von Schwäche sind, sondern ein Beweis von Rücksicht und Vernunft. Die Grenze von gesundem Ichbewusstsein und Egozentrik ist ja schnell überschritten, und Leute, die ihr eigenes Ego permanent in den Mittelpunkt stellen, gehören zu den besonders penetranten Zeitgenossen. Im sozialen Umgang sind sie mit nichts zufrieden, im Straßenverkehr sind sie gemeingefährlich. Zum Ichsein gehört als Gegengewicht also auch eine gehörige Portion Gemeinschaftssinn.


Aber vielleicht gehen wir einfach nur von falschen Voraussetzungen aus. Wer sagt denn, dass überhaupt irgendetwas im Leben leicht sein muss? Es ist so vieles nicht leicht: Eltern sein ist nicht leicht, Kind oder Jugendlicher sein ist nicht leicht, Lehrer/Lehrerin sein ist alles andere als leicht. Vieles geht schon deshalb nicht leicht, weil man es nicht einfach „machen“ kann, sondern weil es Zeit braucht. Zeit, sich zu entwickeln, Zeit zu wachsen, Zeit zu reifen.


Davon hattet ihr in den letzten dreizehn Jahren genug. In dieser Zeit ist die Schule ein Teil eurer Lebensgeschichte geworden. Sie hat euch geprägt und verändert und damit euer Ich geformt.


Man kann darüber streiten, ob das Ichsein zu den Erziehungsaufgaben der Schule gehört. Man kann das verneinen und auf den schulischen Bildungsauftrag verweisen. Der ist zuerst und vor allem fachbezogen. Das Ich steht auf keinem Stundenplan.


Man kann es aber auch bejahen mit dem Hinweis, dass sich die Leistung nicht von der Persönlichkeit trennen lässt. Der Mensch ist mehr als ein Gehirn auf zwei Beinen.


Wie also vertragen sich Schule und Ichsein?


Hier in der Schule hattet ihr einen festen Platz, hattet eure Rollen und Aufgaben. Hier wart ihr eingebettet in ein Beziehungsgefüge, ein Faden im sozialen Geflecht der Schulgemeinschaft. Mitschüler und Lehrer hatten ein bestimmtes Bild von euch, ihr hattet ein bestimmtes Bild von euren Mitschülern und Lehrern. Und wie das mit den Bildern ist, die man sich von anderen macht: Sie bleiben immer fragmentarisch. Wir glauben, die anderen zu kennen. Dabei kennen wir meistens nur das Bild, das wir uns von ihnen machen. So entstehen Projektionen. Wir zeigen uns, wie wir gesehen werden möchten; andere sehen uns, wie sie uns sehen möchten.


Auf die Schule bezogen heißt das: Wir wissen auch nach vielen Jahren gemeinsamer Schulzeit immer noch sehr wenig voneinander. Zwischen Hierarchien, Funktionen, Cliquen, Klischees und in der Konkurrenz um die besten Noten sieht jeder zu, wo er bleibt und wie er überlebt. Die meisten lernen im Lauf der Zeit, wie man sich mit dem „System Schule“ arrangiert und entwickeln eine Art Überlebenstechnik. Andere hadern damit während ihrer gesamten Schulzeit und sind froh, wenn sie vorbei ist.


Aber Gott sei Dank ist Schule mehr als das, was im 45-Minuten-Takt passiert und am Ende als Ziffern im Notenbuch landet. In meiner eigenen Erinnerung ist dieser Mehrwert das, was Schule eigentlich ausmacht und woran man sich am längsten erinnert: Pausen, Partys, heimliches Grillen im Innenhof, Klatsch und Tratsch, Klassenfahrten, an die turbulenten Jahre zwischen Kindheit und Erwachsenwerden – an so vieles, was die Schule ausmacht, ohne dass wir Lehrerinnen und Lehrer viel davon mitbekommen. Es ist eine Art Parallelwelt, die den Unterricht schon deshalb braucht, um überhaupt zu existieren. Ohne sie wären die Härten des Schülerlebens kaum zu ertragen – und manchmal braucht man auch Humor. Dass ihr diesen Humor habt, zeigt Euer Abi-Streich. Ihr habt in unserer Schule ein hundertfaches Lächeln hinterlassen, das macht Euch sympathisch.


Ihr werdet nie wieder eine Zeit erleben, die so von der Konstanz und Verlässlichkeit geprägt ist wie die Schule. 13 Jahre im Rhythmus von Unterricht und Ferien, Hausaufgaben und HÜs. 13 Jahre im Mikrokosmos Schule, jener überschaubaren kleinen Welt, die in der es sich herrlich bequem leben lässt, die einem viele Entscheidungen abnimmt, in der man Verantwortung und Initiative sparsam dosieren kann. Schule ist vor allem ein zyklisches Geschehen, an dessen Ende alles wieder von vorne beginnt. Das ist beruhigend, das ist verlässlich, das ist sicher. Aber irgendwann ist es zu wenig.


Für jede und jeden von euch steht nun der große Aufbruch bevor – für viele noch mit unbekanntem Ziel. Man hat ja manchmal das Gefühl, dass man mit dem Abitur am besten auch gleich einen fertigen Lebensentwurf in der Tasche haben muss und dann auch schon wissen sollte, in welcher Firma und welcher Abteilung man später einmal arbeiten wird. Das ist aus Sicht von Personalabteilungen sicherlich erstrebenswert. Aber menschengerecht ist es nicht.


Deshalb möchte ich zum Schluss noch einmal an die Geschichte von Abraham erinnern. An seinen Aufbruch aus der Heimat und seinen Weg in ein fremdes Land. Es ist eine Reise ins Ungewisse. „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause …“ Es ist eine der ältesten Erfahrungen der Menschheit, dass Aufbrüche zum Leben gehören.


Das erinnert an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Abitur. Es kommt vom lateinischen Verb abire und bedeutet weggehen, davongehen. Als Abiturienten seid ihr also Weggehende, Davongehende.


Bisher war die Schule als Konstante in Eurem Leben immer Zukunft: die nächste Stunde, der nächste Schultag, die nächsten Kursarbeiten, die nächsten Ferien – immer lag noch etwas vor euch. Irgendwann waren es dann die letzten Kursarbeiten, die letzten Ferien. Ab heute ist die Schule definitiv Vergangenheit, und der einzige Grund, ab morgen noch an sie zu denken, wird die Pflege von Erinnerungen sein.


Morgen ist Abi-Ball. Danach werden sich viele von euch für Jahre aus den Augen verlieren, manche auch für immer. Dann wird das Leben endgültig zur Reise mit unbekanntem Ziel.


Abraham hat diesen Aufbruch gewagt. Oft begleitet von Zweifeln und Angst. Ohne zu wissen, wohin er ihn führt und ohne zu wissen, ob das Ziel seines Weges auch das Ziel seiner Wünsche ist. Immer aber getragen von der Hoffnung, dass am Ende neue Lebensmöglichkeiten stehen.


„Ich will dich segnen und du sollst selbst ein Segen sein“, sagt Gott ihm zu. Dieser Zuspruch soll auch über eurem Abschied stehen. Dieses Leben bietet so viel mehr: so viel mehr als Lernen, so viel mehr Erfolg oder Scheitern, so viel mehr als materielle Glücksverheißungen, mehr als diese vielen Fragmente von Leben, die wir für das Ganze halten.


Für die Gewissheit der Begleitung auf unseren Wegen gibt es altes Wort: Christen sprechen vom Segen. Ein Segen, der unabhängig von Leistung und Erfolg ist, der nicht nach Gewinnern und Verlierern fragt. Ein Segen, der immer bei euch bleibt: auf den schwierigen und auf den einfachen Wegen.


Was auch immer vor euch liegt: Geplantes, Überraschendes, Ungewisses – ich wünsche euch diesen Glaube an die tragende Kraft des Lebens, die euch mit ihrem Segen umgibt Amen