Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über eg 449: „Die güldne Sonne, voll Freud und Wonne“

Pastor Stephan Schwarz

20.05.2007 in den evang. Kirchen Großdeinbach und Lindach

„Tod, Triumph und Tschernobyl“

Liebe Gemeinde,

der Wecker klingelt; ich stelle ihn ab und drehe mich in meinem Bett noch einmal um. Aber nur kurz, denn ich weiß, ich muss zur Schule, und als Lehrer sollte man möglichst nicht zu spät kommen. Etwas hektisch geht es zu, wenn ich mich dusche, schnell etwas frühstücke, dann meine Sachen zusammenpacke und mich auf den Weg in die Schule mache. Für einen Moment der Besinnung reicht es meistens nicht. Leider.
Ein Bekannter von mir, ein Betriebswirt, nimmt sich jeden Morgen ein paar Minuten Zeit, zündet in einer Ecke seines Wohnzimmers eine Kerze an und betet ein paar Psalmen aus seinem Brevier, das sonst nur katholische Priester verwenden. Er wollte selber vor Jahren einmal Priester werden, hat auch angefangen Theologie zu studieren, aber bald gemerkt, dass das nicht seine Berufung ist. Beibehalten aber hat er seitdem die paar Minuten am Morgen, die er für sich und Gott hat. Als ich ihn ein paar Tage besucht habe, hatten wir diese stille Zeit am Morgen gemeinsam.
Wie beginnt Ihr Tag? Eher mit Geschäftigkeit und Hektik oder mit einem Moment des Innehaltens?
Paul Gerhardts Morgenlied: „Die güldne Sonne“ war ursprünglich nicht für den Gottesdienst, sondern ist für eine persönliche Besinnung zuhause gedacht. Für eine kleine Andacht am Morgen, vor oder nach dem Frühstück, allein oder mit der Familie, als eine Gelegenheit, den Tag bewusst zu beginnen. In der heutigen Predigt möchte ich mit Ihnen gemeinsam dieses Morgenlied von Paul Gerhardt entlanggehen und dabei die ein oder andere Entdeckung machen. Lassen Sie das Gesangbuch am besten gleich aufgeschlagen; wir werden über die Predigt verteilt die einzelnen Strophen singen. Beginnen wir mit der 1. Strophe:
1. Die güldne Sonne - voll Freud und Wonne:
bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen
ein herzerquickendes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder.
Aber nun steht ich, bin munter und fröhlich.
Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Paul Gerhardt beschreibt die Situation kurz nach dem Aufstehen. Haupt und Glieder, Kopf und Körper haben ausgeruht und haben hoffentlich gut geschlafen; nun aber hat der Mensch sich aufgerichtet und die Augen geöffnet und sieht das helle Sonnenlicht.
Es ist einfach genial, wie Johann Georg Ebelings Melodie zu Paul Gerhardts Text passt. Wenn Paul Gerhardt vom Sich-Niederlegen und Schlafen redet, fällt die Melodie über fast eine Oktave hinweg ab, legt sich die Melodie gleichsam ebenfalls nieder: „Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder.“ Und wenn der Mensch in Paul Gerhardts Gedicht aufsteht, geht auch die Melodie nach oben: „Aber nun steh ich, bin munter und fröhlich“.
Woher kommt seine Fröhlichkeit und Munterkeit? Sie hat etwas zu tun mit der Sonne. Wer kennt es nicht: Wenn morgens die Sonne scheint, fällt das Aufstehen leichter, und die Stimmung ist gleich eine andere. Dass die Südländer oft fröhlichere Menschen sind, die Südeuropäer genauso wie die Afrikaner oder Lateinamerikaner, die das Leben nicht ganz so verkrampft, sondern eher gelassen angehen, hängt sicher damit zusammen, dass sie viel mehr Sonnenlicht erleben als wir im Norden. Dabei hat sich Paul Gerhardt sicher noch mehr nach der Sonne gesehnt als wir. Er lebte in einem besonders kalten Jahrhundert, das die Naturwissenschaftler als „kleine Eiszeit“ beschreiben: Lange Winter und feuchte Sommer.
Auf den ersten Blick ist in Paul Gerhardts Lied nur von der Sonne und vom Himmel die Rede. Doch hinter dem, was man in der Natur sehen und erleben kann, scheint bei Paul Gerhardt immer die Transzendenz hindurch: Gott und sein Wirken. Das zeigt sich schon in der zweiten Strophe, die wir nun singen:
2. Mein Auge schauet, was Gott gebauet
zu Seinen Ehren und uns zu lehren,
wie Sein Vermögen sei mächtig und groß.
Und wo die Frommen dann sollen hinkommen,
wann sie mit Frieden von hinnen geschieden
aus dieser Erden vergänglichem Schoß.

Ohne Sonne gäbe es kein Leben. Pflanzen, Tiere und Menschen brauchen sie. Wir brauchen sie nicht nur für unsere physische Existenz, sondern auch für unser seelisches Wohlempfinden. Die Sonne ist unsere Lebensquelle, und gleichzeitig ist ihr Licht so intensiv, dass wir sie nicht direkt ansehen können. Wir können verstehen, dass die
Ägypter und andere Völker sie als göttlich ansahen, als eine Gottheit, die jeden Tag mit einem Wagen über den Himmel fährt, von Osten nach Westen.
Die Bibel sieht in der Sonne keinen Gott mehr, sondern nur ein Geschöpf, einer großen Lampe gleich, die der Schöpfer an den Himmel gehängt hat (Gen 1). So ist die Sonne ein Bild für Gott und seine Gnade. „Wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein“ (Str. 4).
„Mein Auge schauet, was Gott gebauet“ - zu dem, was Gott „gebaut“ hat, gehört die Sonne, aber auch alles andere, was ich erst bei Tage sehen kann, wenn die Sonne ihr Licht darauf wirft.
Gleichzeitig wird durch die Sonne der Blick in Gottes jenseitige Welt frei. Wenn Gottes Kraft, „sein Vermögen […] mächtig und groß“ ist wie die Kraft der Sonne, dann wird er es auch fertig bringen, die Menschen nach ihrem Tod in seiner neuen Welt zu vollenden. Die Sonne ist für Paul Gerhardt immer ein Bild für Jesus Christus, der den Tod überwunden hat, so schon im Weihnachtslied: „Ich steh an deiner Krippen hier“:
„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne;
die Sonne, die mir zugebracht: Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht,
wie schön sind deine Strahlen!“
(EG 37,3)
Wenn Paul Gerhardt im Weihnachtslied genauso wie schon am frühen Morgen an den Tod denkt, hängt das sicher zusammen mit all den Verlusterfahrungen, die er in seinem Leben schon machen musste. Als er zwölf Jahre alt war, starb der Vater, nur zwei Jahre später auch noch seine Mutter. Als er sein Morgenlied schrieb, hatte er vier von fünf Kindern verloren. Verständlich also, dass Paul Gerhardt schon beim Aufstehen an all diejenigen denkt, von denen er bereits Abschied nehmen musste. Doch denkt er an sie nicht mit Gram, sondern in dem Vertrauen, dass sie bei Gott gut aufgehoben sind. Nur so wird verständlich, dass Paul Gerhardt selbst seine eigenen Grenzen und die Begrenztheit seines Lebens in einem anderen Licht sieht (Strophe 1); nur so wird verständlich, dass er Gott trotz allem aus vollem Herzen loben kann:
3. Lasset uns singen, dem Schöpfer bringen
Güter und Gaben: was wir nur haben -
alles sei Gotte zum Opfer gesetzt.
Die besten Güter sind unsre Gemüter.
Dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder,
an welchen ER sich am meisten ergötzt.

Zu biblischen Zeiten hat man Gott Opfer gebracht, indem man Tiere geschlachtet oder verbrannt hat oder indem man Weihrauch angezündet und den Rauch in die Luft hat steigen lassen. Die Anhänger Jesu haben bald aufgehört, Opfergaben in den Tempel zu bringen, weil sie sagten: Seitdem Jesus am Kreuz gestorben ist, wissen wir: Das soll das letzte Opfer gewesen sein, das ein Mensch gebracht hat. Wir müssen Gott nicht durch ein Opfer gnädig stimmen, sondern dürfen wissen, dass er uns voraussetzungslos liebt. Deshalb soll alles, was uns gehört, so verstanden werden, dass wir es Gott zu Ehren einsetzen. Unser ganzes Leben soll Gottesdienst sein. Martin Luther hat es auf den Punkt gebracht, was dieser Gottesdienst im Alltag der Welt bedeutet. Zu seiner Zeit hieß das, dass nicht nur die Ordensleute im Kloster und die Priester in der Kirche Gottesdienst feiern, sondern das ganze Leben Gottesdienst ist, wenn es für Gott geschieht. So feiert auch der Knecht, wenn er den Stall ausmistet, Gottesdienst, so feiert die Magd, wenn sie in der Küche Kartoffeln schält, Gottesdienst. Und das können wir auf unsere Tätigkeiten übertragen: Wer Abrechnungen macht, Fenster putzt, Kinder unterrichtet, Autos repariert etc, feiert Gottesdienst. Und das wird die Einstellung zu meiner Arbeit verändern, wenn ich sie als Gottesdienst sehe, da bin ich mir sicher.
Der schönste Gottesdienst ist aber der, wenn ein Mensch aus vollem Herzen Gott lobt und preist:
4. Abend und Morgen sind seine Sorgen.
Segnen und mehren, Unglück verwehren
sind seine Werke und Taten allein.
Wenn wir uns legen, so ist er zugegen.
Wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen
über uns seiner Barmherzigkeit Schein.

„Wenn wir uns legen, so ist er zugegen. Wenn wir aufstehen so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.“, heißt es bei Paul Gerhardt. Dasselbe Vertrauen durchdringt den Beter oder die Beterin von Psalm 139: „Ich sitze oder stehe auf, […] ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege…“.
In der klösterlichen Tradition des Stundengebetes hat dieser Gedanke seinen festen Sitz. Im Nachtgebet heißt es: „In deine Hände, Herre Gott, befehle ich meinen Geist.“ Wer so den Tag zurücklegt in Gottes Hände, der kann beruhigt einschlafen. Und nach der Nacht, im Morgengebet heißt es: „Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.“ Und dann: „Gott gedenke mein, nach deiner Gnade, Herr, erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.“ Wer so den Tag beginnt, beginnt ihn gut.
Paul Gerhardt hat sicher Martin Luthers Morgensegen gekannt. Dort verbinden sich der Dank für Bewahrung mit der Bitte um Gottes Begleitung an diesem Tag und dem Anliegen, das rechte tun zu wollen: „Ich danke mir, mein himmlischer Vater durch Jesus Christus, dienen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“ (EG Wü, S. 1202).
Diese Bitte greift Paul Gerhardt in der 5. Strophe auf:
5. Ich hab erhoben zu Dir dort droben
all meine Sinnen; lass mein Beginnen
ohn allen Anstoß und glücklich ergehn.
Laster und Schande, des Satanas Bande,
Fallen und Tücke, treib fern zurücke;
Lass mich auf Deinen Geboten bestehn.

So leben, wie es Gott gefällt, sich an seine Gebote halten, das gehört für Paul Gerhardt selbstverständlich zum Leben eines Christen dazu. Ein Beispiel was das heißen kann, beschreibt er in der 6. Strophe:
6. Lass mich mit Freuden, ohn alles Neiden
sehen den Segen, den Du wirst legen
in meines Bruders und Nähesten Haus.
Geiziges Brennen, unchristliches Rennen
nach Gut mit Sünde - das tilge geschwinde
von meinem Herzen und wirf es hinaus
.

Wer hört hier nicht das 9. und 10. Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hauses, noch seines Weibes, noch seines Knechts, noch seiner Magd, noch seines Ochsen, noch seines Esels noch alles, was dein Nächster hat.“?
Vielleicht müsste man heute eher sagen: „Du sollst nicht neidisch sein auf das Haus deines Nachbarn, sein Auto, seinen Arbeitsplatz, seinen Urlaub und alles andere, was er hat.“ Und Paul Gerhardt geht sogar noch weiter, als das Gebot verlangt: Ich soll nicht nur nicht neidisch sein, sondern meinem Nachbarn aus vollem Herzen das gönnen, was er hat: „Lass mich mit Freuden […] sehen den Segen, den Du wirst legen in meines Bruders und Nähesten Haus.“
Gleichzeitig muss ich darauf achthaben, wie ich selber mit materiellen Dingen umgehe. Wer etwas hat, hat eine größere Verpflichtung für die Gemeinschaft als der, der nichts hat. Lassen mich materielle Dinge geizig werden? Oder wende ich nicht ganz saubere Mittel an, um an Geld oder an einen Auftrag zu kommen? Paul Gerhardt nennt es ungeschönt beim Namen: „unchristliches Rennen nach Gut mit Sünde“, das soll heute keinen Platz in meinem Leben haben.
Allen, die sich auf ihren Besitz verlassen, ihr Haus oder ihr Aktienbündel, führt er drastisch vor Augen, wie schnell das Leben zu Ende sein kann:
7. Menschliches Wesen - was ist’s gewesen?
In einer Stunde geht es zugrunde,
sobald das Lüftlein des Todes drein bläst.
Alles in allen muss brechen und fallen,
Himmel und Erden, die müssen das werden,
was sie vor ihrer Erschaffung gewest.

Das ist das, was wir immer verdrängen. Dass unser Leben nur einen Schritt, nur einen Atemzug vom Tod entfernt ist. Und es muss gar nicht einmal der gewaltsame Tod sein, etwa durch einen Verkehrsunfall, der dem Leben von einem Moment auf den andern ein Ende setzt. Von einem Moment auf den andern kann das Herz aufhören zu schlagen; es genügt „ein Lüftlein des Todes“, und es ist mit dem Leben vorbei. Paul Gerhardt hat es in seiner Familie oft genug erlebt.
Doch was für mein eigenes kleines Leben gilt, gilt für die ganze Welt. Was wir für gewöhnlich als sicher und beständig erachten, hat seine begrenzte Zeit. Eines Tages werden Himmel und Erde vergehen, so wie es das Neue Testament bezeugt.
Was aber hat Bestand angesichts der Vergänglichkeit des Lebens? Was gibt mir Halt angesichts dessen, dass ich mich im letzten auf nichts und niemanden verlassen kann? Singen wir die 8. Strophe:
8. Alles vergehet! Gott aber stehet
ohn alles Wanken! Seine Gedanken,
sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden.
heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen,
halten uns zeitlich - und ewig gesund.

„Himmel und Erde werden vergehen“, sagt Jesus, „meine Worte aber werden nicht vergehen.“ (Mk 13,31) Wenn ich mich auf etwas in der Welt verlassen kann, dann ist es Gottes Treue. Das gilt jetzt und immer.
Deshalb wendet sich Paul Gerhardt an Gott mit der Bitte, dass er nicht auf das sieht, was in seinem Leben alles misslungen ist. Und stellt sein ganzes Leben unter Gottes Regie:
9. Gott, meine Krone! Vergib und schone,
lass meine Schulden in Gnad und Hulden
aus deinen Augen sein abgewandt.
Sonsten regier mich, lenke und führe,
wie dir’s gefället. Ich hab gestellet
alles in Deine Beliebung und Hand

Paul Gerhardt stellt sein ganzes Leben Gott anheim. Er kann das, weil ihm ein festes Gottvertrauen geschenkt wurde, das ihn offenbar durch sein ganzes Leben hindurch getragen hat.
In seinem Lied „Du, meine Seele, singe“, heißt es:
„Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig unbetrübt.“
(EG 302,2)
Ganz ähnlich spricht Paul Gerhardt in unserem Lied von Gott als dem Größten und Schönsten und Besten:
10. Willst Du mir geben, womit mein Leben
ich kann ernähren, so lass mich hören
allzeit im Herzen dies heilige Wort:
„Gott ist das Größte, das Schönste und Beste,
Gott ist das Süßte und Allergewisste;
aus allen Schätzen der edelste Hort.

Paul Gerhardts Vertrauen auf Gott reicht so weit, dass für ihn selbst die Schicksalsschläge des Lebens einen Platz in Gottes fürsorglichem Willen haben. So heißt es im Lied „Befiehl du deine Wege“:
„Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht,
lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht;
bist du doch nicht Regente, der alles führen soll,
Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“
(EG 361,7)
Was für manchen schwierig nachzuvollziehen ist: Paul Gerhardt sagt nicht nur: „Gott begleitet mich in meiner Not“, sondern: „Ich vertraue darauf, dass mein ganzes Leben, auch die Not, die ich erleide, von Gott gewollt ist und einen Sinn hat.“
11. Willst Du mich kränken, mit Galle tränken,
und soll von Plagen ich auch was tragen -
Wohlan, so mach es, wie Dir es beliebt.
Was gut und tüchtig, was schädliche und nichtig
meinem Gebeine - das weisst du alleine.
Hast niemals keinen zu sehr noch betrübt.

Nicht jeder kann sich so leicht in sein Schicksal fügen, wenn eine Krankheit das Leben zerstört oder der Tod einen geliebten Menschen nimmt. Da ist es oft ein langer Prozess des Klagens und Haderns mit Gott, des Schreiens: „Warum?“ und möglicherweise am Ende die Einsicht, wie sie Psalm 73 formuliert: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. […] Wenn wir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit, meines Herzens Trost und mein Teil.“ (Ps 73,23+26). Ich vermisse hier bei Paul Gerhardt die Klage, wie wir sie aus den Psalmen kennen und wie sie Paul Gerhardt an anderer Stelle formuliert: „Mach Ende, o Herr, mach Ende, mit aller unsrer Not“ (EG 361,12).
Trotzdem kann es gut für mich sein, Paul Gerhardts Strophen auch dann zu singen, wenn ich überhaupt nichts von Gottes gutem Handeln in meinem Schicksal sehen kann. Es ist wie eine Art Vertrauensvorschuss, den ich gebe, indem ich mir Paul Gerhardts Worte leihe und mitsinge, was ich im Grunde noch gar nicht mitsingen kann.
Wie in fast allen Liedern, so bringt Paul Gerhardt auch in unserem das ganz alltägliche Leben in unserer Welt und die Aussicht auf ein ewiges Leben in Gottes Nähe zusammen. Das ist Paul Gerhardts Kraftquelle, die Aussicht auf Gottes zukünftige Welt. Wie es einem Landkind entspricht, ist es nicht das neue Jerusalem, die himmlische Stadt, die da vor seinem Auge steht. Er sieht vielmehr den befriedeten Bauerngarten hinterm Haus vor sich, wo es ruhig ist und still und wo man sich die Sonne ins Gesicht strahlen lassen kann. Im Lied: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“, heißt die letzte Strophe:
„Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesu Christ,
das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist“.
(EG 351,13).
Wie könnte es anders sein, auch in Paul Gerhardts Morgenlied von der Sonne, als dass sie am Schluss noch einmal auftaucht, nicht als die Sonne, die uns jeden Morgen weckt, sondern als Bild für Gott selbst, der uns mit seinem Glanz erfüllt, nach und in allen Stürmen und Widrigkeiten dieses Lebens. Und so singen wir als Abschluss dieser Predigt, gleichsam als gemeinsames Amen die letzte Strophe von Paul Gerhardts Lied:
12. Kreuz und Elende, die nehmen ein Ende.
Nach Meeresbrausen und Windesrauschen
leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht.
Freude die Fülle und selige Stille
wird mich erwarten im himmlischen Garten.
Dahin sind meine Gedanken gericht’.

Amen.