Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 2,17-22

Sindy Altenburg (ev.-luth.)

13.06.2010 in Dreveskirchen

Anlässlich der Ordination zur Pastorin z.A.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus! Amen.


Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder von nah und fern,

puh, die Architekten habe ich nun wohl alle vergrault. Na und ich rede von den renomiertesten der Stadt! Hätt ich mir ehrlich gesagt leichter vorstellt. Das mit meinem Haus. Meinem Traumhaus. Dabei hatte ich mir wirklich richtig gute Zeichnungen gemacht und war vorbereitet auf die Gespräche.


Die erste Architektin traf ich in einem Café in entspannter Atmosphäre. Wir tranken Cappuccino und aßen lecker Torte, die Sonne strahlte.

„`Home sweet home!´ könnte am Eingang stehen, oder so ähnlich. Die Türen sollen offen sein und auch alle Fenster. Luftig solls sein, zugleich darfs aber auch nicht ziehen,“ begann ich ihr zu erklären. „Ja, die Wände stell ich mir leicht und transparent vor, am besten aus feinem Stoff und so stabil, dass sie trotzdem gut schützen. Der Fußboden am besten aus tragenden, guten Traditionen und sprungfederleichten Lücken dazwischen. Das Fundament des Hauses aus Stein, klar, solide und fest, vielleicht Felsenstein. Der Keller soll so tief wie die tiefsten Tiefen sein, wo Phrasen keine Chance haben und Worte berühren. Ach, und der alte Spiegel auf dem Dachboden hält der Wahrheit seit eh und je mutig stand. Vielleicht auch ein kleines immerbrennendes Feuer in der Küche, das Wärme schenkt. Wasser kommt direkt von oben zum Trinken und Waschen und aus dem Meer, wenn ich mal Salzkartoffeln kochen will. Und das Dach muss so lichtdurchlässig und hoch sein, dass man meint, man könne den Himmel ergreifen und Sterne fangen.“

Der Cappuccino war fast ausgetrunken. Mein Gegenüber schluckte verlegen und räusperte sich zögerlich: „Ähhm..., das sind ja schöne Ideen, die Sie da haben, wirklich, aber... vielleicht etwas sonderbar. Das geht alles nicht, das ist nicht machbar! Also ich kann das jedenfalls nicht, habe so was noch nie durchgeführt. Verzeihen Sie!“
Wir verabschiedeten uns bald darauf. Ich enttäuscht, sie wohl erleichtert. Nicht sonderbar, wunderbar sollte mein Haus werden, dachte ich beim Weggehen.


Nun schaute ich meine Zeichnungen noch einmal genau an. Die waren meinen Vorstellungen entsprechend! Nicht professionell, aber deutlich. Mein Traumhaus durfte nicht am Architekten scheitern! Also wählte ich voller Hoffnung die Nummer eines sehr erfahrenen, älteren Mannes. Er hatte wenig Zeit und wollte erst mal grob am Telefon hören, worum es überhaupt geht. Dann erst wollte er mich treffen. In gegebener leichter Eile sprudelte es aus mir heraus:

„Mein Traumhaus soll ein Haus für alle sein, wissen Sie. Wo sich die verschiedenen Menschen alle irgendwie wohl fühlen und wie zu Hause, wo sich Große und Kleine, Alte und Junge, Schwache und Starke treffen wollen. Wo Kinderlachen die Tanz-Musik ist und ein Geist der Freiheit und Freude weht. Wo nach Herzenslust und –laune gespielt werden kann und gefeiert wird. Wo Frauen und Männer wirklich gleichwürdige Partner füreinander sind und jeder Individuum sein darf, jede, wie sie geschaffen ist. Wo alles auf den Tisch kommen darf, auch das Ungeliebte. Ich meine so Tabuthemen: Tod, Trauer, Krankheit, Angst, Einsamkeit, Schmerz, Versagen, Schuld. Wo Tränen Platz haben. Wo Frieden die Luft zum atmen ist und alle erfüllt, trotz vieler verschiedener Meinungen und wo Visionen von einer veränderlichen Welt geträumt und gelebt werden dürfen...“

„Entschuldigen Sie bitte, gute Frau,“ unterbrach mich der Architekt da. „Ich habe wirklich schon viel erlebt, aber das ist ja wohl der Gipfel! Dass Sie sich nicht schämen! Meine kostbare Zeit derart zu verschwenden, Sie sind wohl nicht ganz bei Trost!?“ Damit legte er auf. Gerade als ich sagen wollte: „Trost – das ist ein schönes Stichwort!“ Aber ach, das konnte ich leider schon gar nicht mehr anbringen.


Beim dritten Versuch wollte ich in die Vollen gehen. Ohne große Höflichkeit. Irgendwie dachte ich, nun kannst du nichts mehr verlieren. Nur noch gewinnen. Und mein Traumhaus war mir so wichtig, dass ich den Wagemut aufbrachte, noch einen anderen Fachmann für Hausplanung zu befragen. Ohne Anmeldung betrat ich sein Büro, ließ mich von seiner Sekretärin nicht abwimmeln und schritt zuversichtlich in sein Zimmer:

„Guten Tag! Mein Traumhaus darf nichts kosten und überhaupt muss alles umsonst sein darin. Es soll transportabel sein. Mit einem riesigen Garten, der Samen der Hoffnungen aller Art bereithalten und zum Blühen bringen kann.“ So legte ich gleich schon mal los. „Es duftet überall nach Milch und Honig und Brot und Früchte gibt’s in Hülle und Fülle! Und Zeit soviel man braucht! Und der Rest wächst da auch! Was man sich eben so wünscht, Liebe und Stärke und Geduld und so.“

„Wie bitte?“, fragte der Architekt verdattert. „Meinen Sie mich?“

„Jaja, wann könnte der Bau beginnen?“, fragte ich voller Vorfreude.

„Ach richtig, der Bau. Wird gemacht! Wie Sie wollen! Zum Herbst, denke ich, kanns losgehen, jetzt bin ich erst mal ab Montag im Urlaub, anschließend auf Fortbildung. Sie klären die Finanzierung und dann melden Sie sich einfach wieder! Auf Wiedersehen.“, sagte er gleichförmig ohne einmal aufzusehen.
Ich ging. Irgendwie traute ich ihm nicht. Hatte der überhaupt richtig zugehört? Wusste der, was ich meinte? Was sollte nun werden? Mit meinem Traumhaus? Zweifel überfielen mich: Hatte ich mich übernommen? War mein Traum nur ein Hirngespinst? Eine Geschichte des Scheiterns? Ein Projekt ohne Zukunft?

Fast war ich drüber weg. Hatte ausgeträumt, mich zusammen gerissen und gequält. Fast. Dann kam dieser Brief. Gestern früh. „An alle“, stand drauf. An alle? Irgendwie fühlte ich mich angesprochen. Also öffnete ich ihn vorsichtig und las:


Liebe Gäste aus nah und fern, liebe Gemeinde,
liebe Schwester Altenburg,
                                 

Friede sei mit euch allen!
Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zu Gott.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten,
da Jesus Christus der Eckstein ist,
auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in Gott.

Durch Gott werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.


Mit freundlichen Grüßen, in Träumen verbunden,
ein weiser Unbekannter. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn! Amen.