Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Ezechiel 37,12b-14; Römer 8,8-11; Johannes 11,1-45

Vera Krause

08.03.2008 im Pfarrverband St. Familia und Erlöser der Welt in Bruchköbel (Diözese Fulda) im Rahmen der Aktion „Misereor vor Ort“

Predigtpreis 2008 für die beste Predigt aus Caritas und Diakonie

Predigt zum Misereor-Sonntag 2008 (50 Jahre Misereor)

Zeichen einer neuen Wirklichkeit

Zweierlei Tod
Die Botschaft dieses Sonntags ist eine Botschaft wider all unsere Erfahrung: dass der Tod  nicht  das letzte Wort hat; dass es Leben gibt gegen den Tod. – Doch gibt es sie, die Alternative zur Tödlichkeit des Todes? Gibt es die Grenz-Überschreitung, wo der Tod doch alltäglich als unüberwindbar erfahren, vielfach erlitten wird?
Zweierlei Tod haben uns die heutigen Schriftlesungen zu Gehör gebracht: Da ist der Tod von Menschen, hier eines ganzen Volkes, die in Gefangenschaft geraten sind. In der Fremde verliert das Volk Israel seine Glaubens- und Lebenskraft. Im drohenden Verlust der eigenen Identität, ohne Sinn und ohne Zukunftsperspektive, erfährt sich Israel wie im Grab. Verlassen von Gott und der Welt ist es im fernen Babylon längst den Tod der Hoffnungslosigkeit gestorben. – Die andere Begegnung mit dem Tod wurde uns in einer eher vertrauten Szene erzählt: Ein Mann, Lazarus, stirbt nach schwerer Krankheit unter Anteilnahme von Angehörigen, Freunden und Nachbarn.


Leben aus dem Tod
Die Bibel geht um mit diesen Todeserfahrungen. Sie lässt es nicht dabei. Bildgewaltig erzählt sie davon, wie Gott in die Trostlosigkeit der babylonischen Gefangenschaft hinein seinen Propheten Ezechiel sendet, der dem Volk Israel die Hoffnungsbotschaft bringt: Gott selbst wird kommen, dem wie tot „lebenden“ Volk die Gräber zu öffnen und es heimzuführen in das Land der Verheißung! Diese Hoffnung gilt es zu hüten. Auf diese Hoffnung hin gilt es zu leben und wachsam zu bleiben für ihre beginnende Wirklichkeit. Für Israel beginnt sie tatsächlich im Jahr 539 vor unserer Zeit, als die Rückkehr des Volkes in die ersehnte Heimat beginnt. Leben aus dem Tod. Unfassbar. Denn kaum jemand mehr hatte es zu hoffen gewagt.
Auch die Erzählung um Lazarus geht gut aus. Am Ende sind die Tränen getrocknet. Der, der tot war, lebt wieder. Hier hatten Menschen – allen voran die beiden Schwestern des Lazarus, Marta und Maria – auf das Unmögliche zu hoffen gewagt. Doch sie müssen den Tod erst schmerzlich erfahren, bevor das neue Leben in ihrer Mitte aufscheint.
Zweimal ein überraschender, ein erstaunlich neuer Anfang des Lebens mitten aus dem Tod: Was wird uns hier zu verstehen gegeben?

Mit einer Verheißung leben
Es gibt die Gräber, das Totengebein. Es gibt ganze Gräberfelder. Menschen sterben durch Krieg und Vertreibung, an Hunger oder verseuchtem Wasser, an Ausbeutung oder weil sie nicht die „richtige“ Hautfarbe, nicht das „richtige“ Glaubensbekenntnis haben. Menschen sterben an vielerlei Krankheit. Dagegen steht Gottes Verheißung: „Ich hole euch heraus aus euren Gräbern. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig“ (Ez 37,12.14). Und dagegen steht Jesu Wort: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,25f.).
Wie am Anfang aller Tage haucht Gott den vertriebenen Kindern Israels seinen Lebensatem ein.  Sein  Geist,  Seine  Lebenskraft schaffen die Wende, wecken im Volk neuen Lebensmut. Das Sterben bleibt, auch in Israel. Doch die Menschen leben nun aus der Erfahrung, dass sie mit Gottes Geist aus dem Dunkel des Todes zu neuer Lebendigkeit gekommen sind. Diese tiefgreifende Einsicht will Jesus auch bei den Menschen in Betanien wecken, auch wenn sein Vorgehen – für uns heute wie für die damals unmittelbar Betroffenen – zunächst rätselhaft ist.


Das „Zeichen“ der Auferweckung
Der Evangelist Johannes berichtet, wie sehr es Jesus erschüttert, dass sein Freund Lazarus gestorben war. Die Trauer der beiden Schwestern und der übrigen Menschen geht ihm zu Herzen. Jesus fühlt mit, fühlt sich ein in den Verlust des geliebten Angehörigen, des geschätzten Freundes. Nur: Was hilft das jetzt noch? Lazarus ist tot. Einige Tage früher, da war Jesu Anteilnahme am traurigen Geschehen um seinen Freund gefragt gewesen. Buchstäblich. Marta und Maria hatten nach ihm schicken lassen: „Herr, dein Freund ist krank, der den du lieb hast“ (V 3.5). Und alle wissen: „Betanien ist nahe bei Jerusalem. Nur fünfzehn Stadien entfernt“ (V 18). Doch Jesus kommt zu spät. Planmäßig, so scheint es. Als er schließlich am Ort eintrifft, liegt Lazarus bereits vier Tage im Grab. Nach jüdischer Tradition gehen die Seelen der Verstorbenen nach drei Tagen endgültig in das Totenreich ein – mehr Tod gibt es demnach nicht.
Das „Zeichen“ der Auferweckung des Lazarus, das jetzt trotzdem noch geschieht, will nicht Sensation sein, kein Spektakel. Jesus will nicht einen Wunderglauben stiften. Was er gleichwohl  zeigen  will, das ist die Teilhabe am Leben Gottes schon im Hier und Jetzt. In der Konsequenz der Glaubensüberlieferung seiner Mütter und Väter setzt Jesus  das  Zeichen der neuen Wirklichkeit, die überall dort beginnt, wo Menschen sich von Gottes Geist beseelen und in Anspruch nehmen lassen: das Wunder des Aufstehen-könnens aus dem Tod.
Der Wirklichkeit dieses neuen Lebens vertrauen lernen; mitten im alltäglichen Leben dem Glauben an den, der uns dieses Leben schenken will, Raum geben: beides sind „unglaublich“ schwere Lektionen. Jesus weiß darum. So kommt er den Menschen entgegen, indem er ihnen in der Auferweckung des Lazarus das Ziel seiner eigenen Sendung ganz direkt vor Augen führt: die endgültige Lebenszusage Gottes, die im Glauben an Jesus schon im Hier und Jetzt beginnt – durch Sterben und Tod hindurch. In den Gesprächssequenzen mit Marta und Maria wird deutlich, wohin Jesus alle Menschen führen will: hinein in ein Vertrauen, das die Überwindung des Todes nicht erst im Jenseits glauben lässt.


Vor-Geschichten von Ostern
Das Volk Israel hat Gott so erfahren, Jesus hat Ihn so zugänglich gemacht: als Liebhaber des Lebens, der gegen den Tod in all seinen Ausdrucksformen Seine Verheißung vom Aufstehen-können aus den Gräbern Wirklichkeit werden lässt. Im Zeugnis der Bibel ist Gott das Leben schlechthin. Und wo immer in Glaube, Hoffnung und Liebe Todesüberwindung geschieht, da strahlt Gottes Herrlichkeit auf, da werden Vor-Geschichten von Ostern wahr.
Menschen sterben. So wie Jesus um seinen Freund Lazarus weint, so weinen Menschen durch alle Zeit und überall auf der Welt um ihre toten Angehörigen, Freunde, Weggefährten. Unter den Bedingungen also, die jedes menschliche Leben umgeben, geht von Jesus die lebendig machende Kraft des Gottesgeistes aus, der stärker ist, als der Tod je sein, als er entmutigen kann. Paulus spricht davon, dass die Kraft dieses Gottesgeistes auch in uns wohnt (vgl. Röm 8,11). Sie wartet geradezu darauf, dass sie auch in uns – durch uns – lebendig wird. Dazu sind wir an diesem Sonntag in besonderer Weise eingeladen, an dem das Bischöfliche Hilfswerk MISEREOR seinen 50. Geburtstag feiert und uns zu aktiver Solidarität mit den Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika aufruft.


Zeichen einer neuen Wirklichkeit
Gottes Geist wohnt in uns! Wir sollen ihn nicht für uns behalten. Dann bliebe er gefangen – wie in einem Grab. Wirksam wird er in den Zeichen, die wir setzen dürfen. Gemeinsam. Und füreinander. In diesem Sinne sucht MISEREOR einen konkreten Weg der Nachfolge Jesu in unserer Zeit. Es ist ein Weg in großer Gemeinschaft: Arme in Afrika, Asien und Lateinamerika, die für sich und ihre Kinder tagtäglich an einer besseren Zukunft arbeiten – millionenfach unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen. Projekt-Partner in den Ländern des Südens, die mit den Armen leben und um ihre Lebensbedingungen wissen; sie kommen aus Orts-Kirchen, Selbsthilfe-Initiativen, Kooperativen, Menschenrechtsgruppen und anderen nichtstaatlichen Organisationen. Menschen in Deutschland, die seit 50 Jahren mit Gebet, Aktion und Information, mit Spenden und vielgestaltigem Engagement die Selbsthilfe der Menschen in den Südkontinenten unterstützen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von MISEREOR, die alle, die das Werk tragen, fachlich begleiten und diese Unterstützung grundsätzlich allen Notleidenden anbieten: ungeachtet von Rasse, Geschlecht, Nation oder Religion.

Unsere Zeichen – unsere Anteilnahme, unsere Solidarität, unser Gebet, unsere Aktion, unsere Spende – werden nur auf den ersten Blick weniger eindrucksvoll sein als Jesu Zeichen an Lazarus. Denn wo Menschen aufstehen und herauskommen aus den Gefängnissen und Folterkammern, aus Armut und Hunger, aus vermeidbarer Krankheit, aus ausbeuterischer Arbeit und struktureller Ungerechtigkeit, da geschieht Auferstehung mitten im Alltag der Welt.
 
Die Geschichte der Mütter und Väter, deren Kinder nicht mehr an Durchfall sterben, bevor sie ein Jahr alt geworden sind, ist eine Vor-Geschichte von Ostern. Die Geschichte der Vertriebenen, der Flüchtlinge, der Land- und Wohnungslosen weltweit, die doch wieder Heimat finden, ist eine Vor-Geschichte von Ostern. Die Geschichte der an Aids erkrankten Frauen, Männer und Kinder, die in der Mitte ihrer Gesellschaft in Würde die Zeit ihres Sterbens erleben können, ist eine Vor-Geschichte von Ostern.
Und nun, liebe Gemeinde, wäre es eigentlich an Ihnen, meine Rede fortzusetzen. Denn die Geschichte der Kinder, die sich in Madagaskar auf Ausbildung, Ernährung und medizinische Versorgung verlassen können, weil Menschen in Bruchköbel sie unterstützen, ist eine Vorgeschichte von Ostern. Die Geschichte der Kaffee- oder Honigbauern, die durch gerechten Lohn ihren Familien Zukunft geben können, weil Menschen hier in der Gemeinde St. Familia / in der Gemeinde Erlöser der Welt ihre fair gehandelten Waren kaufen, ist eine Vorgeschichte von Ostern. Und nicht zuletzt ist die Geschichte der tatkräftigen und konkret hilfreichen Partnerschaft zwischen den Mitgliedern der KAB Bruchköbel und den Menschen in Katimba in Uganda eine Vorgeschichte von Ostern – des endgültigen Osterfestes, wenn „Gott die Tränen abwischen wird von jedem Gesicht“ (Jes 25,8).  Glaubst  du das? – Glaubst  du  das?, fragt Jesus im Evangelium. Er fragt es auch uns, denn er will in seiner Gotteskraft in unserer Mitte gegenwärtig sein. Und er ermutigt uns, wirksame Zeichen einer neuen Wirklichkeit zu setzen. Das ist die Botschaft dieses Sonntags.


In veränderter Fassung publiziert in:
Der Prediger und Katechet, Nr. 2/2008,
Schwabenverlag Ostfildern, 231-234.
Liturgische Bausteine 2008, Materialien zur
Misereor-Fastenaktion, MVG Aachen 2008, 76-77.