Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Genesis 6-9

Pastor Hartmut Ahrens (ev.-luth.)

27.03.2011 in der Evangelisch-lutherischen Kirche Sülbeck

Thomasmesse anlässlich der Katastrophe in Japan

BITTE (Hilde Domin)
Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

Liebe Gemeinde, 

Was für eine Aktualität haben die Worte der Dichterin Hilde Domin in diesen Tagen: „Wir werden eingetaucht, und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen.“ Denn damit fing es ja an, was wir jetzt die japanische Katastrophe nennen: diese unvorstellbaren Wassermassen, die Autos, Häuser, Schiffe, Straßen und Brücken weggerissen und tausenden Menschen den Tod gebracht haben. Und die, die überlebt haben, harren aus in Kälte und Angst, Angst auch vor jener anderen, unsichtbaren Bedrohung durch radioaktive Strahlen, durchnässt, geängstigt bis auf die Herzhaut.

Aber auch wir,  8 800 Kilometer entfernt von der Katastrophe, spüren wie uns das, was wir da aus vermeintlich sicherer Entfernung auf dem Bildschirm sehen, durchnässt  bis auf die Herzhaut. Uns wird bewusst, wie dünn und wie brüchig das Eis ist, auf dem wir unser Leben eingerichtet haben.

Es gibt solche Momente. Es muss nicht ein 11.September in New York sein oder ein 26. April in Tschernobyl, ein 11. März in Fukushima.

Manchmal reicht ein kleiner Schatten auf einem Röntgenbild, die Sirene eines Krankenwagens, der vorbei fährt und die Kinder sind noch nicht zuhause.

Manchmal braucht es nicht einen Regen, 40 Tage und 40 Nächte. Manchmal reicht ein kurzes Eintauchen in die Wasser der Sintflut, die Ströme  der Angst und der Sorge, um durchnässt zu werden bis auf die Herzhaut.

Und mit der Angst, die uns wegschwemmen will, kommt der Wunsch in uns auf nach einer Landschaft diesseits der Tränengrenze, der Wunsch nach dem Blütenfrühling, der Wunsch, die Schneeglöckchen und Osterglocken möchten blühen, als sei nichts geschehen, kommt der Wunsch verschont zu bleiben, er verbündet sich mit  der Hoffnung, die Kühlsysteme möchten wieder anspringen, der Hoffnung, der Behälter mit den Brennstäben möge halten, dem Wunsch, die Versuche die Reaktoren zu kühlen, mögen gelingen, die Hoffnung, die Wolke möge nicht auf den Pazifik hinaustreiben und auf die Fische regnen und nicht auf die 35 Millionen im Großraum Tokio.

Der Wunsch, der Schatten auf dem Röntgenbild sei nur ein Fehler in der  Aufnahme, der Krankenwagen sei nur zu einem harmlosen Unfall gerufen worden und die Kinder kämen im nächsten Augenblick gesund und lachend um die Hausecke.

Der Wunsch verschont zu bleiben, die Hoffnung, dass ich einen neuen Blütenfrühling erleben darf, und die Menschen in der Provinz Fukushima auch. Dass sie sorglos Blumen pflücken können statt verstrahlten Spinat zu ernten.

Aber es gibt Situationen, da taugen diese Wünsche nicht, da werden wir eingetaucht und mit den Wassern der Sintflut gewaschen und es gibt kein Entrinnen. Und da gibt es dann auch kein Entrinnen vor der Frage: Was taugt jetzt und was trägt uns, was gibt Hoffnung?

Wir sehen den Noah, wie er seine Arche zimmert, die ihn und  seine Familie, die Tiere über die Fluten tragen soll. Wir sehen den Noah, einen Mann, der etwas tut, der Verantwortung übernimmt, der handelt, um der Katastrophe zu entrinnen. Wie die 50 von Fukushima, die ihr Leben, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, um das Schlimmste abzuwenden, wie den Arzt, der in der Notoperation versucht, das Leben des Patienten zu retten, wir sehen die Soldaten und Feuerwehrleute, die die Trümmerberge an der japanischen Ostküste durchwühlen in der Hoffnung, dass da noch Leben ist.

Und wir sehen den Noah wieder, Tage, Wochen später, sehen ihn an der Luke seines Schiffes stehen, warten, hoffen, bitten, dass die Taube den Zweig vom Ölbaum bringe. „Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche. Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug's in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.“

Was taugt? Wenn sie eingetroffen ist, die Flut? Was taugt, wenn er da ist, der GAU, wenn sie nicht mehr beherrschbar ist die von Menschen erdachte Technik? Nicht mehr das Planen und Konstruieren, nicht mehr das Bauen und Schaffen, nur noch die Bitte taugt, dass die Taube den Zweig vom Ölbaum bringt, dass wir aus der Flut, aus der Löwengrube, aus dem feurigen Ofen, der da in Fukushima brennt, entlassen werden. Günther Oettinger hat ja Recht, wenn er sagt, dass das Ganze in Gottes Hand ist. Aber ist das nur  ein  Grund, sich zu fürchten, oder ist das auch Grund unserer Hoffnung. Wir sind heute unvertraut geworden mit einer solchen Hoffnung. Wir sind es gewohnt, dass wir alles in der Hand haben unsere Hoffnung beschränkt sich darauf, das das Restrisiko nicht zum Ernstfall wird. Da ist es schwer auszuhalten, es macht uns ohnmächtig zu sehen, wie uns alles entgleitet. Nicht nur uns, auch den angeblichen Experten und Fachleuten.  Und so bleibt nur die Bitte, dass wir noch einmal entlassen werden aus dem Feuerofen, aus der Flut, aus der Grube, die wir uns selbst gegraben haben. Dass wir all dem entkommen, immer versehrter und immer heiler.

Wenn wir sie verstanden haben, die Botschaft dieser Katastrophe, dann werden auch wir, 8 800 Kilometer entfernt vom Ort des Schreckens, nicht unversehrt daraus hervorgehen, dann wird es kein „weiter so“ geben dürfen. Wie all die anderen Ereignisse, die die Menschheit ohnmächtig und versehrt zurückgelassen haben. Diese großen Wunden der Menschheit. Sie heißen Auschwitz und Hiroshima, Srebrenitza und Ruanda, New York, Tschernobyl und Fukushima. Es sind Wunden die wir Menschen uns und unserer Welt zufügen. Immer versehrter gehen wir daraus hervor, erschrocken darüber, wozu wir fähig sind.

Immer versehrter, aber auch immer heiler?

Was taugt, wenn die Technik versagt? Was hilft, wenn keiner mehr helfen kann? Was heilt?

Immer versehrter und immer heiler werden wir hervorgehen.

Das lässt mich auf ihn blicken, den Mann am Kreuz, versehrt von Schlägen, Hohn und Spott, ohnmächtig. Und doch haben die Menschen in ihm den Heiland gesehen, den der heilt. „Ecce homo“ sagt ausgerechnet Pilatus: „Seht welch ein Mensch“. Versehrt und doch heil, gekrönt nicht mit den Blütenblättern, gekrönt mit den Dornen der Rose und doch der, der heilt:

Ecce homo! Seht den Menschen Noah mit seiner Bitte: Seht ihn, wie er Ausschau hält nach einem Hoffnungszeichen! Seht den Ölzweig. Und hört die Zusage Gottes: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Ihr findet eure Hoffnung nicht in euch selber, wenn ihr bis auf die Herzhaut gewaschen werdet.

Ecce homo! Wenn der Wunsch verschont zu werden von Unglück und Krankheit nicht mehr taugt, dann seht den andern  Menschen, den  da am Kreuz, versehrt und ist doch der Heiland der Welt.

Findet euch ein unter seinem Kreuz, da werdet ihr ein Zuhause finden  mit eurer Ohnmacht, eurer Furcht und mit eurer Hoffnung. Sein Kreuz ist der Ort von dem wir gestärkt zu uns selbst entlassen werden.

Weil wir erfahren: Auch in der Dunkelheit von Kreuz und Tod ist Gott da. „Christi Leib für dich gegeben, Christi Blut für dich vergossen.“ „Damit wir Hoffnung haben denn durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Auschwitz und Hiroshima, Srebrenitza und Ruanda, New York, Tschernobyl und Fukushima, die großen Wundmale der Menschheitsgeschichte, im Licht der Botschaft vom Kreuz werden sie zu Lernorten, Orte von denen wir anders wieder weggehen. Geläutert, gewendet, umgekehrt, entlassen auf den Weg zu uns selbst. Und Gott wird auf uns zeigen und sagen: „Ecce homo!“: Seht den Menschen mit seinen Wundmalen, den Katastrophen seiner Geschichte, den großen und den ganz persönlichen. Seht ihn, wie ich ihn hindurchgeführt habe, immer versehrter und immer heiler. Mit Wunden geschlagen, versehrt und doch nicht ohne Hoffnung. Wann wird er endlich zu sich selber finden? Wann wird er endlich bei sich ankommen?

Wann immer es sein wird. Eins dürfen wir wissen: Gott ist bei uns angekommen. In diesem Kreuz hat er sich geerdet. In diesem Kreuz ist er bei seinen Menschen angekommen, damit sie leben können – versehrt und doch heil. Amen