Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit“

Pfarrer Dirk Alpermann (ev.)

12.03.2010 in der Katharinenkirche Oppenheim

"Was bleibt" von der Band Silbermond

anlässlich der Abiturfeier des Gymnasiums zu St. Katharinen

Vorbemerkung: Der Titel „Irgendwas bleibt“ (Silbermond) wurde unmittelbar vor der Predigt von der Abi-Band live gespielt.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
liebe Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint“ – kein Wunsch steckt so tief in uns und ist so beständig wie der Wunsch nach Sicherheit. Er ist so ursprünglich wie elementar. Wir kommen damit auf die Welt und behalten ihn unser Leben lang. Das Gefühl von Sicherheit ist ein Urbedürfnis und eine Grundvoraussetzung für das Leben überhaupt.

Sicherheit ist das A und O des Lebens. Der Wunsch danach bestimmt unser Handeln permanent. Ob wir für eine Klassenarbeit lernen, im Herbst schon den Urlaub für den nächsten Sommer buchen, bei der Geldanlage lieber auf eine höhere Rendite verzichten oder beim Auto regelmäßig den Ölstand kontrollieren – überall geht es um das Gefühl der Sicherheit.

Ich rede mit Absicht vom Gefühl der Sicherheit. Ob die Klassenarbeit gut wird, der gebuchte Urlaub tatsächlich stattfindet, das Geld trotz Risikoabschätzung wirklich in guten Händen ist und das Auto nicht aus einem anderen Grund liegenbleibt – das alles ist eben unsicher.

Wir schließen Verträge ab, installieren Virenschutzprogramme, haben bis zu 14 Airbags im Auto und schnallen uns an. Das alles mag unsere Sicherheit nicht nur gefühlt, sondern auch messbar erhöhen. Am Ende bleibt sie doch nur relativ, so lange das sicherste Auto immer noch das ist, in dem man erst gar keinen Unfall baut.

Weshalb in dem  „kleinen bisschen Sicherheit“ denn auch mehr steckt als die Verniedlichung andeutet. Vollkommene Sicherheit weder vorstellbar noch realisierbar, sie wird im Leben immer fragmentarisch bleiben. Das ist mit der Liebe und dem Frieden ähnlich. Auch davon ist „ein kleines bisschen“ manchmal schon sehr viel.

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint“ – liebe Abiturientinnen und Abiturienten: Diese Zeile wird häufig als Hilferuf eurer Generation interpretiert. Weil die Welt, in der ihr groß geworden seid, in der ihr erst Kinder, dann Jugendliche wart und jetzt junge Erwachsene seid – weil diese Welt keine Sicherheit mehr bietet. Über allem schwebt das Wort von der Krise, nicht erst seit dem globalen Kollaps der Finanzmärkte. Familien, Bildung, Sozialsysteme, Staatsfinanzen – überall sind im letzten Jahrzehnt Fundamente zerbröckelt, und keiner weiß, wohin die Entwicklung steuert.

Nun sind Krisen als kollektive Erfahrungen einer Generation nichts Neues. Die 60er Jahre hatten die Kuba-Krise, die 70er hatten den Anschlag auf die Olympischen Spiele und die Ölkrise, die 80er hatten das AIDS-Virus und Tschernobyl, die 90er den 2.Golfkrieg und den gescheiterten Putsch gegen Gorbatschow, das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hatte den 11.September und die Pleite von Lehman Brothers. Aber wahrscheinlich würde die Generation unserer Großeltern und Urgroßeltern nur milde lächeln über das, was wir so alles „Krise“ nennen.

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint“ – liebe Abiturientinnen und Abiturienten: Die Schule ist zweifellos ein Ort maximaler Sicherheit. Wenn man ein bisschen guten Willen zeigt und sich zumindest so anstrengt, dass man weiterkommt, dann ist die Schule ein Ort, wo es sich bequem und sicher leben lässt. Eine überschaubare kleine Welt, in der sich mehr wiederholt als dass etwas Neues geschieht. Schule ist vor allem ein zyklisches Geschehen, an dessen Ende alles wieder von vorne beginnt. Was hier passiert, ist größtenteils vorhersehbar. Irgendwann lernt man sogar, den Zeitpunkt von HÜs vorherzusehen.

13 Jahre gefühlte und tatsächliche Sicherheit gehen heute definitiv zu Ende. Und ihr werdet dieses Maß an Berechenbarkeit so nie wieder erleben.

Eure Abiturzeugnisse bescheinigen euch formal und theoretisch, dass ihr fit seid für Studium und Ausbildung. Ob ihr es tatsächlich schafft, ob ihr findet, was ihr sucht, ankommt, wo ihr hin wollt, die richtigen Entscheidungen trefft und am Ende glückliche Menschen werdet, das alles weiß heute noch keiner.

Hier in der Schule hattet ihr einen festen Platz, hattet eure Rollen und Aufgaben. Hier wart ihr eingebettet in ein Beziehungsgefüge, ein Faden im sozialen Netz der Schulgemeinschaft. Mitschüler und Lehrer hatten ein bestimmtes Bild von euch, ihr hattet ein bestimmtes Bild von euren Mitschülern und Lehrern. Dieses Bild war immer fragmentarisch, weil es durch das System Schule definiert wurde: „Das ist doch die mit den guten Noten.“ oder: „Das ist der, der seit der Mittelstufe Probleme macht.“ Die Schule ist wie ein Dorf, wo jeder jeden kennt. Und dass jeder jeden kennt, heißt oft, dass jeder jeden zu kennen meint. Bilder von anderen sind häufig das Ergebnis von Projektionen. Wir zeigen uns, wie wir gesehen werden möchten; andere sehen uns, wie sie uns sehen möchten.

Auf die Schule bezogen heißt das: Wir wissen auch nach vielen Jahren gemeinsamer Schulzeit immer noch sehr wenig voneinander. Zwischen Hierarchien, Klischees und Funktionen und in der Konkurrenz um die besten Noten sieht jeder zu, wo er bleibt und wie er überlebt. Die meisten lernen im Lauf der Zeit, wie man sich mit dem „System Schule“ so arrangiert, dass man davon profitiert. Andere hadern damit während ihrer gesamten Schulzeit und sind froh, wenn sie vorbei ist.
 
Deshalb kann das Ende der Schulzeit auch eine Befreiung sein. Jetzt ist die Chance da, um ganz neu anzufangen. Im Leben werden die Karten immer wieder neu gemischt. Das ist eine tröstliche Nachricht für die, die in der Schule nicht zeigen konnten, was wirklich in ihnen steckt. Und genauso für die, denen die Schule zuletzt nichts mehr bieten konnte.

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint“ – wie soll man sich bewegen in einer Welt, die kaum Sicherheit bietet? Wie wird eure Generation  die Zukunft gestalten?

Diese Frage setzt voraus, dass man überhaupt ein klares Bild eurer Generation gewinnt. Frühere Generationen konnte man immer mit geschichtlichen Ereignissen oder politischen und kulturellen Trends verbinden: Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, die 68er, Flower-Power, Anti-Atomkraft-Bewegung. Jede dieser Epochen hat bestimmte Tugenden und Typen hervorgebracht, die für eine Generation prägend wurden – nicht für alle, aber für viele.

Wie also kann man euch charakterisieren? „Generation schülerVZ“ etwa oder „Generation iPod“? Vielleicht „Generation Klimawandel“ oder „Generation Wirtschaftskrise“? Irgendwie klingt das alles nicht besonders schmeichelhaft. Vermutlich hat sich der Begriff der Generation ohnehin längst selbst überlebt. Weil die Zeitabschnitte heute viel zu kurz sind und das Tempo der Veränderungen viel zu schnell geworden ist, um ein Generationengefühl überhaupt entstehen zu lassen.

In einem Aufsatz über die heute 20-30jährigen fand ich eine ganz treffende Zustandsbeschreibung: „Während in ihren Familien seit den 50er Jahren der Wohlstand wuchs, die Häuser größer wurden, die Autos breiter und der Besuch im Restaurant zur Gewohnheit, ist der Aufschwung nun gebremst. Für die jungen Leute dieser Generation gilt das alte Versprechen vom stetigen Wachstum nicht mehr. Sie ahnen, dass der ideale Lebensplan von einer sicheren Anstellung, einer eigenen Immobilie und zwei Kindern für sie nicht mehr aufgeht.“ Trotzdem, so heißt es weiter, resigniert ihr nicht, sondern seht das Leben vor allem nüchtern. Was geht, wird versucht, was nicht geht, lasst ihr sein. Irgendetwas geht immer. Die Aussichten sind zwar nicht rosig, aber wer flexibel bleibt und sich engagiert, kommt im Leben voran.  „Was diese Generation eint,“ so heißt es weiter, „ ist nicht eine Ideologie, wie sie früher die Jungen gemein hatten, sondern die Ablehnung aller Ideologien. Sie wollen keine dogmatischen Entscheidungen treffen, sondern logische und pragmatische. Sie wollen sich die Möglichkeit offen halten, nach Sachlage zu entscheiden, nicht nach Bibelvers oder Parteibuch.“

Sicherheit, zumindest in sozialer und materieller Hinsicht, ist in Zukunft also nur sehr eingeschränkt zu erwarten. Aber was heißt das schon? Rückblickend gilt das für jede frühere Generation auch, selbst für die, die erwarten konnten, das es ihnen einmal besser geht als ihren Vorfahren. Das Leben ist immer schon so gewesen, dass morgen alles anders sein kann und dass die Gewissheiten von gestern schon morgen anders buchstabiert werden müssen. Das Leben als Provisorium zu verstehen ist also keine grundsätzlich neue Erkenntnis, sondern ein Merkmal dieser Welt, seit es sie gibt. Neu daran ist, dass in dieser hysterischen, ruhelosen, ständig online geschalteten Zeit die Intervalle von Veränderungen einfach viel kürzer geworden sind – was aber nur denen auffällt, die die Welt noch anders kennen.

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint“ – theologisch gesehen ist das Bedürfnis nach Sicherheit ambivalent:  

Von Abraham über Mose bis hin zu Jesus und Paulus begegnen wir dort Menschen, die alle Sicherheiten aufgeben und ihr altes Leben radikal hinter sich lassen.

Andererseits steht darüber immer die Zusage, dass Gott ihre Schritte begleitet. Es ist zwar immer ein Aufbruch ohne letzte Sicherheit, aber immer mit einem begründeten Vertrauen.

Von Jesus kennen wir eindeutige Worte zum Besitzverzicht, und seine Aufforderung zur Nachfolge ist radikal: Wer mit ihm geht, muss alle Brücken abbrechen und auf Sicherheit verzichten.

Der gleiche Jesus aber besucht Menschen in ihren Häusern, heilt Kranke, hilft Menschen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Auch sie erfahren Veränderungen und können trotzdem bleiben, wo sie sind.

Wir begegnen hier einem Ur-Element biblischer Gotteserfahrung, die in zweifacher Hinsicht wichtig für uns sein kann:

  1. Der biblische Gott entzieht sich jeder Festlegung auf ein Bild oder auf eine bestimmte Erfahrung. Was für ihn gilt, gilt auch für uns Menschen: Die Wirklichkeit übersteigt jedes Abbild, das wir uns von ihr machen. Sie ist so viel größer als der Ausschnitt, der sich uns zeigt und den wir für das Ganze des Lebens halten. Die Schule war eine solche Teilansicht, auch wenn es manchmal so schien, dass das Leben nur aus Schule besteht. Jetzt liegt das, was übergroß und ewig schien, auf einmal hinter euch, und ein neuer Abschnitt beginnt, nach dem wieder ein neuer Abschnitt kommt, und danach wieder ein neuer, jedes Mal verbunden mit Abschied und Neuorientierung. Aber nur so, als Sammlung von Fragmenten, ist Leben möglich. Und manchmal muss man dabei akzeptieren, dass nicht jedes Teil zum anderen passt.
  2. Der biblische Gott ist ein mitgehender Gott. Er verharrt nicht auf der Stelle, sondern begleitet Menschen bei ihren Aufbrüche und Veränderungen. Von Abraham und Mose bis hin zu Jesus und Paulus machen Menschen diese grundlegende Erfahrung: Gott geht mit. Gott bleibt bei uns, wohin wir auch gehen. Gott bleibt der eine, so sehr wir uns auch verändern.

Ich möchte schließen mit einer Frage aus einer mündlichen Reliprüfung in dieser Woche. Da wurde gefragt, ob der Mensch Transzendenz braucht, um handeln zu können. Wie das so ist im Fach Evangelische Religion, sind auf diese Frage 1.) viele Antworten möglich und 2.) ist keine Antwort wirklich falsch. Braucht der Mensch also Transzendenz, um handeln zu können? Sind wir ausschließlich an uns selbst verwiesen, das Maß aller Gedanken und Taten, oder gibt es etwas, das unser Leben übersteigt, woran wir uns orientieren, festhalten?

Ich persönlich kann mir ein Leben nur mit Transzendenz vorstellen. Wir können diese Transzendenz Gott nennen, Liebe oder Glück. Wir können sie im Gebet erfahren, in der Musik, in der Malerei oder im Sport – in jeder Form von Grenzüberschreitung, des Hinauswachsens über uns selbst. Ich glaube auch, dass der Wunsch nach Sicherheit letztlich dem Bedürfnis nach Transzendenz entspringt. Wer nach Sicherheit sucht, sucht nach einem Halt außerhalb von sich selbst.

Ich wünsche euch die Kraft, das Geschick, den Mut und das Glück, euren Weg zu finden und zu gehen. Wenn ihr wollt, unter der Zusage und dem Segen des mitgehenden Gottes, auf den ihr vertrauen dürft.

Amen