Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 12,1-3

Vikar Stephan Achtermann

16.03.2008 in der Dorfkirche Alt-Garbsen

Liebe Gemeinde,

42,195 km. Das ist die normale Strecke eines Marathonaufs. Ein Läufer erzählt:
„Wenn der Startschuss fällt, laufe ich begeistert los. Getragen vom Applaus der Zuschauer laufe ich die ersten 5 km wie auf Wolken. Dummerweise gibt es auch noch die nächsten 37 km. Etwa bei km 15 fange ich an zu denken. Müsste jetzt nicht gleich km 17 kommen? Wie erst 16? Ob ich das schaffe? Werde ich ankommen? Bei km 25 wächst der Zweifel und fängt an zu nagen. Ab km 30 stellt sich die Sinnfrage. Ich möchte mich nur noch in den Graben werfen und heulen. Hätte ich nicht ein Ziel vor Augen…“1 [Pause]

Im heutigen Predigttext heißt es: Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. Hebr. 12, 1-3
Heute rufen sie noch „Hosianna, hosianna.“ Später am Karfreitag schreien sie „Kreuzige, kreuzige ihn!“
Heute wird er gefeiert wie ein König. Bald schon verachtet wie ein Verbrecher.
Heute wird er auf dem Rücken eines Lasttieres getragen, bald schon trägt er die Last des Kreuzes auf seinem eigenen Rücken.
Ach, wenn dieser Augenblick doch nur andauern könnte. Wenn es doch nur immer so bliebe, immer so beliebt zu sein, immer so umjubelt, immer so erfolgreich.
Nein, der Lauf des Lebens geht weiter. Nach Erfolg kommt Niederlage, nach Freude kommt wieder Leid, auf Hoch folgt wieder ein Tief.
Im Sportdress der Menschlichkeit hat Jesus seinen Lauf des Lebens angetreten.
Jesus hat diesen Lauf nicht nur aufgenommen – er hat ihn auch bestanden. Er hatte sein Ziel vor Augen, und er hat dieses Ziel erreicht. [Pause]

Der Läufer weiß zu berichten: „Wer Marathon läuft, muss wissen: Das ist kein Sprint, sondern ein Ausdauerlauf, eine Langstrecke. Ich muss Respekt haben vor den Kilometern. Besonders die Kilometer 35,36,37,38 und 39 haben es in sich. Wenn ich lossprinte wie ein Verrückter, werde ich keine Kraft haben für diese Kilometer. Bei km 35 steht der Mann mit dem Hammer und haut dich um.“ 2 [Pause]

Als Jesus wie ein König gefeiert in Jerusalem einzog, wusste er genau, was ihn erwarten würde. Er wusste, dass sehr bald schon Leid, Schmerz und Tod auf ihn warten würden. Und er ging bewusst und willentlich diesem Schicksal entgegen. Er lief ihm nicht davon. Er ging ihm entgegen. Weil er sein Ziel vor Augen hatte: das ewige Leben und die himmlische Herrlichkeit.
Jesu Passion war nicht nur passiv erduldetes Leiden. Es war auch bewusste und gewollte Aktion. Er hat sich dem Lauf gestellt.
Zu leiden ist nichts Erstrebenswertes. Leidensbereitschaft ist uns gewöhnlich etwas Fremdes. Vielmehr suchen wir immer, alles mögliche Leid zu vermeiden. Versicherungen, Impfungen und Präventionen. Das ist ja auch gut und berechtigt. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Doch gibt es im Lauf des Lebens auch Schwierigkeiten und Hindernisse, die nicht veränderbar sind, denen ich mich stellen muss. Sie kommen auf mich zu – ob ich will oder nicht. Irgendwann kommt km 35. Das erfordert einen langen Atem wie im Marathon. Geduld zum Durchhalten. Es wird leichter, wenn ich auf’s Ziel sehe. [Pause]

Keiner zieht sich einen schweren Mantel an beim Marathon – denn das beschwert. Es gibt Lasten, die den Lauf unnötig erschweren. Energiefresser in meinem alltäglichen Leben. Welche Dinge kosten mir über die Gebühr Kraft? Was strengt mich mehr an als es mich voranbringt? Aber auch: wo bin ich an Gott und Menschen schuldig geworden? Wo nagt das schlechte Gewissen? Und wo lasse ich mich von unguten Gewohnten und Süchten gefangen nehmen? Unnötiger Ballast beim Lauf. Lasten ablegen – so rät uns der Bibeltext.
Ebenso lohnt sich der Blick auf meine eigenen Energiequellen. Was gibt mir Kraft, tut mir gut, was macht mich lebendig?
Unser Predigt empfiehlt uns als Energiequelle: aufsehen auf Jesus. Denn er ist derjenige, der seinen Lauf gezielt zu Ende gebracht hat, der seinen Platz auf der Ehrentribüne Gottes schon eingenommen hat und seinen Nachfolgern dort Plätze reserviert. Er ist das Vorbild, das Idol, zu dem wir aufschauen. Und er wartet am Ziel, auf das wir zulaufen: das Himmelreich, diese zukünftige Stadt, von der wir letzten Sonntag gehört haben.
Also nur ein Blickwechsel? Das ist alles? Ja, denn dieser Blickwechsel ist entscheidend. Wer beim Laufen nicht nach vorne sieht, der findet seinen Weg nicht. Da übersieht man auch schnell die Baumwurzeln, die aus dem Waldweg ragen.

Der Blick nach vorne im Lauf unseres Lebens und Glaubens richtet sich auf Jesus. Er ist aber nicht nur vorausgegangen, nicht nur ein verschwommener Punkt am Horizont. Jesus ist mir ein Vorbild, dem ich nacheifere. Er hatte diesen Lauf selbst zu bewältigen und ist ihn angetreten, hat die Durststrecke durchgestanden und hat den Lauf bestanden. Denn er hatte das Ziel vor Augen, am Ende des Weges bei Gott im Himmel zu sein.

Liebe Gemeinde,
ich glaube das. Ich glaube, dass es ein Leben nach diesem Leben geben wird.
Ein Leben bei Gott. Das ist das Ziel. Und der Weg dahin führt mitten durch dieses unser Leben.
Das ermutigt mich, den Unwegsamkeiten des alltägliches Lebens entgegenzutreten und zu wissen: es gibt ein Ziel am Ende dieses anstrengenden Laufes.
Hören wir noch einmal unseren Marathonläufer:
„Beim Laufen hilft nur zweierlei:
1. Ich denke an die Kilometer, die hinter mir liegen, die ich schon geschafft habe.
Und 2.: ich denke an die Freude, wie es sein wird, über die Ziellinie zu laufen.
Beim Marathon in Münster ist es dann fast wie im Paradies: Man liegt auf dem Domplatz, schaut in den blauen Himmel und hört die Glocken. Das ist es doch wert, das will ich nicht verpassen.“ 3

Amen.

 

1 Erzählung in leicht veränderter Form entnommen aus: Michael Herbst, Deine Gemeinde komme, Holzgerlingen 2007, S.45.
2 A.a.O., 40.
3 A.a.O., 46.