Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,12-14

Pfarrer Jochen Bernhardt

17.03.2002 in der evang.-luth. Kirchengemeinde "Zum Guten Hirten" Oberhaching

Liebe Gemeinde,

heute nun möchte ich Ihnen die definitive Antwort auf eine Frage geben, die die Menschheit seit Tausenden von Jahren beschäftigt. "Wie ist eigentlich Gott?". Nein, ich will nicht anmaßend wirken, mir auch nicht einbilden, ich wüsste mehr als die Generationen vor uns, nein, ganz im Gegenteil, Sie werdens gleich an der Antwort merken, die sehr bescheiden ausfällt. Denn zwei Worte brauche ich nur, um diese Urfrage der Menschheit zu beantworten: "Wie ist eigentlich Gott?" - Antwort: "Jedenfalls anders".

Jedenfalls anders, als ich ihn mir vorstelle.

Jedenfalls anders, als ich ihn gern hätte.

Jedenfalls anders als jedes religiöse System, in das ich ihn gerne hineinpressen würde.

Jeder von uns hat ja mehr oder weniger genaue Vorstellungen, wie Gott zu sein hat. Ob als oberster Hüter der Moral, als Garant meines Glückes, meines Erfolges oder als Bestandteil bayerischer Traditionspflege.

Auch in der großen heiligen Stadt hatte man exakte Vorstellungen, wie Gott zu sein hätte. Jerusalem, die Stadt Davids, sie galt sozusagen als der bevorzugte Wohnort Gottes, in den Mauern Jerusalems hier ist Gott jedenfalls in ganz besonderer Weise präsent - auch deshalb ist ja die Frage, wem Jerusalem gehört, bis in unsere Tage hinein im Streit zwischen Israelis und Palästinensern so brisant. In Jerusalem stand zur Zeit Jesu der Tempel, von Salomo erbaut, zerstört, wieder auferbaut und von Herodes dem Großen prachtvoll erneuert.

In diesem Tempel aber lief, funktionierte der religiöse Opferbetrieb.
Ja, in diesem herrlichen Haus wohnte Gott und man wusste ganz genau, wie man mit diesem Gott umzugehen hatte, um ihn auf seine Seite zu bringen, mit Tieropfern versuchte man sich seiner Gegenwart gewiss zu machen. Solange der Tempel stand, solange der Opferbetrieb lief, solange Jerusalem in seiner Pracht glänzte, brauchte man sich von seiten der religiösen Obrigkeit keine Sorgen zu machen: In diesem religiösen System war Gott zuhause, man hatte sozusagen Gott, es war alles geregelt und in Ordnung.

Jesus von Nazareth stellte diese religiöse Ordnung in Frage. Er heilte am Sabbat, was vor allem die Pharisäer vor den Kopf stieß. Er gab sich mit Menschen ab, die von der religiösen Gesellschaft ausgeschlossen waren, die als unrein galten. Ich weiß nicht, ob dies allein schon gereicht hätte, ihm den Prozess zu machen. Entscheidend war wohl, dass er es wagte, den Tempelkult und alles, was dazu gehörte, anzugreifen. Dass er die Opfertierhändler und Geldwechsler aus dem Tempel trieb, dass er bewusst missverständlich formulierte: "Ich werde diesen Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen", das traf die Religion in ihr Herzstück. Das konnte man nicht dulden, denn dies gefährdete die Macht derer, die das religiöse System vertraten.

Und so schlug das System zurück, Jesus musste sterben. Sein Kreuz wurde da errichtet, wo die Reste der Opfertiere verbrannt und die Verbrecher hingerichtet wurden, draußen vor der Stadt. Out of area, außerhalb des heiligen Bezirkes, hinausgestoßen aus der religiösen Gesellschaft.

Ein Brief im Neuen Testament interpretiert dieses Sterben Jesu draußen vor dem Tor. Es ist vielleicht der schwierigste Brief im NT, aber, wie ich finde, auch einer der reizvollsten, immer Neues entdecke ich hier. Was von dem Hebräerbrief als Ganzem gilt, gilt erst recht vom heutigen PT, von dem ein Ausleger einmal gesagt hat: "Umstrittener und rätselhafter als unser Abschnitt sind im NT nur wenige Texte." Hören wir diesen Abschnitt.

Predigttext

Gott lässt sich in den Mauern des gut organisierten religiösen Betriebes nicht festhalten, er durchbricht den Rahmen, den Menschen ihm setzen, er ist der ganz Andere - das ist die Botschaft dieser wenigen Zeilen:

Draußen vor dem Tor stirbt Jesus als ein Ausgestoßener.

Außerhalb des religiösen Systems stirbt Jesus, in dieses System passt er nicht hinein. Wehe dem, der aus dem Rahmen herausbricht!

Draußen vor dem Tor endet Jesus, jenseits aller menschlicher Anerkennung.

Das, was auf Golgatha geschah, das passt nicht so einfach in ein religiöses System hinein. Das Kreuz bleibt ein Ärgernis bis heute. Erst vor kurzem wurde wieder darüber diskutiert, ob Kreuze in den Klasszimmern hängen dürfen. Das Kreuz stört Menschen, es durchbricht die religiöse Vorstellungswelt.

Letzte Woche hatten Stefan Schröter und ich den Konfirmanden zu erklären, was das mit dem Kreuz auf sich hat. Bei der Vorbereitung stießen wir wieder darauf, wie schwierig eine Interpretation ist, obwohl wir sozusagen Fachleute dafür sind. Es gelingt nur teilweise, sich mit unserem Denken und unseren Begriffen dem Geschehen zu nähern.

Nein, auch unsere religiösen Systeme reichen nicht aus, um dieses Geschehen draußen vor dem Tor zu verstehen. Gott zeigt sich als rätselhaft, als der ganz Andere, als der Fremde. Doch nur hier im Kreuz, draußen vor der Stadt, gibt sich Gott zu erkennen: Wir müssen hinausgehen, um ihn dort zu suchen.

Nachdem Martin Luther mit der Veröffentlichung der 95 Thesen am 31.10.1517 für erhebliche Unruhe gesorgt hatte, weil er das gut funktionierende religiöse System mit seinem Ablasshandel zutiefst in Frage gestellt hatte, war das Jahr 1518 von theologischen Diskussionen geprägt, dieses Jahr zeigte die typische Ruhe vor dem Sturm, freilich bereitete man gleichzeitig von der römischen Kurie alles vor, um Luther zum Schweigen zu bringen. Im April 1518 - im Rahmen einer wissenschaftlichen Disputation in Heidelberg - kann Luther das darlegen, was ihm theologisch wichtig geworden ist. Pointiert formuliert er: "Gott kann nur im Kreuz und Leiden gefunden werden." Eben draußen vor dem Tor.

Liebe Gemeinde,
das Christentum als Religion des Kreuzes ist wenig attraktiv, das Kreuz ist sperrig, unbequem, weil es unsere Vorstellungen durchkreuzt, auch weil es unsere Wünsche durchkreuzt, auch unseren Wunsch nach einem Leben ohne Leid, ohne Krankheit, nach einem schönen Leben.

15 Stockwerke ragt sie in den Himmel. Mit glänzender Außenfassade, großen Leuchtbuchstaben und nachts hell erleuchtet, ist sie weithin sichtbar. Draußen vor der Stadt liegt sie, die große Krebsklinik. Ich stand abends schaudernd vor ihr, bedrohlich wirkt dieser Bau, bedrohlich die Vorstellung, welches immenses Leid sich da drinnen ansammelt. Da kämpfen Menschen um das bisschen Leben, das sie noch haben, und Ärzte und Schwestern tun ihr Bestes, aber immer noch reichen die besten menschlichen Fähigkeiten nicht.

Ich stehe vor der Klinik draußen vor der Stadt und denke mir: Das ist zu viel, dieses Leid, das Leid, wie ich es im persönlichen Bereich erfahre, das Leid, wie wir es seit Monaten in unserer Kirchengemeinde miterleben. Es ist zu viel. Warum so geballt? In einer furchtbaren Regelmäßigkeit habe ich in den letzten Monaten von neuen Krebserkrankungen gehört, Trauer, Verlustängste und auch Verlust, das war für viele in unserer Kirchengemeinde in den letzten Monaten bestimmend.

Draußen vor der Stadt vor der Krebsklinik stellt sich mir die simple, aber immer wieder neu aufwühlende Frage: Wo bist du, Gott. Und: Wer bist du?

Gott kann nur im Kreuz und Leiden gefunden werden, sagt Martin Luther.
Vielleicht bin ich Gott dann ganz besonders nah, wenn ich mit ihm kämpfe, ihn nicht verstehe, wenn ich das Leid auf dieser Welt nicht mehr fassen kann. Vielleicht bin ich Gott dann besonders nah, wenn ich nicht mehr bereit bin, einfach nur positiv zu denken, vielleicht bin ich Gott besonders nah, wenn ich das Leid an mich heranlasse, vielleicht bin ich Gott besonders nahe, wenn ich keine Erklärung mehr finde. Wir können uns gedanklich und theologisch dem Geschehen auf Golgatha draußen vor der Stadt annähern, im Kern wird es aber immer einer rationalen Erklärung entzogen bleiben. Das Leid und Unglück unseres Lebens, auch dies lässt sich häufig nicht rational erklären. Aber genauso wie Gott eben in dem unerklärbaren Geschehen von Golgatha zu finden ist, wie er hier präsent ist, wie er hier seine unglaubliche Liebe zeigt, so auch im Leid unseres Lebens. Da, wo wir meinen, wir sind ganz weit weg von Gott, wir sind draußen vor der Stadt, jenseits aller religiöser Sicherheiten, da ist uns Gott unglaublich nahe, hautnah.

Liebe Gemeinde,
mit Gott wird man nicht fertig ein Leben lang nicht. Es gibt für Christen keine bleibende Stadt mit genauen religiösen Sicherheiten und Vorstellungen, mit einem System, das Gott gefügig macht, mit dem man Gott in den Griff bekommt. Christen sind immer im Aufbruch, hinaus zum Lager vor der Stadt, hinauf zur zukünftigen Stadt. Der Glaube ist keine statische, sondern eine dynamische Sache, er darf sich an den Herausforderungen des Lebens verändern. Er darf am Leid wachsen, er darf Gottesbilder in Frage stellen und es darf für den Glauben auch Zeiten geben, in denen er die Abwesenheit Gottes fühlt. Zweifel sind keine Zeichen für die Entfernung von Gott, sondern Ausdruck einer paradoxen Nähe: Denn was ich zutiefst in Frage stelle, beschäftigt mich, lässt mich nicht los. Wir suchen Gott, wir haben ihn nicht einfach. Es ist aber eine Suche mit einer Zukunftsperspektive, ausgerichtet auf die zukünftige Stadt, auf das ewige Leben, ein Leben in ungebrochener Gemeinschaft mit Gott. Die Suche beginnt draußen vor der Stadt, im eigenen Leid und im Kreuz Christi. In dieser Suche aber spüren wir schon den Lebenssinn, ein erfülltes Leben in aller Gebrochenheit, sehen wir schon die ersten Lichter der zukünftigen Stadt.

Amen