Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 4,12-13

Bernd Abesser (ev.-luth.)

07.02.2010 in der Evangelischen Kirche in Meckelfeld

André ist ein hoffnungslos verschuldeter Kleinganove in Paris. Und seine Gläubiger sind nicht zimperlich. André steht auf einer Brücke über der Seine. Er will sich das Leben nehmen. Gleich wird er springen. Noch einmal schaut er nach links. Da steht auf einem Pfeilervorsprung eine schöne, blonde Frau. Sie hat offensichtlich das Selbe vor wie er. Sie springt. Er springt hinterher und rettet sie aus dem Wasser.

Damit nimmt die Geschichte ihren Lauf. Angela, so heißt die Schöne, entpuppt sich als Engel. Vom Himmel gefallen mit dem Auftrag, ihrerseits André zu retten. Das gestaltet sich allerdings schwierig. André glaubt nicht an Engel. Er hat vor allem seine Geldprobleme im Kopf und seine unangenehmen Schuldeneintreiber im Nacken. Angela lässt nicht locker. Beharrlich konfrontiert sie André mit seinem verkorksten Leben. Schließlich führt sie ihn vor einen Spiegel. „Was siehst du?“, fragt sie ihn. „Viel seh’ ich nicht.“ „Sieh dir doch mal in die Augen. Was siehst du da?“ André zögert. Das ist ungewohnt – der Blick in die eigenen Augen. Doch dann tut er es. Er blickt sich an und schaut zugleich auf sein Leben. Er sieht im Spiegel den kleinen Versager, der sich mit Gaunereien durchschlägt. Und dann wandelt sich sein Blick zum fremden Blick. Mit Angelas Hilfe. So hat André sich bisher noch nie angeschaut. Er sieht sich mit den Augen des Engels. Er entdeckt Herzensgüte in seinen Augen und Sanftmut. Und Liebe. „Ja“, sagt der Engel. „Das ist alles in dir. Halte es nicht unter Verschluss. Sprich es aus. Sag zu dir: Ich liebe dich.“

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Ein Wort trifft dich bis in dein Innerstes. Zwischen all dem Alltags-Gerede, den Plaudereien, dem Wortgeplätscher. Zwischen Small-Talk und Allerweltsweisheiten, zwischen all dem akustischen Müll, der dir zum einen Ohr hinein- und zum anderen wieder hinausgeht. Ein Wort wie ein Messer. Nein eher wie ein Skalpell. Es fährt dir ins Herz. Schneidet in deinen Verstand. „Du“, sagt dieses Wort. „Um dich geht es hier und jetzt. Es geht ums Ganze. Um Leben und Tod. Ja, du bist gemeint. Nimm die Stöpsel aus den Ohren. Mach den Fernseher aus. Hör auf, dich abzulenken. Hör zu.“ Hast du das schon erlebt? Dass ein Wort dich so trifft. Mitten hinein.

Treffende Worte können unangenehm sein. Denn solche Worte legen Wahrheit frei. Die Wahrheit über dich. Die ist ja keineswegs nur rosig. Das weißt du selbst. Hast dich doch längst durchschaut, kennst deine finsteren Gedanken, kennst deine dunklen Gefühle. Kannst sie in der Regel gut verborgen halten. Bis jenes Wort dich trifft, dich in Frage stellt: Wo bist du, Mensch? Was machst du – mit dir und deinem Leben? Was geht da in dir vor?  (Pause)

Verletzlich und bloß, wie ausgezogen stehst du dann da.

Die andere Seite gibt es auch. Die gute Seite in dir. Auch die ist oft vor den anderen verborgen. Vielleicht, weil du denkst, das zeigt man nicht. Oder hast du Angst vor deiner Verwundbarkeit? Auch deine Herzensgüte, dein Sanftmut, deine Liebe können freigelegt werden – durch ein Wort, das dich trifft. Und dann stehst du plötzlich auch so da – verletzlich und bloß.

Harmlos ist es nicht, das Wort, das dich trifft. Kommt daher als Menschenwort. Und ist doch etwas ganz anderes. Ist mehr.

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Was für ein Wort: Lebendig – wirkungsvoll – messerscharf. Seit jeher, seit Ewigkeiten. Von Anfang an. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, indem er sprach: Es werde ... Und es wurde. Schöpferwort. Vor allem Urknall, vor aller Evolution: „Es werde“ – und es wurde. Damit geht es los. Gottes Wort trennt Tag und Nacht, Erde und Meer.

Dass es das alles gibt, diesen ganzen Kosmos – das ist gewollt. Dieses ganze Wunder! Dass es dich und mich gibt, dass es Leben gibt in seiner ganzen Schönheit und Schrecklichkeit, dass es den Tod gibt und die Liebe, den Zweifel, den Hass und die Zärtlichkeit und die Barmherzigkeit. Das alles entspringt dem einen Wort: es werde! Nicht aus sich selbst heraus existiert der Kosmos. Am Anfang ist Gottes Wort.

Und in der Geschichte Gottes mit den Menschen setzt es sich fort: Gottes Wort. Unangenehme Wahrheiten durch den Mund der Propheten: Jesaja. Jeremia. Amos. Hosea. Ätzende Kritik an einem Volk, das vergessen hat, was Gerechtigkeit ist. Bis heute hat das nichts von seiner Schärfe verloren. Wehe uns, wo wir die Armen sich selbst überlassen. Wehe uns, wenn Zins und Gewinn die neuen Götter sind. Wehe uns, wenn der Fremde keine Heimat bei uns findet. Gottes Wort: ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Und dann, an der Wende der Zeit: Das Wort wurde Mensch. Was unsichtbar und mächtig zugleich die Welt ins Leben rief, das wird als Mensch geboren. Von einer Frau zur Welt gebracht, unter den Menschen gelebt, gelitten, gestorben, begraben. Und auferstanden: Jesus aus Nazareth, der Christus. An ihm scheiden sich die Geister. Messias, Heil der Welt, Retter, Erlöser – so erfahren ihn die einen. Für sie ist Jesus ein lebendiges Wort. Durch ihn kommen sie mit Gott ins Reine. Er lässt sie Gottes Barmherzigkeit entdecken. Schickt sie auf den Weg der Gottes- und Nächstenliebe. Und wie nennen ihn die anderen? Unruhestifter, Aufrührer, Gotteslästerer nennen sie ihn. Und vielen anderen ist er egal.

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, Das kann dir heute passieren, unversehens. Wenn die Worte dieses Buches (Bibel zeigen) lebendig werden. In dich hineinschlüpfen, in dir wirken. Es kann dir heute passieren, unversehens, wenn ein Mensch dein Herz erreicht.

Du wirst es merken. Gottes Wort dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Beides ist in ihm: Zorn und Zuwendung, Gericht und Gnade. Es ist kein leichtes, kein billiges Wort. Es kann dir nicht nur auf die Nerven, sondern auch an die Nieren gehen. Der liebende Gott lässt sich nicht zum guten Mann machen.

Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. Selbstschutz und Selbstsicherung funktionieren im Angesicht Gottes nicht mehr. Verletzlich stehen wir da. „Ein merkwürdig wehrloser und verwundbarer Mensch ist der Christ“, sagt Karl Barth. Mich durchfährt dann immer ein großer Schrecken, wenn ich mir das vor Augen führe. Gott und mir selbst kann ich nichts vormachen. Ein heilsamer Schrecken. Denn Gott stellt mich nicht bloß. Im Angesicht Gottes und durch Gottes Wort trennt sich das Wichtige vom Unwichtigen, das Lebensnotwendige vom Überflüssigen. (Pause)

André, der kleine Ganove, hat das in der Begegnung mit Angela, dem Engel, erlebt. Angela musste sehr beharrlich sein. Sie gab nicht auf. Es dauerte lange, bis André die Wahrheit über sich akzeptiert hat. Die Wahrheit heißt: „Du wirst geliebt und du kannst lieben.“ Als André das erkennt, kehrt sich alles um. Angelas Mission ist beendet. Sie muss zurück in den Himmel. Am Ufer der Seine wachsen ihr Flügel. Sie wird auch äußerlich zum Engel und macht sich zum Rückflug bereit. Doch André will sie nun nicht mehr loslassen. Er klammert sich an sie, wird von ihr mit in die Luft getragen. Sie will ihn abschütteln. Er lässt sie nicht los. Seine Liebe will den Engel auf die Erde zurück holen. Sie drohen beide abzustürzen. Doch am Ende geht es gut aus. Der Engel bleibt bei ihm. Amen.