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Predigt über „Jesu, meine Freude“

Pastor Harald Storz

in der St. Michaeliskirche Diepholz - Sonntag Lätare 2006

Gemeindegesang
1. Jesu, meine Freude,
meines Herzens Weide,
Jesu, meine Zier:
ach, wie lang, ach lange
ist dem Herzen bange
und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam,
außer dir soll mir auf Erden
nichts sonst liebers werden.

1. Flora, meine Freude
Flora, meine Freude, / meiner Seelen Weide, / meine ganze Ruh, / was mich so verzücket / und den Geist bestricket, / Flora, das bist du. / Deine Pracht glänzt Tag und Nacht / mir für Augen und im Herzen / zwischen Trost und Schmerzen.

2. Eine fromme Parodie
Das ist kein frecher Scherz eines gottlosen Spötters, im Gegenteil: Dieses Liebeslied auf die geliebte Flora, herausgegeben 1645 durch den Königsberger Domorganisten Heinrich Albert, war das Vorbild für das Gedicht „Jesu, meine Freude“. Heute müsste Johann Franck, der Dichter des Liedes „Jesu, meine Freude“, wohl fürchten, Urheberrechte zu verletzen. Damals, vor 350 Jahren, mehrte es den Ruhm des Urhebers, wenn andere sein Werk fortpflanzten und weiter entwickelten. Ein fröhlicher Dichterwettstreit: Flora gegen Jesus. Und dann heißt es nicht mehr „Flora“, sondern „Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier.“

Gemeindegesang
2. Unter deinem Schirmen
bin ich vor den Stürmen
aller Feinde frei.
Lass den Satan wettern,
lass die Welt erzittern,
mir steht Jesus bei.
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt,
ob gleich Sünd und Hölle schrecken,
Jesus will mich decken.

3. Guben - heute
Der Dichter des Liedes, Johann Franck, wurde geboren 1618 in Guben. Damals ein beschauliches Landstädtchen an der Oder, heute eine geteilte Stadt in der Niederlausitz, östliches Brandenburg, auf der Grenze zu Polen, seit 1945 eine geteilte Stadt, eine Narbe deutscher Geschichte. Bekannt wurde Guben durch die Rechtsradikalen, die 1999 drei Afrikaner durch die Stadt jagten, und einen hetzten sie in den Tod. Guben - ein Ort, dem der Makel eines Rechtsbruchs anhaftet. Hier lebte vor 350 Jahren Johann Franck.

4. Guben - damals im der 30jährigen Krieg
Geboren 1618. Im selben Jahr begann ein Krieg, der bis 1648 dauerte, 30 Jahre, der Dreißigjährige Krieg. Ein europäischer Krieg, ausgetragen vor allem auf deutschem Boden, Dreiviertel der deutschen Bevölkerung fiel diesem Krieg zum Opfer, von einstmals 16 Millionen Menschen waren am Ende des Krieges noch vier Millionen übrig. Johann Franck, geboren 1618 in Guben, wurde in einen Krieg hinein geboren.

5. Vom Waisenkind zum Rechtsanwalt
Abgesehen vom frühen Tod des Vaters, erlebte er eine unspektakuläre Kinder- und Jugendzeit, trotz Kriegszeiten: Schulbesuch in Cottbus, Stettin und Thorn. Schon als Schüler zeigte sich seine dichterische Begabung. Mit Zwanzig begann er ein Jurastudium in Königsberg, die einzige deutsche Universität, deren Studienbetrieb trotz des Krieges weiter ging. Hier knüpfte er Kontakte zu dem großen Königsberger Dichterfürsten Simon Dach, Erfinder des „Ännchen von Tharau“, und zur Königsberger Künstlerszene. Aber auch seine Bekanntschaft mit dem Liederdichter Paul Gerhardt und dem Komponisten Johann Crüger, der ebenfalls aus Guben stammte, entstand in dieser Zeit.
Nach dem Studium kehrte er auf dringenden Wunsch seiner Mutter nach Guben zurück, denn auch dort waren die Bedrängnisse des Krieges unübersehbar. Mal lagerten die Schweden in der Stadt, mal marodierende sächsische Söldnertruppen. Guben - ein Ort, dem der Makel eines Rechtsbruchs anhaftet.
1645 ließ sich Johann Franck endgültig als Rechtsanwalt in der Stadt nieder. In diesen Jahren als junger Rechtsanwalt, der sich schnell großes Ansehen erwarb, schrieb Johann Franck von Guben sein Lied „Jesu, meine Freude.“

Orgelbearbeitung

6. Poesie - eine Mehrerin der Fröhlichkeit
Ich stelle ihn mir vor, den Rechtsanwalt und Dichter: Am Tage tritt er dafür ein, dass Menschen zu ihrem Recht kommen. Und am Abend sammelt er neue Kräfte für den nächsten Tag, neue Kräfte - durch Dichten. Denn, so sagte er: „Die Poesie ist eine Säugamme der Frömmigkeit, eine Mehrerin der Fröhlichkeit und eine Verstörerin der Traurigkeit.“

7. Poesie und Kämpfen für eine gerechte Nachkriegsordnung
Solche Poesie hatte er nötig. 1648, im letzten Kriegsjahr, wurde Johann Franck Ratsherr und schon drei Jahre später 1651 Bürgermeister seiner Heimatstadt Guben. Wahrlich kein versponnener Träumer, dieser Mann, einer, der hilft, in der Stadt eine gerechte Nachkriegsordnung aufzurichten, damit die Bürger ihr Leben wieder aufbauen können. Etwas von diesen Kämpfen des Rechtsanwalts und Bürgermeisters Johann Franck werden Sie, liebe Gemeinde, in poetischem Gewand wiederfinden in der 3. Strophe des Liedes.

Gemeindegesang
3. Trotz dem alten Drachen,
Trotz dem Todesrachen,
Trotz der Furcht dazu!
Tobe, Welt, und springe;
ich steh hier und singe
in gar sichrer Ruh.
Gottes Macht hält mich in acht,
Erd und Abgrund muss verstummen,
ob sie noch so brummen.

8. Dreifach „Trotz“ und vierfach „Gute Nacht“
Auch wenn Johann Franck wie alle Dichter der Barockzeit kein Berufsschriftsteller war, sondern Anwalt und Bürgermeister, war er doch mehr als ein Hobbyautor. Er verstand etwas, nicht nur von Glauben und Gefühl, sondern auch vom Handwerk der Poesie. Wie da die Jesusanreden und Selbstgespräche, Selbstaufmunterungen, Trotzbekenntnisse und Verjage-Rufe ineinander fließen! Wie da mit Lauten gemalt wird!
Trotz - dem alten Drachen, Trotz - dem Todesrachen, Trotz - der Furcht! Tobe, Welt; ich stehe hier und kann nicht anders. Ich singe in gar sichrer Ruh. Und dieses ironische „Gute Nacht!“ Gute Nacht, ihr Sünden, Gute Nacht, du Stolz und Pracht! Gute Nacht, du Lasterleben! Und schlaft schön, am liebsten für immer!
Und wie im Laufe des Liedes die Laute sich wandeln von den dunklen zu den hellen Vokalen, von dunklem a und o und u zum hellen i und e und ei! Da ist einer am Werk, der etwas vom barocken Handwerk der Poesie versteht.

Orgelbearbeitung

9. Die geistlichen Quellen
Manches an diesem Lied klingt an das Liebeslied für die Schöne Flora an. Aber mindestens ebenso wichtig als Quelle der Inspiration war für den Gubener Rechtsanwalt Johann Franck seine Bibel. Zeile für Zeile ließe es sich verfolgen, wie seine Verse und Strophen vollgesogen sind von biblischer Rede. „Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide“ - die Worte des großen „Dennoch“ des 73. Psalms klingen nach. Auf dem Friedhof haben wir ihn diese Woche gleich zweimal gebetet, und zum Eingang dieses Gottesdienstes ebenso: Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte, bist du doch, Gott, meines Herzens Trost. Strophe für Strophe, Vers für Vers ließe es sich zeigen, ohne dass das Gedicht zur Zitate-Collage wird, weil die Bibelworte eingebunden sind ins Leben.

10. Johann Franck und die Deutsche Bank
Unüberhörbar wird dieses ineinander von Lebenswelt und Bibelwort in der 4. Strophe, die nächste, die wir singen werden. Der angesehene Rechtsanwalt, Ratsherr und spätere Bürgermeister Johann Franck beginnt diese Strophe mit einer deutlichen Absage an Gewinnmaximierung und Profitgier: Weg mit allen Schätzen!
Was wohl der Vorstand der Deutschen Bank zu diesem Vers sagen würde? Über den stand in den letzten Tagen in den Zeitungen zu lesen: „Ackermann hat allen Grund zur Freude. Wie die Deutsche Bank am Donnerstag in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 2005 mitteilt, wurden an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank insgesamt 11,9 Millionen Euro überwiesen. Der gesamte Vorstand hat 2005 insgesamt 28,7 Millionen Euro erhalten, verglichen mit 25,1 Millionen im Jahr zuvor.“ Weg mit allen Schätzen? (emphatisch) Weg mit allen Schätzen! Weg, ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören, bleibt mir unbewusst!

11. Noch einmal: die geistlichen Quellen
Warum ihm Geld und Image scheinbar wenig bedeuten? Johann Franck weiß, dass ihn all das nicht bewahren wird vor Elend, Schmach und Tod. Das haben ihn nicht nur die ersten 30 Jahre seines Lebens gelehrt. Zu dieser Lebenshaltung hat ihn der Apostel Paulus inspiriert, unüberhörbar in der nächsten Strophe, Paulus, Brief an die Gemeinde in Rom, Kapitel 8 (Vers 31-39):
„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? (...) In dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Gemeindegesang
4. Weg mit allen Schätzen;
du bist mein Ergötzen,
Jesu, meine Lust.
Weg, ihr eitlen Ehren,
ich mag euch nicht hören,
bleibt mir unbewusst!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
soll mich, ob ich viel muss leiden,
nicht von Jesus scheiden.

12. Vom Singen neuer Lieder
Als dieses Gedicht von dem Berliner Kirchenmusiker Johann Crüger kurz darauf mit einer Melodie versehen und in das von ihm herausgegebene Gesangbuch aufgenommen wurde, waren die Meinungen über dieses Lied geteilt. Die „moderne“ Melodie, ganz anders als die alten Lieder Martin Luthers und seiner Zeit, die moderne, gefühlsbetonte und persönliche Frömmigkeit - manche waren begeistert.
Aber die älteren Gottesdienstbesucher taten sich anfangs schwer mit diesem Lied. Denn - so überliefert ein Zeitgenosse - „denn sie hatten es in ihrer Jugend nicht gehört und fanden es beschwerlich, solches im Alter noch zu lernen. Nachdem es aber die ganze Gemeinde bald und freudig gelernt hatte, schwiegen sie still und überwanden sich auch, durch ihre Brille zu sehen, was an solchen Liedern so lieblich und tröstlich wäre, und lernten bald durch fleißige Übung, was ihnen zuvor unmöglich schien.“ Wie sich die Bilder gleichen! Schon damals brauchten neue Lieder ihre Zeit, um sich in die Herzen zu singen.

Gemeindegesang
5. Gute Nacht, o Wesen,
das die Welt erlesen,
mir gefällst du nicht.
Gute Nacht, ihr Sünden,
bleibet weit dahinten,
kommt nicht mehr ans Licht!
Gute Nacht, du Stolz und Pracht;
dir sei ganz, du Lasterleben,
gute Nacht gegeben.

13. Nicht alles muss gefallen
Mag sein, dass Ihnen einiges an diesem Lied fremd bleibt. Mir sind manche Zeilen ein wenig zu ängstlich und zu laut, der Trotz, die Erfahrung von Bedrohung, die Abweisung der Welt, alles ein wenig zu laut und zu ängstlich, jedenfalls für meine normalen Gemütslagen an einem Sonntagmorgen.
Die Worte könnten nach meinem Glaubensgeschmack ein wenig leiser und freier und behutsamer sein. Ein bisschen mehr Wir-Gefühl würde ich mir wünschen: Nicht nur „Jesu, meine Freude“, sondern „Jesu, unsere Freude“ - das würde mir gefallen. Mag sein, dass auch Ihnen einiges an diesem Lied fremd bleibt.

14. Gehilfen der Freude
Aber wenn wir es heute miteinander singen, dann schwindet mir all diese Fremdheit, dann reißt es mich mit. Dann kann uns das Miteinandersingen dieses Freudenliedes, laut oder leise, hell und klar oder brummend, zu „Gehilfen der Freude“ machen (2. Korinther 1,24).
Wir sind Gehilfen Eurer Freude! So sieht der Apostel Paulus sich und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir sind Gehilfen Eurer Freude! Seit 350 Jahren ist Johann Franck von Guben mit seinem Lied ein solcher „Gehilfe der Freude“. Und sein Lied auf den Lippen können auch wir zu „Gehilfen der Freude“ für die Traurigen unter uns werden. Wir können einander in Passionszeiten singend bestärken. Die Sehnsucht miteinander aushalten: Ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir!
Die Hoffnung bestärken, dass die Sehnsucht eine österliche Antwort finden wird: Jesus wird herein treten, wie einst am Abend des ersten Ostertages, als er mitten unter sie trat und zu ihnen sprach: Friede sei mit euch! (Lukas 24,36).

Gemeindegesang
6. Weicht, ihr Trauergeister,
denn mein Freudenmeister,
Jesus, tritt herein.
Denen, die Gott lieben,
muss auch ihr Betrüben
lauter Freude sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn,
dennoch bleibst du auch im Leide,
Jesu, meine Freude.

Amen.