Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 18,1-19.42

Hannah Aldick

21.03.2008 in der Universitätskirche Freiburg

Karfreitagsliturgie

Anlass war die Karfreitagsliturgie der Hochschulgemeinde Edith Stein in Freiburg/Brg.

Das Kreuz wie eine Krone tragen 

Sich niederwerfen vor dem Aus, dem Ende, der Not, dem Tod. Das „Was-nicht-geht“ in den Mittelpunkt stellen. Das zerbrochene Leben feiern. - Das ist die Liturgie von heute.
Warum tun Sie das eigentlich? –
„Don‘t worry be happy“ und: „Denk positiv!“ - fixier dich doch nicht auf das was nicht geht – sind das nicht gesündere Lebensmaximen?
Masochistisch, vielleicht mit verdeckten sadistischen Bedürfnissen – diagnostiziert ein Analytiker.
Die Schäfchen brav halten, ihnen Lebenskraft und -freude nehmen: Machtinstrument der Kirche - analysiert der Religionskritiker.
Ich meine: Wer der Liturgie von heute in ihrer Größe, Dichte und Nüchternheit lauscht, wird spüren, dass es da um etwas anderes geht. Etwas Größeres.
Wir stehen, und jede und jeder spürt und erfährt dies unweigerlich im eigenen Lebenskontext , in einer sich brechenden Welt: Die Begrenztheit und Überholtheit der Systeme ist allzu deutlich.
An den Universitäten das Ringen um Mithalten im internationalen Kontext, wo Effektivität und Schnelligkeit letzten Endes Geld bedeuten und auf der anderen Seite die Notwendigkeit von ganzheitlicher Bildung des Menschen, damit Wissenschaft dem Leben und der Welt dienen kann.
In der Wirtschaft die oft so dominante Ausrichtung auf Macht und Bereicherung auf Kosten anderer.
In den Schulen – das verengte einseitig ausgerichtete Lernen, wo zu wenig Raum bleibt für wirkliche Begegnung und Innenbildung.
In der Medizin der Kampf zwischen Finanzierung, Machbarkeit(swahn) und ethischen Perspektiven. Vergessen, dass Heilung auch in der Krankheit zu finden ist und nicht nur nach dem Bekämpfen und Schneiden.
In der Politik, die um Wählerstimmen buhlt statt sich um die Sache zu kümmern, die not tut.
In der Kirche, die sich so oft aus Angst fixiert, in dem was das alte System, die Macht stabilisiert und doch dem Geist Raum schaffen soll.
Auf globaler Ebene die tiefe Verkettung und Abhängigkeit von reichen und armen Nationen.
In den Partnerschaften und Familien: Rollenkonfusion, unterschiedliche Wachstumstempi.
Und, wie wir alle täglich fast nicht mehr hören können, das verzweifelte Ringen um ein anderes Verhältnis zur Schöpfung, die nun in ihrer ganzen Existenz bedroht ist.
Überall zerrt und zieht es. Die Systeme sind mächtig, global und daher fast autonom und unkontrollierbar. Sie haben uns als oft ohnmächtige Individuen in der Hand.
Deutlicher als je ist zu spüren, dass eine Umwandlung stattfinden muss, wollen wir uns und unsere Welt nicht selbst zerstören.
Das ist der Karfreitag unserer Zeit und es geht nicht anders, als ihn in den Blick zu nehmen, wollen wir wirklich leben.
Oft vermeiden wir diesen Blick, verharmlosen, ignorieren, spalten ihn ab, fallen in die Geschäftigkeit, retten uns ins rationale Erklärungen. Das alles, weil wir Angst haben, dass es uns überwältigt, uns sprengt, uns innerlich umbringt, wenn wir es denn mal so fühlten wie wir es eigentlich erleben.
Nichts als Angst unseres kleinen natürlichen Ichs, das in dieser Welt bestehen will, dem es gut gehen will, das Erfolg haben möchte und Sicherheit, Anerkennung, seinen Platz. – Dass es noch etwas anderes gibt, weiß es nicht.
Wer Leid mit Kraft zur Seite drängt, erlebt meist, dass es nur noch schlimmer wird. Unnachgiebig klopft es an unsere Türen – nachts in den Träumen, im misslungenen Kontakt, in körperlichen Symptomen, in Ängsten, Unsicherheiten, Hoffnungslosigkeiten.
Und auch das „Ach, wäre doch...“ – das wir alle in uns tragen, gehört dazu: „Ach, wäre doch nur dieses oder jenes anders“, „wenn doch nur der anderen ein bisschen mehr ...“, „wäre ich doch nur ...“.
Wäre doch nur! – Ja, dann wäre endlich alles gut! Und unsere Welt wäre ganz und heil.
Ist sie nicht. War sie auch nie und wird sie nie sein – das wissen wir im Grunde alle.
Der Karfreitag sagt: Stell dich dem. Halte das aus. Schau ihm in die Augen. Die Kreuzigung Jesu ist keine Erzählung, sie ist schlichtweg Realität. Realisiere den Staub des Aschermittwochs: Wir sind eben ein Nichts. Werden umgehauen von ein bisschen Tod, Krebszellen. Schon ein paar unfreundlich Worte, ein Konflikt, Ausgrenzung, Prüfung vermasselt, innere Unsicherheit – der Mensch ist furchtbar fragil.
Der Karfreitag will uns mit dieser Wahrheit nicht quälen und deprimieren, sondern uns spüren und ahnen lassen, dass es einen Weg, einen Sinn, eine Erfahrung gibt, die weiter und tiefer geht. „Im Kreuz ist heil“ wird es später heißen. –
Ich weiß noch, in meinem Leben gab es eine Zeit, in der mich das Gefühl quälte, dass es mir zu gut ginge. Nicht in einem selbstquälerischen Sinn, dass ich dies nicht verdient hätte o.ä., sondern so, dass ich das tiefe Gefühl hatte, vom „richtigen Leben“, so nannte ich es, ausgegrenzt zu sein. Ich spürte damals wohl intuitiv, dass da, wo es schwer und mühsam ist, auch Tiefe wohnt, ein besonderes Lebenswasser quillt, eine tiefere Form von Heimat erfahrbar wird.
Kunst und Auftrag von Christen ist es, diesem Gespür, dieser Ahnung von der uns heute auch die Liturgie spricht, nachzugehen.
Dem Leiden einen Sinn abzulauschen, abzuringen, zu vertrauen in der ihm immanenten Sinnlosigkeit. –
Kürzlich erzählte mir eine alte Frau von den Bombenangriffen damals im Krieg – nichts als Todesangst, immer und immer wieder.
Und doch, so berichtete sie, die Erfahrung des immer wieder neu geschenkten Lebens, wenn man aus den Kellern wieder heraufkam, war so tiefgreifend, so berührend und beglückend, wie sie es später nie mehr erfahren hat.
Die kleinen und großen Katastrophen des – und damit auch unseres - Lebens halten in ihrem Kern eine neue Dimension für uns bereit, wenn wir sie denn zulassen und uns erfahrbar werden lassen.
Manchmal, wenn wir eigenes Leid erinnern, sehen wir im Nachhinein, dass es in seinem Kern auch "gut so war wie es war“, dass man vielleicht gewachsen, gereift ist, etwas Tieferes erfahren hat, einen Geschmack bekommen hat von jenem heilen und ganzen Kern, der „wie aus einer anderen Welt“ in der ganzen Not doch geborgen war.
Jesus stirbt, aber der Christus, der Ewige, der Ganze erwacht – er war auch vorher schon da, aber für uns eben nicht sichtbar, erkennbar, vielleicht schemenhaft. - Wie hatte er gesagt?: Das Reich Gottes IST schon unter euch: die Welt IST schon heil trotz und vor allem IN allem Leid, aller Not und Gebrochenheit.
Wer das sehen will, muss mit neuen, mit glaubenden Augen schauen, muss springen, sich frei machen von rationaler Logik. Das ist das christliche Glaubensmysterium, zu dem wir uns, meist über mühsame steinige Wege, immer wieder neu hin öffnen müssen.
Das Paradies ist es nicht, das ist für immer vorbei. Und so ist es gut. Dorthin zurück zu wollen hieße, sich dem Leben in seiner Begrenztheit und seinem Auftrag nicht zu stellen.
Leiden heißt dabei nicht, sich vom Kreuz verschlingen zu lassen. Resigniert sich zu ergeben, sondern die Resignation dann als Ort zu verstehen IN dem sich etwas anderes zeigen kann: Hoffnung z.B.
Dazu braucht es oft genug den/die andere. Aber wie schwer ist es, die eigene Ohnmacht auszuhalten! Zu erfahren, dass man oft nicht helfen kann, nichts tun kann, nichts verändern und den /die andere leiden zu sehen. Aber wie wichtig, dies auch auszuhalten. Denn wahrscheinlich wissen sie alle, wie schlimm eine schnelle Vertröstung, ein in die Luft gesprochenes „wird schon wieder“ sein kann – man spürt dahinter nur die Haltlosigkeit und Hilflosigkeit des anderen.
Wirklicher Beistand, solidarische Erfahrung, wirkliche Hilfe erfährt der Leidende nur dort, wo der andere es wagt, sich mit in diese Ohnmacht hinein zu stellen. Wo der andere nicht schon irgendwie „drüber“ steht, sondern sich einem tiefen Mitempfinden geöffnet hat.
Das ist aber nur der eine Teil der Helfens, der andere ist genauso unverzichtbar. Es ist jener, der stellvertretend, ganz leise oft, die Hoffnung, die Erinnerung an jenes zarte Ja hochhält, das sich im Nein des Kreuzes entbinden kann, wenn es denn zugelassen wird.
Und daher kann man sagen: Wirklich helfen kann nur der, der selber die Erfahrung gemacht hat, dass in der Ohnmacht selber der rettende Sprung ins Ja wohnt. Und der dieser Erfahrung ein Versprechen gegeben hat, ihm treu zu bleiben, dann, wenn es wieder so weit ist. Eine Art Osterbekenntnis.
Über diese Hoffnung, dieses leise Wissen - darüber muss man nicht sprechen miteinander, das spürt der Betroffene, ob da wirklich jemand steht, der aushält was eben unaushaltbar zu sein scheint. Helfen heißt: vertrauen in die Kraft der Wandlung;
in das Wissen, dass, wenn jemand sich wirklich ins Kreuz stellt, es sich auch öffnen wird in das österliche „Anders“. Man muss also nichts „machen“, beim Helfen. Nicht den Weg, schon gar den Ausweg wissen. Wir müssen uns nur anschließen an unser inneres Vertrauen und unser immanentes Wandlungswissen. Dann ist der Leidende auf eine Weise nicht mehr alleine – auf eine andere schon, denn gehen und finden muss er immer alleine. Irgendwie ist dann „alles gleich wie vorher und doch ist alles anders“ – so sagte es jemand bei der Karfreitagsvorbereitung.
In dieser Weise ist Jesus Christus auch für uns und unsere Welt „da“. Durch sein Aufstoßen dieser Tür von „es ist alles aus“ zu „alles ist anders“, ermöglicht er auch uns diese Türe zu finden und genau darin ist er solidarisch und anwesend – auch heute. Stellvertretung ist nicht gemeint in der Art, dass wir uns zurücklehnen und „Papa wirds schon irgendwie richten“. Sondern in der Art, dass uns verheißen, gezeigt und ermöglicht ist, dass es einen Weg gibt, der durch das Dunkle führt, weil nun einen Tür aufgestoßen ist.
Christ/Christin zu sein, in der Kreuzesnachfolge zu leben heißt dann, lebend zu bezeugen, dass es eben jene Tür gibt, die dem Rationalen meist verschlossen ist. Dass Not, Verzweiflung bis hin zum Tod nicht verdrängt, verharmlost, ängstlich gemieden werden müssen, sondern ausgeschöpft werden können und der Mensch verwandelt, greift daraus emporwachsen kann.
Leiden heißt, am Stein, der uns den Weg verstellt verzweifelt, wütend, wahnsinnig, resigniert oder wo auch immer zu werden, aber ohne die leise Ahnung zu verlieren, dass es einen Sinn im Unsinn, einen kleinen Spalt gibt, durch den Licht scheint. Durch den wir uns zwängen müssen wir durch ein Nadelöhr. Alles „ich will“, “es soll aber so sein“, „ich habe recht“, „ich kann das nicht“ etc. zurücklassen, weil es nicht durchs Nadelöhr paßt. Es ist Eigenart dieses Nadelöhrs, dass es eng ist wie ein Geburtsgang, durch den wir „eigentlich und unter normalen Umständen“ gar nicht durchpassen. Und doch geschieht es eben.
Oder ein anderes Bild: es ist die Tür, die plötzlich irgendwann aufgeht. Aber nicht so, wie wir es uns denken: wir stoßen sie nach Außen auf und alles ist anders. Türen gehen, jedenfalls wenn sie richtig gebaut sind, nach Innen auf.
Nicht im Außen liegt die Lösung, sondern im Platz machen im Inneren, im Zurücknehmen des Ich’s, das will oder eben nicht will. Und dann sehen wir die Welt mit neuen Augen – die äußeren Umständen sind oft genug dieselben geblieben.
Das ist schwer, und wir sind es oft nicht geübt dieser Bewegung nach Innen zu vertrauen, weil wir in dieser Gesellschaft noch immer lernen und erfahren “be happy“, „kämpf dich durch“ und „alles ist machbar, wenn du nur willst.“ Oder: „wenn du leidest, bist du selber schuld –irgendwas hast du sicher falsch gemacht“.
Angesichts der globalen Bedrohung der Welt durch Terror, Ausbeutung und Zerstörung, durch die wir heute alle mehr den je in immensen inneren – karfreitäglichen – Spannungen stehen, müssen wir es aber wagen, uns zu stellen. Jede und jeder Einzelne ganz individuell. Nicht mehr ein anderer, ein „Großer“ tut dies stellvertretend für uns – das war vor 2000 Jahren. Jesus hat damals ein für allemal gezeigt, dass es diese Türe gibt, dass der Mensch durchs Nadelöhr passt. Seitdem müssen und dürfen wir selber zu diesem Christus werden, den Sprung vom
Karfreitag zum Ostersonntag selber vollziehen. Jede und jeder in ihrem oder seinem Lebenskontext, wo man eben hingestellt ist.
Wenn wir das im Einzelnen und Individuellen tun, webt sich, so glaube ich, ein ganz neuer Boden, der der drohenden Sintflut wirklich etwas entgegen setzen kann, weil er bei dem Gang durchs Feuer der Kreuzmitte an Tiefe, Weisheit und Liebe gewonnen hat. – Und die brauchen wir!
Wenn wir uns selber nicht durchfädeln durch Tod und Ewigkeit, uns und unser Herz darin nicht erhärten, wird es uns auf der globalen Ebene schlichtweg um- und weghauen. Der gut gemeinte und gewollte Biomarkt wird zum Reiten auf der finanziell attraktiven Biowelle; der mit Idealen begonnene Weg in die Wissenschaft, in die Politik, in die Kirche kippt in das Haben wollen von Macht, in das Fixiertsein von Ohnmacht etc. Die Systeme sind so global, dass sie uns schneller in den Fingern halten als wir es meist selbst erkennen.
Was wir aber innerlich verbunden haben, das können wir dann auch im Außen umsetzen!
Und mehr als uns oft bewußt ist, tragen wir in unseren persönlichen Kreuzgängen die ganz Welt mit durch diese Türe.
Dies ist, so glaube ich, die Chance und zugleich Weg und Auftrag unserer Zeit: Die Spannungen auszuhalten, auszustehen bis der innere Sprung von selbst kommt. Ein Quantensprung sozusagen, der eine Ebene öffnet, die das Paradox beinhaltet und nicht mehr das Entweder-Oder, die Polarisierungen und Trennungen.
Integration statt Isolation, Komplexität statt rationale Einseitigkeit, Ganzheit statt Fragmente.
Um diesen Sprung zu bestehen, müssen wir uns die gewagten Augen der Mystiker zu eigen machen, die erkennen, dass es nichts anderes als die Liebe Gottes ist, die uns an den Rand unserer Möglichkeiten, unseres Könnens und Aushaltens drückt,
- weil sie uns dadurch irgendwann zur inneren Kapitulation nötigt, zum Nachgeben, zum Fallen lassen und Erfahren, dass die Tür eben immer nach Innen in die Liebe aufgeht und nicht nach Außen.
Die Tradition nennt die “Leidensmystik“. Wer sie falsch versteht, sieht darin Selbstquälerei, Ideologie oder Verharmlosung des Leids. Wer aber in der Spannung von Leid, Not, Verzweiflung einerseits und Vertrauen, Hoffnung, Liebe andererseits aufrecht und ausgespannt – in seinem Kreuz – stehen bleibt, dem, so bezeugen vielen Quellen, kann sich das karfreitag-österliche Paradox offenbaren.
Beugen wir uns als heute nieder vor dem Gott im großen Nein und geben wir seiner Liebe darin eine Chance.
Edith Stein, unsere Patronin formuliert es so: „Das Kreuz wie eine Krone tragen“.