Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 20, 19-23 zu Pfingstsonntag

Prof. Dr. Reinhard Feiter (rk)

27.05.2012 in der Pfarrkirche St. Bartholomäus in Niederkrüchten

Predigtpreis 2012 für die beste Predigt und Sonderpredigt

Das eine Mal ist alles laut und raumgreifend: Lärm erfüllt die Gassen, vielsprachige Rede ertönt, die Menschen der Stadt laufen zusammen und geraten außer sich vor Staunen. So erzählt Lukas in seiner Apostelgeschichte vom Geschenk des Geistes zu Pfingsten. Das andere Mal spielt sich alles im Haus ab: hinter verschlossenen Türen, im kleinen Kreis, bei Zimmerlautstärke. So erzählt das Johannes-Evangelium. [1]

Die Erzählung, die bildmächtig geworden ist und unsere fromme Phantasie prägt, ist die dramatische Version der Apostelgeschichte. Doch es lohnt sich, unser Ohr einmal den leiseren Tönen des Johannes-Evangeliums zu leihen – und es lohnt sich zumal heute. [2]

Die Geschichte des Johannes spielt drinnen, im Haus, inmitten einer verunsicherten und verängstigten Jüngerschaft. Jesus ist tot; und zu allem Unglück gibt es verwirrende Vorkommnisse und unglaubliche Botschaften. Verunsichert ziehen sich seine Jüngerinnen und Jünger hinter verschlossene Türen zurück. Ängstlich rücken sie zusammen. Doch so eng zusammenrücken können sie gar nicht, dass nicht immer noch die Leere bliebe, die der Tod ihres Meisters hinterlassen hat. So dicht können sie gar nicht die Reihen schließen, dass nicht weiterhin diese Lücke klaffte und die Wunde schmerzte, die das Fehlen Jesu bedeutet.

Wer füllt die Lücke?, das war die Schicksalsfrage der Jüngerinnen und Jünger angesichts der Erfahrung des Entzugs und des Fehlens Jesu. Das war die Frage schlechthin der entstehenden Kirche. Viel spricht freilich dafür, dass dies nicht allein eine Frage aus der Frühzeit der Christenheit ist, sondern uns Heutige nicht minder quält. Und viel spricht dafür, dass diese Frage auch nicht nur Christinnen und Christen bedrängt. Wer füllt die Lücke?, ist eine Frage, die in vielleicht unerwarteter Weise vielfältiges Fragen versammelt.

Wer füllt die Lücke?, fragen Schulleiterinnen und Schulleiter in Anbetracht rückläufiger Schülerzahlen oder fragen angesichts eines rapiden Mitgliederschwundes die verbleibenden Mitglieder von Gewerkschaften und Vereinen. – Wer füllt die Lücke?, ist immer und immer wieder die quälende Frage im Angesicht von Trennung und Tod und ist der Aufschrei, wenn Menschen die Hälfte ihres Lebens weggerissen worden ist. – Wer füllt die Lücke?, fragen Menschen in den Pfarrgemeinden unseres Bistums; traurig und leider auch immer erbitterter fragen sie so, wenn sie sehen, was bleibt beziehungsweise wie viele „nicht bleiben“ nach Erstkommunion und Firmung. – Wer füllt die Lücke?, fragen Katholikinnen und Katholiken zwischen Rhein und Maas, an Schwalm und Niers nicht zuletzt mit Blick auf die immer größer werdenden Löcher, die der Priestermangel ins Gewebe eines jahrhundertealten kirchlichen Lebens reißt.

Wer füllt die Lücke? Finden wir darauf heute Antwort? – Durchaus! Denn sie steht ja vor Ihnen; und die Antwort trägt heute einen Namen und hat ein Gesicht: den Namen und das Gesicht Ihres Thomas Schlütter. Trotzdem: Auf ihn allein zu schauen, würde zu kurz greifen – selbst und gerade heute. Auf ihn, den Neu-Priester, allein zu schauen, wäre im wahrsten Sinne des Wortes kurzsichtig, und wir drohten unseren Primizianten derart anzuschauen, als ob es seine Aufgabe wäre, Lücken zu füllen.

So lohnt es sich aber, auf die leisen Töne des Johannes zu hören und zu entdecken: Die Lücke, die die Jüngerinnen und Jünger im Johannes-Evangelium schmerzlich erfahren, die Lücke, die Jesu Fehlen bedeutet zu aller Zeit, lässt sich nicht füllen – durch nichts und niemanden, außer durch Jesus selbst! Und das geschieht. Genau das erzählt Johannes in seiner „Pfingst“-Geschichte. Jesus füllt die Lücke mit sich selbst: Er tritt in die leere Mitte, die er hinterlassen hat, und füllt sie mit seinem Frieden und seinen Wunden. Er tritt in die leere Mitte und füllt sie mit seinem Atem, füllt sie mit seinem Geist.

Was für eine Dramatik also in dieser kleinen Geschichte! Denn das ist nicht nur das Pfingsten des Lukas – das ist vielmehr Pfingsten und Ostern, das ist Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung auf einen Schlag, in einem Atemzug, im leisen Hauch. Jesus lebt!, bedeutet er uns. Gott hat ihn aus dem Tod errettet. Er ist da: Auferstehung. – Aber dieser auferstandene Jesus geistert nicht als Untoter durch die Gegend. Er kehrt nicht einfach wieder in sein früheres Leben zurück, um von Neuem mit den Seinen auf den Straßen Galiläas und Judäas unterwegs zu sein. Er ist da als der, der zu Gott hin auferstanden ist: Himmelfahrt. Lebendig und nahe ist er nicht länger nur für wenige. Vielmehr ist er für die Menschen aller Orten und Zeiten da, und zwar weil er da ist als der, der die Seinen auf Gott hin verlassen hat. – Doch wie ist denn der, der nicht da ist, jetzt da in seiner Gemeinde? Indem dasselbe, was ihn, Jesus, erfüllt hat im Leben und im Sterben, was sein Atem, sein Hauch, sein Leben ist, nun auch in uns ist: Pfingsten. Das meint ja biblisch „Geist“, „Heiliger Geist“: Dasselbe in ihm und in uns – und zwar in uns allen, in einer jeden und einem jeden von uns. Was ihn erfüllt, erfüllt auch uns. Was ihn treibt, treibt auch uns. Was ihn bevollmächtigt, bevollmächtigt auch uns, und zwar alle – und füllt so die Lücke.

Es ist schon eine denkwürdige Spannung, Thomas, zwischen dem gestrigen Tag Deiner Priesterweihe und dem heutigen Deiner Primiz. [3] Gestern im Dom: All die ehrwürdigen Gesten der Kirche, in denen sie sich präsentiert als ein gegliedertes und geordnetes Ganzes mit Ämtern und Diensten, mit Vollmachten und Verpflichtungen. Und heute: Heute lesen wir im Evangelium von der Jünger-Gemeinde des Johannes, in der die Zwölf (die zwölf Apostel, wie wir oft sagen) kaum eine Rolle spielen und die noch kaum amtliche Strukturen erkennen lässt. Es braucht keine Vermittlung; im Hören auf das Evangelium hat diese Gemeinde unmittelbar Gemeinschaft mit Jesus.

Gestern im Dom: Zweien wird in der Ordination, in der Weihe zu Priestern Konsekrations- und Absolutionsvollmacht übertragen. Und heute im Johannes-Evangelium: Allen und nicht nur einigen wenigen wird die Vollmacht zu vergeben anvertraut. An allen liegt es fortan, ob den Menschen die Sünden vergeben sein werden oder ob sie darin  – wie es wörtlich übersetzt heißt – „festgehalten“ sein werden.

Was für eine Spannung! Was für eine Spannung, in die Du, Thomas, fortan hineingestellt bist, und zwar umso deutlicher, je mehr und je größer die Lücken werden, für die keine Priester zur Verfügung stehen; und vielleicht sind es ja eben diese vielen sich auftuenden Lücken, die es uns lehren können und lehren werden, was es bedeutet, dieser Spannung nicht auszuweichen und sie nicht aufzulösen, sondern sie im Gegenteil die Dynamik jenes Dienstamtes sein zu lassen, das Dir, Thomas, übertragen ist.

Und so ist es gut, den leisen Tönen des Johannes zu lauschen und in seiner Erzählung vom österlichen Geschenk des Geistes an alle zu entdecken, was es heißt, dass Du zu einem Priestertum bestellt bist, das in den Dienst des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen gestellt ist. Gerade das „johanneische Pfingsten“ kann es uns zeigen, was es heißt, dass Du eine Gabe des Geistes empfangen hast, die Dich nicht von den anderen trennt oder gar über sie erhebt, sondern die Du empfangen hast, um dem Geistlich-Sein aller dienen zu können. Denn die Geistes-Gabe zieht eine dreifache Aufgabe nach sich; dem Geschenk entsprechen, kurz gesagt, drei Imperative.

Der erste Imperativ lautet: Fülle nicht die Lücke. Versuche nicht, die vielen Lücken zu füllen, die heute eine vergehende Gestalt der Kirche zurücklässt, und versuche erst recht nicht, die Lücke zu füllen, die die Menschen, denen Du begegnest und für die Du da sein wirst, im Innersten bewegt. Denn es gibt einen Mangel oder eine Leere, die kostbar ist im Dasein der Einzelnen und der Gemeinschaften. Diese leere Mitte zu hüten und sich selbst davor zu hüten, sie zu füllen, das mag vorderhand als etwas bloß Defensives erscheinen. Nichtsdestoweniger ist es der Kern aller Pastoral, denn es geht dabei um jene Lücke, die die Offenheit von Menschen verwahrt für Gott und das Wirken seines Geistes in Jesus Christus. Verstopfe diese Lücke nicht mit Dir selbst, sondern halte diese Mitte frei.

Der zweite Imperativ ist eng damit verbunden. Er heißt – ebenfalls nur scheinbar negativ: Hab‘ keine Angst vor der Wunde – nicht vor den Wunden der anderen und nicht vor den eigenen. Mit seinen Wunden weist sich Jesus bei Johannes vor den Jüngerinnen und Jüngern aus. Die Wunden bezeugen ihnen: Der hier erscheint, ist Jesus, der gekreuzigt worden ist. Die Wunden sind die Identitätsmarker Jesu. In gewisser Weise gilt dies aber auch für uns und alle Menschen. Die Verletzungen, die wir in unserer Lebensgeschichte erfahren, bestimmen und prägen uns. Das hat nichts mit falscher Leidensmystik zu tun, sondern mit schlichter Menschlichkeit. Wir kommen nicht unbeschadet durchs Leben; und in unseren Wunden erkannt und geachtet zu werden, heißt als die unverwechselbare Person anerkannt zu werden, die ich bin. Was freilich diejenigen, die den Geist Jesu Christi empfangen haben, auszeichnet, ist, dass sie in den Wunden nie nur die Niederlage – Tod und Scheitern – erkennen, sondern dass sie ihnen immer auch Wahrzeichen sind für die Anwesenheit Jesu im Leben eines Menschen – so verborgen diese Nähe auch sein mag. Und deshalb: Achte die Wunde.

Ein dritter und letzter Imperativ schließlich lautet: Sei Zeuge für den Ursprung. Sei Zeuge für die Ursprungserfahrung der Kirche und des Glaubens, die da ist: Kraft des Geistes Jesu in seine Sendung einzutreten und seine Verkündigung fortzusetzen. Die sogenannte Dogmatische Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche hat dies in einem Passus über die Bischöfe, als deren Helfer die Priester ja bestellt sind, in überraschend einfacher Weise zur Sprache gebracht. An der betreffenden Stelle ist davon die Rede, dass die Sendung, die von Christus den Aposteln anvertraut worden sei, bis zum Ende der Welt fortbestehen werde. Warum? Weil die Apostel und ihnen folgend die Bischöfe und mit ihnen die Priester das Evangelium zu überliefern haben? Ja natürlich. Das Konzil aber sagt mehr; es sagt: Weil das Evangelium – das sie zu überliefern haben – zu aller Zeit für die Kirche Ursprung ihres ganzen Lebens ist. [4] Das also ist Deine Aufgabe, Thomas, zu verkünden, woraus die Kirche in all ihren Facetten lebt, wenn sie denn aus dem Ursprung lebt: das Evangelium. Dafür bist Du mit der Gabe des Geistes ausgerüstet, das zu verkünden, was Menschen, welcher Herkunft und Ausrichtung auch immer, sofern sie nur nach Gründen des Lebens suchen, solche eröffnen kann: das Evangelium.

Das ist priesterlicher Dienst an einer Gemeinde von „Geistlichen“, von Menschen, die in Taufe und Firmung mit dem Geist Jesu begabt sind: Halte die leere Mitte frei. Achte die Wunde. Und: Verkünde freimütig das Evangelium. Der Kirche ist das Evangelium Ursprung ihres Lebens und da ist es – für alle.

[1] Vgl. die Lesungen des Pfingstsonntags: Apg 2, 1-11; Joh 20, 19-23.

[2] Der Gottesdienst, in dem die Predigt gehalten wurde, war zugleich die Feier der sog. Primiz eines Neupriesters in seiner Heimatpfarrei.

[3] Der Primiziant war am Vortag in der Kathedrale des Bistums zusammen mit einem weiteren Diakon zum Priester geweiht worden.

[4] Vgl. Lumen gentium, Art. 20, Satz 1.