Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 20, 19-29

Pastor Johannes Ahrens (ev.-luth.)

12.04.2015 in St. Nikolai in Flensburg

Quasimodogeneti

Liebe Gemeinde in österlichem Weiß,

 

manches scheint richtig real und derartig dicht vor Augen zu liegen, dass man das Gefühl hat: das ist schon beinahe mit Händen zu greifen.

 

Zum Beispiel: An manchen Morgen oder Abenden, wenn die Luft so klar ist, dass Sonne oder Mond wie zum Greifen nah, so plastisch scheinen, als müsste man nur die Hand ausstrecken, um sie zu berühren. „Wirklicher als die Wirklichkeit“, wie ein Hersteller von Bildschirmen für seine Produkte behauptet.

Aber dann, wenn wir´s denn versuchen: das zum Greifen Nahe auch zu be-greifen, greifen wir ins Leere; so nahe sie uns auch zu sein scheinen, sind sie doch unerreichbar weit weg: Sonne und Mond: „In weiter Ferne, so nah!“.

 

Oder: Kennen Sie das Säbelzahn-Eichhörnchen aus Ice-Age? „Scrat“ heißt meine wie eine Kreuzung aus Eichhörnchen und Ratte aussehende absolute Lieblingsfigur aus diesem Film. Für Scrat liegt die Eichel immer wie zum Greifen nah und fällt dann doch urplötzlich und unberechenbar in tiefste Schluchten; was mich besonders amüsiert und auch anrührt ist die absolute Unerschrockenheit mit der Scrat über Felsvorsprünge springt ohne zu wissen wo er landen wird, über Bäume klettert, sich in tiefste Abgründe fallen lässt - und alles nur, um diese bescheuerte Eichel zu ergattern. So nah, und doch so fern.

 

Oder nehmen wir nur Julia: Sie sitzt neben Dir in der Schule. Ihr fliegt alles zu, Mühelosigkeit ist ihr zweiter Name, sie scheint ausgeglichen, sogar freundlich, überhaupt keine spießige Streberin und dann auch noch so verdammt gutaussehend. Selbst die Narbe, die sie sich zugezogen hat, schmückt sie. Werde ich das je erreichen? So zu sein? Unendlich weit weg scheint das; und doch so nah.

 

Träume, Naturschauspiele, Idealbilder, Ziele: Manchmal wäre es schön, das alles wenigstens einmal in Händen halten zu dürfen. In Berührung damit zu kommen. Als Belohnung für die Mühe. Als Bestätigung des nur Gehörten. Als Übereinstimmung mit dem bloß Gesehenen.

 

Denn nur was sich mit Händen auch wirklich greifen lässt, ist auch wirklich wahr. Scheint uns real zu sein, wirkliche Wirklichkeit. Authentisch ist nur das, wo ich selbst dabei gewesen bin. Was ich selbst - ganz wichtiges Wort heutzutage - erlebt habe. Die Wertigkeit von Ereignissen orientiert sich heute mehr denn je am eigenen Erleben. Das gilt heutzutage auch, gerade auch, für religiöse Erlebnisse. Was dort nicht selbst erlebt wurde ist - in den Augen des mainstream - nichts wert. Der Zeitgeist sagt: Allgemeine Wahrheiten helfen niemanden, solange sie nicht auch individuell erfahren und subjektiv erlebt wurden.

Ich finde das erstmal nachvollziehbar. Und vielleicht lässt sich diese Erwartungshaltung verstehen vor dem Hintergrund eines konsequent entsinnlichten Protestantismus, der ja gerade die Unanschaulichkeit Gottes feiert und seine Selbstvermittlung allein durch´s Wort (solum verbum).

 

Dann ist es natürlich besonders blöd, wenn man ausgerechnet beim wichtigsten Event aller Zeiten gefehlt hat: Dem „greet&meet“ mit dem Auferstandenen persönlich. Jedenfalls denkt Thomas so, wir haben von ihm im Evangelium eben gehört. Wie er kennen auch wir Jesus nur vom Hören-Sagen. Aus den biblischen Lesungen hier im Gottesdienst. Vielleicht aus vorgelesenen Geschichten aus der Kinderbibel beim GuteNachtSagen. Oder von der Konfirmandenfreizeit, als der Pastor mit uns ein Gleichnis besprochen hat. Vielleicht auch aus einem Jesus-Film oder Musical.

 

Eine Woche nach Ostern, wo Maria noch verwehrt geblieben war („Noli me tangere“, „Rühre mich nicht an!“), was Thomas jetzt darf: Jesus zum Anfassen. Haben Sie sich das auch schon mal gewünscht?

So, dass er, sagen wir mal, neben ihnen an der Fußgängerampel steht (wie diese Figur hier) und genau wie Sie gerade auf „Grün“ wartet? „Hey, Jesus, wo ich Dich gerade treffe, ist ja ein toller Zufall übrigens, da wollte ich dich dochmal fragen…

…kannst Du echt über Wasser gehen?

…wärest Du auch heute ein radikaler Pazifist? Ich meine, auch mit der IS und so? Würdest Du Dich ein zweites Mal einfach so hinrichten lassen?

…ach, und wo Du gerade da bist: die Sache mit dem Heilen: kannst Du das immer noch? Ich wüsste da jemanden, der das gerade gut gebrauchen könnte.

 

Oder hätten Sie in einem solchen Moment vielleicht gar keine Fragen oder Anliegen und würden gleich auf die Knie gehen und wie Thomas allerhöchstens noch die Worte: „Mein Herr und mein Gott!“ hervorbringen können?

 

Ich muß Ihnen gestehen: Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nicht genau, wie es mir erginge, wenn plötzlich Jesus zum Greifen nah neben mir stünde. Ob ich ihn zutexten würde. Oder doch eher staunend sprachlos, neugierig gucken würde.

Ob ich enttäuscht wäre? Dass er so normal rüberkommt? Oder fasziniert und begeistert? Weil eine wahnsinnige Aura von ihm ausgeht.

So ein ganz irdischer Jesus zum Anfassen ist doch eine kompliziertere Sache, als ich zuerst dachte. Würde es Ihrem Glauben wirklich helfen, den Jesus von damals anfassen und berühren zu können?

Ich sage jetzt mal etwas - vielleicht - Unpopuläres und gestehe:

 

Mir ist - ehrlich gesagt - der Christus, der in den Erzählungen der Bibel, in unseren Liedern und Gebeten vorkommt, weitaus näher als der, der womöglich neben mir an der Ampel steht. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich es nicht anders kenne. Aber ich habe die Ahnung, dass es weitaus schwieriger sein könnte, an Jesus zu glauben, wenn er einem direkt gegenübersteht, als wenn er mir „nur“ in der Verkündigung nahegebracht wird. Vielleicht geht es Ihnen da anders und Sie sind da „thomaesker“. Aber ich gehöre, glaube ich, eher zu den Leuten, die - wie damals manche auch - sagen würden: „Was? Der da? Das soll Gottes Sohn sein?! Denn kennen wir doch noch als er in die Windeln gemacht hat! Das ist der Sohn von Josef und Maria aus Nazareth, der Zimmermann. Und der macht jetzt auf Heiland? Ist ja ein dolles Ding!“ (vgl zB. Mk 6).

Wenn ich entscheiden dürfte: Wärest Du lieber jemand gewesen, der - sagen wir - bei der Sturmstillung mit im Boot gesessen hat oder der, der du heute bist?, dann bin ich sehr glücklich, dass ich heute hier mit Ihnen Gottesdienst feiern darf und nicht mit über einen See schippern muß. Nicht etwa, weil ich Bootfahren verabscheuen würde - ganz im Gegenteil. Sondern, weil es mir persönlich leichter fällt zu glauben, wenn ich nicht sehen kann, woran ich mein Herz hänge. So verstehe ich auch Jesu Bemerkung Thomas gegenüber: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Das sind nicht die besseren oder edleren Menschen. Sondern: sie haben es - in gewisser Weise - leichter. Ihnen stehen die Sinne nicht im Weg. Sie brauchen sie nicht als Bestätigung einer Wahrheit, die ohnehin nicht mit Händen zu greifen ist. Auch zu Jesu irdischen Zeiten haben Menschen geglaubt oder nicht geglaubt, obwohl sie sinnlich gesehen, genau dasselbe gesehen und gehört haben oder anfassen durften. Auch damals haben sich manche mit Grausen abgewandt während andere Jesus fasziniert gefolgt sind; beides aus Gründen, bei denen uns die Möglichkeit, unsere Finger in Jesu Hände legen zu dürfen oder unsere Hand in seine Seite, kein Stück voranbringt. Denn der Glaube, den Jesus meint, und den uns das JohEv heute morgen nahezubringen versucht, ist eine andere Art des Glaubens als jene, dessen Thomas sich vergewissern möchte.

 

Thomas möchte mit Mitteln der Haptik seine Zweifel beseitigen; er möchte erleben, was die anderen erlebt haben, ja sogar noch ein klein wenig mehr, denn nur das Sehen, die bloße Erscheinung genügt ihm nicht. Er will auf Tuchfühlung gehen mit dem Star. Das ist die eine Art des Glaubens, die ja auch ihr Rührendes hat: dieses Mehrwollen, dieses Sichnichtzufriedengeben. Das Fürwahrhalten von Sachverhalten. Die Annahme von Behauptungen. Die Idee, dass glaubhaft nur das ist, was Du auch anfassen kannst. Aber es ist - finde ich jedenfalls - auch eine tragische Art, zu glauben. Denn Thomas will mehr und bekommt weniger. Weniger jedenfalls, als ich ihm gönnen würde.

 

Denn die andere Art des Glaubens, die selige Art, wie Jesus es nennt, die Art - Sie haben es schon längst gemerkt - für die ich heute morgen hier plädiere: Das ist der Glaube, der nicht mit den Augen glaubt, sondern der Glaube, der mit dem Herzen sieht. „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, heißt es bekanntlich im „Kleinen Prinzen“. Und Jesus sagt: das Reich Gottes ist inwendig in euch, wie Luther übersetzt, man könnte auch sagen: mitten unter euch.

 

Glaube gleicht nicht der Haselnuß, der wir hinterherjagen als wären wir ein Säbelzahn-Eichhörnchen.

Und Jesus leuchtet als Licht der Welt anders als die schöne Sonne, die wir ungreifbar nah nur in der Ferne untergehen sehen können.

Und auch wir selbst müssen nicht erst jemand anders werden, - die kluge und schöne Julia etwa.

 

Nähe entsteht unsichtbar. Was ich nicht berühren kann, finde ich oft berührender. Angefasst bin ich von Unfassbarem. Und mein Herz ergreift, was haptisch nicht erfühlt werden kann. Was in Dir drin ist, ein Teil von Dir geworden, danach kannst Du nicht greifen. "So lebe nun nicht mehr ich, sondern was in mir lebt: das ist Christus." So beschreibt z.B. Paulus diese selige Art des Glaubens. Jesus will uns noch viel näher kommen als Thomas es sich in seinen kühnsten Träumen gewünscht und sogar bekommen hat.

 

Überlegen Sie mal: Wie wertvoll sind Ihnen die Dinge, die Sie mit Händen greifen können? Haus, Auto, Boot? Und wieviel bedeuten Ihnen jene, bei denen das nicht geht; schlicht unmöglich ist, weil sie sich nicht anfassen lassen - eben keine Dinge sind. Sondern Beziehungen. Gefühle. Erinnerungen. Inspiration. Begegnungen. Was ist Ihnen wohl mehr wert? Was bestimmt ihr Leben stärker?

Die drei „hashtags“ des christlichen Glaubens: Glaube, Hoffnung und Liebe - die sind von genau der Art.

 

Gleichwohl bleibt auch der ungreifbare und gerade deshalb so besonders nahe Jesus nicht gänzlich ohne Anhaltspunkt. Wenn er schon nicht neben Dir an der Ampel steht, so ist er doch spürbar, und zwar durch seine Geistesgegenwart. Jesus "blies" seine Jünger an, so haben wir gehört.

Was sich für unsere Ohren vielleicht eher nach Alkoholtest anhört, ist biblisch gesehen nichts anderes als Einhauchung des Lebens. Wie in der Schöpfungsgeschichte der Lehm vom Acker, der Staub der wir doch nur sind, belebt wird durch den Atemhauch Gottes ("So ward der Mensch ein lebendiges Wesen", lesen wir dort), so haucht Jesus den nach Ostern wie toten Jüngern das Leben neu ein.

Denn so wie sie sich da versammelt hatten: zurückgezogen, abgeschottet, angstbesetzt, hinter verschlossenen Türen: gleichen sie ja praktisch dem toten Christus in seinem Felsengrab (Jede Ähnlichkeit mit lebenden Gemeinden oder kirchlichen Einrichtungen sind natürlich auch hier wie im Film rein zufällig). Was sie brauchen, ist das, was Jesus selbst hinter sich hat und woran er ihnen - qua lebensrettender Reanimation - Anteil schenkt: eine solide Auferstehung. Göttliche Sauerstoffzufuhr. Unsichtbar und lebensnotwendig. Deshalb heißt ja auch unser Sonntag so: Wie die neugeborenen Kinder.

 

Ich komme zum Schluß:

Eine solche Reanimation, eine solche Auferstehung ist offenbar möglich, wenn Sie Ihrer eigenen Wahrnehmung vertrauen lernen, wenn Sie sich selber glauben können, wenn Ihre eigene Wirklichkeit nicht weniger wert ist als das, was die anderen beschreiben zu sehen oder behaupten, gesehen zu haben. Wenn Sie sich selber für voll nehmen. Jesus jedenfalls nimmt uns auf ziemlich radikale Weise für voll: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“

 

Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen: Wenn Du verzeihst, verzeiht Gott mit. Und wenn nicht, dann nicht.

 

Mehr Nähe zu Jesus geht nicht.

Mehr Leben geht nicht.

Was bitte, wollen Sie dann noch mit einer solchen Figur?

 

Amen.