Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 3,1-8

Dr. Matthias Ahrens

07.06.2009

Zugleich Kommunal- und Europawahl

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde: Schon das Pfingstfest – so hat jüngst eine Umfrage ergeben – können viele Menschen in Deutschland nicht recht einordnen. Sie wissen nicht, was hier gefeiert wird. Wie wird es wohl um das Trinitatisfest stehen, das Fest der Dreieinigkeit, das wir heute begehen und das das Kirchenjahr bis in den Herbst hinein gliedern wird? Ich muss zugeben: erst als ich zum ersten Mal an Trinitatis zu predigen hatte, ist mir aufgefallen, dass das ein Fest ist, ein Fest sein soll. Kennen Sie jemanden, der dieses Fest begeht? Selbst ein Liturgiker, ein Theologe, dessen Fachgebiet das Kirchenjahr und die Gestaltung von Gottesdiensten sind, - selbst ein Liturgiker bezeichnet das Fest der Dreieinigkeit als ein „Ideenfest“. Und dahinter scheint mir die Einsicht zu stecken, dass so ein Ideenfest wenige vom Hocker reißen wird.

In diesem Jahre – so zeigt auch der Blick über unsere Straßen – wird dieser Sonntag eher von den drei Wahlen geprägt, von der Wahl für den Gemeinderat, für die Regionalversammlung und für das Europaparlament. (Wie viele Wahlberechtigte das allerdings vom Hocker reißt, wird sich heute Abend zeigen ...)

Der Predigttext für diesen Sonntag, für diesen Wahlsonntag am Trinitatisfest, steht beim
Evangelisten Johannes im 3. Kapitel:

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. 2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. 3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. 7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Neu geboren aus Wasser und Geist – von den drei Personen der Dreieinigkeit geht es heute also vor allem um den Geist. Was kann die Beschäftigung mit dem Geist und der Dreieinigkeit zu diesem Wahlsonntag beitragen?

Wenn etwas breiter bekannt ist vom Pfingstfest, dann ist es wohl der Aufbruch, den der Heilige Geist bewirkt. Die Jünger, so habe ich es schon in der Kinderkirche gelernt, hatten sich verkrochen, eingebunkert. Doch als dann der Heilige Geist über sie kam, brachen sie auf, gingen sie hinaus, machten sie sich den Festbesuchern in Jerusalem verständlich und lösten eine Massenbewegung aus. 3000 Menschen, so berichtet die Apostelgeschichte, ließen sich allein am Pfingsttag taufen. So also wirkt der Heilige Geist, das Brausen, das über die Jünger kam, die Feuerzungen. Das weckt Hoffnung: es ist also möglich, vom christlichen Glauben allgemein verständlich zu erzählen. Das spornt an, diesen Aufbruch nachzuvollziehen.

Diese Sehnsucht nach allgemeiner Verständlichkeit und nach dem Aufbruch hegen ja nicht allein wir Christenmenschen. „Frischen Wind“, so las ich neulich in einer Wahlwerbung, soll ein junger Mann nach seiner Wahl als Abgeordneter in den Gemeinderat bringen. (Frischer Wind ist so etwas wie Geist; im Hebräischen wie im Griechischen bedeutet das Wort für Geist zugleich Windhauch/ Atem.)

Diese Sehnsucht nach frischem Wind ist weit verbreitet und sie richtet sich häufig auf junge Leute. In den Kirchengemeinden stoßen sich viele an den eingefahrenen Wegen der Pfarrer und hoffen auf einen jungen Pfarrer, der „frischen Wind“ bringen soll. Auch im Kulturbetrieb richten sich immer wieder große Hoffnungen auf junge Autorinnen und junge Musiker, die „frischen Wind“ bringen sollen. Und jeder Fußballverein, der den Trainer entlässt, hofft auf „frischen Wind“ durch den neuen, auch wenn – wie die jüngste Vergangenheit zeigt – der neue Trainer ein alter sein kann.

Frischer Wind, frischer Geist bedeutet Aufbruch zum Besseren – so kann man diese Erwartung, diese Hoffnung wohl zusammenfassen.

Hier in Deutschland haben wir einen politischen Aufbruch vor zwanzig Jahren erlebt. Da kam offenbar ein neuer Geist über viele Menschen – gerade viele Christenmenschen! – in der DDR. Sie wurden mutig: sie schauten z.B. bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 dem Staat auf die Finger und machten die Wahlfälschungen öffentlich. Sie versammelten sich jeden Montag zu Friedensgebeten und machten damit deutlich, dass sie sich noch mehr wünschten als das, was der SED-Staat unter Frieden verstand. Und der neue Geist, der Aufbruch zeigte Wirkung. Es dauerte nur noch einige Monate, bis die DDR-Regierung die Berliner Mauer öffnete und dann praktisch zerfiel.

Gerade im vergangenen Jahr haben wir im Präsidentschaftswahlkampf der USA einen neuen Geist, einen Aufbruch erlebt. Unter dem Motto „Yes we can“ machte Barack Obama den US-Bürger/innen Hoffnung auf einen grundlegenden Wandel. Damit fegte er die Konkurrenz hinweg, die eher für Kontinuität, fürs Anknüpfen an das Vorhandene stand, erst seine parteiinterne Gegenkandidatin Hilary Clinton und dann den Republikanischen Kandidaten John McCain. Sogar zu uns nach Deutschland schwappte die Welle der Begeisterung; obwohl wir ja gar nichts zu entscheiden hatten ...

Nicht zuletzt im Bereich der Kirchen feiern diejenigen, die auf frischen Wind durch den Heiligen Geist setzen, seit vielen Jahren unglaubliche Erfolge. In Deutschland, aber vor allem in den weniger entwickelten Teilen der Welt wachsen die Pfingstgemeinden und Pfingstkirchen, während die klassischen Konfessionen – die evangelischen Kirchen genau wie die römisch-katholische – Boden verlieren.

Meist zeigt sich allerdings, dass der frische Wind, dass der Aufbruch nur eine begrenzte Zeit lang wirkt. Der neue Geist schüttelt die alten Verhältnisse tüchtig durch, der neue Geist führt vielleicht sogar zu neuen Verhältnissen. Doch dann setzt zwangsläufig Routine ein, bilden sich neue Gewohnheiten und Strukturen heraus. Die können besser sein als die alten, müssen es aber nicht. Über kurz oder lang zeigt sich bei jedem Aufbruch: der frische Wind, der neue Geist lässt sich nicht konservieren.

Während meines Studiums habe ich mich mit Pfingstgemeinden in Hamburg beschäftigt. Die waren (und sind) stolz darauf, dass ihre Gottesdienste viel lebendiger sind als unsere, dass der Heilige Geist sich in ihren Gottesdiensten frei äußert, u.a. in Zungenreden. Immer wieder, so erinnere ich mich an einen solchen Gottesdienst, standen Menschen auf und beteten laut und irgendwie entrückt, verständlich oder in Zungen, d.h. in unverständlichen Worten. Aber irgendwann griff derjenige ein, der vorn stand und das Mikrophon in der Hand hielt. Auch hier bestimmte also nicht (mehr) der Geist den Gottesdienst, sondern die Struktur.

Und uns allen steht doch vor Augen, was aus dem Aufbruch in der DDR wurde. Knapp gesagt: der „Demokratische Aufbruch“, eine frisch gegründete Partei der DDR-Bürgerrechtler, schloss sich bald der CDU an. Dem Aufbruch folgte der Anschluss an die Bundesrepublik Deutschland, und auf dem Gebiet der DDR wurden unsere Strukturen eingeführt. Viele derer, die den Aufbruch angeführt hatten – darunter viele Evangelische –, waren von den neuen Verhältnissen enttäuscht, weil sie nicht ihren Träumen entsprachen. Und viele derer, die sich dem Aufbruch angeschlossen hatten, waren bzw. sind enttäuscht, weil sie ihre alten Sicherheiten verloren haben.

Jeder Aufbruch, auch jeder erfolgreiche Aufbruch, führt zu neuen Strukturen. Die „permanente Revolution“ – eine Partei dieses Namens gibt es in Mexiko – die „permanente Revolution gibt es nicht. Auch ein dauerhaftes Pfingstfest gibt es nicht. Und dass die beim Pfingstfest entstandene Kirche sich organisierte und Strukturen ausbildete, ist kein Abfall vom Ursprung, von Jesus Worten und Taten – wie viele meinen –, sondern historische Notwendigkeit.

Mir scheint, als wenn der Evangelist Johannes von diesem Charakter des Geistes weiß. Ja, er lässt Jesus sagen: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (v 5) Aber der Geist ist eben auch unstet, so wenig auszurechnen wie der Wind: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“ (v 8) Der Geist ist heilsnotwendig, aber man kann nicht mit ihm rechnen. Deshalb steht auch nicht er, sondern Jesus Christus als das Wort Gottes für den Evangelisten im Mittelpunkt, das Wort, das im Anfang bei Gott war und mit ihm die Welt geschaffen hat. Später im Evangelium lässt Johannes Jesus den Geist als den Tröster bezeichnen, der die Jünger an alles erinnern soll, was er, Jesus gesagt hat. (14,36)

Was zählt, ist eben nicht allein der frische Wind, ist nicht allein der Aufbruch. Nach dem Pfingstfest feiern wir die Dreieinigkeit, weil eben mehrere Aspekte zum Leben der Welt gehören: Wir bekennen Gott Vater als den, der in der Schöpfung dem Chaos Struktur gegeben hat, der sein Volk erwählt und ihm sein Gebot gegeben hat. Wir bekennen Jesus als den Christus, den Sohn Gottes, der unsere Sünde auf sich genommen und durch seine Auferstehung den Tod besiegt hat. Und wir bekennen den Heiligen Geist als Kraft des Aufbruchs und als Tröster, den Heiligen Geist, „der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“, wie es im Nicänischen Glaubensbekenntnis heißt (EG 687). Erst in dieser Dreifaltigkeit ist der eine Gott komplett.

Mit diesem Verständnis am Fest der Dreieinigkeit wählen zu gehen, passt – wie ich finde – ganz gut:

Frischer Wind und erst recht der Geist Gottes weht, wo und wann er will. Ein solcher Aufbruch lässt sich nicht herbeiwählen. Es ist gut, wenn auch junge Leute in den Parlamenten vertreten sind, und es ist wichtig, dass die Parlamente nicht erstarren, sondern die gesellschaftlichen Themen immer neu aufnehmen. Aber Jugend garantiert keinen Aufbruch, und wirksame Aufbrüche werden selten durch Wahlen ausgelöst.

In der parlamentarischen Demokratie geht es bei den Wahlen ganz nüchtern darum diejenigen zu bestimmen, die in den nächsten Jahren die Aufgaben des Staates wahrnehmen sollen. Und nach der Barmer Theologischen Erklärung, die vor ziemlich genau 75 Jahren entstanden ist, hat der Staat genau zwei Aufgaben, nämlich „für Recht und Frieden zu sorgen“ (EG 836). Nicht mehr, aber auch nicht weniger als das. Der Staat muss also seine Bürger nicht vor allen Widrigkeiten versichern – das kann er auch gar nicht – und alle Ungerechtigkeiten zurecht rücken. „Für Recht und Frieden zu sorgen“ – das ist die Aufgabe des Staates und darum geht es bei Wahlen. Ein freiheitlicher Staat stellt beides vor allem durch verlässliche Regeln und Strukturen sicher.

Ja, der heutige Predigttext betont das Wirken des Heiligen Geistes. Er weist dem Heiligen Geist einen heilsnotwendigen Platz zu: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Das ist – nach dem Nicänischen Glaubensbekenntnis – der Geist, „der Herr ist und lebendig“ macht. Dieser Geist steht aber nicht allein da, sondern es ist der Heilige Geist, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht.

In diesem Sinne gehe ich nachher am Trinitatisfest zum Wählen.

Amen