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Predigt über Johannes 5,1-9

Hartmut Witzig

01.04.2008 in Bad Boll

Andacht – Leben im Heim

Andacht – Leben im Heim

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
2 Es ist aber zu Jerusalem bei dem Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Bethesda und hat fünf Hallen
3 in welchen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte, die warteten, wann sich das Wasser bewegte.
4 Denn ein Engel des Herrn fuhr herab von Zeit zu Zeit in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst, nachdem das Wasser bewegt war, hinein stieg, der ward gesund, mit welcherlei Leiden er behaftet war.
5 Es war aber daselbst ein Mensch, der lag schon 38 Jahre krank.
6 Da Jesus den sah liegen und vernahm, dass er schon lange krank gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, wenn das Wasser sich bewegt, der mich in den Teich bringe; wenn ich aber komme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9 Und alsbald ward der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.


Liebe Brüder und Schwestern,

„Ich habe keinen Menschen ...“ mit dieser Klage des Kranken damals am Teich Bethesda, vor 2000 Jahren,  sind wir mitten in unserer heutigen Gesellschaft. Viele: aus der Bahn geworfene Menschen, Hoffnungslose, Leidende, Einsame, Sterbende, aber  auch junge Leute. erleben und empfinden das ebenfalls so.

„Ich habe keinen Menschen ...“ – so klagt also dieser Mann, der seit 38 Jahren krank lag und in trostlose Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit verbannt war.
Anfänglich haben vielleicht noch manche Menschen aus seiner früheren Umgebung  vorbeigeschaut: Angehörige, Freunde. Aber immer mehr ist er vereinsamt.
Was soll man auch mit ihm reden. Helfen kann man ja doch nicht. Wer kennt das nicht: Man ist ganz erschüttert über die Nachricht einer unheilbaren Krankheit, die einen vertrauten Menschen getroffen hat. Man besucht ihn dann noch, um Zuversicht und Trost zu vermitteln. Die Besuche werden seltener oder hören vielleicht ganz auf. Menschen auf der Schattenseite, werden schnell einsam.

Jesus lässt sich berühren von der Situation dieses Menschen. Er bietet ihm nicht einfach ein Hilfekonzept an, sondern fragt, was er will. Er sieht nicht nur die Äußerlichkeiten, die äußeren Gebrechen, den vordergründigen äußeren Hilfebedarf, sondern nimmt auf seelsorgerliche Weise den ganzen Menschen wahr mit seiner Einsamkeit, seiner Verzweiflung, seiner Enttäuschung über das Leben und über das Verhalten der Mitmenschen.
Jesus sieht wach und aufmerksam den Menschen mit all seinen Bedürfnissen, fragt nach ihm und hört ihm zu. Der Einsame fühlt sich ernst genommen und angenommen. Diese innere Berührung weckt Vertrauen, der Kranke öffnet sich und erzählt, was ihn bedrückt. Er wird innerlich gelöst, und seine Erzählung gipfelt dann in diesem Aufschrei: „Herr, ich habe keinen Menschen.“
Wo man aufmerksam und wach sieht, was der andere will, wo man bereit und fähig ist, zuzuhören, da ist bereits der erste Schritt zur Hilfe getan.

Dass es  immer schwerer wird, in der stationären Pflege und auch bei den ambulanten Diensten, menschliche Zuwendung, Mitmenschlichkeit und Nähe spüren zu
Lassen, erleben wir ständig bei unserem Dienst im Pflegeheim, oder bei Besuchen von Alten  und pflegebedürftigen Menschen. „Satt- und Sauberpflege, „keine Zeit für Gespräche“, solche und ähnliche Formulierungen sind an der Tagesordnung.

„Ich habe keinen Menschen…“ - In diese Einsamkeit und Trostlosigkeit, in diese Hoffnungslosigkeit und Resignation kommt der eine, wahre Mensch Jesus Christus, der Sohn Gottes. In ihm berührt uns Gott, reicht Gott uns die Hand. Hier in dieser Geschichte leuchtet das auf. In diesem Jesus Christus berühren sich Himmel und Erde, Gottes Liebe und Barmherzigkeit kommen herein in die Welt mit all ihren Krankheiten und Bitterkeiten. Heil und körperliche Heilung sind hier zeichenhaft zusammen. Für uns, die wir damit leben müssen, dass es auch unter Umständen keine Heilung gibt von Krankheiten, dass es schweres Leiden und Unglück gibt liegt das noch auseinander: Heil und Heilung. Aber hier leuchtet  etwas auf, was nach Offenbarung 21 verheißen ist: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“

In diesem weiten Horizont steht diese Begebenheit am Teich Bethesda, denn Gott will: Ganzes, heiles Leben.
Jesus Christus will uns so berühren und begegnen, dass wir herauskommen aus unserer Trostlosigkeit und Einsamkeit, auch an unserem persönlichen Ort Bethesda, den mancher von uns hat. Er ist in die Welt gekommen, damit Hoffnungslose mit Hoffnung erfüllt werden, Traurige Zuversicht gewinnen, Einsame Zuwendung erfahren, Verbitterte Freundlichkeit erleben. Er ist für uns Mensch geworden, damit wir Menschen für andere werden, damit zeichenhaft sichtbar wird, was Gott für alle Menschen will: Heil und volles erfülltes Leben. Und in seiner Nachfolge können wir mit unseren Bemühungen füreinander Lichter aufstecken, die hinweisen auf die Helligkeit des Lebens, die uns nach aller Dunkelheit verheißen ist.

Wir sind alle eingeladen, uns berühren zu lassen von der Liebe Gottes in Christus, eingeladen uns zu öffnen für die Trostlosigkeit und für die Schwierigkeiten anderer. Wir sind eingeladen, mitzumachen an dieser Bewegung der Liebe Gottes zu uns Menschen, sind eingeladen, dazu beizutragen, dass Menschen in Würde alt werden können, geachtet und geborgen bis zu letzt. Und wir können uns nach unseren Möglichkeiten dort wehren, wo Würde und Wert von Menschen missachtet werden.
Es liegt eine große Verheißung darin, wenn Menschen im Sinne und im Geiste Jesus sich berühren lassen von der Zuwendung Gottes und sich öffnen für die Fürsorge für andere; wenn mit unseren Besuchent die Nächstenliebe gestärkt und gestützt wird.
Wir können uns von Jesus Christus anrühren und bewegen lassen  und etwas dazu beitragen, dass immer mehr Menschen sagen können „Ich habe einen Menschen...“,

Amen.