Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 5,1-9

Dr. Roland Goeden


Die Heilung am Teich Bethesda

„Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber zu Jerusalem bei dem Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Bethesda und hat fünf Hallen, in welchen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Behinderte, die warteten, dass das Wasser sich bewegte, denn ein Engel des Herrn fuhr herab von Zeit zu Zeit in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst, nachdem das Wasser bewegt war, hineinstieg, der ward gesund, mit welchem Leiden er auch behaftet war. Es war aber daselbst ein Mensch, der lag schon 38 Jahre krank. Da Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: „Willst du gesund werden?“ Der Kranke antwortete ihm: „Herr, ich habe keinen Menschen, wenn das Wasser sich bewegt, der mich in den Teich bringe. Wenn ich aber komme, so steigt ein anderer vor mir hinein.“ Jesus spricht zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Alsbald ward der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging.“

Liebe Gemeinde!
„Willst du gesund werden?“ Das ist die Frage an den Kranken in unserer Geschichte. „Willst du gesund werden?“ Das ist die Frage an die Welt und das ist die Frage Christi an uns heute morgen. „Herr, ich habe keinen Menschen!“, so klagt der Kranke in unserer Erzählung, so klagt die Menschheit immer wieder, und jeder von uns kennt wohl das Gefühl, allein zu sein und niemanden zu haben, der ihm wirklich helfen kann. Unsere Erzählung führt uns nach Jerusalem zu einem Teich. Dort waren fünf Hallen, ein Krankenhaus mit vielen Elenden und Lahmen, ein Ort des Elends. Dann ist dort eine Heilquelle. Wir hören von einem Engel. Engel, das sind die Boten Gottes. Das will uns daran erinnern: Überall dort, wo es Heilung gibt, bei Ärzten, bei Menschen, die zuhören, bei heilenden Quellen – überall dort geht es um Gottes Boten, die seine Heilung in die Welt bringen. – Nun kann man fragen: „Wie kommt das, dass immer nur ein Mensch gesund wird?“ Nun ist die Bibel ein orientalisches Buch – nicht an einem norddeutschen Schreibtisch geschrieben, sondern sehr lebendig erzählt. Ich kann diesen Vorgang nicht erklären. Man kann das versuchen: Ja, vielleicht ist da immer nur ein Ausstoß von Radon, der nur kurz dauert. Aber das wäre eine geologische Erklärung, die uns nicht weiterhilft. In der Bibel geht es um theologische Aussagen, um Gottes Handeln – das ist eine ganz andere Absicht.

Wir hören von Jesus, der dorthin kommt. Jesus, der seine himmlische Welt verlässt, wo ihm alle zujubeln und Halleluja singen. Er geht in diese Welt nach Israel, nach Jerusalem, wo die römischen Legionen marschieren und die Terroristen im Untergrund kämpfen, - und wo sich nun das Elend der Welt an diesem Teich sammelt.

Unter den Kranken und Elenden – dort ist sein Platz. Und da ist nun dieser Mann, der immer zu kurz kommt. Immer sind die anderen zuerst da. Jesus fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ Der kann gar nicht verstehen. Er denkt in seinen Kategorien: „Wenn ich gesund werden soll, dann muss mich jemand hinbringen, der muss schneller sein als die anderen. Aber das ist meine Lebenserfahrung nach 38 Jahren: Immer kommt mir ein anderer zuvor.“ Er kann nur resigniert feststellen: Ich habe keinen Menschen! Er sieht gar nicht, wer da vor ihm steht, dass dort Jesus ist, der Herr über die Krankheiten, der Herr über die Naturgewalten, der Herr über Schuld und Sünde, der Herr über Tod. Aber Jesus diskutiert nicht mit dem Kranken. Souverän gibt er ihm einen Befehl, und dieser Befehl bedeutet Freiheit und Heilung: „Steh auf, nimm deine Matratze, geh!“ Der Kranke befolgt diesen Befehl, wird gesund und geht. Wieder kann man fragen: Wie ist das möglich? Medizinisch könnte man sagen: Ja, Lähmungen sind oft Verkrampfungen. Jesus hat offenbar eine Ausstrahlung, die Menschen löst und befreit. So etwas gibt es auch heute. Vielleicht war das so. Eine solche Erklärung wäre möglich, aber vordergründig. Die Bibel meint mehr: Jesus ist der Herr über die Krankheiten. Wo er auftritt, haben Krankheit, Stürme, Sünde, ja sogar der Tod sein Recht verloren.

Soviel zu dieser Erzählung. Vielleicht werden manche von Ihnen sagen: „Ja, eine schöne Geschichte, aber lange her. Was nützt mir das, wenn Jesus damals einen Kranken geheilt hat? Ich spüre meine alten Knochen. Wo komme ich in dieser Geschichte vor?“

Ich habe diese Erzählung einmal Jungen und Mädchen im Berufsgrundschuljahr vorgelesen. Das sind 15- bis 16-Jährige, die oft keine Lehrstelle gefunden haben. Sie sind nicht besonders hübsch oder intelligent. Sie sind sitzen geblieben, sie kennen allerlei Frustrationen und Versagen, sie haben erfahren, dass ihnen immer jemand zuvor kommt. Ihnen habe ich diese Geschichte vorgelesen. Dann habe ich ihnen gesagt: „Hier habt ihr Papier, Buntstift und Fingerfarben. Nun malt einmal, wie ihr diese Geschichte erlebt habt!“ Da haben sie gesagt: „Ach, das können wir nicht. Wir haben doch seit der Grundschule nicht mehr gemalt!“ Ich meinte: „Das macht nichts. Es muss ja nicht schön und genau sein. Den Engel könnt ihr weglassen, wenn ihr meint, das ist zu schwer.“

Na, es dauerte eine Weile, dann fingen sie an, sehr konzentriert zu malen. Ich habe einige dieser Bilder mitgebracht. (Der Prediger zeigt verschiedene Zeichnungen der Jugendlichen). Eine sehr grüne Wiese, der Teich sehr blau. Da sind zwei Menschen, ein Kranker ... ob das nun eine Hütte ist oder ein Fingerzeig nach oben, bleibt offen. Dazu eine Sonne ... Von Sonne und Gras ist in der Erzählung gar nicht die Rede. Es sind sehr fröhliche und lebendige Farben. Hier ganz anders. Sehr viele Blumen, eine Wiese, Bäume, ein blühender Strauch. Auch das kommt in der Erzählung nicht vor. Hier sehr farbenfroh, der Kranke auf seiner Bahre, Jesus in Rot, das Krankenhaus grün, dazu die Sonne.

Alles sehr fröhlich und lebendig. Ich habe das einmal einem Zeichenlehrer gezeigt, der meinte: „Ach, das ist ja sehr primitiv. Die sind doch nicht 15, die sind höchstens 11 Jahre!“ Na und! Ich glaube, diese Jungen und Mädchen haben etwas von der Freude in dieser Geschichte kapiert und mit sehr einfachen Mitteln gestaltet. Hier ist gar kein Mensch zu sehen, nur Bäume und Blumen und eine aufgehende Sonne. Die Schüler haben sich mit dem identifiziert, der zu kurz gekommen ist. Und dann haben sie die Freude und Freiheit, die diese Geschichte anbietet, nach einmaligem Hören kapiert. Hier ist ein Mädchen, das hat die Erzählung umgesetzt in Sonne und drei Menschen davor ... und diese in einen Sonnenaufgang. Ich war fasziniert und ein bisschen beschämt darüber, wie diese einfachen Jungen und Mädchen diese Geschichte erfasst haben. Sie haben die Freude gespürt, obwohl ich ihre Verhältnisse nicht verändert habe, ihnen keine Lehrstelle oder gute Noten anbieten konnte. Das ist das Aufregende am Religionsunterricht – man weiß oft nie, was dabei herauskommt. Das macht Spaß und ist ein Abenteuer!

Sie haben erfasst: Es geht in biblischen Geschichten nicht nur um einen Bericht aus der Vergangenheit. Es geht um ein Angebot: Dort kann ich mich wiederfinden. Und die Jungen und Mädchen haben mir auch gezeigt, wo ich in dieser Geschichte vorkomme. Manche von Ihnen werden sagen: „Ja, diese Lähmung, das kenne ich körperlich.“ Andere meinen vielleicht: „Na ja, so ist es ja nun nicht, dass mir immer einer zuvorkommt. Ich habe im Leben ja etwas Schönes erreicht!“ Aber diese biblische Geschichte ist noch abgründiger. Luther sagt einmal: „Die ganze Welt ist ein Spital. Wir sind zu lahm, um etwas von Gott zu erwarten, zu glauben.“ Wir sind zu resigniert, um in Bewegung zu geraten, wir liegen wie gelähmt: „Ich habe keinen Menschen! Wer soll denn diese Welt in Ordnung bringen? Wer soll alles wieder heil machen, was da in der Politik geschieht?“ So gleichen wir, so gleicht die Menschheit im ganzen diesem Kranken.

Der dänische Theologe Sören Kierkegaard spricht von der „Krankheit zum Tode“. Dafür ist dieser gelähmt nur ein Zeichen, nur ein Symptom, nur ein Symbol.

Aber dann kommt Jesus. Er gerät selbst in die Fänge der Krankheit zum Tode. Er wird gefangen, er kann sich am Kreuz nicht bewegen. Er ist sozusagen auch gelähmt bis in den Tod. Er sagt nicht nur: „Ich habe keinen Menschen“, sonder er ruft sogar: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Da ist er uns ganz nah. Aber dann holt Gott der Herr ihn aus dem Tode heraus. Christus lebt! Das ist für mich der tiefste Grund für die Wahrheit dieser Erzählung“ Ich hoffe, dass Sie alle im Leben einmal erfahren haben, dass Sie gesund geworden sind, dass Sie Menschen gefunden haben, in deren Gegenwart Sie sich entkrampfen, frei reden und vielleicht sogar Schuld zugeben konnten. Das ist Geist vom Geiste Christi. Auf der anderen Seite bleiben wir, solange wir hier leben, gefangen in Krankheit, Not und Ängsten, in Resignation. Und jeder von uns muss durch das Tal des Todes hindurch. Das bleibt niemandem erspart. Aber die Auferstehung Jesu Christi bietet uns Gesundheit und Leben an – auch durch Krankheit und den Tod hindurch. Manchmal gibt es Hoffnung nur jenseits der Verzweiflung, erst jenseits des Todes.

Weil Christus lebt, gilt seine Frage in einem sehr tiefen Sinn: „Willst du gesund werden?“ Er will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, wo es keine Krankheit, kein Geschrei und keinen Tod mehr gibt und wo Gott selber die Tränen von unseren Augen abwischen will. Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen“. Angesichts dessen gibt mir diese Erzählung Hoffnung, obwohl ich nicht weiß, wie es mit dieser Welt weiter geht, ob wir es schaffen werden, sie zu bewahren. Das muss ich Gott überlassen. Ich traue Gott zu, dass seine unbegrenzte Gesundheit, sein Heil mir und uns allen gilt. Deshalb gilt seine Einladung, dass wir unsere Straße fröhlich ziehen. Das wünsche ich uns allen.

Amen.