Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 8,1-11

Pfarrer i. R. Dr. theol Friedrich Haarhaus (ev)

04.11.2012 in Oberstdorf und Lohmar

I.

„Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch ergriffen. Das Gesetz sagt: steinigen. Was sagst du?“ Mit dieser Frage wollten Pharisäer und Schriftgelehrte Jesus in eine Falle locken. Wie in einem Triumphzug führten sie die Frau mit sich: „Aus dieser Zwickmühle entkommt er nicht“, meinte einer. „Sagt er ‚Steinigt sie doch‘, widerspricht er seiner Predigt von der vergebenden Liebe Gottes. – „Antwortet er ‚Gebt sie frei! Gott lässt Gnade vor Recht ergehen‘, verstößt er gegen das Gesetz.“ – „Ja, und damit hetzt er die Menge gegen die bestehende Ordnung auf.“ – „Das reicht zu einer Anklage.“ – „Und ich wüsste noch andere Anklagepunkte.“

Inzwischen waren sie im Vorhof des Tempels angelangt. Jesus lehrte, viele hörten ihm zu. Sie stellten die Frau in die Mitte vor Jesus. Mit „Meister“ redeten sie ihn ehrerbietig an. Während sie ihre Frage vortrugen, lächelten einige der Pharisäer spöttisch in die Menge. Sie waren sicher, die Menge würde ihnen zustimmen. – In der Tat. Unruhe kam auf. Die Menge spaltete sich: Einige wenige waren für ihre Freilassung, die meisten für ihre Verurteilung. Einer in der vorderen Reihe rief mit erregter Stimme: „Wo kämen wir hin, wenn Menschen unbestraft gegen das Gesetz handeln!“ – Ein Pharisäer nickte ihm zu: „Das war auch unsere Meinung.“ – Die Spannung stieg. Alle schauten auf Jesus. Wie würde er reagieren? Die Frau in der Mitte blickte verschämt vor sich. Jesus bückte sich nieder. Er schrieb mit dem Fingen auf die Erde.

Seine Gegner steckten die Köpfe zusammen: „Was macht er da? Er soll uns antworten!“ – Was er schrieb, interessierte sie nicht. Es hatte keine Aussagekraft vor Gericht. Auf den Gedanken kamen sie nicht, dass er ihnen möglicherweise sagen wollte: „Von Menschen gemachte Gesetze werden irgendwann vom Winde verweht. Gottes Wort bleibt ewig.“ Oder hatte er „Vergebung“ geschrieben? – „Er soll endlich antworten!“ – Sie waren so überzeugt von sich, dass ihnen nichts Besseres einfiel. – Da richtete sich Jesus auf: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ – Wie gelähmt standen sie da. Damit konnte keiner rechnen. Ihre Mienen verfinsterten sich. „Ihn steinigen statt der Frau!“ knirschte einer zwischen den Zähnen hervor. Keiner hob einen Stein auf. Einer nach dem anderen ging, die Ältesten zuerst. Im Weggehen hörte man einen sagen: „Wieder eine Niederlage, und das vor so vielen! – Na, warte! Dich kriegen wir!“

II.

Was ist das Traurigste an dieser Geschichte?

  1. Haben sich Menschen Treue gelobt und einer bricht aus, das macht traurig. Das Vertrauen ist hin. – Aber „Ehebruch“? – Unser Ehescheidungsgesetz kennt ihn nicht. Das war ohnehin ein Kuriosum, dass ein Zivilprozeß wie ein Strafprozeß geführt wurde. Der Richter sollte den Schuldigen ermitteln, warum die Ehe nicht hält. Der Staat forderte intakte Ehen. Der Schuldspruch hatte rechtliche Folgen. Intakte Ehen sind die Keimzellen eines gesunden Staates, meinte man früher. – Zu Jesu Zeiten glaubte man: Das beste Mittel gegen Ehebrecherisches? Die es verursachen töten. So sagt es das Gesetz von altersher. Außerdem schreckt das ab. Niemand riskiert unter der Strafandrohung der Steinigung sein Leben.


  1. Noch trauriger? – Was muss das für ein Mensch gewesen sein, der die Frau auf frischer Tat ergriff? – Ein Gesetzesfanatiker! Der Mann entwich ihm. Die Rechtsprechung schrieb vor: Der Ankläger, zugleich der Kronzeuge, hatte bei der Hinrichtung den ersten Stein zu werfen. Dann konnten die anderen fortfahren mit Steine Werfen. – Dass es eine solche Rechtsprechung gab, wann und wo auch immer, macht schon traurig. Offensichtlich war es unerheblich, ob die Frau erpresst, überredet, belogen worden war, ob sie krank oder in Not war.


  1. Wie kann man so grausam sein, über Leichen zu gehen und sich dabei noch im Recht zu fühlen! Die Gesetzesstrengen sahen nur das Delikt. Ob die Frau Kinder, Eltern, Geschwister, Verwandte, Nachbarn und Freunde hatte, ließ sie kalt. – Was für eine Welt! Maßlos traurig!


  1. Am traurigsten aber war, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer sich nicht neben die Frau stellten. Durch ihren Weggang hatten auch sie sich als schuldig bekannt. Der erste Schritt zur Vergebung. Wären sie stehen geblieben, wäre auch ihnen vergeben worden. Doch das Recht zu vergeben sprachen sie Jesus ab: „Nicht von diesem Scharlatan!“

III.

Was ist das Erfreulichste an dieser Geschichte?

  1. Sie geht von einer Schöpfungs- und Erhaltungsordnung aus. Gegenseitiges Vertrauen und Nächstenliebe, mit einem Wort gesagt: Füreinanderdasein, legt den Grundstein zu einer dauerhaften Partnerschaft. Auf ein vertrauensvolles Jawort bauen Partner ihre Zukunft auf. Ein bindendes Ja in der Verantwortung vor Gott stärkt die Völker zum Friedenswerk.


  1. Erfreulicher noch: Jesus entrüstete sich nicht über die Frau. – Ja, gegen das Gerüst von Gesetzen über der Schöpfungs- und Erhaltungsordnung hatte sie verstoßen. Trauriger noch, dass sie nicht nach dem Schöpferwillen fragte. Doch ermutigend, dass Jesus sich schützend vor sie stellte.


  1. Jesus baute sogar den Pharisäern und Schriftgelehrten eine Brücke über ihre Schuld. Er wollte sie von ihrer Selbstgerechtigkeit lösen, mit der sie andere als ungerecht beurteilten und bereitwillig verurteilten. Doch die Brücke betraten sie nicht. Sie versteiften sich in ihrem Eigensinn.


  1. Das Erfreulichste? – Jesus hätte den ersten Stein werfen dürfen. Er tat es nicht. Er blieb bei der Frau. Er wurde ihr Erlöser. Er schenkte ihr Freiheit. Die machte er noch nicht einmal von einem Schuldbekenntnis, auch von keinem Versprechen abhängig. Er ermahnte sie lediglich, nicht mehr zu sündigen. Keine Rede davon, womit sie das verdient hatte: er begnadigte sie.

IV.

Mit dem „Schlüssel des Himmelreichs“ hatte Jesus der Ehebrecherin die Tür zu einem Neuanfang geöffnet. Diesen Schlüssel anvertraute er auch Petrus, der ihn von dem Weg nach Jerusalem abhalten wollte und ihn später verleugnete: „Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16,19). Gesetzesfanatiker mögen sich darüber erregen. Doch Gott bindet sich nicht an menschliche Gesetze: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich“ (Ex 33,19). Gott liebt die Welt, die weniger Liebenswerten mit eingeschlossen.

Welchen Verlauf hätte die Völkergeschichte genommen, hätte die vergebende Liebe Gottes die Erde umspannt? – Dass keiner mehr über Leichen geht, soweit ist die Menschheit noch nicht. Doch man höre und staune: Seine vergebende Liebe ist jeden Morgen neu. – Gott sei Dank!

Wie gehen Sie mit dem „Schlüssel des Himmelreichs“ um? Benutzen Sie ihn, um zu sammeln und zu verbinden? Reden Sie gut über andere und wenden Sie alles zum Besten? – So erklärte Martin Luther das achte Gebot, dass wir die Wahrheit sagen sollen. – Jesus ist die Wahrheit, der Weg und das Leben. Er schließt auf, nicht ab. Das meint auch das Wort „benedicere“, segnen.