Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 8,1-11

Pfarrer Gerhard Janke

01.07.2007 in Fischbek

Liebe Gemeinde,

Ach, das ist eine peinliche Geschichte. Auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Inflagranti! Erst noch ein wenig zugeschaut und schmutzig gegrinst und dann ein großes Geschrei angestimmt.
Dass die sich nicht allesamt schämen!
Aber genau das sind die beliebtesten Geschichten: Untreue, Seitensprünge, die neue Freundin, man kann gar nicht genug davon bekommen, welcher Promi oder welche Nachbarin gerade mit wem …
Auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Wie schwül das schon klingt. Erst noch ein wenig zugeschaut, dann ein großes Geschrei angestimmt, dann rein in das Schlafzimmer und sie aus dem Bett gezerrt, noch nackt vielleicht nur mit einem geretteten Laken weniger als notdürftig bedeckt, also halb nackt durch die Stadt gezerrt und angeglotzt und gedemütigt. Brutale Männerhände haben sie gegrabscht und tun ihr weh an Armen und Handgelenken und Haaren und zerren sie zum Tempel hoch, überall Leute, die gaffen und gieren, die bloßen Füße stoßen sich am Pflaster, sie stolpert gegen die Stufen und ein Gezeter und ein Geschrei und mit dem Tode bedroht …
Da müsste doch längst einer eingreifen. Selbst dann, wenn sie ein männermordendes Biest wäre, die den eigenen Mann zum Gespött machte, nicht nur einmal. Selbst dann, wenn sie ein blondes oder ein rotes Gift wäre, die die Ehefrauen der Stadt beleidigte wieder und wieder – selbst dann. Aber vielleicht ist sie noch nicht einmal ein Biest, vielleicht ist sie nur eine unglückliche kleine Frau, vielleicht hat sie ihre ganze Kindheit und dann in einer arrangierten Ehe erst unter der Macht des einen und dann unter der Macht des anderen Wüterichs gelebt, vielleicht hat sie niemals das Glück der Liebe geschmeckt, seit sie die Stube der Mutter verlassen musste, niemals die Schmetterlinge gesehen, niemals die Glut gespürt, bis plötzlich wie ein Wunder, wie ein Sonnenaufgang dieser andere auftauchte – ihr Freund. Aber ach, ganz und gar verboten, unmöglich, hoffnungslos. Und dann doch, dieses eine Mal, aber es geht nicht gut.
Vielleicht sogar in eine Falle gelockt. Und auch jetzt noch nicht ahnend, dass diese Falle nicht einmal ihr gilt, dass sie gar nicht die eigentliche Beute ist. Ich möchte beinahe hoffen und wünschen, dass die Steine wenigstens soviel Barmherzigkeit besitzen, dass sie es ganz schwarz werden lassen, bevor sie gewahr wird, dass es gar nicht um ihre große Liebe geht, die es wohl wert wäre, wollen hoffen, dass sie in ihrer Angst und Atemlosigkeit nicht mehr miterleben muss, dass sie und ihr kurzes Glück eigentlich schnurzegal sind, dass sie nichts anderes ist als so ein kleiner nackter Regenwurm, den man grabscht und quetscht und auf den Haken fädelt, dass sie nur ein Köder ist in der eigentlichen großen Falle, mit der man einen ganz anderen viel dickeren Fisch ans Land ziehen will.
Und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten.
Aha, sie wissen schon, wie Jesus denkt, sie wissen es ganz genau. Jesus wird dieses kleine verlorene Schaf in Schutz nehmen. Er kann ja gar nicht anders. Jesus sucht das Verirrte, das Unglückliche, Jesus hat ein grenzenloses Mitgefühl und Mitleid, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende und ist alle Morgen neu. Sie wissen es ganz genau, sie haben ihn gut verstanden. Und je mehr sie die Kleine quälen und je gröber sie sie anpacken und je hässlicher sie sie beschimpfen, umso sicherer wird Jesus, dieser Gütige, in ihre Falle tappen.
Und warum?
Wollen sie denn so böse sein?
Warum wollen sie denn so böse sein?
Jetzt will ich es wissen, ich will es einfach wissen, ich gehe ganz dicht ran: Jesus sitzt in der Mitte. Vor ihm liegt die Frau, der Wurm in den Staub geworfen, geschüttelt, sie weint, sie zittert. Ringsum: Pöbel. Und über allem hängt und hallt noch die Frage, die gerissene, böse Frage: Was sagst du?
Alle warten, dass Jesus nach dem Köder schnappt, gleich wird er es tun. Er kann ja gar nicht anders. Gleich wird er auf die Falle treten, dann schnellt die Feder und bricht ihm das Genick. Der Finger des Jägers krümmt sich am Abzug – bis zum Druckpunkt. Die Tucke der Angel zittert auf der arglosen Oberfläche tiefen Wassers.
Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Die Spannung ist nicht zum Aushalten. Und ich immer näher ran, kein Wort darf mir entgehen.
Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und ich spring auf und hau mir auf die Schenkel und schrei: Das gibt’s doch gar nicht! Der Typ ist so genial! Dem kann hier keiner das Wasser reichen. Der hält den Grobianen einfach den Spiegel vor. Da sehen sie selbst ihre hässlichen, geilen Fratzen. So zieht Jesus seinen Kopf aus der Schlinge.
Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern.
Und ich krieg mich gar nicht wieder ein, mich hört ja keiner, ich bin nur ein Zuschauer vor seiner Glotze und ich johle: Guck mal, wie die sich verpissen! Denen hat er’s aber gegeben! Eben noch die Jäger mit ihrem Köder und jetzt kneifen sie.
Aber die Geschichte geht immer noch weiter, ganz ruhig ohne jede Aufregung:
Und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.
Und ich merke, dass ich die ganze Zeit über selbst ein Gaffer gewesen bin. So wie jene am Schlafzimmerfenster gestanden haben, habe ich mir die Hände gerieben, wie sie in die eigene Grube fielen. Durch die Straßen, durch die sie die Frau gezerrt haben, hätte ich sie am liebsten selbst zurück getrieben.
Jesus aber macht das alles ganz anders. Jesus ist kein genialer Typ, kein gewiefter Advokat, kein überlegener Philosoph.
Jesus ist der Gottessohn, und wenn er es nicht wäre, würde ich ihn doch so nennen. Nennt mir eine zweite Geschichte wie diese!
Jesus rettet sie alle, das Opfer und die Täter, die eine vor ihren Steinen und die anderen vor meinen.
Hat dich niemand verdammt? So verdamme ich dich auch nicht.
Er rettet die anderen vor dem Bösen und die Frau vor den Steinen – und verdammt keinen.
Nennt mir eine zweite Geschichte wie diese! Jesus ist der Gottessohn, und wenn er es nicht wäre, würde ich ihn doch so nennen. Jesus rettet sie alle, das Opfer, die Täter und auch die Zuschauer und auch mich.

Amen.