Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 9,1-41

Diakon Manfred Schmidt (rk)

03.04.2011 in der Pfarrkirche St. Marien in Bonn-Bad Godesberg

Heilung eines Blinden

Liebe  Schwestern und Brüder,

 

im heutigen Evangelium sagt Jesus erneut von sich selbst aus, er sei das Licht der Welt  -  eine Aussage, die uns sehr berührt. Denn das Licht ist das Symbol für Leben und Hoffnung. Schon der Prophet Jesaja sagt: „Das Volk, das im Dunkel(n) lebt, sieht ein helles Licht.“ Damit weist er auf den kommenden Messias hin und gibt dem Volk Israel neue Hoffnung.

 

Jesus ist aber nicht nur das Licht der Welt. Er sei in diese Welt gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden, sagt er. Er wendet sich jedem einzelnen Menschen zu, der sich in Not befindet. So kann ein jeder von uns auf ihn hoffen.

 

Ob der blinde Mann, von dem das Evangelium berichtet, auf Jesus hoffte, wissen wir nicht. Es  könnte sein, dass er bislang nichts von ihm gehört hat. Jedenfalls stand er unbewegt am Wegrand und rief nicht – wie etwa der blinde Bettler Bartimäus aus Jericho- um Hilfe. Dennoch ging Jesus nicht achtlos in ihm vorüber. „Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz“, sagt der Herr zu dem Propheten Samuel, wie im ersten Buch Samuel berichtet wird. Jesus erkannte, was in dem Mann vor sich ging. Offenbar war  dieser  ohne jede Hoffnung, er war ja blind und arm. Deshalb wandte sich Jesus ihm zu.

Die Jünger meinten, der Mann  sei deshalb blind, weil er selbst (was unwahrscheinlich ist) oder seine Eltern gesündigt hätten. Jesus weist diese Ansicht zurück und stellt klar: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm wirksam werden.“ Damit löst er den Zusammenhang zwischen Sünde und Unglück. Ein Unglück ist somit nicht in jedem Fall selbst verschuldet und in keinem Fall eine Strafe Gottes, so wie es  noch die altjüdische Auffassung war. Denn wir haben es nicht mit einem strafenden Gott zu tun, sondern mit einem Gott, der gütig ist selbst gegen die Undankbaren und Bösen. Für den Blinden bedeutete dies, dass er nicht mehr den Gedanken ertragen musste, dass sein Unglück eine Strafe Gottes sei. Für ihn eröffnete sich eine Zukunft, in der das Wirken Gottes offenbar wurde.

 

Jesus  neigte sich nun zu dem Blinden, um ihn zu heilen. Hierzu spuckte  er auf die Erde und verrührte sie mit seinem Speichel zu einem zähen Brei. Diesen rieb er dem Blinden auf die Augen. Aus Erde wurde der Mensch geschaffen und jetzt sollte der Blinde mit Hilfe von Erde geheilt werden. Jesus bat ihn nun, zum Teich Schiloach zu gehen. Er tauchte dort ein als Zeichen, dass er aus Wasser und Geist neu geboren wurde. Der Blinde konnte jetzt sehen, überhaupt zum ersten Mal in seinem Leben. Es ist das ein unerhörtes, ja einmaliges Ereignis. Dennoch schildert es der Evangelist sehr zurückhaltend. Denn auf den äußeren Rahmen kommt es nicht an. Bedeutsam sind aber die Bezüge zum Schöpfungsbericht in der Heiligen Schrift. “Gott sprach:Es werde Licht und es wurde Licht“. Es  wurde  Licht für all die Menschen, die fortan die Erde bevölkerten und bevölkern. Aber auch für den früher blinden Bettler wurde es Licht; auch er sollte teilhaben an all den guten Gaben, die Gott den Menschen schenkt.

 

Die Heilung eines Menschen, der seit Geburt blind war, war auch für die Menschen der damaligen Zeit medizinisch und auch sonst nicht erklärbar. Auch nach den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen neigen wir dazu, eine solche Heilung als Wunderheilung anzusehen.Jesus will mit den Wundern, die er wirkt, seine göttliche Vollmacht  erweisen, aber auch Zeichen setzen, die auf eine übernatürliche Wirklichkeit hinweisen. Sie öffnen uns die Augen für die größeren Möglichkeiten, die Gott hat. Sie gehen weit über das hinaus, was unser Verstand begreifen kann. So kam es, dass  die Menschen, die den nun geheilten Mann  als Blinden und als Bettler kannten, fragten, voller Zweifel, Argwohn und Unverständnis, wie denn seine Augen geöffnet wurden. Die Pharisäer bezweifelten, dass derjenige, der ihn geheilt hat , von Gott sein konnte, weil er nicht den Sabbat hielt. Die Eltern des Geheilten konnten nicht erklären, wie es zur Heilung kam. Die Pharisäer riefen dann erneut den Geheilten und hielten ihm vor, dass er Sünder sein muss, weil er blind, also von Gott gestraft sei. Dies sind  die gleichen Vorbehalte, die  schon die Jünger hatten.Sie sehen nur, was vor den Augen ist. Der Geheilte erwiderte, dass Gott den erhört, der ihn fürchtet und seinen Willen tut. Dann wies er darauf hin, dass man bisher nicht gehört habe,  dass jemand die Augen eines Blindgebornen geöffnet habe.  Seine eigene Heilung könne er daher nur damit erklären, dass es Gott selbst war, der ihn geheilt hat.Eigentlich hätte diese Argumentation die Pharisäer überzeugen können, aber sie blieben uneinsichtig und daher blind. Sie  hielten  dem Geheilkten vor, er wolle sie belehren und schlossen ihn aus der Synagoge aus.  Dies war seinerzeit  eine der schlimmsten Strafen überhaupt, weil dem Geheilten nun  alle Möglichkeiten genommen wurden, mit seinen Mitmenschen in Kontakt zu treten.

Die Heilung eines Blinden:

Wir können sie unter zwei Aspekten verstehen:

Zunächst ging es darum, dass der Blinde im buchstäblichen Sinne sehen konnte.

Aber er blieb, was den Glauben angeht, vorläufig noch blind. Aber hier sorgte Jesus dafür, dass er -im übertragenen Sinn- sehend wurde. Dies ging in mehreren Schritten vor sich: Immer wieder ergriff Jesus die Initiative. Am Schluß offenbarte sich Jesus dem Geheilten als der Menschensohn. Hierauf bekannte der Geheilte: „Ich glaube“ - und er warf sich vor ihm nieder. Jesus hat ihm das Wertvollste gegeben, was er je erhalten konnte - den Glauben.

 

Die Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen spricht uns alle an. Zunächst empfinden wir Mitleid mit diesem bedauernswerten Mann, dann sind wir erleichtert, weil seine Geschichte einen so guten Abschluß hat. Das Bild vom „Licht der Welt“ ist uns geläufig, es wird uns in der Heiligen Schrift immer wieder vorgestellt und in der Liturgie

vor Augen geführt.  Jesus ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, sagt

uns der Johannes-Prolog. Um zu richten, sei er in die Welt gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden, sagt Jesus selbst. Wir spüren plötzlich, dass wir vor einer Entscheidung stehen:Lassen wir uns erleuchten, öffnen wir uns dem,

was der Herr uns sagt und folgen ihm als Glaubende nach?  Waren wir blind und sind nun  Sehende? Oder  meinen  wir – wie die Pharisäer- Sehende zu sein, die Wahrheit zu kennen und  verschliessen uns dennoch dem, was Jesus sagt? Waren wir Sehende und sind jetzt blind?

Licht oder Finsternis- das ist die Frage, die sich uns drängend stellt.

Durch den Herrn seien wir  Licht geworden und als Kinder des Lichts sollten wir leben,

sagt uns der Epheserbrief. Es geht dann nicht mehr nur um unser Heil – auch unsere Mitmenschen sollen Sehende werden. Jesus Christus hat uns nämlich eine wichtige Aufgabe übertragen, auch wir sollen Licht der Welt sein -  Leben und Hoffnung für die Welt.