Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,1-3.11b-32

Hauptpastor Helge Adolphsen

06.07.2003 in St. Michaelis, Hamburg

Liebe Gemeinde,

das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist eine der bekanntesten Erzählungen der Bibel. Selbst bei Bibelunkundigen ist diese Geschichte noch bekannt. Ich weiß nicht, wie oft ich in meiner 38-jährigen Zeit als Pastor darüber gepredigt habe. Und immer wieder habe ich Neues im Dreiecksverhältnis zwischen dem jüngeren Sohn, diesem großartigen Vater und dem älteren Bruder des verloren geglaubten und schließlich heimgekehrten Sohnes entdeckt. Heute reizt es mich, über das zu predigen, was nicht dasteht. Ich konzentriere mich auf das Ende des Gleichnisses, beginne sozusagen mit seinem Schluss. Mich interessiert, was der ältere Bruder wohl getan hat, nachdem der Vater ihn werbend und liebevoll eingeladen hat, das Wiedersehens- und Auferstehungsfest der Freude mitzufeiern. Davon steht in diesen 21 Versen nichts. Aber genau das ist doch das Spannende.

Die Erzählung hat einen offenen Schluss. Keine Antwort des älteren Bruders, keine Gefühle, keine Reaktion. Wird er sich mitfreuen? Wird er seinen Bruder weiter ablehnen, ihn hassen, ihm seine Schuld, sein Prassen und Vergeuden vorhalten? Wird er weiter in Konkurrenz und Neid machen, wie das bei Brüdern so häufig vorkommt - und nicht nur bei Brüdern? Oder wird er mit ihm fortan teilen, was er hat, er, der Erbe, obwohl der jüngere Bruder sein Erbe, alles, was ihm zustand, durchgebracht hat? Lässt er sich anstecken von dem überglücklichen Vater, der so souverän frei und liebevoll handelt wie Väter, die verstehen, was Vatersein heißt - und von denen es viele geben sollte?

Nichts von alledem steht im Text. Wir bekommen darauf keine Antwort. Das liegt nicht an einer schlecht erzählten Geschichte, bei der das Happy End fehlt. Jesus, der diese Geschichte erzählt, lässt mit voller Absicht den erwarteten Schluss weg. Das hat einen guten Grund. Die Antwort des älteren Bruders sollen wir selbst geben. Das ist leicht zu erkennen. Denn das Gleichnis ist keine Geschichte aus Märchen und Träumen. Sie spielt nicht im Himmel, sondern auf der Erde. So wie in ihr geht's unter uns und zwischen uns zu. In jeder Familie kann so etwas geschehen. Wir, jede und jeder von uns, sollen unsere Antwort geben. Und das heute in unserer Situation und in unserer Zeit. Ich bin also gefragt, ich bin gefragt von Jesus selbst in dieser Geschichte. Denn er hat sie erzählt. Und er will meine Antwort. Wir sollen antworten in der augenblicklichen Lage unserer Gesellschaft. Wir sind gemeint. Und da wird's dann höchst aktuell, spannend und sehr persönlich.

In diesen Tagen toben die Verteilkämpfe. Um Steuerminderung und -entlastung geht es. Und gleichzeitig um zusätzliche Belastungen für bestimmte Personengruppen unserer Gesellschaft. Subventionsabbau, Streichung von Urlaubsgeld und Verminderung des Weihnachtsgeldes für Beamte. Rentner sollen stärker zur Kasse gebeten werden, sollen bei Medikamenten und Arztbesuchen noch mehr zuzahlen. als bisher. Bei Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern soll gespart werden. Weil nicht mehr so viel da ist wie bisher. Die Kassen von Bund, Ländern und Kommunen sind leer. Wir alle müssen offenbar unsere Ansprüche zurückschrauben.

So weit, so klar. Ob das gerecht und sozial ist, was da an Reformen vorgeschlagen wird, darüber muss politisch gestritten werden. Das ist so in unserem demokratischen Staatswesen. Es ist selbstverständlich und gut so.

Nach Jesu Gleichnis geht es aber noch um etwas anderes. Wir sind gefragt, ob wir uns brüderlich und geschwisterlich verhalten. Sehen wir nur auf das, was uns abgeht, oder auch auf das, was anderen fehlt? Jammern wir, weil wir von unserem Besitzstand ein paar Zentimeter herunterkommen müssen? Heißt das 11. Gebot weiterhin: "Du sollst den Besitzstand wahren"? Pochen wir auf unsere Rechte? Mit anderen Worten: Sind wir im tiefsten unseres Herzens Konkurrenten und Neider wie der ältere Bruder? Sind wir solche, die andere als Versager und Verlierer abstempeln? Es fällt ja auf, dass bei allen Schritten zu einer durchgreifenden Reform sofort Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, Verbände und Interessen-gruppen aufschreien und ihre Privilegien verteidigen. Das Klima wird härter. Es wird kälter zwischen uns. Der Egoismus guckt aus allen Knopflöchern. Und das Jammern wird zur tragenden Melodie unter uns. Melancholisch bis depressiv klingt es, dunkel und lähmend.

Noch einmal: Die Lage ist schwierig. Schwer ist es, die Verhältnisse politisch so zu steuern, dass mehr Solidarität und Mut zu gemeinsamem Handeln, mehr Einsicht und Eigenverantwortung wachsen. Ich rede hier nicht als Parteipolitiker und nicht als Wirtschaftsfachmann. Davon verstehe ich viel zu wenig.

Aber ich bin zutiefst überzeugt davon, dass es hier um einen Bewusstseinswandel geht. Die notwendigen Veränderungen bei uns und zwischen uns beginnen im eigenen Kopf und wollen bis ins Herz gehen. Sie berühren unsere innere Einstellung. Also auch unseren Glauben, unsere Liebe, unsere Hoffnung. Und können dann, wenn Kopf, Herz, Glaube, Liebe und Hoffnung sich verändert haben, unser Verhalten verändern. Kluge Manager sagen mir: "Das Veränderungsmanagement ist das komplizierteste. schwierigste Management in Unternehmen". Veränderung hat zu tun mit Gewohnheiten, mit dem Beharren auf erworbenen Rechten und angestammten Privilegien. Mit einem freien oder unfreien Kopf, mit einem offenen oder verhärteten Herzen. Es hat auch zu tun mit dem Glauben an das, was mir zusteht und mit der Bereitschaft, das Meine mit anderen zu teilen. Es hat mit meinem Glauben zu tun, mit der Liebe zu anderen, die mehr ist als Gefühl.

Welche Antwort auf den offenen Schluss der Geschichte erwartet Jesus von mir, von uns in dieser Situation? Was denken, glauben, hoffen, lieben und sagen wir jetzt?

Wer Jesus und das von ihm erzählte Gleichnis gut und richtig versteht, kann nur sagen: Natürlich sollte der ältere Bruder von seinem Zorn und seinem Neid, seinen Vorwürfen und Schuldzuschreibungen ablassen. Natürlich sollte er sich von diesem fantastischen Vater, souverän in seiner Güte und Großzügigkeit, auf das Fest einladen lassen. Natürlich sollte er hören und sich zu Herzen nehmen: "Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, ist dein. Du aber solltest fröhlich und guten Mutes sein."

Das ist doch eine realistische Erwartung. Geht es nicht immer um Lohn für unsere Taten? Welchen Gewinn hätte denn der Bruder? Er hätte einen großen Gewinn: den Zugewinn an Liebe und Freude. Er wäre aufgenommen in die Gemeinschaft der Liebe und der Liebenden, in die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Bruder, wäre frei von der Gemeinschaft mit Isolierung, Neid, Konkurrenz, Verhärtung und Wut.

Sie werden zustimmen, wenn es um den zornigen älteren Bruder geht. Sie werden sagen: "Unmöglich, dass der sich nicht mitfreut! Wie kann der nur so verschlossen sein?" Sie werden auch dem Satz des Vaters zustimmen: "Was mein ist, das ist auch dein."

Aber das ist eben nicht alles. Denn sie sind kein Zuschauer. Sie sind Gefragte. Es geht um Sie. Um das "Veränderungsmanagement" des Glaubens, Hoffens und Liebens. Eben nicht nur bei dem älteren Bruder, sondern bei mir. Und nicht nur damals, sondern heute. Dabei macht Jesus uns das leicht. Er kritisiert nicht den älteren Bruder. Er schimpft nicht, er droht nicht. Er will ihm und uns nichts wegnehmen. Er appelliert nicht an uns, doch endlich zu teilen. Er wirbt liebevoll um den älteren Sohn als bittender Vater, der den wiedergefunden hat, der verloren war. Also ist das eine herzliche Einladung in die Freude, in ein Fest des Lebens in überschießender Liebe, die über alle Schuld anderer und über jedes hartherzige eigene Verhalten erhaben ist.

Dringt das vom Ohr in den Kopf und dann in unser Herz, dann können wir gar nicht anders als das Fest mitzufeiern. Dann können wir nichts anderes tun als uns zu öffnen für andere, statt uns vor ihnen zu verschließen, unseren Besitzstand zu wahren, unsere Privilegien zu verteidigen und unser Ego zu pflegen. Dann geht es darum, dass wir mit unserem Verhalten Solidarität üben, auf die schauen, die weniger haben, die alles durchgebracht haben und die doch dazugehören. Und dass wir mit dafür sorgen, durchaus auch politisch, dass Reformen und Veränderungen sozial gerecht geschehen.

Dieser Vater im Gleichnis hat sicher vom älteren Bruder erwartet, dass er das, was er noch hat, nämlich sein Erbteil, mit dem Jüngeren teilt. Und von uns erwartet Jesus sicher, dass sich das Verhalten dieses Vaters in unserem Verhalten widerspiegelt. In jedem Fall sind wir die eigene Antwort schuldig. Wie sie aussieht, sagt Jesus nicht. In Schleswig-Holstein sagt man dazu schlicht: "Und nu kummst du!" Denn mit allen Gleichnissen hat Jesus das Reich Gottes auf Erden bauen wollen. Er hat ein Stück Himmel auf die Erde bringen wollen. Liebe dahin, wo Hartherzigkeit, Verschlossenheit, Egoismus, Neid und Konkurrenzdenken vorherrschen. Immer wieder hat Jesus gesagt: "Das Reich Gottes ist mitten unter euch." Es ist da sichtbar und wirkmächtig, wo wir selbst von Jesu Worten überzeugt sind, wo sich unsere Einstellung, unser Glaube, unsere Liebe, unsere Hoffnung verändern. Wo wir mit unserem Leben das liebende Herz und das großzügige Verhalten des Vaters abbilden. Tun wir das, dann gilt nicht nur damals: "Sie fingen an, fröhlich zu sein." Es gilt auch heute und morgen.

Amen.