Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,11-32 und „Die Ärzte“: „Junge“

Pfarrer Dirk Alpermann

07.03.2008 in der Katharinenkirche Oppenheim

Im Abiturgottesdienst des Gymnasiums zu St. Katharinen

Im Abiturgottesdienst des Gymnasiums zu St. Katharinen

Vorbemerkung: Unmittelbar vor der Predigt wurde der Titel „Junge“ (Die Ärzte) von der Abi-Band live gespielt.

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
liebe Eltern und Angehörige,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Im Religionsunterricht der letzten Jahre hat es immer wieder Themen und Momente gegeben, die sich mit Musik aus Rock und Pop verknüpfen ließen. Ob es der Tod war oder die Zukunft, der „Weg zum eigenen Ich“ oder die Frage „Was ist der Mensch?“ – Lieder sind oft Impuls und Anknüpfungspunkt für Gedanken gewesen, deren einzige Sprache und einziger Zugang die Musik ist – vor allem, wenn es um die fundamentalen Themen geht: um Liebe, Vertrauen, Gewissheit. Nicht erst seit Grönemeyers „Mensch“-CD erleben Sinnfragen in der Popmusik eine wahre Blüte. Musik ist die Sprache des Herzens, schon deshalb ist ihre Nähe zur Religion besonders groß. Musik ist religiös und Religion ist musikalisch – und während Theologen und Musikwissenschaftler noch über Qualität streiten, haben die Hitlisten diese Frage längst entscheiden. Popmusik ist gesungenes, vertontes Lebensgefühl, und diese Unmittelbarkeit zum Leben verbindet sie mit der Religion.

Irgendwie hat in den letzten Jahren immer auch ein aktueller Titel zu diesem Anlass gepasst, der uns heute hier zusammenführt: das Ende von 9 bzw. 13 Jahren Leben in der Schule, mit der Schule und manchmal auch für die Schule. Abschied, Erleichterung, Aufbruch, und über allem die Frage: „Was soll aus mir werden? Was kann ich aus meinem Leben machen?“

Der Titel „Junge“ von den „Ärzten“ ist seit dem letzten Herbst auf den Markt. Ärzte-Titel haben oft den Charakter einer Persiflage: Sie verspotten, nehmen auf die Schippe, machen sich lustig und erzählen immer auch etwas Wahres – über Männer, Nordseeinseln oder, wie in unserem Stück, über Eltern und ihre erwachsen werdenden Kinder.

Um es vorweg zu nehmen: Die „Jugend von heute“ war in den Augen der Erwachsenen schon immer extrem: zu rebellisch, zu politisch, zu materialistisch, zu lustlos, zu angepasst. Und so hat noch jede Generation ihr Fett weg bekommen von den Älteren, in deren eigener Jugendzeit „es das alles natürlich nicht geben hätte“!

Rückblickend kann man darüber meistens lachen. Dass Kinder ihren Eltern Sorgen machen und Eltern sich den Kopf über ihre Kinder zerbrechen, ist normal. Seit der Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ im Neuen Testament ist Emanzipation ein konstantes Motiv jeder Eltern-Kind-Beziehung, und mit der Tatsache unserer Geburt ist es biologisch ohnehin vorgegeben. Die Geburt ist der erste Akt der Loslösung, und alles, was Eltern ihren Kindern danach zukommen lassen an Liebe, Fürsorge und Begleitung, dient allein dem Ziel, dem ihr heute einen bedeutenden Schritt näher gekommen seid: Dass ihr lernt, auf eigenen Füßen zu stehen.

Mich amüsiert der Ärzte-Titel vor allem deshalb, weil ich mich selbst darin reden höre. Die Sprüche, die ich als Jugendlicher schon nicht leiden konnte, klingen heute aus meinem eigenen Mund ganz ähnlich: Sitz gerade! Geh zum Friseur! Streng dich in der Schule an! Und die Blicke, die ich heute dafür ernte, habe ich damals meinen Eltern genau so zugeworfen. Elektrische Gitarren und laute Musik sind nicht mein Problem; aber ich glaube, jenseits individueller Toleranzen gibt es ein Grundmuster elterlicher Angst, das zu allen Zeiten wiederkehrt: Es ist die Sorge, ob es euch gelingt, Verantwortung für euch selbst zu übernehmen und einen Weg für euer Leben zu finden Und vielleicht muss man erst selbst in die Elternrolle schlüpfen um zu erkennen, dass diese Sorgen berechtigt sind. Auch wenn Eltern damit gelegentlich übertreiben.

Der Titel „Junge“ lässt offen, ob die Eltern übertreiben oder recht haben. Die einstigen Zeichen der Rebellion: zerschlissene Kleidung, gefärbte Haare und Piercings haben ihr Bürgerschreck-Image längst verloren und sind als modische Accessoires weitgehend etabliert. Solange man es nicht übertreibt, sind sie sogar vereinbar mit Lebenszielen, die einst als spießig galten. Von Führerschein und Festanstellung ganz zu schweigen. Keine Kulturtechnik ist für die soziale und wirtschaftliche Existenz so elementar wie das Autofahren - fast noch wichtiger als die Festanstellung, die mit der Mobilität meistens steht und fällt. Von daher ist nichts Verkehrtes daran, nach beidem zu streben.

Ich glaube, dass die Probleme zwischen Älteren und Jüngeren heute woanders liegen. Der Generationenkonflikt hat sich früher offen abgespielt: in hörbaren und sichtbaren Provokationen und in greifbaren Meinungsverschiedenheiten über den Weg zu einer besseren und gerechten Welt. Lange Haare, Rockmusik und politische Gesinnung waren früher die Unterscheidungsmerkmale zwischen Eltern und Kindern. Vor allem die erste Freundin bzw. der erste Freund hatten ein erhebliches Konfliktpotential, bedeutete doch jeder noch so zaghafte Emanzipationsversuch immer auch einen elterlichen Kontrollverlust. In der Liebe steckte etwas Anarchisches. Sicher haben diese Streitereien Kraft gekostet, und oft haben sie genervt. Aber wer streitet, kommuniziert wenigstens und entwickelt sich weiter.

Heute sind sich viele Eltern und Kinder in ihren Lebensauffassungen ziemlich ähnlich geworden. Der gemeinsame Nenner heißt Konsum, und sein süßer Duft erstickt die meisten Widerstände im Keim, macht Diskussionen überflüssig.

Wenn es heute überhaupt noch einen Generationenkonflikt gibt, spielt er sich in virtuellen Räumen ab: in Chatrooms, Computerspiel-Gemeinden und auf den vielen Bühnen, die das Internet der eigenen Selbstdarstellung bietet.

Das Problem ist nicht, dass es das alles gibt. Das Problem ist die Entfremdung, die damit erzeugt wird. Zum sozialen Ich ist ein mediales Ich dazukommen. Aber wer hilft jungen Menschen dabei, es zu bilden? Wer ist ihnen Vorbild und kritischer Begleiter? Wer hat die Erfahrungen, um ihnen zu sagen, wie das geht? Und vor allem: Wer setzt ihnen die Grenzen? Das Internet ist, neben seinen Vorteilen, eben auch ein bequemer Weg, sich der Wirklichkeit zu entziehen. Der mediale Generationenkonflikt spielt sich im Verborgenen ab. Viele Eltern haben von den medialen Ichs ihrer Kinder überhaupt keine Ahnung. Das wird künftige Schülergenerationen noch viel stärker betreffen als es euch betroffen hat.

Als ihr 1999 eingeschult wurdet, waren die Handys noch so groß, dass sie in keine Hosentasche passten. Die Zeugnisse wurden noch mit der Hand geschrieben, und Hausaufgaben per Email gab es noch nicht. Es gab vieles noch nicht: kein YouTube, kein SchülerVZ, kein ICQ, und „Multitasking“ steckte noch in den Kinderschuhen. Zwar sprach man damals schon von der „Informationsflut“ – aber wir ahnten ja nicht, was noch alles auf uns zukommen würde! Als ihr 1999 eingeschult wurdet, war die Ganztagsschule noch kein Thema. Wir waren mit 1053 Schülern noch ein überschaubarer Betrieb. Seitdem hat sich vieles verändert. Quantitativ haben wir zwar schon lange unsere Grenze erreicht , trotzdem wachsen wir weiter: Im nächsten Schuljahr sind wir 350 Schüler mehr als zu eurer Zeit. Auch qualitativ hat sich vieles verändert, nicht zuletzt durch den politischen und medialen Druck nach PISA. Wobei „Veränderung“ nicht automatisch auch „Verbesserung“ bedeutet.

Ihr kennt diese Welt nicht anders als dass sie permanent ihr Gesicht verändert. Es ist normal, dass etwas Neues schon veraltet ist, wenn man es kauft. Es ist normal, dass der permanente Wandel das einzig Beständige ist. Das mag die nächsten Schritte erleichtern. Trotzdem braucht ihr Ermutigung. Veränderungen haben immer zwei Gesichter: ein trauriges und ein fröhliches, ein entschlossenes und ein fragendes.

Die Schulzeit geht heute zu Ende. Hinter euch liegen mehr oder weniger bewegte Jahre, ein Auf und Ab mit gelegentlichen Turbulenzen. Der heutige Abend markiert einen Umbruch. Nicht der erste und schon gar nicht der letzte, aber ein wichtiger. In ein paar Stunden seid ihr „Ehemalige“.

Morgen ist Abi-Ball und zugleich der Tag Eins nach der Schulzeit. Viele von euch sehen sich dann zum letzten Mal für Jahre oder Jahrzehnte, manche von euch werden sich für immer aus den Augen verlieren. Die Schule hat mit dem heutigen Tag ihren Zweck erfüllt.

Ob sie euch die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt hat, wird sich zeigen. Der Vorwurf "Warum hast du nichts gelernt?" trifft euch jedenfalls nicht. Dass ihr es erfolgreich getan habt, wird euch nachher mit dem Abiturzeugnis bestätigt.

Was ihr daraus macht, entscheidet ihr selbst. Die Schule bildet keine Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure oder Manager aus. Sie erzieht Menschen zu selbstständig denkenden Persönlichkeiten.

Das klingt ein wenig antiquiert. Von einer modernen Schule wird heute mehr erwartet: Sie soll Lebensraum sein, Eltern ersetzen, Erziehung übernehmen, Freizeit gestalten und koordinieren, und in all dem soll sie international Maßstäbe setzen. Die Erteilung von Unterricht wird dabei manchmal zur Nebensache.

Ich glaube, dass die Schule vieles davon nicht leisten kann - schon gar nicht dann, wenn man den Druck auf Schüler und Lehrer erhöht. Die Verkürzung der Schulzeit ist ein weiterer Schritt zur Funktionalisierung des Menschen, zur Unterordnung des Menschen unter wirtschaftliche Interessen.

Ihr seid davon noch verschont worden. Ob eure Kinder die Schule aber noch so erleben werden wie ihr sie erlebt habt, ist völlig ungewiss und liegt biographisch noch in weiter Ferne. Zukunft heiße zunächst erst einmal, den nächsten Lebensabschnitt zu meistern. Ihr steht heute vor einem Umbruch, in dem ihr mehr als bisher selbst gefordert seid: mit eurer Initiative, eurer Kreativität und mit eurem Vertrauen.

Jeder Aufbruch, jeder Umbruch, jeder neue Schritt ins Leben benötigt neben dem Wissen um die eigenen Fähigkeiten auch ein großes Maß an Vertrauen.

Für uns Christen hat dieses Vertrauen seinen Ursprung in Gott. Leben gelingt selten allein aus eigener Kraft - auch wenn wir das oft glauben und auch wenn es zeitgemäß erscheint, allein auf sich selbst und die eigene Leistung zu setzen. Deshalb ist es gut, wenn wir uns an einem Tag wie diesem vergewissern, was uns trägt und dass zur Freude auch die Dankbarkeit gehört.

Noch ein paar Stunden, dann ist die Schule für euch Geschichte. Für das, was vor euch liegt, wünschen wir euch Glück, Geduld und – Gottes Segen.

Amen.